Zuger Kantonsarzt: «Eine Durchseuchung kann nicht das Ziel sein»
  • Politik
Rudolf Hauri, Präsident der Vereinigung Kantonärztinnen und Kantonsärzte der Schweiz (VKS) am 11. November in Zug. (Bild: mam)

Strategie «abmildern statt eindämmen» Zuger Kantonsarzt: «Eine Durchseuchung kann nicht das Ziel sein»

5 min Lesezeit 8 Kommentare 12.11.2020, 12:11 Uhr

Im Kampf gegen die Coronapandemie hat die Schweiz die Strategie gewechselt und setzt jetzt auf Abmilderung statt Eindämmung des Virus. Der Zuger Kantonsarzt Rudolf Hauri erklärt die Idee dahinter und sagt, warum es seiner Ansicht nach keinen zweiten flächendeckenden Lockdown braucht.

Seit einigen Wochen verfolgt die Schweiz im Kampf gegen die Coronaseuche eine neue Strategie. Diese machte Schlagzeilen, weil der Bund sie geheim halten wollte. Erst als ein Mitglied des Chaos Computer Clubs Schweiz sie unter Berufung aufs Öffentlichkeitsprinzip bei der Verwaltung herausverlangte, wurde sie publik.

Die veränderte Strategie reagiert auf die im Herbst sprunghaft angestiegenen Ansteckungszahlen. Bemerkenswert daran ist vor allem, dass bei einer starken Ausbreitung von Covid-19 die Pandemie nicht mehr eingedämmt, sondern nur noch abgemildert werden soll.

Auszug aus dem Strategiepapier.

zentralplus wollte vom Zuger Kantonsarzt Rudolf Hauri wissen, wie die Planänderung zu verstehen ist. Hauri ist seit drei Jahren Präsident der Vereinigung der Kantonsärztinnen und Kantonsärzte der Schweiz (VKS).

zentralplus: Seit dem 22. Oktober gilt die neue nationale Strategie des Bundesamts für Gesundheit (BAG) zur Bekämpfung von COVID-19. Waren die Kantone an Ihrer Erarbeitung beteiligt?

Rudolf Hauri: Die Kantone waren über die Gesundheitsdirektorenkonferenz eingebunden. Drei ihrer Vertreter haben an der Erarbeitung der Strategie mitgearbeitet und Rücksprache mit den Kantonen genommen. Die einzelnen Kantone waren also indirekt beteiligt.

zentralplus: Die Strategie setzt es sich im Fall einer sich ausbreitenden Pandemie nicht mehr zum Ziel, die Seuche einzudämmen (Containment), sondern es geht darum, sie lediglich abzumildern (Mitigation). Was bedeutet das?

Hauri: Das bedeutet einfach, dass man tut, was man kann. Grundsätzliches Ziel bleibt immer die Eindämmung der Pandemie, das Containment. Wenn das aber nicht mehr möglich ist, soll die Ausbreitung des Virus verlangsamt werden, um Zeit zu gewinnen für Massnahmen, die das Gesundheitswesen funktionstüchtig erhalten. Das ist die Idee hinter der Mitigation.

zentralplus: Heisst dies in der Konsequenz, dass man eine Durchseuchung der Bevölkerung ins Auge fasst?

Hauri: Nein, das ist nicht Wesen der Strategie und auch nicht sinnvoll.

zentralplus: Im Kanton Zug mit seinen knapp 130’000 Einwohnern sind derzeit gut 500 Personen infiziert. Wie lange würde es gehen, um eine Herdenimmunität zu erreichen, wenn die Ansteckungszahlen stabil blieben und das Virus nicht nennenswert mutiert?

Hauri: Wenn man von den derzeit rund 50 Ansteckungen täglich ausgeht, dann würde es drei Jahre lang dauern, bis eine Durchseuchung von 60 Prozent der Kantonsbevölkerung erreicht wäre. Drei Jahre, bis man von einer Herdenimmunität sprechen könnte. Das zeigt, warum eine Durchseuchung nicht Ziel der Mitigationsstrategie sein kann.

zentralplus: Das Contact Tracing ist überlastet, ausserdem ist es eine Massnahme, die auf ein Containment abzielt. Warum versucht man es trotzdem aufrechtzuerhalten?

Hauri: Weil man von der Mitigation zurück in Containment will. Auch wenn das vorübergehend nicht mehr möglich ist, so stehen doch die Chancen gut, dass man mit den ergriffenen Massnahmen wieder dazu übergehen kann, die Pandemie einzudämmen. Und dazu ist das Contact Tracing wichtig.

