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Zuger Kraft will Schweizer AKWs ablösen
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Präsentation des Econimo, entwickelt im Kanton Zug von der Silent-Power AG (Bild: slam)

Methanolkraftwerk ging in Steinhausen ans Netz Zuger Kraft will Schweizer AKWs ablösen

5 min Lesezeit 24.08.2016, 19:48 Uhr

Das weltweit erste Methanolkraftwerk wurde am Mittwoch in Steinhausen vorgestellt. Die Kleinstkraftwerke laufen wie die rund einjährige Entwicklung: in einem Höllentempo, und sollen weltweit alle Brennstoffe ersetzen. Finanziert wird das Vorhaben aus der Region.

Im Kanton Zug wird seit heute offiziell nicht nur mit Methanol experimentiert, sondern auch Strom erzeugt. Ein erstes Pilotprodukt ist bereits realisiert, der «Econimo» (zentralplus berichtete). Die Entwicklerfirma Silent-Power plant, dass durch das dezentrale System auch einzelne Gebäude wie bei der Demonstration mit solchen kleinen Einheiten versorgt werden können. Künstliches Methanol ist die zweitmeist gehandelte Flüssigkeit der Welt, die in vielen Produkten vorkommt, unter anderem in Kosmetika. Produzieren kann man es mittels Erdgas, Benzin, Kohle oder auch Wasser, CO2 und Strom. Bei Silent-Power kann nun nicht nur Strom aus Methanol erzeugen, sondern plant auch umgekehrt Methanol aus Strom selbst produzieren zu können.

Energieeffizienz auf hohem Niveau

Ganz so ungefährlich ist das leichte und als Flüssigkeit handelbare Gas, das relativ leicht synthetisch hergestellt werden kann, aber nicht: Erst vor Kurzem sind drei Personen bei einer Explosion zweier Methanoltanks in den USA ums Leben gekommen. Laut den Entwicklern des heute in Steinhausen im Kanton Zug vorgestellten Methanol-Kleinstkraftwerks sei es aber viel sicherer als beispielsweise Wasserstoff. Seit einem Jahr schon testeten die Silent-Power AG in Zusammenarbeit mit dem lokalen Energieversorger WWZ die Kleinstkraftwerke, um Wärme, Kälte und Strom zu erzeugen und die Witterungsbeständigkeit zu prüfen.

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Im Höllentempo dreht eine Gasturbine einen Generator an, der an einem warmen Tag jetzt schon Strom für rund 3 Haushalte produzieren kann.

Der Transport mit Tankschiffen wie bei Erdöl wäre problemlos möglich gemäss den Entwicklern, und damit auch der weltweite Handel. Auch wenn die Schiffe dann ebenso klimaneutral angetrieben sein müssten, um die Umwelt zu schonen. Nichtsdestotrotz soll gemäss den Entwicklern an einem heutigen warmen Tag mit dem Pilot bereits fast 30 Kw Energie CO2-neutral erzeugt werden können. Nicht ganz ein Hundertstel dessen, was ein typischer Schweizer Haushalt im Mehrfamilienhaus pro Jahr verbraucht, hierzulande sind es täglich fast 10 Kw.

Hohe Dichte in Zug

Auch der weltweit führende Chemiegigant BASF war an der Pressekonferenz mit einer Delegation vertreten. Das wirtschaftliche Interesse und der Drang, First-Mover zu sein, aber auch der Nachholbedarf und der Druck durch bereits geförderte, alternative Energien wie Wasserstoff scheinen gross. Der «Econimo» wurde mit der Unterstützung der Wasserwerke Zug entwickelt, die einen grossen Teil der Infrastruktur zur Verfügung stellt. Gründervater und CEO von Silent-Power AG, Urs A. Weidmann, der seit 1989 in Zug wohnt, wusste bereits vor einem Jahr: «Wir wollten lieber mit einem mittelgrossen Energielieferanten arbeiten mit grösserem Innovationspotenzial und unternehmerischem Denken als mit einem grösseren eher konservativ denkenden Konzern.» 

Methanol M99, dies soll über ein Dutzend heute verwendeter Brennstoffe ablösen, weltweit.

Methanol M99, dies soll über ein Dutzend heute verwendeter Brennstoffe ablösen, weltweit.

(Bild: Silent Power)

Explosive Entwicklung

Der Einbau von Standardprozessoren und -teilen war für die Entwickler beim Pilot noch keine Option. Alles handmade in Switzerland, gezwungenermassen. Standardteile könnten die Kleinkraftwerke in Zukunft bedeutend schrumpfen lassen. In wenigen Jahren wolle man bereits eine ganze Palette auch an kleineren Produkten in Serie schicken. Interesse sei aber jetzt schon international an der Technologie bekundet worden, so Silent-Power-Entwickler Marco Glattfelder, der die Software entwickelt hat, die die bequeme und dezentrale Steuerung der Geräte per Internet ermöglicht.

