Zuger Paar macht Geschichte mit historischen Kostümen lebendig
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Beim Reenactment zählt jedes Detail: auch die Frisur. (Bild: Thomas Rauber & Lea Schieback)

Was alte Gewänder mit Corona zu tun haben Zuger Paar macht Geschichte mit historischen Kostümen lebendig

6 min Lesezeit 12.02.2021, 05:00 Uhr

Ein Paar aus dem Kanton Zug macht mit aufwändig rekonstruierten Kostümen die Vergangenheit fassbar. Mit ihrer Leidenschaft zeigen sie auf, dass man aus früheren Zeiten viel lernen kann – auch über Pandemien.

In normalen Zeiten – also einer Welt ohne Corona – wären Lea Schieback und Thomas Rauber jetzt sowohl an Mittelalterevents und geschichtlichen Veranstaltungen in Museen und auf Burgen anzutreffen. In historisch akkuraten Kostümen vom Spätmittelalter bis zur Belle Époque.

Das Paar betreibt Reenactment, stellt also bestimmte historische Szenarien nach – von Alltagssituationen bis zu Schlachten. zentralplus besucht die beiden in Rotkreuz. Das Wohnzimmer gleicht einem kunterbunten Kostümfundus, in der Ecke steht eine Ritterrüstung, daneben hängt ein Schwert und ein Damenkleid aus dem 17. Jahrhundert. Das Paar empfängt uns jedoch in Alltagskleidung – grösstenteils.

Mode von Früh- bis Spät…mittelalter

Thomas Rauber als adrett zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. Mit seiner Weste, Bundfaltenhosen und Schiebermütze sieht der gelernte Typograf und IT-Support einer Regionalzeitung aus, als wäre er auf dem Sprung zu einem Modeshooting. Aber das ist Alltagskleidung, wie er grinsend versichert. «Gewisse Kleider aus den 1930er- und 1940er-Jahren kann man auch heute noch gut tragen», sagt er. «Ich kombiniere gerne und erschaffe so meinen eigenen Stil.»

Für seine Partnerin Lea wäre das schon schwieriger. Vergangene Frauenmode würde in der heutigen Zeit für neugierige – oder eher irritierende – Blicke sorgen.

Geschichte zum Anfassen

Ihre Arbeit als Reenactors erfolgt meistens in Zusammenarbeit mit Museen. Die beiden sind in verschiedenen Reenactor-Gruppen tätig und stellen wahlweise das Spätmittelalter, den 30-jährigen Krieg oder das späte 19. Jahrhundert dar. Je nachdem, was vom Museum erwünscht ist. So bringen sie Besuchern vor Ort die Geschichte auf lebendige Weise näher.

«Für mich ist das Hobby in einen Dornröschenschlaf gefallen.»

Thomas Rauber, Reenactor und IT-Spezialist

Obwohl Schieback und Rauber klar betonen, dass sie mit Reenactment ein Hobby betreiben, nehmen sie die Sache sehr ernst. Mit einem spassigen Verkleidungsevent à la Fasnacht haben ihre Einsätze nichts zu tun. Schieback ist zudem studierte Mediävistin (Mittelalterkundlerin) und arbeitet beim Museum Aargau als Kuratorin und Veranstalterin. Sie erlebt also beide Seiten hautnah mit – auch im Hinblick auf Corona.

Woher die Faszination stammt und wie das Hobby ihren Alltag beeinflusst, erklärt das Paar im Video:

Eine Szene liegt brach

Denn auch hier sorgt die Pandemie für Stillstand – sowohl für die Museen als auch die Reenactors. Als Kuratorin musste Schieback im 2020 viele Veranstaltungen des Museums absagen – und damit auch Darstellern, Händlern und Standverkäufern. «Die ganze Szene liegt brach. Mir tun diese Leute unglaublich leid, denn einige leben davon», sagt Schieback. Die Hoffnungen ruhen jetzt auf einer schnellen Beseitigung des Virus, damit die verschobenen Veranstaltungen wenigstens dieses Jahr stattfinden können.

Konnten die beiden wenigstens die Zeit nutzen, um an neuen Kostümen zu feilen? Ja, findet Lea Schieback. Nein, sagt Thomas Rauber. Während Schieback emsig genäht, gestickt und altenglische Spitzen verarbeitet hat, fehlt Rauber der Druck einer bevorstehenden Veranstaltung. «Für mich ist das Hobby in einen Dornröschenschlaf gefallen. Mir fehlt das Ziel, auf etwas hinzuarbeiten», sagt er.

