Zuger Pendlerstau wird weiter zunehmen
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Autos, so weit das Auge blickt: Bis zu 20'000 Fahrzeuge sind täglich auf der Nordstrasse zwischen Zug und Baar unterwegs. Wenn das Unterfeld überbaut ist, werden es noch mehr. (Bild: woz)

Immer mehr Arbeitskräfte pilgern in den Kanton Zuger Pendlerstau wird weiter zunehmen

5 min Lesezeit 07.09.2018, 16:41 Uhr

Knapp vier Millionen Pendler gibt es in der Schweiz, die tagtäglich an ihren Arbeitsplatz fahren. Der Kanton Zug zieht mit die meisten Pendler an, davon die Mehrzahl aus dem Kanton Luzern. Wobei über die Hälfte mit dem Auto nach Zug kommen. Und es werden noch mehr werden. Die Politik jedoch scheint’s wenig zu kümmern.

Laut der jüngsten Pendlerstatistik des Bundes von 2016 weist der Kanton Zug 59’936 Arbeitspendler auf. Das sind rund 1200 Pendler mehr als noch vor zwei Jahren. Davon fahren mehr als 50 Prozent der Zuger Pendler mit dem Auto (siehe Box am Ende des Textes).

Doch diese täglichen Karawanen von Arbeitskräften in und aus dem Kanton Zug bringen Probleme mit sich. Die daraus resultierenden Staus kann man täglich auf der Nordstrasse beobachten – wo der Verkehr morgens und abends im Stop-and-go unterwegs ist. Oder bei Rotkreuz.

«Das Konzept ist nach wie vor zu stark auf den motorisierten Individualverkehr ausgerichtet.»

André Guntern, Alternative – die Grünen Baar

Da stellt sich die Frage, was passiert, wenn weitere Gewerbe- und Wohnquartiere erschlossen werden. Beispielsweise das Unterfeld – das grosse Verdichtungsgebiet zwischen Zug und Baar. Letzten Februar wurde ja bekanntlich das monströse Hochhausprojekt in Blockrandbebauung knapp an der Urne abgelehnt.

Inzwischen hat die Gemeinde Baar ein neues Projekt vorgestellt, das bis 2022 fertiggebaut werden könnte (zentralplus berichtete) – und sogar von den Linken der Alternative – die Grünen in Baar gelobt wurde. Bis auf die Verkehrssituation – die weiterhin Kopfzerbrechen bereitet, weil eben durch den Mehrverkehr, der durch die beiden neuen Baarer Unterfeld-Quartiere generiert wird, der Bypass der Nordstrasse zusätzlich belastet wird. Und auf dieser Strasse sind heute schon bis zu 20’000 Fahrzeuge pro Tag unterwegs.

Noch schlummert das Unterfeld im Dornröschenschlaf: Sobald das Areal zwischen Baar und Zug aber überbaut ist, werden Hunderte neuer Autos die Nordstrasse zur Autobahn und zur Innenstadt belasten. 

Noch schlummert das Unterfeld im Dornröschenschlaf: Sobald das Areal zwischen Baar und Zug aber überbaut ist, werden Hunderte neuer Autos die Nordstrasse zur Autobahn und zur Innenstadt belasten. 

(Bild: woz)

«Noch bleiben Fragen, insbesondere zum Verkehr. Das Konzept ist nach wie vor zu stark auf den motorisierten Individualverkehr ausgerichtet», kritisieren André Guntern und Andreas Lustenberger von der Alternative – die Grünen Baar. Dabei liege das Unterfeld-Süd direkt an der S-Bahn-Haltestelle Lindenpark.

Noch keine klaren Verkehrszahlen im Unterfeld

Doch wie viele Zupendler wird es wohl in Baar und Zug noch durch die Überbauung des Gebiets Unterfeld geben? «Das können wir im Augenblick noch nicht sagen, das hängt davon ab, wie viele Wohnungen gebaut werden und wie viele Büros und Arbeitsplätze im Gewerbegebiet entstehen», sagt Paul Langenegger, Baarer Baudirektor.

«Die im neuen Wohnquartier Unterfeld wohnhaften Pendler werden sich azyklisch verhalten und die heute bestehenden Verkehrsspitzenströme nur unwesentlich mehr belasten.»

Urs Hürlimann, Zuger Baudirektor

Dass es momentan schwer ist, die künftige Mehrbelastung der Zuger Nordstrasse zu kalkulieren, bestätigt auch Zugs Baudirektor Urs Hürlimann.

Punktuelle kapazitätssteigernde Massnahmen

«Zum jetzigen Zeitpunkt ist es absolut unmöglich, Schätzungen zu machen», so der Zuger FDP-Regierungsrat. «Die im neuen Wohnquartier Unterfeld wohnhaften Pendler werden sich jedoch azyklisch verhalten und die heute bestehenden Verkehrsspitzenströme – am Morgen von der Autobahn, am Abend zur Autobahn – nur unwesentlich mehr belasten.» Die Leistungsfähigkeit der Nordstrasse könne zudem durch punktuelle kapazitätssteigernde Massnahmen erhöht werden. Das tönt sehr optimistisch.

So soll die «Bestvariante» des Kantons Rotkreuz vom Pendlerverkehr entlasten: Unten, mit Rot eingezeichnet, sind die neuen beiden Halbanschlüsse an der Autobahn Richtung Gotthard zu erkennen.

