Zugwest darf weiter wachsen – wenn auch leicht gebremst
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Beispiel für das Wachstum in Zugwest: Hauptsitz von Roche Diagnostics International AG in Rotkreuz, wo täglich 2000 Angestellte ein- und ausgehen. (Bild: Roche)

Entschleunigtes Wachstum? Zugwest darf weiter wachsen – wenn auch leicht gebremst

9 min Lesezeit 14.10.2013, 06:02 Uhr

Die drei Zugwest-Gemeinden Risch, Cham und Hünenberg boomen. In Ratings rangiert das Ennetsee-Gebiet seit Jahren unter den attraktivsten Wohn- und Arbeitsorten der Schweiz. zentral+ wollte wissen: Wie schaffen sie das, was ist ihr Erfolgsrezept? Und wie relevant ist die Gefahr eines Abschwungs, wenn der Kanton das Wachstum über die beschlossenen Richtplanänderungen drosseln wird?

Auch wenn Luzern aufholt – in den Rankings der attraktivsten Wirtschaftsstandorte schneidet der Kanton Zug klar besser ab. Und er führt vor Zürich, Basel-Stadt und Schwyz. So bei der Credit Suisse wie auch im Gemeinderating der «Weltwoche», welche das Immobilien-Beratungszentrum IAZI in Zürich jeweils erstellt.
Auch wenn in beiden Rankings Wirtschaftsfaktoren wie Steuern, die verkehrstechnische Erreichbarkeit und das Angebot an gut ausgebildeten Arbeitskräften überwiegen: Die von der «Weltwoche» verliehene Auszeichnung als attraktivste Schweizer Gemeinde freut die Verantwortlichen.
Letztes Jahr hatte Hünenberg die Ehre. «Das war natürlich ein angenehmes Gefühl», sagt Gemeindepräsidentin Regula Hürlimann (FDP). «Wir waren in keinem Kriterium an der Spitze, aber überall gut.»
Dieses Jahr ist Hünenberg auf Platz zwei, der Wanderpokal blieb aber im Kanton und wanderte über den See in Zugs Kantonshauptort. Risch war im Ranking auf Platz drei und Cham auf Platz 12.

Hünenberg: Dynamik als Erfolgsrezept

Beim Bewertungskriterium «Dynamik», das die Entwicklung der Wohnbevölkerung, die Altersstruktur und die Wohnbautätigkeit anschaut, habe Hünenberg im letzten Jahr dank zwei neuen Überbauungen überdurchschnittlich abgeschnitten. Das Dorf mit seinen 9100 Einwohnern positioniere sich als «Familien- und Wohngemeinde» für den gehobenen Mittelstand, sagt Regula Hürlimann. Die Ländlichkeit und die partielle Sicht auf den Zugersee lockt offenbar auch Expats. «Wir haben einen hohen Ausländeranteil von 17 Prozent», erklärt die Gemeindepräsidentin.

Zugwest: Begehrt und teuer

Zu «Zugwest» zählen die Gemeinden Cham, Hünenberg und Risch. Diese profitieren einerseits von der bekannt tiefen Steuerbelastung des Kantons Zug. In Kombination mit einer vorteilhaften verkehrstechnischen Anbindung und einer hohen Verfügbarkeit von gut ausgebildeten Personen ergibt sich für die Region eine der schweizweit höchsten Standortattraktivitäten. Dies widerspiegelt sich in Rankings, wo die drei Gemeinden regelmässig die ersten Plätze belegen.

Entsprechend dynamisch gestaltet sich die wirtschaftliche Entwicklung. Auch die Bevölkerungszunahme in der Region Zugwest übertrifft den Schweizer Mittelwert bei weitem. Dies führt zu den bekannten Problemen. Die hohe Nachfrage nach Wohn- und Wirtschaftsflächen in der Region widerspiegelt sich in teilweise exorbitanten Immobilienpreisen. Es resultierte in den vergangenen Jahren eine Abwanderung von Haushalten mit tiefen und mittleren Einkommen in die angrenzenden Regionen der Kantone Aargau und Luzern. Oder pointierter ausgedrückt: Der Zuger Mittelstand wird vertrieben.