«Weil das Gesundheitssystem immer noch gut funktioniert, braucht es keine Notmassnahmen.»

zentralplus: Es gibt Stimmen, die beim Contact Tracing eine Fokussierung auf die Vergangenheit fordern, um Superspreader und Cluster besser ausfindig zu machen. Es wird dabei aufs Beispiel Japan verwiesen. Ist das so einfach machbar?

Hauri: Das geschieht eigentlich schon mit unserer Form des Contact Tracings. Das Modell Japans wird ins Spiel gebracht, wenn es darum geht, sich beim Contact Tracing ausschliesslich darauf zu konzentrieren, Infektionsherde ausfindig zu machen und alles andere sein zu lassen, wenn die Fallzahlen zu hoch sind.

Das ist aber nicht unsere Absicht. Natürlich sind dem Contact Tracing bei hohen Ansteckungszahlen Grenzen gesetzt, aber wir möchten es möglichst umfassend machen. Eine Fokussierung auf die Vergangenheit ist bei unserer Methode inbegriffen.

zentralplus: Im Vergleich zu den umliegenden Staaten ergreift die Schweiz sehr viel mildere Massnahme im Kampf gegen die Seuche. Lässt sich das Ziel Mitigation statt Containment – ohne Lockdown in vielen Kantonen – vor den Nachbarländern rechtfertigen?

Hauri: Ich meine, epidemiologisch lässt es sich rechtfertigen. Wir haben zwar hohe Fallzahlen, das stimmt. Aber unser Gesundheitswesen ist nicht am Limit. Und weil das Gesundheitssystem immer noch gut funktioniert, braucht es keine Notmassnahmen. Zwar ist die Situation in den Kantonen unterschiedlich und man muss vorsichtig sein, muss die Lage auch genau beobachten. Aber ich finde, die Strategie ist derzeit zu verantworten.

zentralplus: Es fällt auf, dass der Kanton Zug mit einer Positivitätsrate von unter 20 Prozent im Verhältnis viel mehr testet als etwa Freiburg, wo fast jeder zweite Test positiv ausfällt. Warum ist das so?

Hauri: Im Kanton Zug liegt die Positivitätsrate im Moment bei 13 Prozent. Aber in Teilen der Romandie grassiert das Virus stärker als bei uns und die Organisation von Testmaterialien ist eine Herausforderung. Bei uns funktioniert die Organisation, wir haben genügend Tests, daher ist auch die Positivitätsrate niedriger.

zentralplus: Organisiert sich denn jeder Kanton selber seine Laborkapazitäten?

Hauri: Es geht nicht in erster Linie um die Labore, die sind ohnehin übers ganze Land verstreut, sondern um Testsets. Also um Testmaterialen, die vorhanden sein und verteilt werden müssen. Mit welchen Laboren die Kantone zusammenarbeiten, wie die Testcenter genau funktionieren und wie gut die Behörden es schaffen, die Ärzteschaft beim Testen einzubinden, kann auch Auswirkungen haben.

zentralplus: Auf der Homepage der Zuger Gesundheitsdirektion werden die tagesaktuellen Infektions- und Hospitalisierungszahlen zu Covid-19 im Kanton veröffentlicht. Sonst sind alle Statistiken veraltet, die Daten über einen Monat alt. Warum?

Hauri: Weil das Contact-Tracing in letzter Zeit überlastet war und wir keine zuverlässigen Zahlen mehr erheben konnten – zum Beispiel zum Ansteckungsort. Aber die Statistiken werden, so bald es geht nachgeführt.

zentralplus: In der neuen Covid-19-Strategie wird auch die gemeinsame Vorbereitung auf die nächste Grippewelle vereinbart. In Zug gab es vergangene Woche so gut wie keine Grippeimpfungen mehr. Womit kann die Bevölkerung in Zukunft rechnen?

Hauri: Es gibt in vielen Teilen der Schweiz vorübergehende Engpässe. Das kommt fast jedes Jahr vor. Aber man kommt noch an Impfstoff. Einige Praxen haben noch Impfungen. Andere haben Impfstoff bestellt, aber noch nicht bekommen. Im Kanton Zug haben wir eben Grippeimpfungen vom Bund erhalten, die wir nun an die Spitäler verteilen.

Es sind ausserdem für die ganze Schweiz 400’000 Dosen unterwegs und das Bundesamt für Gesundheit konnte weitere 170’000 Dosen bestellen. Es wird also bis Dezember noch viel Impfstoff eintreffen – mindestens wurde uns das so mitgeteilt.

