Zuger Lehrer will Unterricht revolutionieren – mit einem Videospiel
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Stefan Huber erklärt seinen Schulklassen diverse Zusammenhänge auf spielerische Art und Weise. (Bild: Minelearning / Youtube)

Minecraft als Unterrichtsmethode Zuger Lehrer will Unterricht revolutionieren – mit einem Videospiel

5 min Lesezeit 2 Kommentare 17.01.2021, 05:03 Uhr

Videogames in der Schule? Früher undenkbar, heute aber Realität. Ein Lehrer aus Zug hat das Computergame Minecraft in seinen Unterricht integriert und lehrt seine Schüler komplexe Zusammenhänge auf spielerische Art und Weise. Eine Idee, die anfangs auf Skepsis stiess.

In vergangenen Schulzeiten war es das Grösste, wenn der Fernseher ins Klassenzimmer geschoben wurde. Ähnlich muss es heute den Schulklassen an der Sek eins Höfe in Weid, Pfäffikon, gehen, wenn der Zuger Lehrer Stefan Huber den Computer aufstartet. Huber hat eine Unterrichtsmethode entwickelt, in der er das Videospiel Minecraft als interaktive Spielwiese nutzt.

Minecraft ist eine Sensation in der Videospielbranche. Das 2009 erschienene Aufbauspiel gilt heute als das meistverkaufte Spiel aller Zeiten und überflügelt mit über 200 Millionen verkauften Einheiten Klassiker wie Tetris oder das Actionspiel GTA 5. Der Reiz des Spiels liegt in seiner Ziellosigkeit, sagt Stefan Huber gegenüber zentralplus.

Frei gestaltbare Welten

Denn Minecraft bietet dem Spieler eine frei begehbare Welt, die komplett im Klötzchenstil dargestellt wird. Gefüllt ist sie mit verschiedenen Klimazonen, Flora und Fauna. Ob der Spieler nun aus verschiedenen Materialien ganze Städte baut oder sich lieber durch das Erdreich gräbt, in Seen taucht oder ein funktionierendes Schienensystem aufbaut, bleibt ihm selbst überlassen.

Eine Freiheit, die Huber nun für verschiedenste Fächer und Themenbereiche nutzt. In Naturkunde lässt er seine Klasse aktiv einen Vulkan oder Gletscher untersuchen, zeigt naturwissenschaftliche Zusammenhänge auf und versteckt Schrifttafeln mit Erklärungen.

Zum Thema Biodiversität lässt er die Kids beispielsweise virtuell Wölfe ausrotten, was zu einer Überpopulation an Schafen führt, die wiederum Grünflächen kahlfressen. «Die Schüler sehen so direkte Zusammenhänge ihres Handelns», sagt Stefan Huber. Kreativität wird ebenso gefördert wie Zusammenarbeit und kritisches Denken.

Der einfache Klötzchen-Look täuscht: Minecraft ist ein hochkomplexes Spiel. (Bild: Minelearning)

«Der Vorteil ist, dass ich die Welten und ihre Regeln frei programmieren kann», führt der Lehrer aus. Diese Weltenerstellung kann dann auch gut drei Tage in Anspruch nehmen. Dafür kann die Welt aber immer wieder bespielt und genutzt werden – auch von anderen Lehrpersonen.

Corona dämpfte den Erlebnisfaktor

Aber wie kommt man auf die Idee, ein Videogame in den Unterricht zu integrieren? Obwohl Huber schon länger an dem Projekt arbeitete, trägt Corona eine gewisse «Mitschuld».

Denn gemäss Stefan Huber ist die aktuelle Situation für Lehrer keine einfache. «Unterricht mit Masken oder Fernunterricht über den Computer erschwert die emotionale Bindung untereinander.» Die Lage sei für niemanden angenehm, weder für Schüler, noch Eltern, noch Lehrer. Das Unterrichten sei in Corona-Zeiten massiv aufwändiger und komplizierter geworden.

