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Zum Tode verurteilt und in Hedingen erschossen
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Soldaten in Zug (Bild: Bibliothek Zug )

Nazi-Agenten in Zug: Teil 3 Zum Tode verurteilt und in Hedingen erschossen

5 min Lesezeit 25.10.2018, 16:55 Uhr

Auf den Spuren des Funkgeräts: Zwei junge Zuger, die ihre Spionage mit dem Leben bezahlten.

Alfred Quaderer ist 24 Jahre alt, als er am 7. Juni 1944 abends mit verbundenen Augen in einer Kiesgrube in Hedingen steht, neben ihm sein Freund, der Zuger Gymischüler Kurt Roos. Sie hätten «geschrien und getobt», schreibt der amtliche Verteidiger, der bei der Hinrichtung dabei war, so überliefert Niklaus Meienberg in seinem Buch «Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S.». Nur wenige Stunden zuvor waren ihre Begnadigungsgesuche von der Bundesversammlung in geheimer Abstimmung abgelehnt worden, mit 211 zu 15 Stimmen bei Quaderer, mit 120 zu 105 Stimmen bei Roos – das knappste Resultat aller Todesurteile, schreibt der «Tagesanzeiger».

Die 40 Soldaten aus der Innerschweiz wussten nicht, zu welchem Ende sie an diesem Nachmittag in den Transporter stiegen. Es entsprach offenbar einer militärischen Logik, dass die Verurteilten von ihren eigenen Kameraden erschossen werden sollten – allerdings hatten Quaderer und Roos keine Kollegen, da sie keinen Militärdienst leisteten. Die Soldaten kamen per Zufall zu der zweifelhaften Ehre, über Nacht zu Scharfrichtern zu werden.

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Sie erinnern sich: Wir sind auf Spurensuche. Ein Funkgerät aus dem dritten Reich stand Jahrzehnte lang in einem Geheimraum im Turm einer Zuger Villa.

Noch nicht gelesen? Hier geht’s zu Teil 1 und Teil 2

Wir wollen wissen: Wer hat hier gefunkt? Dafür brauchen wir glaubhafte Bösewichte. Diese beiden Zuger Fotografien sind gutes Ausgangsmaterial.

Grenadierkompanie in Zug, 1944/45

Grenadierkompanie in Zug, 1944/45

(Bild: Bibliothek Zug)

Für 50 Franken

In Zeiten der Not wird man schnell kriminell – nicht, weil man das will, sondern weil die Gesetze so eng werden. In den Protokollen des Zuger Kriegswirtschaftamts stehen auf jeder dritten Seite die Namen von Verurteilten – zu wenig Eier abgeliefert, zu frisches Brot verkauft, zu viel Brennholz gekauft, ein Bündel Fahrradpneus illegal über die Kantonsgrenze geschmuggelt. Quaderer und Roos allerdings sind anders auf ihren gefährlichen Weg gekommen.

Ermöglicht durch Förderfonds M.M.V.

Diese vierteilige Recherche wurde unterstützt durch den Verein M.M.V. Der als gemeinnützig anerkannte Verein setzt sich für die Förderung der Medienvielfalt in Luzern und Zug ein. Nebst dem regionalen Bezug sollen die geförderten Artikel Einblicke bieten, die über das journalistische Tagesgeschäft hinausgehen. Interessierte finden hier weitere Informationen.

Quaderer, ein junger Liechtensteiner, der mit seiner Familie mit zehn Jahren nach Zug gekommen war, bekommt bei einem Besuch seines Cousins Willy Weh aus dem Ländle das Angebot, die Augen offen zu halten. Weh steht mit einem Deutschen Agenten in Verbindung und sagt Quaderer, jener würde für Informationen bezahlen. Konkret: Für die Nummern, die auf den Armbinden der Soldaten stehen, die in Zug eingeteilt sind. Dafür erhält Quaderer 50 Franken im Voraus – und nochmal 50 hinterher.

Eine verlockende Aussicht für den jungen Maler, der seine Zeit gerne im Tanzclub in Zug verbringt und tendenziell deutschfreundlich eingestellt ist. Es fängt harmlos an, mit ein paar Wanderkarten, die Quaderer dem Cousin übergibt. Von da an geht es immer weiter, und der Ehrgeiz steigt, mal «etwas Grosses» zu liefern, so das Verhörprotokoll.