Wenn sich nun jede Einwohnerin und jeder Einwohner der Schweiz gegen die Grippe impfen lassen will, reichen die Dosen sicher nicht aus. Aber wir denken, dass ein grösserer Teil der Bevölkerung sich impfen lassen kann.

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8 Kommentare
  1. Luc Bamert, 13.11.2020, 15:20 Uhr

    Nun haben die sog. Experten nach Contact Tracing, Lockdown, Containment etc. einen neuen angelsächsischen Zauberstab ausgepackt: Mitigation. All diese immer wieder neuen Floskeln, die den Bürgern an den Kopf geschmissen werden, sind nichts anderes als das Eingeständnis des Scheiterns ihrer Massnahmen. Es fällt auf, dass neben den Politikern immer nur Epidemiologen, Virologen und Ökonomen zu Wort kommen, aber fast nie Immunologen, also die Spezialisten fürs Abwehrsystem. Dabei könnten gerade sie erklären, wie man sein Immunsystem stärkt gegen all die Bakterien und Viren, von denen es mehr gibt als Zellen im menschlichen Körper. Also bestimmt nicht: „Bleiben Sie zu Hause!“, sondern: „Gehen Sie an die frische Luft, und zwar ohne Maske!“, „Achten Sie auf Ihre Ernährung, bes. Vitamin D!“ etc.
    Stattdessen haben wir im Kt. Zug Maskenpflicht nicht nur in den oft leeren Läden etc., sondern auch im offenen Ökihof! Nur noch verrückt.

  2. Kasimir Pfyffer, 12.11.2020, 14:31 Uhr

    In der heutigen WoZ ist ein sehr interessanter Artikel erschienen, „Sparen mit Todesfolge“ (frei zugänglich auf der WoZ-Website, Direktlink https://www.woz.ch/2046/coronakrise/sparen-mit-todesfolge ). Dort wird weniger das Bund-Kantone-Hickhack thematisiert als vielmehr der verheerende Einfluss von Economisuisse (Lobbysuisse) auf Regierung und Parlament. Sehr bedenklich und sehr lesenswert.

    1. Andreas Peter, 12.11.2020, 16:55 Uhr

      WOZ ist nur für Linke „lesenswert“.

    2. Kasimir Pfyffer, 13.11.2020, 09:10 Uhr

      Immerhin lesenswert, was ich nicht von allen Kommentaren behaupten kann.

  3. mebinger, 12.11.2020, 12:47 Uhr

    Auch Hauri wird , da er nicht Gott ist, die Durchseuchung nicht verhindern können, geben wir doch endlich diesen sinnlosen Kampf auf. Die Massnahmen sind tausendmal schlimmer als Corona, zerstören, und töten im enormen Ausmass für nichts und wieder nichts. Es hat nun über 10 Monate gedauert, um die Todeszahl 2015 der damaligen Grippe zu übertreffen und die hunderten von Suiziden wegen de Massnahmen sind da nicht einmal berücksichtigt! Vom Leid , den sie verursachen rede ich nicht einmal. Die psychische Schäden dieser dummem und barbarischen Corona-Politik werden uns noch jahrelang verfolgen

    1. Koffee Nut, 12.11.2020, 14:53 Uhr

      Es wäre fantastisch, wenn unwissende und rücksichtslose Personen wie Sie aufhören würden, Gesundheit und Wirtschaft in Frage zu stellen. Wenn Sie der Meinung sind, dass Kontamination die richtige Strategie ist, sollten Sie auf jeden Fall etwas Haut ins Spiel bringen und sich sofort infizieren.

    2. Andreas Peter, 12.11.2020, 16:58 Uhr

      @mebinger: Sie haben vollkommen recht.
      Das Schlimmste ist für mich aber zu sehen, wie sich das Volk manipulieren und spalten lässt.
      Das riecht alles massiv nach Orwell und Huxley.

    3. werner karl schenkel, 23.11.2020, 16:17 Uhr

      Koffe Nut, Sie sollten sich mal etwas mehr bei den Statistiken des BAG informieren und zB nachsehen, dass die Hospitalisationsrate sehr tief ist (nicht so wie die Zeitungen sagen) und die Sterberate pro Tag tümpelt zwischen 2-5 Gestorbenen pro Tag herum. Ist das viel, wenn sonst täglich viel mehr an Herzinfarkt und anderen Krankheiten sterben.

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