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Zukunft trifft auf 50er-Schick: So sieht die neue ZHB aus
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Blick von der Hirschmattstrasse auf die neue Westfassade der frisch renovierten ZHB. (Bild: zvg/Leonardo Finotti)

Rundum sanierte Luzerner Bibliothek öffnet wieder Zukunft trifft auf 50er-Schick: So sieht die neue ZHB aus

8 min Lesezeit 2 Kommentare 10.12.2019, 16:59 Uhr

Nach zwei Jahren Bauzeit öffnet die Zentral- und Hochschulbibliothek (ZHB) wieder für die Öffentlichkeit. Digitalisierung trifft auf aufgefrischte alte Materialien. Es gibt mehr Arbeitsplätze, Sofas für ein Nickerchen und ein schmuckes Bistro. Die einst steife Bibliothek könnte sich zum Anziehungspunkt mausern.

So viel Ehrlichkeit muss sein: Die Renovation der Zentral- und Hochschulbibliothek (ZHB) war das «am meisten diskutierte Bauprojekt» im Kanton Luzern. So stand es in der Einladung, bevor die Bibliothek am Mittwoch wieder öffnet.

Man soll sich den endlosen Krampf und Beinahe-Abriss des legendären Baus von 1951 nochmals vor Augen führen, bevor Besucher die sorgfältig erneuerte Bibliothek in Beschlag nehmen. Sich ob all den gelungenen Details und einladenden Materialien erfreuen, auf den neuen Polstersesseln in ein Buch versinken oder im neuen Bistro Kaffee schlürfen mit Sicht aufs Vögeligärtli.

Wir erinnern uns: Im Spareifer hat der Kanton Luzern das seit Ewigkeiten aufgegleiste Renovationsprojekt für die Zentralbibliothek 2013 auf Eis gelegt. Stattdessen kam ein Abbruch und Neubau des Gebäudes inklusive Kantonsgericht aufs Tapet.

«Dieses Denkmal lebt.»

Reto Wyss, Regierungsrat

Der Aufschrei in der Stadt war riesig. Erst durch eine Initiative der Grünen Partei, die 2014 mit über 75 Prozent Ja-Stimmen angenommen wurde, war der Abriss schliesslich definitiv vom Tisch. Ende 2017 konnte die Sanierung beginnen.

Auch Finanzdirektor Reto Wyss (CVP) spricht an einem Rundgang von einer «aussergewöhnlichen Geschichte», welche die Wiedereröffnung noch eine Spur historischer macht. Kein Gebäude seit dem Universitätsneubau sei so umstritten gewesen. «Dass wir es jetzt so einvernehmlich eröffnen, hätte ich nicht erwartet, die Stimmung war verbissen.»

Das neue Bistro des Quai4 in der ZHB wird durch die soziale Institution Wärchbrogg Luzern betrieben.

Kein Automatenkaffee mehr

Man muss keine Denkmalpflegerin oder kein Architekt sein, um sogleich festzustellen: Die Restaurierung ist gelungen. «Dieses Denkmal lebt», findet Wyss.

Wo nötig, wurde die ZHB hinter der historischen Fassade modernisiert und den heutigen Bedürfnissen angepasst – mehr Arbeitsplätze, Vorzüge der Digitalisierung, Sofas, Steckdosen und eben das schöne Café statt Selecta-Automaten.

Und wo möglich, wurden der Charakter und die Materialien der Bibliothek beibehalten oder sogar wieder in den Originalzustand rückversetzt. Viele Möbel wurden restauriert, andere im 50er-Jahre-Stil neu besorgt.

Im neuen Lesesaal (von links): Regierungsrat Reto Wyss, Architekt Remo Halter, Regierungsrat Marcel Schwerzmann und ZHB-Direktor Rudolf Mumenthaler.

Kaum Verbotsschilder

Die Bibliothek als museal anmutendes, elitäres Gebäude, wo den stillen Schriften gefrönt wird, ist Vergangenheit. Deshalb wollte man auch ein Café gleich neben dem Eingang, das als Lockvogel fungiert. ZHB-Direktor Rudolf Mumenthaler sagt: «Auch Nichtstudierende sind hier willkommen, viele wussten zuvor nicht, dass die ZHB ein öffentliches Gebäude ist.» Und tatsächlich könnte sich das Café als neuer Geheimtipp etablieren mit seiner einladenden Theke, die an eine Hotelbar erinnert.

