Zwei Facebook-Gruppen setzen sich neu für Obdachlose in Zug und Luzern ein
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60 Weihnachtssäckli verteilten Dunja Egli und weitere Freiwillige an Randständige und Obdachlose. Darin enthalten: Mandarinen, Schoggi, Wollsocken. (Bild: zvg)

Ein Engagement, das wegen Corona startete Zwei Facebook-Gruppen setzen sich neu für Obdachlose in Zug und Luzern ein

5 min Lesezeit 3 Kommentare 26.01.2021, 18:41 Uhr

Innert weniger Monate sind gleich zwei Facebook-Gruppen für Randständige und Obdachlose in der Zentralschweiz entstanden. Angefangen hat es mit zwei Zugerinnen, die seit fast einem Jahr einen grossen Teil ihrer Freizeit dafür einsetzen, dass Obdachlose täglich etwas in den Bauch bekommen.

«Dringend gesucht!», heisst es im Facebook-Post der Gruppe «Hilfe für Luzerner & Zuger Randständige & Obdachlose». Man suche nach einem Obdachlosen, der sich im Zentrum der Stadt Zug aufhalte und dem es schlecht gehe. Das Ziel des Aufrufs: Ihm zumindest etwas zu Essen oder einen Schlafsack zukommen zu lassen.

Der Facebook-Post fasst den Zweck der Gruppe, welche im Oktober 2020 ins Leben gerufen wurde, bestens zusammen.

Entstanden ist die Gruppe durch das Engagement von Irene Uhlmann und ihrer Partnerin Dunja Egli. Uhlmann erklärt: «Im März letzten Jahres warf Dunja Egli die Frage auf, was mit den Randständigen passiert, wenn die Pendlerströme wegfallen und alle nur noch bargeldlos zahlen und die Leute somit kaum mehr Münz mit sich herumtragen. Wir fanden, wir müssen etwas unternehmen.»

Gesagt, getan. Mit «Emma’s Bäckerei» in Emmenbrücke trafen die beiden eine Abmachung. Praktisch jeden Tag gehen die beiden Frauen vorbei, holen Backwaren und Sandwiches, welche nicht verkauft wurden und verteilen diese am Bahnhof Luzern. Denn: «Der Bedarf ist definitiv da.»

Dunja Egli und Irene Uhlmann haben das Projekt letzten März ins Leben gerufen.

Uhlmann sagt weiter: «Wir machen das nun schon seit fast einem Jahr und die Betroffenen bedanken sich trotzdem jedes Mal und zeigen ihre Freude.» Ein Engagement, das aufwändig ist. «Tatsächlich hatten wir auch schon Durchhänger und zwischendurch das Gefühl, das nicht mehr alleine stemmen zu können.»

«Die Lebensmittel, die nach der Verteilaktion in Luzern abends übrig bleiben, verteilen wir bedürftigen Familien im Kanton Zug.»

Irene Uhlmann

Dies war auch der Grund, warum die Online-Aktion «Hilfe für Luzerner & Zuger Randständige & Obdachlose» gegründet wurde. Die Facebook-Gruppe hat mittlerweile knapp 130 Mitglieder. «Und tatsächlich haben wir durch diese Gruppe Leute kennengelernt, die uns in unserem Engagement entlasten und die täglichen Touren zwischendurch übernehmen.»

Nüssli, Manderindli und Masken

In wenigen Monaten ist die Gruppe gewachsen, weitere Aktionen wurden bereits umgesetzt. So bescherten die Mitglieder 60 Randständige mit prall gefüllten Weihnachtssäckchen. Darin enthalten neben Mandarinen, Nüssen und Schokolade: selbstgestrickte Socken, Desinfektionsmittel sowie Masken, welche unter anderem von den Mitgliedern gespendet oder von Apotheken zur Verfügung gestellt wurden. «Auch Randständige haben das Anrecht auf ein wenig Weihnachten», sind sich die Engagierten einig. Des Weiteren hätten auch schon einzelne Gruppenmitglieder selber für die Obdachlosen gekocht und das Essen verteilt.

Wie der Name «Hilfe für Luzerner & Zuger Randständige & Obachlose» verrät: Auch im Kanton Zug gibt es Bedürftige. Uhlmann erzählt: «Die Lebensmittel, die nach der Verteilaktion in Luzern abends übrig bleiben, verteilen wir bedürftigen Familien im Kanton Zug.»

Eine Untergruppe von «Zuger helfen Zugern»

Eine Frau, die sehr genau weiss, dass es auch im Kanton Zug Armutsbetroffene gibt, ist Rosa Kolm. Die Zugerin ist in Zug beinahe schon eine kleine Berühmtheit. Ihre Facebookseite «Zuger helfen Zugern» hat stolze 26’000 Mitglieder, ist mittlerweile zum Verein mutiert und hat unlängst den Kiwanis-Preis erhalten. Immer wieder steht Kolm in Kontakt mit Zugerinnen, die von Armut betroffen sind. Mangelt es an Lebensmitteln, warmen Kleidern, an «Basics», springt die Gruppe ein.