So soll die «Bestvariante» des Kantons Rotkreuz vom Pendlerverkehr entlasten: Unten, mit Rot eingezeichnet, sind die neuen beiden Halbanschlüsse an der Autobahn Richtung Gotthard zu erkennen.

(Bild: Grafik: Kanton Zug)

Und wie sieht es anderswo im Kanton Zug mit Pendlerstau-reduzierenden Massnahmen aus? Schliesslich will man beispielsweise in Rotkreuz zwei neue Halbanschlüsse an die Autobahn in Höhe von Buonas bauen, um die Verkehrsspitzen ins Zentrum der neuen Zuger Boomtown aufzusplitten.

Erst vor acht Jahren neu gebaut und schon zugestaut: Rotkreuzer Autobahnzubringer

Dort stehen die Autos bekanntlich jeden Morgen im Stau, wenn sie von der Autobahn Richtung Roche & Co. ins Rotkreuzer Gewerbegebiet fahren wollen. Und das, obwohl der Rotkreuzer Zubringer erst 2010 dem Verkehr übergeben und in gigantischem Masse umgebaut wurde. Schon längst läuft das Fass vor lauter Autopendlern über. 

«Bis jetzt bestehen nur Studien, die als Grundlage für die anstehende Richtplananpassung im Herbst 2018 dienen. Die Planung und Projektierung des Halbanschlusses wird unter Federführung des Bundes erfolgen», sagt Baudirektor Hürlimann. Die beiden Halbanschlüsse sind zwar in der Rischer Bevölkerung sehr umstritten – doch zumindest gibt es im Gegensatz zur Nordstrasse in Baar in Rotkreuz schon Ersatzplanungen, um das steigende Pendleraufkommen abfangen zu können.

Die Visualisierung des Siegerprojekts «Tendenza» in Rotkreuz – der geplanten Fussgängerbrücke ins Gewerbegebiet Suurstoffi.

Die Visualisierung des Siegerprojekts «Tendenza» in Rotkreuz – der geplanten Fussgängerbrücke ins Gewerbegebiet Suurstoffi.

(Bild: zVg)

Bleibt etwa die Frage, was die SBB unternehmen, um den Bahnhof Rotkreuz noch attraktiver zu gestalten. Die geplante Fussgängerüberführung vom Bahnhof ins «Suurstoffi»-Gewerbegebiet wird ja gebaut werden. Damit Pendler, die dort arbeiten, noch schneller im Büro sind.

Und was ist mit den geplanten Perronverlängerungen, damit noch längere Pendlerzüge andocken können? «Nach heutigem Kenntnisstand wird im kommenden Winterhalbjahr eine provisorische Perronverlängerung realisiert, welche nach Umsetzung des Projektes «Zugersee Ost» wieder zurückgebaut wird», sagt Franziska Frey, Mediensprecherin der SBB AG.

Die meisten kommen aus Luzern

Es gibt in Zug mit rund 37’000 Zupendlern, die täglich nach Zug kommen, deutlich mehr Personen als jene rund 18’000 Wegpendler, die von hier morgens zu ihrer auswärtigen Arbeitsstelle fahren (die fehlende Differenz von rund 4000 Personen sind unter anderem Auszubildende).

Mit der Zahl von 37’000 Zupendlern zieht der Kanton Zug neben Basel-Stadt gemessen an seiner Grösse die meisten Pendler aus anderen Kantonen an. Die grössten Pendlermagneten in der Schweiz waren 2016 die Kantone Zürich mit 157’000 Zupendlern, Bern (68’000), Basel-Stadt (65’000), Aargau (55’000) und St. Gallen (50’000).

Der Kanton Luzern zählt übrigens mit rund 36’000 Zupendlern weniger Arbeitsplatzmobilität auf als der viel kleinere Kanton Zug – was die Wirtschaftsstärke des kleinsten Vollkantons der Schweiz eindrucksvoll unterstreicht.

Grund für die Staus ist aber auch: Mehr als 50 Prozent der Zuger Pendler kommen beziehungsweise fahren mit dem Auto an ihren Arbeitsplatz. 

Sprich: Etwas weniger als die Hälfte (46 Prozent) der Zuger, die den Kanton verlassen, um an ihre Arbeits- oder Ausbildungsstätte zu gelangen, benutzen öffentliche Verkehrsmittel (9100), gibt die Zuger Baudirektion Auskunft. Etwas mehr als die Hälfte (53 Prozent oder 10’400 Personen) fahren mit dem Auto oder dem Motorrad.

12’200 Luzerner pendeln jeden Tag nach Zug

Bei den Zupendlern ist der Anteil des öffentlichen Verkehrs wesentlich geringer: Es sind 33 Prozent oder 12’600 Personen. Per Individualverkehr sind dagegen 25’600 Personen unterwegs. Der Fuss- und Veloverkehr hat nur bei jenen Pendlern einen bedeutenden Anteil (25 Prozent), die im Kanton Zug wohnen und auch arbeiten beziehungsweise eine Ausbildung machen.

Übrigens: Rund 12’200 Personen pendeln täglich von Luzern in den Kanton Zug. Etwas weniger kommen aus dem Kanton Zürich (11’100). Zählt man zu Zürich und Luzern die Kantone Schwyz (5600) und Aargau (5600) hinzu, stammen 89 Prozent der Zupendler aus den vier Nachbarkantonen.

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