Ausserdem investiert die Gemeinde in  Bildung: Mit 27 Millionen fliesst über die Hälfte des Jahresbudgets von rund 50 Millionen Franken in die Schulen, die Jugendförderung und das ausserschulische Kinderbetreuungsangebot. Letzeres soll weiter ausgebaut werden: «Wir wollen das Angebot im Bereich Ferienbetreuung noch weiter optimieren», sagt Regula Hürlimann.
Beim Steuerfuss hingegen liegt Hünenberg im hintersten Drittel der Zuger Gemeinden, trotz massivem Ausbau seines Gewerbegebietes Bösch. «Wir haben weniger Steuererträge von juristischen Personen. Doch wir arbeiten daran», sagt Hürlimann. 22 Millionen Franken nimmt die Gemeinde ein, gerade einmal vier Millionen Franken tragen Unternehmen dazu bei. Noch immer nagt der Umzug der US-Firma Alcon nach Fribourg am Hünenberger Ego. «Das wurde in den USA entschieden», sagt die Gemeindepräsidentin.

Cham: Ausgebaute Kinderbetreuung

Bei den Steuern hat Cham seinen westlichen Nachbar überholt. Im Endergebnis landete die Seegemeinde auf dem zwölften Platz der Schweiz. Über das erneut gute Abschneiden hat sich der Chamer Gemeindepräsident Bruno Werder (CVP) denn auch entsprechend gefreut. «Unser Erfolgsrezept lautet qualitatives Wachstum», sagt der Landwirt. «Der Gegenwert, den wir dem Steuerzahler trotz tiefem Steuerfuss bieten, ist hervorragend», fügt Werder hinzu. Insbesondere erwähnt er das Angebot der ausserschulischen Kinderbetreuung mit der modularen Tagesschule und den Kinderkrippen.
Dazu komme die Dynamik in der Gemeinde, welche «viele Projekte am Laufen habe». Damit möchte man nicht zuletzt wohlhabende Personen anlocken. Aber nicht nur: «Jeder ist willkommen».

Risch-Rotkreuz: Networking mit Firmen

Vom Bauerndorf zur Stadt: Risch, die dritte Gemeinde im Bunde, ist am stärksten gewachsen. Die Bevölkerung hat sich in den letzen 25 Jahren nahezu verdoppelt und zählt seit anfangs 2013 erstmals über 10’000 Einwohner. Zudem bietet die Gemeinde mit dem in Rotkreuz liegenden Gewerbegebiet heute gegen 8500 Arbeitsplätze. Neben einem Mix von Industriebetrieben, kleinen und mittleren Unternehmen und rund 100 IT-Firmen zogen in den letzten Jahren Grosskonzerne wie Roche-Diagnostics zu.

«Ein eigentliches Erfolgsrezept gibt es nicht», sagt Gemeindepräsident Peter Hausherr (CVP) zur Strategie seiner Gemeinde. Oder doch? Networking mit der Wirtschaft ist offenbar eine wichtige Devise in der Boomgemeinde. «Durch direkte Kontakte versuchen wir den Puls zu fühlen und auf Anliegen der Unternehmen einzugehen. Dabei stoppt das Networking nicht an der Gemeindegrenze. Der Rischer Gemeindepräsident: «Wir pflegen natürlich gute Kontakte zu unseren Nachbargemeinden Cham und Hünenberg, lancieren gemeinsame Projekte zur Stärkung unserer Wirtschaftsregion und haben eine Netzwerkplatzform zusammen.»

Zusammenarbeit in Zugwest

Die drei Gemeinden haben eine gemeindeübergreifende Business-Plattform geschaffen. «Zugwest» vernetzt Wirtschaft und Politik der Region. Zur Plattform zählen mittlerweile über 300 Firmenmitglieder und über 600 Personen. Anders als in lokalen Gewerbevereinen, brauchen die Mitglieder nicht zwingend ortsansässig zu sein. «Wir haben sogar einige Mitglieder aus Luzern», sagt Roland Brun von der Geschäftsstelle «Zugwest».

«Zugwest» ist als Verein organisiert, versteht sich als Networking-Plattform und organisiert Events zum Austausch. Erst kürzlich fand der jährliche Unternehmeranlass mit über 250 Personen am Sitz von Roche Diagnostics in Rotkreuz statt. Vom lokalen Bäcker oder Coiffeur über den Konzernmanager bis zu bekannten Zuger Politikern waren viele Entscheidungsträger präsent. «Wir versuchen weiche Faktoren wie Integration, Akzeptanz und Verständnis zwischen den Mitgliedern zu fördern», sagt Brun. Die Finanzierung der Geschäftsstelle sichern die Gemeinden, die Anlässe bestreitet die Wirtschaft.

