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ZVB-Chauffeure in Zürich: «Zuger erlauben sich mehr»
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Mersudin Becirbasic am Steuer eines VBZ-Busses. (Bild: lob)

Wie ein Zuger Buschauffeur die Grossstadt erlebt ZVB-Chauffeure in Zürich: «Zuger erlauben sich mehr»

5 min Lesezeit 08.05.2018, 10:32 Uhr

Seit Mitte März kurven neun Chauffeure der ZVB durch Zürichs Strassen. Wie ist es für sie, den Arbeitstag in einem neuen Strassennetz, mit viel mehr Verkehr zu meistern? Der 40-jährige Steinhauser Mersudin Becirbasic erklärt, warum er die Zuger weniger gelassen erlebt und wieso er nun öfter Vorfahrt hat.

Das Erste, was wir wahrnehmen, als wir die Busgarage Hardau erreichen: Hier wird gebaut. Eine neue Servicestation für die Fahrzeuge soll nächsten Sommer fertiggestellt sein. Doch sind es nicht nur Zürcher, welche die grossen Gefährte bedienen und Passagiere von A wie Albisgüetli nach B wie Bellevue transportieren. Seit Mitte März kurven auch neun Zuger Busfahrer im Dienst der Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) durch Zürichs Strassen – und werden von hier aus koordiniert.

Wie das kam? Während es bei den Zuger Verkehrsbetrieben durch den Abbau das öV-Angebots einen Personalüberschuss gab, fehlte es in Zürich an Busfahrern (zentralplus berichtete). «Vor allem aufgrund vorzeitiger Pensionierungen war dies der Fall», erklärt der stellvertretende Leiter Betrieb Bus der VBZ, Martin Telli, bei unserem Treffen.

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Die neun Busfahrerinnen und Busfahrer aus Zug hätten im Vorfeld eine siebentägige Schulung absolviert. Dabei hätten sie die Linie kennengelernt, auf der sie die nächsten neun Monate unterwegs sein werden. «Alle Fahrer und Fahrerinnen der ZVB sind mit Dieselbussen unterwegs – für die Trolleys beispielsweise hätte es Zusatzausbildungen gebraucht», so Telli weiter. Die Bilanz auf Seiten der VBZ sei bisher sehr positiv.

iPad-Filme als Orientierungshelfer

So weit, so gut – nun wollen wir von einem der neun Exil-Chauffeure wissen, wie die knapp zwei Monate in der Grossstadt bisher waren. Mersudin Becirbasic nimmt sich während seiner Pause für uns Zeit. Kurz vor sechs Uhr hat der 40-jährige Steinhauser an diesem Tag seine erste Fahrt gemacht – um 10.30 Uhr ist erstmals Schluss, das Gespräch mit uns steht an. Am Nachmittag geht seine Schicht weiter.

«Ich wollte etwas Neues sehen, den Fahrbetrieb in einer Grossstadt kennenlernen», begründet Becirbasic seine Motivation, mitzumachen. Ob er denn schon gute Zürichkenntnisse hatte? «Als ich jünger war, war ich oft in Zürich im Ausgang», sagt der Steinhauser und grinst. «Aber ansonsten hatte ich keine besonderen Ortskenntnisse.»

Ein dichtes Strassennetz, Tram-Busse, viel mehr Fahrräder, allgemein mehr Verkehr – ist es da nicht schwierig, den Überblick zu behalten? Natürlich sei das eine Umstellung, erklärt der 40-Jährige. «Verfahren habe ich mich aber noch nie», erklärt er stolz. Das sei auch guten Hilfsmitteln zu verdanken. So verfügen die Chauffeure beispielsweise über iPads, auf denen Filme der Strecken enthalten sind, die sie abfahren müssen. «Man muss sich aber schon selber noch Zeit nehmen, um sich mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut zu machen.»