Dunja Egli bei der Essensverteilung in Luzern. Auch nach einem Jahr freuen sich die Bedürftigen jeweils über die Spenden.

Und weil eben Randständigkeit und sogar Obdachlosigkeit auch in Zug existiert, hat Kolm am Wochenende eine neue Untergruppe von «Zuger helfen Zugern» gegründet. Während auch bei «Zuger helfen Obdachlosen» Dunja Egli und Irene Uhlmann für die Arbeiten «uf de Gass» verantwortlich zeichnen, steuert Kolm die administrativen Abläufe. Dank der Angliederung an den Verein «Zuger helfen Zugern» ist es so leicht möglich, beispielsweise Geld für ein Paar Winterschuhe für einen Bedürftigen zu sprechen.

«Viele Leute schämen sich sehr dafür, etwas anzunehmen.»

Rosa Kolm, Verantwortliche von «Zuger helfen Obdachlosen»

Es ist nicht immer einfach, an Bedürftige heranzukommen. Zum einen, da diese nicht besonders auffällig sind, zum anderen jedoch vermutlich auch, weil das Thema Armut nach wie vor ein schambehaftetes ist. «Das kann ich bestätigen. Viele Leute schämen sich sehr dafür, etwas anzunehmen», sagt Kolm. Gerade über Facebook sei es jedoch möglich, die Anonymität der Betroffenen zu wahren.

«Über eine Basler Sozialarbeiterin wurde uns eine Frau vermittelt, die derzeit im IV-Streit steckt und der es immer wieder an Essen sowie an Futter für ihren Hund mangelt. Ohne Angst haben zu müssen, dass wir ihren Namen veröffentlichen, können wir ihr ab und zu etwas in den Milchkasten legen.»

Damit man näher an die Zuger Randständigen herankommt, steht die neue Gruppe unter Rosa Kolm unter anderem mit der Zuger Gassenarbeit sowie dem Podium 41 in Kontakt.

Kälte und Covid bereiten Schwierigkeiten

Wie steht es aus Sicht des Kantons im Moment um das Thema Obdachlosigkeit und Randständigkeit? Roman Schaffhauser, der Beauftragte für Suchtfragen, erklärt auf Anfrage: «Die Lage für die Betroffenen hat sich insofern verschäft, als durch die Schliessung der Gastrobetriebe auch Treffpunkte wie zum Beispiel das Podium 41 geschlossen sind.» Gerade im Winter und bei Kälte fehle es darum an Orten, wo man sich auch mal aufwärmen könne.

«Doch», so Schaffhauser, «sind wir froh, dass die Mittagsbeiz weiterhin offen bleiben kann, natürlich nur für die Zielgruppe und unter Einhaltung des Schutzkonzeptes.» Die Situation sei aufgrund der grossen Nachfrage und der reduzierten Platzzahl natürlich nicht einfach. «Trotzdem unternehmen die Betreiber der Mittagsbeiz alles, um auch in dieser schwierigen Zeit ein gutes Angebot für die Zielgruppe zur Verfügung zu stellen.»

Zwei Tage nach Gründung bereits 178 Mitglieder

Das Engagement von Seiten der Zivilbevölkerung, sprich, den Aufbau einer neuen Facebook-Gruppe zu diesem Thema, begrüsse man beim Kanton sehr. «Gerade in schwierigen Zeiten sind Solidarität und Unterstützung in der Bevölkerung wichtig.» Dass dabei auch der Austausch und die Vernetzung mit der Gassenarbeit stattfindet, ist für Schaffhauser ebenfalls wichtig. «Damit kann die Hilfe zielgerichtet erfolgen und es kommt nicht zu Doppelspurigkeiten.»

Das Bedürfnis, etwas Gutes zu tun, scheint in Zug jedenfalls vorhanden zu sein. Zwei Tage nach der Gründung der Gruppe verzeichnet diese bereits 178 Mitglieder.

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3 Kommentare
  1. Brigitte, 28.01.2021, 21:39 Uhr

    Cool sister, was ihr da auf die Beine gestellt habt!

  2. Christoph, 28.01.2021, 21:11 Uhr

    Super Ladies! Ich bin mega stolz auf meine Schwester Irene. Ihr macht das grossartig.

  3. Marco Meier, 27.01.2021, 09:16 Uhr

    Der Name trügt. Zuger werden bei Zuger helfen Zugern eher benachteiligt, gegenüber Zuzügern.

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