Zwei Luzerner fanden am Bielersee die Narrenfreiheit auf einem Weingut
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Handarbeit mit Aussicht: Roman Thürig (links) und Manuel Schneiter auf ihrem Rebhang oberhalb Twann. (Bild: jwy)

Quereinsteiger im Winzerberuf Zwei Luzerner fanden am Bielersee die Narrenfreiheit auf einem Weingut

5 min Lesezeit 04.07.2021, 15:23 Uhr

Sie lernten sich bei der Arbeit kennen – waren unzufrieden und im Alltagstrott gefangen. Ein paar Jahre später haben die zwei Luzerner Freunde ihre persönliche Freiheit in einem kleinen Weingut am Bielersee gefunden. Auch wenn sie die harte Arbeit masslos unterschätzt haben.

Die Tage in den steilen Hängen unter der brütenden Sonne stecken ihnen in den Knochen. Winzern ist ein Knochenjob, vor allem in den Sommermonaten kommen die Weinbauern mit der Arbeit in den Reben kaum nach. Wir setzen uns nach Feierabend in den kühlen Keller im schmucken Dorfkern von Twann und öffnen einen Pinot Gris, Jahrgang 2020. «Quitte, Birne, vollmundig»: So preisen die Neo-Winzer Manuel Schneiter und Roman Thürig ihren Grauburgunder an.

Domaine Bonnet du Fou – Narrenkappe – nennen die beiden Luzerner ihr Weingut. Vor kurzem haben sie die ersten 6’500 Flaschen abgefüllt – Chasselas, Chardonnay, Pinot Gris, Pinot Noir, ein Cuvée und ein Orange-Wein stehen bereit. Im Herbst folgen die Barrique-Weine, die noch in den Eichenfässern reifen.

«Sehr zufrieden» sind sie mit der Premiere. «Bis die Flasche fertig auf dem Tisch steht, kann extrem viel schiefgehen. Du musst so viele Entscheidungen fällen und immer dranbleiben», sagt der ausgebildete Winzer Manuel Schneiter. Angefangen beim richtigen Schneiden der Stöcke über die Abhängigkeit vom Wetter bis zur Abfüllung im Keller. «Es ist letztlich ein Naturprodukt», ergänzt Roman Thürig.

Mit viel Glück zum Ziel

Die zwei Freunde sind in der Weinregion am Bielersee gelandet, um ihren Traum zu verwirklichen. Sie hatten sich vor einigen Jahren bei der Arbeit kennengelernt und waren beide unzufrieden im Arbeitstrott eines Angestellten. Es vereinte sie die Suche nach einer erfüllenden Aufgabe, nach mehr Selbstbestimmung und körperlicher Arbeit in der Natur. Manuel Schneiter liebäugelte schliesslich mit einer Winzer-Ausbildung und traf an einer Weinmesse in Basel die aufstrebende junge Winzerin Anne-Claire Schott. Es passte und er startete bei ihr in Twann die zweijährige Ausbildung zum Winzer.

«Am Anfang habe ich die Arbeit an der Sonne und in den Steilhängen total unterschätzt.»

Manuel Schneiter, Winzer

Roman Thürig sammelte derweil in der Luzerner Gastronomie Erfahrung mit Weinen und ihren Produzenten. 2020 hatten die beiden schliesslich die Chance, in Twann ein Weingut von zwei Hektaren zu übernehmen – einen Familienbetrieb in vierter Generation. «Wir hatten wahnsinnig viel Glück», sagt Schneiter rückblickend. So kleine Betriebe gebe es in der Schweiz kaum mehr. «Alles, was grösser wäre, könnten wir zu zweit nicht stemmen. Und wir wollten nicht von Anfang an das Risiko und die Verpflichtung mit Angestellten eingehen», so Thürig.