Auch der Bund soll nach der Inbetriebnahme einer methanolbetriebenen Fähre in der Nordsee bereits wieder Interesse an der Technologie bekundet haben. Erste methanolbetriebene Tankschiffe gingen im April in Betrieb. Im Moment ist Methanol jedoch noch nicht als erneuerbare Energie abrechenbar. Der politische Prozess zur Förderung verspricht keine kurze Angelegenheit zu werden. Die für die Schweiz ungefähr berechneten 30’000 Geräte zu produzieren, dürfte ohne Börsengang realisierbar sein. Für mehr Geräte, zum Beispiel für den geplanten Export nach Deutschland und Österreich, dürfte es ohne Aktionäre aus dem Ausland aber noch nicht reichen.

Drinnen wie draussen sowie mobil soll der Einsatz der Stromerzeuger in Zukunft möglich sein, die Grösse auf einen kleinen Klotz geschrumpft werden können. In der Automobilindustrie haben vor allem Audi, aber auch BMW bereits ordentlich bei Projekten mit Methanol mitgemischt. Es ist CO2-neutral, im Vergleich zu gewöhnlichem Benzin weniger toxisch und es verpufft weniger Energie bei der Erzeugung. Methanol wird aber zurzeit etwas teurer in Rotterdam gehandelt.

Vor allem in Kombination mit Photovoltaik, mit Photosensoren bestückten Wandlern von Strom und Licht, sollen Kleinstformen der Generatoren in Zukunft produziert werden können, zum Beispiel für den Betrieb eines Rasenmähers oder E-Bikes. So lässt Silent-Power die lokalen Investoren auf weltweite Gewinne hoffen. Zug ist in Sachen Photovoltaik kein unbeschriebenes Blatt: Seit einigen Jahren betreibt die V-Zug solche Energiezellen auf einer Fläche von 1600 m2 und einer Leistung von 250 kW. Damit können bereits 217’000 kWh Ökostrom pro Jahr erzeugt werden.

Dezentral und optimistisch

Der Erfolg dezentraler Technologie ist spätestens seit dem Internet bewiesen und hoch im Kurs weltweiter Forschung. Doch ist der Zuger Finanzsektor zu optimistisch? Risikokapital steht jedenfalls momentan bereits zur Verfügung, 90 Prozent kommt aus der Zugerseeregion, weiss Prof. Weidmann. Schliesslich ist die Millionärsdichte hier vergleichbar mit einem schweren Gas: sehr dicht. Er ist leidenschaftlich an diesem Projekt involviert, das seiner Karriere allerdings als Letztes die Krone aufsetzen soll. Umso zielstrebiger werden daher Investoren an Bord gebeten, nicht zuletzt sollen auch Tausende Arbeitsplätze in der Schweiz vom Erfolg abhängen.

Ob einige der lokalen Investoren langfristig investieren oder einen Exit aus der Finanzierung nach dem geplanten Börsengang 2020 erwägen, bleibt die Frage. Fest steht: Die mit Methanol erzeugten Forschungsergebnisse dürften sicher auch international auf breites Interesse stossen. Nicht umsonst wird auch an der ETH dazu geforscht. Die Komplementarität der Technologie mit anderen Energiesystemen lässt jedoch sowieso auf eine helle Zukunft hoffen, erleuchtet auch von Photovoltaikzellen.

Die Ära der «letzten Dinosaurier», der AKWs, sei sowieso absehbar, zeigen sich die Entwickler zuversichtlich. Schliesslich werde schon jetzt das Gebäude im Hintergrund (siehe Bild) an der Sumpfstrasse mit Energie versorgt und dies ohne dass irgendjemand das bemerken würde. Die bestehende Heizung etwa stellt automatisch ab, wenn der Thermostat die mit Methanol induzierte Wärme erfasst, und auch Stromspitzen würden erfolgreich abgefangen.

CEO der Silent-Power AG: Prof. Dr. Urs A. Weidmann. Das Gebäude im Hintergrund wird bereits testmässig mit dessen Strom versorgt.

CEO der Silent-Power AG: Prof. Dr. Urs A. Weidmann. Das Gebäude im Hintergrund wird bereits testmässig mit dessen Strom versorgt.

(Bild: slam)

Wasserwerke Zug auf Kurs

Das Aktienkapital der Wasserwerke Zug WWZ umfasst 5 Mio Franken, die Dividendenzahlung der Namenaktie betrug im Geschäftsjahr 2015 noch CHF 330.–. Erst im Februar hatte das Unternehmen angekündigt, dass die UBS mit ihrem Clean Energy Infrastructure Switzerland KGK 8,68 Prozent des Aktienvolumens der WWZ übernimmt, nachdem in zwei Jahren die Ausschüttung der Dividenden um 22 Prozent gestiegen war.

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