Zuger Polizei rüstet sich gegen Cyberkriminelle
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IT-Forensiker der Zuger Polizei machen Jagd auf Cyberkriminelle. (Bild: Zuger Polizei)

Mit Maus und USB-Stick auf Verbrecherjagd Zuger Polizei rüstet sich gegen Cyberkriminelle

5 min Lesezeit 12.11.2016, 17:57 Uhr

Ob Phishing, Hackerangriffe oder Trojaner: Internetkriminalität ist in aller Munde. Die Zuger Polizei stockte deshalb jüngst ihre Cyber-Defensive auf. Neu im Team ist die IT-Forensikerin Nathalie Gärtner. Im Gespräch mit zentralplus erzählt sie, wieso ihre Berufsgattung in Zukunft noch wichtiger wird – und was eine US-amerikanische TV-Serie damit zu tun hat.

Wer von Zug aus im World Wide Web illegale Machenschaften treibt, tut gut daran, seine Geräte nicht in die Hände von Nathalie Gärtner geraten zu lassen. Denn die 24-Jährige ist der Albtraum eines jeden Internetkriminellen. Als jüngstes Mitglied der IT-Forensik-Abteilung der Zuger Polizei ist sie eine ausgewiesene Spezialistin in Sachen Sicherung und Wiederherstellung von digitalen Daten auf Handys, iPads und Co.

Die Computer-Forensikerin kommt aber nicht nur bei Cyber-Verbrechen oder Wirtschaftsfällen zum Zug. Auch bei Überfällen, Mord oder Entführungen ist ihr Know-how gefragt. Denn die Täter hinterlassen meist auch bei «herkömmlichen» Verbrechen digitale Fingerabdrücke. Kurzum: Nathalie Gärtner wird dann gerufen, wenn es gilt, die digitalen Spuren von Kriminellen aufzuspüren und auszuwerten.

Ein gefragtes Feld

Und dieser Ruf erschallt in jüngster Zeit immer öfter. «An Arbeit mangelt es uns bestimmt nicht», sagt Gärtner. «Das Bewusstsein dafür, dass es das Berufsfeld der Computer-Forensik gibt, ist über die letzten Jahre stark angewachsen», fügt sie hinzu. «Und mit ihm die Erkenntnis, dass wir wichtige Aufklärungsarbeit leisten können.» Aufklärungsarbeit, das heisst, Daten sichtbar machen, die Kriminelle möglichst verstecken wollen.

«Heute macht man fast nichts mehr, ohne ein digitales Gerät in den Händen zu halten.»

Nathalie Gärtner, IT-Forensikerin

So schnell kann’s gehen

Dass niemand vor cyberkriminellen Attacken sicher ist, zeigt ein aktuelles Phishing-Beispiel aus Zug. Wie die Zuger Polizei kürzlich mitteilte, wurde eine Firma mit Sitz im Kanton Zug Ende Oktober Opfer eines Trojaners (zentralplus berichtete). Dieser löste im Verborgenen eine Geldüberweisung von rund 90’000 Franken aus.

Aktiviert wurde der Trojaner beim Öffnen eines Word-Dokuments, das den Absender eines bekannten Onlineshops getragen habe. In der Folge konnte sich die Firma im eBanking-Bereich ihrer Bank vorübergehend nicht einloggen. Einige Tage später klappte zwar der Login, doch fehlten dann die besagten 90’000 Franken.

Dank der sofortigen Reaktion der Geschädigten und der Zusammenarbeit der betroffenen Banken, der Kantonspolizei Zürich und der Zuger Polizei konnte der entwendete Betrag gesichert und den rechtmässigen Besitzern zurückerstattet werden. Die Ermittlungen zur Täterschaft sind nach Angaben der Zuger Polizei noch nicht abgeschlossen.

Gerade in einer Zeit, in der praktisch jeder ein mit Daten vollgestopftes Smartphone besitze und nahezu in jeder Wohnung mindestens ein PC, Laptop oder Tablet-Computer stehe, schnelle die Nachfrage nach IT-Forensikern in die Höhe. «Heute macht man fast nichts mehr, ohne ein digitales Gerät in den Händen zu halten», sagt Gärtner. Sie ist überzeugt davon, dass ihre Dienste in Zukunft noch stärker gefragt sein werden.

Studium auf der Insel

Wir treffen die junge Erwachsene im Foyer des Hauptpostens der Zuger Polizei. Keine Uniform, nur der Badge an ihrem Gürtel verrät, dass sie im Dienste der hiesigen Ordnungshüter steht. Denn die Polizeiangehörige Gärtner hat keine Polizeischule absolviert. Sie folgte vielmehr ihrer Faszination für detektivische Arbeit und zog vorübergehend nach England, wo sie «normale» Forensik studierte. Heute arbeitet sie eng mit dem kriminalistischen Dienst zusammen.

«Dass es nicht bei der klassischen Forensik geblieben ist, habe ich zu einem grossen Teil meinem Cousin zu verdanken», erklärt die gebürtige Aargauerin, die mittlerweile im Kanton Zug lebt. Der Cousin ist Informatiker und habe sie früh in die Welt der Computer eingeführt. «Bei ihm sah ich, was man mit Computern alles machen kann. Das fand ich immer sehr spannend. Deshalb hängte ich noch ein Studium der IT-Forensik an der Cranfield University an.»

