Zuger Schuldenberater: «Wir rechnen jeden Moment mit einem Ansturm»
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Wenn das Sparen harzt: Nicht alle können zu Krisenzeiten, Kurzarbeit und Lohneinbussen noch sparen.

Corona-Klienten bleiben (noch) aus Zuger Schuldenberater: «Wir rechnen jeden Moment mit einem Ansturm»

4 min Lesezeit 1 Kommentar 18.11.2020, 05:00 Uhr

Die Corona-Krise bedeutet für viele Kurzarbeit und Lohneinbussen. Doch die Rechnungen müssen weiterhin bezahlt werden. In einer Zuger Schuldenberatungsstelle geht es derzeit (noch) ruhig zu und her. Auch wenn man sich bereits auf eine grosse Welle vorbereitet.

Noch ist es ruhig an der Bundesstrasse 15 in Zug, bei der Triangel Beratung. Das Telefon beim Stellenleiter und Schuldenberater André Widmer läuft derzeit noch nicht heiss.

Die Auswirkungen des Coronavirus spürt man hier also noch nicht. «Der grosse Ansturm ist bis jetzt ausgeblieben», bestätigt Widmer. Doch das bedeutet nicht, dass sich nicht bei zahlreichen Zugerinnen und Zugern zu Hause die Mahnungen und Zahlungsbefehle stapeln könnten. «Wir rechnen jeden Moment mit einem riesigen Ansturm», sagt Widmer. Dass die Triangel Beratung seit März keinen Anstieg an Schuldenberatungen verzeichnet, überrascht ihn selbst.

Auch die Betreibungswelle blieb bislang aus

Auch beim Betreibungsamt der Stadt Zug spürt man bislang noch keinen Anstieg der Betreibungszahlen. «Im Gegenteil», schreibt Leiterin Cornelia Löhri. «Bis jetzt sind wir aufgrund des Lockdowns im Frühling mit den Fallzahlen noch nicht auf einem mit dem Vorjahr vergleichbaren Stand.»

Genauso im Betreibungsamt Cham: Die Zahlen liegen immer noch hinter dem Vorjahr zurück. «Jedoch wurde der Rückstand zirka in den letzten drei Monaten kontinuierlich verringert», schreibt Leiter David Kneubühl.

«Viele Firmen waren kulant und haben mit Mahnungen und Betreibungen wohl auch nach dem Stopp – aus Solidarität – zugewartet.»

André Widmer, Stellenleiter Triangel Beratung und Schuldenberater

Während des Lockdowns galt schweizweit ein Betreibungsstopp. «Viele Firmen waren kulant und haben mit Mahnungen und Betreibungen wohl auch nach dem Stopp – aus Solidarität – zugewartet. Doch auch sie sind auf ihr Geld angewiesen.»

Das heisst: Viele dürften wohl erst jetzt allmählich Betreibungen einleiten. Bis Betriebene sich bei einem Schuldenberater melden, dauert es aber seine Zeit. «Wir kommen leider erst zum Zuge, wenn die Betroffenen schon sehr fest im Dilemma sind. Oftmals befinden sie sich bereits mitten in Lohnpfändungen.» Da wieder herauszukommen, sei sehr schwer.

Oftmals geraten Schuldner in einen Teufelskreis. «Auf der einen Seite tragen sie Schulden ab, auf der anderen Seite häufen sich parallel wieder Schulden an – oftmals Steuerschulden», sagt Widmer. Denn bei einer Lohnpfändung fliessen die Ausgaben für die laufenden Steuern nicht in die Berechnung des Existenzminimums mit ein.

Nur wenige Corona-Betroffene melden sich beim Schuldenberater

Bis jetzt sind es nur wenige Menschen, die sich neu an die Schuldenberatungsstelle gewandt haben, weil sie sich wegen Corona in einer schwierigen finanziellen Situation befinden.