Das Ende in der Kiesgrube

Und Quaderer gibt sich Mühe: Eine Skizze von einem Staudamm, Beschreibungen von Truppenunterständen, ein Zünder für eine Granate. Roos kommt bald dazu. Sie holen noch zwei weitere Zuger ins Boot, einer davon Funker, er liefert Schweizer Funkercodes, die Quaderer weitergibt. Quaderer gelingt es sogar, ins Hauptquartier der im Casino untergebrachten Zuger Platzkommandos einzudringen und Unterlagen aus dem Büro des Kommandanten zu stehlen – gleich drei Mal. Das geht allerdings auch für den betreffenden Platzkommandanten nicht gut aus: Er wird von General Guisan persönlich seines Postens enthoben, da er offenbar keinen Begriff von Geheimhaltung habe, wie van Orsouw schreibt.

Das Militärgericht kommt zum Schluss, dass die beiden die Verteidigungsfähigkeit der Schweiz mit ihrer Spionagetätigkeit stark geschmälert hätten.

Das Ende kommt in der Kiesgrube. 40 Schüsse knallen, die beiden jungen Männer sind tot.

Da haben wir also eine Reihe von «echten» Zuger Bösewichten. Nur: Mit unserem Funkgerät haben diese beiden nichts am Hut. Ihre Informationen gelangen über einen Zwischenmann in Liechtenstein zu einem deutschen Agenten. Aber da gibt es eine andere Spur. Eine vorsichtige Spur. Die Spur eines Mannes, der sein Leben lang verdächtig war – aber nie erwischt wurde. Dazu kommen wir im nächsten Text dieser Reihe.

Spionage in der Schweiz

Wir sind auf der Jagd nach einem Spion. Sie erinnern sich: Da gibt es ein geheimes Funkgerät im Turmzimmer eines Zuger Herrenhauses. Wir haben eine Reihe von möglichen Bösewichten gefunden, und wir wissen, wer das Haus damals bewohnt hatte. Wir kommen der Sache immer näher. Jetzt wollen wir etwas über Nazi-Funkgeräte in der Schweiz erfahren. Folgen Sie uns noch einmal zurück in eine Zeit, in der die Zuger Strassen von Deutschfreundlichen, Nationalsozialisten, Abwehragenten und Spionen betreten wurden – und von Bürgerinnen und Bürgern, die sich in diesen unsicheren Zeiten irgendwie arrangieren mussten. Die Dichte an Spionen, Agenten, Netzwerken und Informanten ist wohl während des Zweiten Weltkrieges nirgends höher als in der Schweiz. Jede der kriegführenden Nationen unterhält hier Spionageringe, ein Grossteil der Kommunikation zwischen den Alliierten und der Sowjetunion läuft über die Schweiz, und natürlich gibt es auch deutsche und italienische Agenten.

So umfassend ist die Tätigkeit, dass der Bundesrat sich nach dem Ende des Kriegs gezwungen sieht, einen umfassenden Bericht dazu zu schreiben – besonders zu den Umtrieben der nationalsozialistisch eingestellten Deutschen und Schweizer in der Schweiz. Denn Spione lauern damals an jeder Ecke. Respektive: Wenn es nach den Deutschen ginge, wäre jeder Reichsdeutsche in der Schweiz dazu angehalten gewesen, Informationen nach Deutschland zu liefern. Keine andere Macht hat so umfassend und auf allen Kanälen versucht, Informationen über die Schweiz und ihre militärischen und wirtschaftlichen Ressourcen zu gewinnen, schreibt der Bundesrat. Und ein Funkgerät als Kommunikationsmittel ist dabei nicht abwegig.

Wie der Bundesrat in seinem Bericht schreibt, gab es mehrere Gelegenheiten, bei denen geheime Funkgeräte von deutschen Agenten verwendet wurden. Als die Nachrichtenübermittlung per Post nicht mehr sicher war, fanden Funkgeräte offenbar immer öfter Verwendung. Informationen wurden zuvor mit Geheimtinte auf die Rückseite von Briefen geschrieben und mit einem Code an eine Adresse in Deutschland geschickt: Drei Briefmarken mussten aufs Couvert geklebt werden, eine davon verkehrt herum, so wusste die Deutsche Post, dass sie den Brief direkt an die Gestapo weiterleiten musste. Als dieser Weg unsicher wurde, bediente man sich anderer Mittel: Offenbar wurde bald eine Reihe von deutschen Agenten in der Schweiz mit Kurzwellensendern ausgestattet, die die deutsche Gesandtschaft im diplomatischen Gepäck eingeführt hatte. Diese Funkgeräte seien in Lederkoffer eingepackt und zur Tarnung mit englischen Aufschriften versehen gewesen.

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