Heutige Bibliotheken verstehen sich als kulturelle Treffpunkte. Jede kann sich hier ein Buch schnappen, einen Kaffee dazubestellen und sich auf eine der Leseinseln verziehen. Bücher dürfen ins Bistro und ebenso Getränke in den Lesesaal.

«Selbstverständlich braucht es heute noch Bibliotheken.»

Marcel Schwerzmann, Regierungsrat

Die Bibliothek eröffnet mit möglichst wenigen Verboten und Anweisungen. Man setzt auf soziale Kontrolle statt Verbotsschilder. Ein Powernap auf dem neuen Sofa? Kein Problem. «Wir schauen jetzt einfach mal, wie es sich entwickelt», sagt Mumenthaler.

In der neuen ZHB gibt es mit neu 140 Arbeitsplätzen etwa doppelt so viele wie zuvor, dafür nur noch rund 50’000 Bücher. Die Arbeitsplätze seien sehr begehrt bei Studenten, sagt Rudolf Mumenthaler. Nicht weil sie zwingend die Bücher in den Gestellen studieren, sondern weil es sich in deren Umgebung einfach am besten lernen lässt.

Bei den Arbeitsplätzen gilt: First come, first serve. Jedoch lässt sich die Verfügbarkeit online abchecken. «Seat Navigator» heisst das.

Neu, aber immer noch klassisch: der Lesesaal der ZHB.

Der Baukredit wurde eingehalten

Künftiger Betreiber der Bibliothek ist Marcel Schwerzmanns Kultur- und Bildungsdepartement. Auch der parteilose Regierungsrat zeigte sich bei der Besichtigung ganz angetan. Ob es heute überhaupt noch Bibliotheken brauche, werde er oft gefragt. Er findet: «Ja selbstverständlich!» Die ZHB sei für einen modernen Bildungs- und Kulturkanton keineswegs ein Auslaufmodell. Zufrieden können die Regierungsräte auch sein, weil der Baukredit von 20,4 Millionen Franken eingehalten wurde.

Nun ist es nicht ganz ohne Ironie, dass der feierliche Gastgeber der stolzen neuen ZHB als ehemaliger Finanzdirektor auf Geheiss des Kantonsrates noch den Abriss und Neubau derselben forciert hatte.

Neue Einblicke ins Herz

Die Luzerner Architekten Remo Halter und Thomas Lussi hatten die Aufgabe, das Werk von Otto Dreyer in die Zukunft zu überführen. Die offensichtlichsten Änderungen an der ZHB sind neben dem neuen Bistro ein grosses Fenster in der Westfassade zur Hirschmattstrasse. Es ermöglicht ebenso Ein- wie Ausblicke und öffnet die Bibliothek zur Neustadt hin.

Auf der anderen Gebäudeseite führt eine geschwungene Metallrampe zum Eingang. Die ZHB ist jetzt behindertengerecht, die Rampe wird von der Fachstelle Hindernisfrei Bauen in höchsten Tönen gelobt: «Sie ist alltagstauglich, überzeugt mit ihrer filigranen Ästhetik und wird weit über Luzern hinaus für Aufsehen sorgen.»

Die Rampe hat eine Vorgeschichte, die mit einer Einsprache der Fachstelle begann. Die Architekten suchten lange nach einer ebenso praktikablen wie optisch ansprechenden Lösung. Und fanden sie schliesslich mit der geschwungenen Form, die an die Wege im Park erinnert. Die grosszügige Rampe bildet nun einen zweiten Zugang zum Gebäude – und scheint trotz der Grösse zu schweben.

Viel Lob für die neue Rampe beim Haupteingang der ZHB im Vögeligärtli.

Beige statt Weiss

Herzstück der neuen ZHB ist weiterhin der grosse Katalogsaal mit vielen Sitzmöglichkeiten, dem Empfang und etlichen Zeitschriften. Hier hat sich auf den ersten Blick gar nicht viel geändert. Dass man die Veränderung nicht gleich spürt, ist ganz nach dem Gusto der Architekten. «Architekt Otto Dreyer würde sicherlich seine Freude haben», sind die Luzerner Architekten überzeugt. Auch Denkmalpflegerin Conny Grünenfelder lobt, dass die Architekten Dreyers Werk in die Jetzt-Zeit weitergeführt haben.

Die Farben wurden aufgefrischt, die Wände erstrahlen beige, die Storen in Gelb und es dominiert viel Holz. In jedem Saal ein anderes: Nussbaum, Eiche, Ulme, Ahorn. Die Teppiche wurden entfernt und wieder originalgetreues Linoleum eingebaut.