Klein und ehrlich

Das Affektierte vieler Weinliebhaber ist ihnen fremd: Die jungen Winzer reden so ehrlich über ihre Weine wie über die Arbeit in den Rebhängen. Und beschönigen dabei nichts. «Am Anfang habe ich die Arbeit an der Sonne und in den Steilhängen total unterschätzt», so Schneiter. Ihre Parzellen verteilen sich über mehrere Kilometer zwischen Tüscherz, Twann, Ligerz und La Neuveville. Trotzdem halten sie im Gegensatz zu den meisten Winzern an der Handarbeit fest – es ist ihr Gütesiegel und hat seinen Preis. Wetter, Temperaturen oder drohender Hagel gehören zum Alltag und längere Ferien liegen kaum drin. «Im Prinzip bist du über die Sommermonate dauernd im Rückstand», so Thürig.

Mit dem kleinen Betrieb treffen sie den Zeitgeist. «Wir setzen darauf, dass das Kleine und Nachhaltige wieder wichtiger wird. Dass man weiss, woher die Produkte stammen», sagt Schneiter. Eine Gegenentwicklung quasi zum Trend der immer grösseren und maschinell bewirtschafteten Weingüter. «Die Leute sind eher bereit, für Handarbeit und kleine Produktionen einen gewissen Preis zu bezahlen», so Thürig.

Weitere Experimente folgen

Der erste Jahrgang ist die Bewährungsprobe: neuer Name, neues Flaschendesign, neue Köpfe. Für die Zukunft haben die «Narren» noch einige Ideen, ein erster Schritt ist der Orange Wine «La Folle» – die Närrin –, der sich optisch von den anderen Flaschen abhebt. Dieser Weisswein wird wie ein Rotwein hergestellt und mit der Schale vergoren, darum die orange-trübe Farbe. Orange Wine ist ein Trend, aber geht auf ein uraltes Prinzip zurück.

«Das Geschäft soll langsam wachsen, dafür nachhaltig.»

Roman Thürig, Mitinhaber

«Unser Ziel war ein Weisswein mit mehr Struktur, den man zu einem guten Essen trinken kann», sagt Thürig. Was für ein Experiment als nächstes folgt, wissen sie noch nicht. «Wir wollen sicher mit dem Chasselas noch etwas ausprobieren, unserer Haustraube. Der Chasselas kann viel mehr, als man aufgrund seines Rufs vermuten würde», sagt er.

Den Narren stets vor Augen

Durch ihre Herkunft treffen einige Bestellungen aus dem Raum Luzern ein – auch einzelne Restaurants sind interessiert. Rund 10’000 Flaschen produzieren die beiden pro Jahr. Hauptkanal bleibt der Direktverkauf – über Roman Thürigs Partnerin kann man die Flaschen in Luzern abholen.

Mit der ersten Welle von Bestellungen sind die Winzer zufrieden. «Dass Freunde und Bekannte bestellen, war absehbar. Jetzt kommen bereits Bestellungen, von denen wir nicht wissen, wie sie auf uns kamen», sagt Schneiter. Auf Marketing und Werbung haben sie bis jetzt noch verzichtet, Aufmerksamkeit erhoffen sie sich unter anderem vom Tag der offenen Weinkeller und der Twanner Weinstrasse (siehe Box). Sie vertrauen ganz auf ihr Produkt. «Das Geschäft soll langsam wachsen, dafür nachhaltig», so Thürig.

Alles auf eine Karte gesetzt

Die beiden haben ihr ganzes Erspartes in das Abenteuer gesteckt und zahlen sich noch kleine Löhne aus. Aber dennoch: Die Eigenständigkeit – die Narrenfreiheit – würden sie gegen keinen Lohn der Welt wieder hergeben, auch wenn sie deutlich mehr arbeiten als früher. «Wir haben am Ende des Tages einen eigenen Wein mit dem eigenen Namen drauf», so Schneiter.

Den «Narr», der furchtlos und ohne Sorge seinen Weg geht und sich von der Neugier leiten lässt, behalten sie vor Augen. Sie erinnern sich gern an den Abend zurück, nachdem ihre Flaschen abgefüllt und etikettiert waren. Bei einer Zigarre öffneten sie die eigene Flasche – und die ganze Anspannung löste sich. «Der Moment war grossartig», so Thürig. Schneiter ergänzt: Wir wussten: So schmeckt er und jetzt können wir nichts mehr ändern.»

Hier gibt’s die Weine:

Die Weine von Domaine «Bonnet du Fou» kann man an folgenden Daten degustieren:

 Degustationen im Keller gibt’s auf Anfrage.

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