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Zuger ZVB-Hauptstützpunkt: Beim Experten tun sich Fragen auf
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(Bild: wia)

Ist der geplante Standort wirklich geeignet? Zuger ZVB-Hauptstützpunkt: Beim Experten tun sich Fragen auf

5 min Lesezeit 02.02.2019, 05:16 Uhr

Für 190 Millionen Franken planen die Zugerland Verkehrsbetriebe einen neuen Hauptstützpunkt. Auch das Kantonsparlament sprach sich diese Woche für den Bau an der Aa aus, mitten im «Filetstück» Zugs. Eine Verschwendung dieser guten Lage? Eine Verschwendung von Geld? Ein Mobilitätsexperte liefert Antworten. Und stellt wichtige Fragen.

Der Kantonsrat stimmte am Donnerstag in erster Lesung dem Investitionsbeitrag von 94,2 Millionen Franken für einen neuen ZVB-Hauptstützpunkt zu. Auch waren sich die Räte en gros darüber einig, den Stützpunkt mitten in der Stadt Zug zu bauen (zentralplus berichtete). Kritische Stimmen gab es im Vorfeld dennoch ein paar wenige. Insbesondere von städtischen Volksvertretern, etwa SVP-Kantonsrat Philip C. Brunner, der damals von einer «Geschichte der Versäumnisse» sprach. Auch der ehemalige Zuger CVP-Gemeinderat Martin Eisenring wehrte sich vehement gegen den Standort mitten in der Stadt.

Fürs Erste gibt es also an der Sache nichts zu rütteln. Fragen gibt es trotzdem. Etwa, ob man dieses Gelände nicht doch sinnvoller nutzen könnte. Und ob ein grosser, zentraler Stützpunkt überhaupt die richtige Lösung ist. zentralplus hat sich dafür mit dem Zürcher Smart City- und Mobilitätsexperten Reto Ruch getroffen.

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zentralplus: Herr Ruch, Sie haben sich mit dem Projekt zum neuen ZVB-Stützpunkt befasst. Wie lautet Ihre Einschätzung?

Reto Ruch: Zum einen macht es durchaus Sinn, dass die ZVB-Bauten erneuert werden, denn einige Gebäude sind über 60 Jahre alt. Weiter macht ein neuer Stützpunkt insofern Sinn, da bei der Planung auch ein ÖV-Wachstum mit einberechnet wurde und mit dem Projekt neue Möglichkeiten bezüglich autonomen Fahrzeugen geschaffen werden könnten. Zum anderen ist zu sagen, dass es sich um eine sehr attraktive Lage nahe am See handelt, die auch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln äusserst gut erreichbar ist.

zentralplus: Genau das ist es, was gewisse Politiker am Projekt kritisiert hatten: Dass die Lage eben zu gut ist für einen solchen Stützpunkt.

Ruch: Weil ich nicht an der Projekterarbeitung dabei war, masse ich mir nicht an, hier ein Urteil zu fällen. Insbesondere, da solche Pläne jeweils eine gewisse Komplexität aufweisen. Dennoch kann ich nachvollziehen, dass dieser Standort in Frage gestellt wird.

zentralplus: Es ist letztlich eine wichtige Frage für Zug, wo die Landressourcen doch sehr begrenzt sind.

Ruch: Das stimmt. Es geht darum, abzuwägen, ob es ein anderes Konzept gibt, von dem die Stadtbevölkerung ein anderes «Erlebnis» hätte. – Ich sage bewusst nicht, «von dem die Bevölkerung mehr hätte», weil ich überzeugt bin, dass wir einen starken öV brauchen und dass die Einwohner indirekt sehr viel von einem Bus-Stützpunkt haben.

zentralplus: Wie könnte denn ein alternatives Konzept aussehen?

Ruch: An dieser super Lage, fünf Minuten vom Bahnhof entfernt und fast am See, könnte beispielsweise ein Hybrid geschaffen werden. Nachhaltigen Lebensraum mit innovativem Charakter, an dem sowohl gelebt als auch gearbeitet wird, der urban ist und gut angeschlossen. Solche Projekte entstehen derzeit etwa in der Suurstoffi in Rotkreuz oder in Zürich mit der Greencity.