Durch eine Tür geht’s vom Katalog- in den stillen Lesesaal. Für eine optimale Akustik wurde die ursprüngliche Wandbespannung mit Molton wieder erneuert, die den Schall schluckt. An allen Tischen hat’s jetzt Steckdosen, so dass keine Studis mehr über Kabelrollen stolpern.

Ab 11. Dezember offen

Am Dienstag, 10. Dezember, findet die Eröffnungsfeier der ZHB statt. 150 Gäste feiern zu Bläser-Klängen des Sinfonieorchesters. Ab 11. Dezember ist die Bibliothek schliesslich für die Bevölkerung geöffnet (jeweils Mo–Fr 8–18 Uhr, Sa 9–16 Uhr).

Führungen zu Architektur/Denkmalpflege: 11. bis 14.12. und 16. bis 21.12., jeweils 13 Uhr. Zum Thema Benutzung: 11. bis 14.12., jeweils 12 und 17 Uhr (Samstag, 14.12., um 15 Uhr). 16. bis 21.12., jeweils 12 Uhr.

Skandinavisches 50er-Design

Während Katalog- und Lesesaal nur sanft angefasst wurden, wurde der ehemalige Magazintrakt zu einer neuen Freihandbibliothek umgebaut. Das vorherige Büchermagazin war nur für Mitarbeiter zugänglich (und am Schluss wegen der prekären Statik nicht mal für diese). Die ZHB sei das erdbebengefährdetste Haus in Luzern gewesen, erfährt man.

In diesem Teil, den man von der Hirschmattstrasse sieht, haben die Architekten eine komplette Galerie eingebaut. Auf jedem Stockwerk hat’s Büchergestelle, Tische und sogenannte Inseln mit Sessel, Teppich und Sofas in skandinavischem 50er-Design.

Erdbebensicherheit, Brandschutz, Isolation – das alles genügt jetzt heutigen Ansprüchen. In der Freihandbibliothek stehen die neusten und populärsten Bücher zum Greifen bereit. Alle anderen 1,4 Millionen Bücher kann man sich innert Tagesfrist von der Speicherbibliothek in Büron liefern lassen.

Den Kopf einziehen

Was auffällt: Die Geschosshöhen sind im ehemaligen Magazintrakt recht niedrig. Weil die Architekten die Dimensionen beibehalten haben, muss der grossgewachsene Finanzdirektor Reto Wyss bald schon den Kopf einziehen. Dass der Bau trotzdem nicht bedrückend wirkt, ist den hellen Materialien und den durchgehenden Passagen zu verdanken.

Zuoberst im vierten Stock gibt es neben den Arbeitsplätzen auch Gruppenräume zum Mieten (psst: nicht nur für Studierende).

Durch die silberne Tür geht’s in die Schatzkammer der ZHB: Die Sondersammlung eröffnet erst im April 2020.

Alles ist ein bisschen schief

Schliesslich wäre noch die Sondersammlung mit alten Drucken, Bildern und Nachlässen zu erwähnen, die erst auf Frühling 2020 eröffnet. Der Raum trumpft mit wunderschönem Originalparkett und mit Sternen verschnörkelten Lampen auf. Sowieso taucht das Motiv der Sterne immer wieder auf – am prominentesten am Hauptportal. Der Kirchenarchitekt Otto Dreyer mochte es gern verspielt. Auch das passt, meint die Denkmalpflegerin: «Wie in einem Sakralbau haben wir auch hier eine Schatzkammer.»

Ein Fun Fact zum Schluss: Weil sich das Gebäude kurz nach dem Bau 1951 abgesenkt hatte, steht es seither leicht schief – um zehn Zentimeter hat es sich gesenkt. Darum mussten die Architekten auch heute alles zehn Zentimeter schräg planen: Böden, Regale, Decken. Aber davon merkt man glücklicherweise nichts.

Mehr Bilder gibt’s in der Galerie:

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2 Kommentare
  1. Anonym, 11.12.2019, 13:27 Uhr

    «Auch Nichtstudierende sind hier willkommen, viele wussten zuvor nicht, dass die ZHB ein öffentliches Gebäude ist.» – Es sei denn, man spricht die Bibliothekarin an.

  2. Müller, 10.12.2019, 18:49 Uhr

    na ich weiss nicht. aus der Fassade hätte man mehr rausholen können, sieht aus wie vorher ein Gefängnis oder eben den Bunker. Früher sagten wir oft, gehen wir in den Bunker da finden wir was. Geht mal nach Zürich, die neue Bibliothek, super gemacht, alles Digital, da nimmt man keine Bücher mehr mit.

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