IT-Forensiker erfassen und sichern mit spezifischen Ermittlungs- und Analysetechniken Beweise auf Computersystemen, sodass diese bei einem Gerichtsverfahren verwertbar sind. Es gehe also darum, erklärt Gärtner, eine Beweiskette zu erstellen, damit sich feststellen lässt, was auf dem Gerät vor sich gegangen ist und wer dafür verantwortlich war.

Nathalie Gärtner, jüngstes Mitglied innerhalb der IT-Forensik-Abteilung der Zuger Polizei.

Nathalie Gärtner, jüngstes Mitglied innerhalb der IT-Forensik-Abteilung der Zuger Polizei.

(Bild: pbu)

Von der Fiktion in die Realität

Gärtners Interesse für das Gebiet der Forensik hätten TV-Serien wie «CSI: Crime Scene Investigation» geweckt. Unzählige Ableger der US-amerikanischen Fernsehserie zeigen Polizisten bei der Beweis- und Spurensicherung an Tatorten. «Diese Krimiserien haben mich gepackt», erzählt Gärtner. «Ich habe mich dann gefragt, wie deren Berufsfeld in Wirklichkeit aussieht, und besorgte mir Fachbücher. Dann wurde mir schnell klar, dass ich das machen möchte.»

«Wissenschaftliche Fehler im TV nerven mich schon.»

Nathalie Gärtner, IT-Forensikerin

Heute weiss Gärtner aus eigener Erfahrung, dass es die TV-Serien mit der Wahrheit nicht immer ganz so genau nehmen. «In Wirklichkeit gehen die Prozesse niemals so schnell, wie sie im Fernsehen gezeigt werden», betont sie. «Anstatt zehn Minuten wie in der Serie kann es in der realen Welt schon mal ein paar Wochen dauern, bis ein Ergebnis vorliegt.»

«CSI» schaue sie heute nicht mehr. Andere Krimiserien hingegen schon, wenn auch nicht mehr in demselben Ausmass wie früher. «Wissenschaftliche Fehler im TV nerven mich schon. Und wenn die Ermittler mit kurzen Hosen und Flip-Flops am Tatort herumstolzieren, dann geht die Ernsthaftigkeit gänzlich verloren.»

Verborgenes sichtbar machen

Ihrem Interesse an der Forensik tat dies allerdings keinen Abbruch. Im vergangenen September hat Gärtner ihre Masterarbeit abgegeben. Durch einen Bekannten erfuhr sie von der Stelle bei der Zuger Polizei. «Diese Gelegenheit wollte ich gleich nutzen», sagt sie – und setzte sich gegen rund 40 Mitbewerbende durch. Ende September hat der Zuger Sicherheitsdirektor, Beat Villiger, Nathalie Gärtner als neue Zuger Polizeiangehörige in die Pflicht genommen – neben drei weiteren Neuzuzügen im Bereich der Cyberermittlung.

Inpflichtnahme-Feier 2016. Von links: Fähndrich Heinz Koch, Kommandant Karl Walker, die Polizisten Marcel Müller, Sarah Iten, Manuel Eberle und Sabrina Koller, die IT-Forensiker Pirmin Krüsi, Nathalie Gärtner, Andreas Eugster und Claudio Lourenco, Regierungsrat Beat Villiger.

Inpflichtnahme-Feier 2016. Von links: Fähndrich Heinz Koch, Kommandant Karl Walker, die Polizisten Marcel Müller, Sarah Iten, Manuel Eberle und Sabrina Koller, die IT-Forensiker Pirmin Krüsi, Nathalie Gärtner, Andreas Eugster und Claudio Lourenco, Regierungsrat Beat Villiger.

(Bild: Zuger Polizei)

«Der Reiz an meinem Beruf besteht darin, dass stets mehr dran ist, als man auf den ersten Blick sieht», erklärt Gärtner ihre Motivation. Bei einer kriminellen Tat stecke viel mehr dahinter, als der entsprechende Tatort auf Anhieb präsentiere. Weggewischte Blutspuren zum Beispiel oder verdächtige Fotos auf dem Handy, die Gärtner und ihre Kollegen wieder zum Vorschein bringen. «Diese Detektivarbeit finde ich ungemein spannend.»

Erweitertes Berufsfeld

Wurden Benutzerdaten gelöscht? Hat der Benutzer ein Programm ausgeführt? Wann wurde dieses Dokument erstellt und wer hat zuletzt daran gearbeitet? Es sind Fragen wie diese, denen ein IT-Forensiker auf den Grund geht. Es sei ein vielseitiger und abwechslungsreicher Beruf, sagt Gärtner. «Das liegt nicht nur daran, dass jedes System anders ist. Sondern auch daran, dass jeder Mensch seinen Computer anders einrichtet.»

Die digitale Welt ist schnelllebig. Nicht nur Betriebssysteme ändern sich ständig, auch das Repertoire von Cyberkriminellen wird stets ausgeweitet. «Langweilig wird mir in meinem Beruf sicher nicht», ist Gärtner deshalb überzeugt. Und falls ihr doch mal die Kriminalfälle ausgehen sollten, weiss sie sich in ihrem Umfeld mit Arbeit zu behelfen.

Mittlerweile sei Gärtner nämlich die erste Anlaufstelle für Freunde und Bekannte, wenn diese Probleme mit ihren Geräten hätten. Selbstbewusst entgegnet sie all jenen Hilfesuchenden mit den Worten: «Egal, was mit deinem Computer nicht stimmt, ich finde es raus.»

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