Das hat aber auch Vorteile: «Die Lage hat mich dazu gezwungen, umzudenken, aus meinem Trott auszubrechen und Neues auszuprobieren.» Und ohne Corona hätte er sein Minecraft-Projekt nicht so intensiv vorantreiben können. «Unterricht ist für mich immer ein Erlebnis. In der Corona-Krise fehlt mir dieses Gefühl. Mit der Arbeit an Minecraft konnte ich aber diesen Erlebnisfaktor zurück ins Klassenzimmer – oder an die Bildschirme – holen.»

«Die Schüler legen eine ganz andere Motivation an den Tag.»

Stefan Huber, Lehrer

Überzeugungsarbeit bei Eltern und Kollegen musste Huber nur zu Beginn leisten. «Widerstand gab es keinen – aber Skepsis war vorhanden», so Huber. «Die hat aber nur so lange gedauert, bis die Leute verstanden haben, was ich genau machen möchte.» Viele Leute hätten nach wie vor eine falsche Vorstellung davon, was Videospiele heute bieten.

Das Projekt Minelearning kommt bei der Schule gut an. «Die Schüler legen eine ganz andere Motivation an den Tag», freut sich Huber. Ideal an Minecraft sei auch die breite Verfügbarkeit – das Spiel läuft auf allen gängigen Systemen. Sogar auf dem Handy.

Kreativität, Kollaboration und Sprengstoff

Ganz von der Leine kann er die Schüler allerdings auch nicht lassen. «Sonst bringen sie sich in der Spielwelt gegenseitig um oder machen Konstruktionen von anderen Gruppen kaputt», sagt Huber lachend und fügt an: «Wenn du einen Schüler belohnen willst, gib ihm eine Superkraft oder zehn Blöcke TNT.»

Ausserdem gäbe es immer einen Crack, der das Spiel crasht und umprogrammiert. «Obwohl das ärgerlich sein kann, schätze ich das Out-of-the-box-Denken, das die Schüler dabei an den Tag legen. Das fordert auch mich immer wieder heraus.»

Aber selbst diese Situationen haben ihren Lehrwert. «Man kann mit den Schülern Sozialverhalten besprechen, weil sie im Spiel Dinge tun, die sie in der Realität niemals machen würden.»

National ausgezeichnet

Hubers Projekt hat auch national Beachtung gefunden. So gewann er im November 2020 einen Förderpreis der Stiftung Educreators, die innovative Schulprojekte im Bereich Kreativität und Digitalisierung fördert.

Den Unterricht will Stefan Huber aber nicht komplett in die virtuellen Welten von Minecraft verlegen. «Minecraft ist ein Werkzeug, wie ein Beamer. Es soll nur da eingesetzt werden, wo es auch wirklich sinnvoll ist. Viele Dinge lassen sich nach wie vor einfacher mit einem Arbeitsblatt erklären.»

Gamen als Zukunft im Klassenzimmer?

Künftig will sich Huber voll und ganz auf sein Minecraft-Projekt konzentrieren und nebst Tutorials auch spezifisches Unterrichtsmaterial online stellen. Dafür ist er auch bereit, den Posten als Klassenlehrer vorerst abzugeben. Fachlehrer bleibt er aber weiterhin.

Obwohl Stefan Huber mit Minelearning in der Schweiz neue Wege geht, ist die Idee nicht neu. Im englischsprachigen Raum wird Minecraft Education bereits seit Jahren erfolgreich eingesetzt – wenn auch eher im gestalterischen Bereich, wie Huber sagt. Auch in Schweden, dem Heimatland des Spiels, findet es rege Anwendung in Klassenzimmern. Huber ist zuversichtlich, dass dies auch in der Schweiz möglich ist. «Ich bin überzeugt, dass dieses Projekt eine grosse Zukunft hat.»

Was Minecraft Education genau ist und wie Stefan Huber es einsetzt, siehst du im Video:

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2 Kommentare
  1. Oli, 17.01.2021, 10:19 Uhr

    Ich mache im Moment ähnliche Projekte mit meinen Primarschülern auf Minecraft.
    Sehr inspirierend die Arbeit und das Engagement von Herrn Huber!
    Danke für den tollen Bericht.

    1. Stefan W. Huber, 17.01.2021, 19:59 Uhr

      Danke für das nette Feedback! Super machst du auch was mit den Primarschülern! Würde mich sehr freuen, wenn man sich in Zukunft einmal austauschen könnte. Beste Grüsse

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