Gute Rahmenbedingungen im Kanton

Für Bernhard Neidhart, Leiter des Amts für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Zug, hat der Kanton ebenfalls Anteil am Erfolg der Zugwest-Gemeinden. «Cham, Risch und Hünenberg profitieren wie die anderen Zuger Gemeinden von unseren guten Rahmenbedingungen.»

Dazu zählt Neidhart attraktive Steuern («ein door opener»), die Verfügbarkeit von gut ausgebildeten Arbeitskräften sowie die ausgebaute Verkehrsinfrastruktur. Doch noch besässen die Gemeinden Entwicklungspotential, vor allem Risch und Cham. «Es gibt noch genügend verfügbares Bauland und Büroräumlichkeiten für Firmen.» Dies sei bei Hünenberg anders. «Hünenberg hat früher weniger eingezont und kann nur noch nach innen verdichten und erneuern.»

Kehrseiten des Wachstums

Die rasante Entwicklung und das Wachstum der letzten Jahre im Kanton Zug löst aber nicht nur Freude aus: Einheimische beklagen Landverschleiss, unbezahlbare Wohnungspreise, die Zunahme des Verkehrs und die Anonymisierung. Der Kanton Zug will nun das explosionsartige Siedlungswachstum der letzten Jahrzehnte drosseln und strebt ein langsameres und nachhaltiges Wachstum an. Die im Richtplan konkretisierte regierungsrätliche Strategie lautet «Wachstum ja, aber mit Grenzen».

Dazu zählen Zielwerte für die Bevölkerungsentwicklung, welche auch für die Gemeinden verbindlich sind. Ebenso werden diese verpflichtet, auf substantielle Neueinzonungen zu verzichten, und es wurden Gebiete für die Verdichtung definiert. Zudem werden die Gemeinden aufgefordert, die Schaffung von preisgünstigem Wohnraum zu fördern. Novum dabei: Der Druck in Zug ist inzwischen so gross, dass selbst die bürgerliche Mehrheit nicht mehr nur dem Markt freies Spiel überlassen wollen.

Begrenzung der Bevölkerungszahl bestritten

Dass solche Eingriffe in die Gemeindeautonomie nicht nur Freude auslösen, liegt auf der Hand. Gemäss dem Baudirektor des Kantons Zug, Heinz Tännler, dessen Direktion die Gespräche mit den Gemeinden führte, gab vor allem die Beschränkung der Bevölkerungsentwicklung zu reden. Die Gespräche seien am Anfang «schwierig» gewesen, dann wurden sie immer «positiver». Differenzen bestanden und bestehen teilweise bis heute. Offen darüber reden mag aber niemand mehr.

«Die vereinbarten Zahlen sind für uns in Ordnung», sagt der Chamer Gemeindepräsident Bruno Werder. Um 150 bis 190 Einwohner darf Cham jährlich wachsen. Das sei auch Ziel der Gemeinde und realistisch, sagt Werder. Der Kanton hat zudem in Cham Gebiete für verdichtetes Bauen mit einer hohen Ausnutzungsziffer ausgeschieden. Weitere Einzonungen seien aber nicht mehr möglich. «Wenn wir wie bis anhin weiter wachsen wollten, hätten wir ein Problem», sagt Werder. Bei Umzonungen sei man flexibler, fügt er hinzu.

Projekte für Arbeitsplätze in Cham

Cham verfügt mit dem «Papieri»-Areal über eine Reserve für die nächsten 20 Jahre. Auf dem Areal der ehemaligen Papierfabrik sind Wohnungen für 1000 bis 2000 Einwohner geplant. «Zudem wollen wir 800 bis 1000 neue Arbeitsplätze aus möglichst unterschiedlichen Branchen herholen», sagt Werder. Der Lorzenpark sei bereits vor zehn Jahren umgezont worden. Auch dort seien noch 1000 bis 2000 Arbeitsplätze sowie Wohnungen möglich.

Potential für weitere Arbeitsplätze gebe es auch noch im Städtleried, einem 40-jährigen Gewerbegebiet, wo in den nächsten Jahren neue Planungen anstehen und bauliche Erneuerungen stattfänden. Noch nicht eingerechnet seien zudem bauliche Verdichtungen. Werder: «Das ist zusätzlich noch möglich». Die Gemeinde habe ein Hochhausleitbild erarbeitet, wo sich Investoren orientieren könnten.
Tausende von Arbeitsplätzen und Wohnungen: das klingt tatsächlich nicht nach Begrenzung.