So ähnlich könnte der Film aussehen – eine Fahrt auf Becirbasics neuer Arbeitsroute:

Mehr Vorfahrt in Zürich

Während die ZVB täglich um die 85’000 Passagiere befördern, sind es in Zürich über 900’000 – aber wo, ausser in der Grösse, liegen sonst die Unterschiede? Man merke irgendwie, dass die Busse hier klar Vorrang hätten. «In Zug versuchen die Leute eher, noch kurz über den Fussgängerstreifen zu huschen. Oder die Autos drücken und drängeln sich vor den Bus. Das ist hier weniger der Fall», erzählt der Austauschchauffeur.

Nicht viel anders, als die ZVB-Pendants: Dieser Dieselbus ist das Einsatzfahrzeug der Zuger Leih-Chauffeure.

Nicht viel anders als die ZVB-Pendants: Dieser Dieselbus ist das Einsatzfahrzeug der Zuger Leihchauffeure.

(Bild: lob)

Er habe es auch seltener mit wütenden Passagieren zu tun, die sich ärgern, knapp den Bus verpasst zu haben. «Das liegt am Takt – auf meiner Linie 89 kommt alle 7 Minuten ein Bus.» Zumindest in die eine Richtung, die zur Sihlcity führe und sehr rege genutzt werde. «In Zug erlauben sich die Leute dahingehend schon viel mehr und reagieren heftiger.»

«Ich fühle mich sicher»

Apropos heftige Reaktionen: In den letzten Wochen machten zwei gewalttätige Übergriffe gegen VBZ-Personal Schlagzeilen. Macht das dem Steinhauser Sorgen? «Wenn ich geistig und körperlich fit bin, mache ich mir keine Sorgen», meint Becirbasic. Anhand seiner Grösse und Statur mag man es ihm glauben. «Bisher gab es während meiner Dienstzeit auch noch keine Notfälle.»

In der Grosstadt gebe es fast täglich neues zu lernen, erzählt der Steinhauser uns in seiner Pause.

In der Grossstadt gebe es fast täglich Neues zu lernen, erzählt der Steinhauser uns in seiner Pause.

(Bild: lob)

Einzig mit einem Passagier hatte ich mal eine lautstarke Unterhaltung. Er war nicht damit zufrieden, wie stark ich Gas gebe und bremse», erklärt er grinsend. Und falls es doch mal brenzlig werde, gibt es einen Notruf mit direkter Verbindung zur Leitstelle, welche einen schnellen Eingriff erlaubt, hatte uns Martin Telli vorab erklärt.

Freuen auf die Ruhe?

Wie sieht es indes mit den anderen Chauffeuren aus Zug aus? «Soweit ich weiss, sind alle motiviert und zufrieden – ich hätte noch nichts Schlechtes gehört.» Von den Zürcher Arbeitskollegen sei er ausserdem gut aufgenommen worden. «Es hilft, wenn man selber eine offene Person ist», sagt er. Und hält nur wenig später einen kurzen Schwatz mit Kollegen, als es um die Fotos geht. Die Bilanz der «Leihe» bisher: «Ich bin zufrieden und es macht mir Spass. Vor allem gefällt mir, dass es immer noch viel Neues gibt, obwohl ich schon routiniert unterwegs bin.»

Autos, Busse, Tram und Co.: Auf Zürichs Strassen ist einiges los. Daran haben sich die Zuger scheinbar gut gewöhnt.

Autos, Busse, Tram und Co.: Auf Zürichs Strassen ist einiges los. Daran haben sich die Zuger scheinbar gut gewöhnt.

(Bild: flickr/Falk Lademann)

Worauf wird er sich bei seiner Rückkehr nach Zug am meisten freuen? «Schwierig zu sagen», meint Becirbasic. «Vielleicht darauf, dass es wieder ruhiger wird.» Bis Jahresende sind die neun Zuger noch in Zürich unterwegs – danach wird eine neue Lösung hermüssen. Entlassungen, so das offizielle Statement der ZVB im März, kämen trotz Personalüberschuss nicht infrage.

Lohnt sich die Auslagerung nach Zürich für die Zuger Chauffeure eigentlich finanziell? ZVB-Sprecherin Gabriela Kaufmann dazu: «Die Busfahrer bleiben bei uns angestellt und erhalten weiterhin den gleichen Lohn, den sie hier verdienen würden.»

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