Das rät dir der Schuldenberater

André Widmer rät allen, sich frühzeitig Hilfe zu holen, wenn es mit den Finanzen eng werden könnte. «Man braucht keine Scham haben und sollte mutig sein, frühzeitig eine Schuldenberatung aufzusuchen.» Denn auch Schuldenberaterinnen und -berater können «nur» eine beratende Funktion einnehmen und Tipps geben. Auch mit Gläubigern sei es möglich, früh genug in Kontakt zu treten und zu verhandeln.

Und natürlich sollte man das Budget bestenfalls im Voraus durchplanen und Rückstellungen machen für jährliche Rechnungen wie Versicherungen und Steuern. Wichtig: Langfristige Verbindlichkeiten wie Leasing möglichst vermeiden und nicht auf Pump kaufen.

«Für die ganz Armen Tipps zu geben ist schwer. Denn so sehr sie wollen, wenn das Geld nur knapp für das Nötigste reicht, ist es fast unmöglich, Rückstellungen zu machen.» Denn auch im reichen Kanton Zug leben rund sieben Prozent an der Grenze zur Armut oder darunter.

Widmer erzählt von einem Mann, der im Gastgewerbe gearbeitet hat. Der Arbeitgeber kündigte ihm und überredete ihn, vor der fristgerechten Kündigungsfrist die Kündigung zu unterschreiben. Er könne ja dann aufs RAV gehen und bekomme Arbeitslosengeld.

Der Mann – er hatte wenig Rechtskenntnisse – unterschrieb die Kündigung. Von möglichen Einstelltagen wusste er nichts. Die Konsequenz: Ihm wurden drei Monate Arbeitslosengelder gestrichen. Zur gleichen Zeit musste seine Frau ins Spital.

«Glücklicherweise suchte der Mann frühzeitig unsere Beratungsstelle auf, und nicht erst dann, als er nicht mehr für Miete und Krankenkassenrechnungen aufkommen konnte.»

Für Angestellte im Tieflohnsektor kann die Lage prekär sein

Die Corona-Krise trifft laut Widmer diejenigen am stärksten, die schon zuvor nicht gross Geld auf die Seite legen konnten. Viele von ihnen arbeiten im Tieflohnsektor. Wurden sie in Kurzarbeit geschickt, seien ihnen oftmals nur 80 Prozent des Lohns ausbezahlt worden. Eine Lohnreduzierung, die es in sich hat. Anders als bei vielen Mittel- oder Hochlohnsektoren. «Für Angestellte im Tieflohnsektor ist die Situation doppelt brutal», so Widmer.

«Wir blicken mit Sorgen ins neue Jahr.»

Cornelia Löhri, Leiterin Betreibungsamt Stadt Zug

Widmer und sein Team bereiten sich bereits jetzt auf den Ansturm vor. Bei vielen Leuten flattern gerade Ende Jahr unvorhergesehene Rechnungen ins Haus. Nur den 13. Monatslohn für Steuern einzuplanen könne heikel sein. «Ich befürchte, dass es im Januar bei uns so richtig losgeht», sagt Widmer. «Andernfalls wäre ich wirklich erstaunt.»

Auch die Leiterin des Betreibungsamtes der Stadt Zug Cornelia Löhri rechnet mit einer schweizweiten Betreibungswelle. Wann genau sie da ist, kann Löhri nicht sagen. Momentan spüre man noch die Entlastungsprogramme des Bundes, des Kantons und der Stadt Zug. «Wir blicken aber mit Sorgen ins neue Jahr.»

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1 Kommentare
  1. Hans Hafen, 18.11.2020, 09:41 Uhr

    Die Erklärung dafür ist denkbar einfach: Die meisten Betroffenen können sich den Gang zum Schuldenberater aktuell sparen und direkt die Anmeldung beim Sozialamt aufsuchen. Denn in erster Linie fehlt es nun komplett an Mitteln. Und diese kann die Schuldenberatung nicht zur Verfügung stellen.

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