Grösstes Wachstum in Risch

Risch darf gemäss den Festlegungen des Kantons ebenfalls noch stark wachsen. Es ist die Gemeinde, für welche das stärkste Wachstum vorgesehen ist – von rund 9000 Einwohnern 2010 auf 12’500 im Jahr 2030. «Die Gemeinde Risch steht in den wichtigsten Fragen auf der gleichen Linie wie der Kanton», sagt Gemeindepräsident Peter Hausherr. Man habe mit dem Kanton einen kooperativen Weg gefunden, der auf einem Ausgleich der Interessen beruhe.

Konkret: «Als Ausgleich für die Beschränkungen bei neuen Einzonungen gesteht uns der Kanton Entwicklungspotential mit Verdichtungen zu.» Risch erarbeite deshalb zurzeit ein Hochhauskonzept. Einzonungen hingegen sind keine grösseren mehr möglich. Hausherr schätzt das offene Gebiet auf maximal eine Hektare. «Eine Diskussion darüber hat in der Gemeinde aber noch nicht stattgefunden», fügt der Gemeindepräsident hinzu. Man habe aber Land ausgeschieden für weiteren nötigen Schulraum sowie Leben und Pflege im Alter.

Zu den Arbeitsplätzen sei eine Prognose sehr schwierig, meint Hausherr. Das hänge von vielen Faktoren ab. Namen von Firmen, die sich in Zukunft hier ansiedeln, kann und will er aktuell keinen nennen. Zuletzt zog Novartis nach Rotkreuz. Immerhin ein Plus von rund 500 Arbeitsplätzen.

Hünenberg darf noch zehn Prozent wachsen

Für Hünenberg schliesslich sind die kantonalen Richtlinien zwar ein Eingriff in die Gemeindeautonomie, «aber ein verhandelter», so Gemeindepräsidentin Regula Hürlimann. Damit bleibt die Gemeinde bis 2030 das einzige Dorf im Verbund von Zug West, wenn auch nur knapp. Hünenberg wurde ein Wachstum von 9100 auf 9800 Einwohner zugestanden.

Zudem seien noch zwei bis drei Einzonungen von Landwirtschaftsland möglich, im Dorf und in Hünenberg See. Die Siedlungsgrenzen müssten aber strikt eingehalten werden, erklärt Hürlimann. «Ausnahmen wären vielleicht möglich bei Neueinzonungen für günstigen Wohnungsbau».

Hochhäuser sind eher kein Thema. Und wenn doch, dann im Industriegebiet Bösch. «Wenn die dortigen Grundeigentümer eine höhere Ausnützung erreichen wollen, könnte man sich das theoretisch vorstellen.» Doch Hürlimanns Begeisterung dafür hält sich in Grenzen, und wohl auch diejenige ihrer Einwohner. Die Gemeinde habe im übrigen dafür gekämpft, erklärt die Politikerin, dass das kleinere Industriegebiet Schlatt in den Verdichtungsperimeter des kantonalen Richtplans einbezogen werde. «Wir haben diesen Wunsch beim Kanton eingegeben, der Entscheid ist aber noch offen», sagt Hürlimann.

Investoren wollen, was der Kanton zu vermeiden sucht

Das Thema preisgünstiger Wohnraum ist auch in Hünenberg aktuell. Nachdem die Korporation Hünenberg bereits ein Projekt erfolgreich umgesetzt hat, bleibe für den Gemeinderat noch ein Auftrag der Gemeindeversammlung abzuhandeln. Die Gemeindeversammlung hat eine SP-Motion für erheblich erklärt. Der Gemeinderat soll eine Vorlage ausarbeiten, dass bei Bauten in Wohnzonen ein zusätzlicher Ausnützungsbonus von 10 Prozent gewährt werden kann, wenn der zusätzliche Raum für preisgünstigen Wohnraum eingesetzt wird. Eine Arbeitsgruppe kläre momentan ab, wo solche Wohnzonen möglich wären.

Bei den Arbeitsplätzen – heute 4000 – kann Regula Hürlimann wie ihr Rischer Amtskollege keine Prognose abgeben. «Wir sind immer wieder im Gespräch mit Firmen, die Land suchen», erklärt sie. «Aber die meisten wollen auf der grünen Wiese bauen.» – Also genau das, was man künftig im Kanton Zug vermeiden will.

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