Zuger Pflegefachfrau über Corona: «Ich komme mir teils vor, als ob ich in einem Hospiz arbeite»
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In einem Pflegezentrum in Zug wurde fast die Hälfte der Bewohner positiv auf das Coronavirus getestet. (Symbolbild: Adobe Stock)

So wütet Corona im Pflegezentrum Zuger Pflegefachfrau über Corona: «Ich komme mir teils vor, als ob ich in einem Hospiz arbeite»

3 min Lesezeit 2 Kommentare 24.01.2021, 12:03 Uhr

Es sei wie in einem Albtraum, sagt eine Pflegefachfrau aus Zug, die in einem Pflegezentrum arbeitet. In den letzten 14 Tagen starben acht Bewohner – die meisten von ihnen an Corona. Mehr als jede zweite Angestellte fällt krankheitsbedingt aus.

Das Coronavirus hält die Welt in Atem. Auch in Zug. Seit Beginn der Pandemie sind es über 5’000 Fälle. 100 Menschen sind an Covid gestorben.

Viele Todesfälle ereignen sich in Altersheimen. Das untermauern Zahlen des Bundesamts für Gesundheit (BAG), die «20 Minuten» vorliegen. Demnach starb während der Zeitdauer von Anfang Oktober bis Ende 2020 rund die Hälfte aller Corona-Toten in einem Altersheim.

Eine Zuger Pflegefachfrau, nennen wir sie Katja, weil sie lieber anonym bleiben will, arbeitet seit Jahren auf ihrem Beruf. Derzeit in einem Zuger Pflegezentrum. Sie erzählt uns, wie sie die Coronapandemie erlebt.

Von der ersten Welle seien sie noch verschont worden, nicht aber von der zweiten. Rund die Hälfte der Bewohnenden sind positiv auf das Virus getestet worden. «In den letzten 14 Tagen sind bei uns acht Personen gestorben, sechs davon mit oder an Covid», sagt Katja.

Bewohner sitzen alleine in ihren Zimmern, ohne Perspektive

Seit Anfang Januar seien die Bewohner in ihren Zimmern in Isolation. «Es ist kein Leben mehr in ihren Zimmern, sie sitzen den ganzen Tag alleine da, haben keine Perspektive mehr.» Die Bewohnerinnen dürften keine Besuche empfangen. «Auch dann nicht, wenn sie im Sterben liegen», fährt Katja fort. Das sei besonders schlimm. Einsam zu sterben. Zu sterben, ohne dass beide Seiten richtig Abschied voneinander nehmen können.

«Wir sind alle auf dem Nullpunkt. Alle sind am Anschlag, könnten nur noch weinen. Es ist wie in einem Albtraum.»

«Das Ganze geht mir echt an die Substanz. Und ich bin mir emotional eigentlich viel gewohnt.» Genauso geht’s ihren Arbeitskolleginnen. Letztens sei eine in Tränen vor ihr gestanden, weil gerade ihre Lieblingsbewohnerin verstorben war. «Wir sind alle auf dem Nullpunkt und haben keine Kraft mehr, Arbeitskolleginnen aufzufangen. Alle sind am Anschlag, könnten nur noch weinen. Es ist wie in einem Albtraum. Manchmal komme ich mir vor, als ob ich auf einer Hospiz-Abteilung arbeite. Ich habe es noch nie erlebt, dass so viel Menschen auf einmal sterben.»

Der Krankheitsverlauf sei bei vielen unberechenbar. Manchmal habe man das Gefühl, die erkrankte Person sei über dem Berg, doch dann wird es wieder schlimmer.

Mehr als jede zweite Pflegefachfrau fällt krankheitsbedingt aus

Hinzu kommt, dass ein Grossteil des Personals ausgefallen ist oder der Arbeit fernbleiben muss – nämlich rund zwei Drittel. Viele von ihnen, weil sie positiv auf das Virus getestet wurden, insbesondere auf einer Station. Katja springt derzeit viel ein, übernimmt andere Einsatzschichten als ursprünglich geplant. «Ich weiss vielleicht ein, zwei Tage vorher, wie ich arbeite.»

«Falls eine dritte Welle kommt – ich weiss beim besten Willen nicht, wie das Gesundheitspersonal das stemmen sollte.»

Vorausplanen kann Katja nicht wirklich. Abschalten, das geht auch kaum mehr momentan. «Wir Pflegefachleute rennen dem Virus stets hinten nach, wir geben unser Bestmögliches.» Doch die Situation für die Pflegefachpersonen sei extrem belastend. «Und zu hören, wie man sich für unseren Einsatz bedankt, uns Schokolade gibt – das kann ich nicht mehr hören. Das macht mich nur noch wütend.»

Der Pflegenotstand sei ja nichts Neues. Aber in der Krise zeigt sich dieser nur umso stärker, so Katja. «Falls aber eine dritte Welle kommt – ich weiss beim besten Willen nicht, wie das Gesundheitspersonal das stemmen sollte.»

«Letztens kam ich nach Hause und sagte: ‹Jetzt reicht’s.›»

Einige Pflegefachleute, die in besagtem Zuger Pflegezentrum arbeiten, hätten bereits ihre Kündigung auf den Tisch gelegt. «Und auch ich habe mir schon überlegt, von der Pflege wegzugehen», sagt Katja. «Letztens kam ich nach Hause und sagte: ‹Jetzt reicht’s.›»

Manchmal würde sich Katja einen Job wünschen mit weniger Verantwortung, ein Job, bei dem Fehler und Unterbesetzung weniger Konsequenzen hätten. Aber Katja weiss: Sie würde es bereuen, weil sie den Beruf – trotz der momentanen Zustände – zu sehr liebt.

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2 Kommentare
  1. Beatrice, 25.01.2021, 16:12 Uhr

    Ich kann nicht verstehen warum die Angehörigen nicht bei ihren sterbenden Verwandten bleiben dürfen, und wenn es nicht möglich ist sich zu schützen mit Masken und Kleider dann kann man es ja gleich bleiben lassen.
    Ich finde das skandalös und nur sehr traurig

  2. John, 25.01.2021, 12:40 Uhr

    Wenn man Corona-Panik weglässt, sieht man, dass das nur wenig mit Corona zu tun hat und sehr viel mit den Zuständen in der Pflege und der himmeltraurigen Behandlung der dort Arbeitenden. Diese Zustände sind seit Jahren (wenn nicht Jahrzehnten) bekannt, aber die Verantwortlichen können sich gerade nicht darum kümmern. Sie sind zu beschäftigt damit, sich selber und gegenseitig auf die Schultern zu klopfen zu ihren phänomenal genialen Ideen im Umgang mit der Corona-Krise… Und die Medien wieder: Ein bisschen auf Panik machen („So wütet Corona“), obwohl das Übel damit nur wenig zu tun hat.

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