«Dass die Busse über Nacht dezentral in sogenannten Hubs stehen, ist denkbar.»

Reto Ruch, Smart City- und Mobilitätsexperte

zentralplus: Das klingt zwar nach einem Konzept, das der Stadt Zug gut täte. Doch die Frage nach dem neuen ZVB-Stützpunkt wäre damit noch nicht gelöst. Einige Orte, etwa auch Zürich, haben das Problem der Busstandorte dezentral gelöst. Wäre das eine Möglichkeit?

Ruch: Auf jeden Fall müsste man eruieren, ob ein grosser Standort an der Aa langfristig die richtige Lösung ist. Dass die Busse über Nacht dezentral in sogenannten Hubs stehen, ist denkbar. Was meines Erachtens jedoch durchaus Sinn macht, ist die Planung einer zentralen Bus-Werkstatt im Zentrum. Der ideale Ort dieser Werkstätte ist natürlich zu identifizieren in Abhängigkeit eines Gesamtkonzeptes. Doch es gibt noch andere Fragen, die zu bedenken sind.

zentralplus: Die da wären?

Ruch: Etwa die Frage, wie sich der öffentliche Verkehr in den kommenden Jahren verändern wird. Die ZVB planen Stellplätze für 130 Busse. Heute sind es 115. Man plant also ein moderates Wachstum. Was, wenn man in 20 Jahren dann doch mehr Plätze braucht? Oder aber wenn sich der öV in eine ganz andere Richtung bewegt?

«Es gibt sogar Ideen, dass Passagiere künftig mit Drohnen befördert werden.»

zentralplus: Beispielsweise?

Ruch: Ich denke da an autonomes Fahren. Aktuell ist in Zug ja bereits ein solcher Bus unterwegs (zentralplus berichtete). Es ist wahrscheinlich, dass das immer mehr kommt. Auch wird der Verkehr immer individueller. So ist es in Zukunft denkbar, dass man etwa per App morgens ein Fahrzeug bestellt, und dass quasi ein Bus direkt vor dem Haus hält und einen zur Arbeit fährt. Uber führt derzeit in den USA Tests für Fahrgemeinschaften durch. Dabei geht es mitunter darum, die optimale Route zu berechnen, auf der mehrere Leute abgeholt und abgesetzt werden. Es gibt sogar Ideen, dass Passagiere künftig mit Drohnen befördert werden. Die SBB denken bereits über solche Möglichkeiten nach.

zentralplus: Das klingt abenteuerlich und ziemlich vage. Entsprechend schwierig dürfte für die ZVB die Planung sein.

Ruch: Richtig. Es gibt leider keine Kristallkugel, in der wir die Situation sehen, wie sie sich in 20 Jahren präsentiert. Wir können einzig vom Ist-Stand ausgehen. Idealerweise erarbeiten die ZVB mehrere Szenarien, so dass sie sich anpassen können. Je nachdem, in welche Richtung die Entwicklungen gehen.

«Es wäre für die ZVB viel einfacher, auf der grünen Wiese zu bauen.»

zentralplus: Eine solche Ausarbeitung klingt zeitaufwändig und kostenintensiv.

Ruch: Es stimmt, das kostet etwas. Doch ist es günstiger, dieses Geld proaktiv in der Planungsphase zu investieren, als später plötzlich zu merken, dass man in die falsche Richtung geplant hat und dass man die Fehler dann ausbaden muss. Häufig wird bei solch grossen und auch teuren Projekten die Bevölkerung mit einbezogen. Diese zahlt ja letztlich auch mit. Das ist zwar aufwändiger, lohnt sich aber insofern, als man ihre Bedürfnisse abholt und einkalkuliert. Ausserdem minimiert man potenziellen Widerstand bereits zu Beginn.

zentralplus: Hat sich die ZVB mit ihrem Projekt – alles zentral und am bisherigen Standort – für die einfachste Lösung entschieden?

Ruch: Das mag zwar so scheinen, stimmt aber nicht. Es wäre viel einfacher, auf der grünen Wiese zu bauen. Denn während dem Bau am jetzigen Standort muss der bisherige Betrieb ja weiterhin funktionieren. Das birgt baulich und logistisch eine gewisse Komplexität.

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