Faszination seit Jugendtagen

Die Faszination für ihr Hobby begleitet die beiden schon seit Jugendtagen. Während Rauber über Mittelalter- und Fantasyliteratur und eine Impro-Theatergruppe in die weltweit tätige Reenactment-Gruppe Company of Saynte George eingetaucht ist, war es für Schieback der akademische Weg. Während des Studiums als Mediävistin interessierte sie sich immer mehr für die Alltagskultur und die Kostümkunde vergangener Zeiten, was ebenfalls zur Company of Saynte George führte – und damit zu Thomas Rauber.

Es sind verschiedene Epochen, die es dem Paar angetan haben. Vom Spätmittelalter bis zur Mode der 1640er-Jahre und der Zeit der Belle Époque findet sich in den Schränken der beiden allerhand an Kleidung und Requisiten. «Grundsätzlich ist aber jede Epoche spannend», findet Schieback. «Aber es ist halt eine Frage des Geldes, der Zeit und des Platzes», ergänzt Rauber.

Kostspieliges Hobby

Stichwort Geld: «Es ist ein teures Hobby», stellt Schieback klar. Die Arbeit hinter den Kostümen ist in Zeit und Geld kaum aufzuwiegen. Hinter jedem einzelnen Stück steht eine aufwändige Recherche in Archiven, Gesprächen mit Fachleuten und unter Einbezug von Fachliteratur. Schliesslich sollen die Schnittmuster so originalgetreu wie möglich sein.

Das gilt auch für die Stoffe selbst, die oft aus dem Ausland bezogen werden müssen. «Für gewisse Stoffarten gibt es heute nur noch wenige Manufakturen weltweit, die sowas herstellen.» Auf dem Esstisch des Paares liegt ein kleines Päckchen mit filigranen weissen Spitzen für Säume. «Die musste ich aus England bestellen», erklärt Schieback. «Hierzulande stellt das niemand mehr her.» Qualität, die kostet.

In die filigrane Verarbeitung der Stoffe fliessen unzählige Stunden Arbeit. (Bild: cbu)

Der Materialwert von manchen Kostümen liegt bei über tausend Franken – die Arbeitsstunden nicht einberechnet. In manchen Stücken steckt monatelange Arbeit. Gelernt haben die beiden das Schneidern und Nähen im Selbststudium.

Das Konto bestimmt die Menge

Die Auftritte in Museen werden der Gruppe vergütet. Die Gage wird aber in die generelle Ausstattung der Gruppe investiert, damit Zelte, Möbel, Küchengeräte und alles, was man für die Gruppendarstellung benötigt, angeschafft werden kann. Ihre persönliche Ausrüstung berappen die Darsteller vollends selbst. Hier werden den Kostümträumen – je nach Konto – schnell die eigenen Grenzen aufgezeigt.

«Der Wandel der Mode ist aus vielerlei Hinsicht spannend.»

Lea Schieback, Reenactor und Kuratorin Museum Aargau

Als humoristische Randnotiz bringt Schieback noch ein anderes Problem der Szene ins Spiel: «Während des Lockdowns haben die meisten Leute zugenommen – und passen jetzt nicht mehr in ihre Kostüme.» Rauber hat dafür eine Lösung: «Sport oder runterhungern.» Weil einnähen könne man die Einzelanfertigungen in den wenigsten Fällen.

Die Lehren von damals

Die Auseinandersetzung mit der Materie ist auch für die historisch versierten Reenactoren immer wieder aufschluss- und lehrreich. So lernt auch Schieback zunehmend verschiedene Zusammenhänge von damals zu heute. «Der Wandel der Mode ist aus vielerlei Hinsicht spannend», findet Schieback.

«Auch damals gab es verschiedene Trends. Die Vorstellung, dass Leute über mehrere Jahrhunderte gleich gekleidet waren, ist falsch.» Wie sich gezeigt hat, hätten neue Modetrends schon im Spätmittelalter rund alle zwanzig Jahre stattgefunden.

Die Schwarze Pest 2.0?

Und Schieback zieht noch eine andere Parallele von der Vergangenheit zur heutigen Lage: So sei die aktuelle Corona-Situation – zumindest in verhaltenstechnischer Sicht – durchaus mit der Zeit der Schwarzen Pest vergleichbar.

«In beiden Fällen haben Teile der Bevölkerung auf die neuartige Situation mit Angst und Irrationalität reagiert und ihr Heil in verschiedenen obskuren Bewegungen gesucht.»

Gedanklich sind wir von den Mittelaltermenschen also gar nicht so weit entfernt …

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