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Zuger Kantonsarzt: Der ruhende Pol im Ausnahmezustand
  • Gesellschaft
Zugs Kantonsarzt Rudolf Hauri (links) und sein Stellvertreter Hanspeter Kläy.

Rudolf Hauri wegen Coronavirus im Dauereinsatz Zuger Kantonsarzt: Der ruhende Pol im Ausnahmezustand

5 min Lesezeit 06.03.2020, 04:26 Uhr

In seinen 18 Jahren als Zuger Kantonsarzt hat Rudolf Hauri schon einiges gesehen. Nach Vogel- und Schweinegrippe beschäftigt ihn nun das neue Coronavirus. Zu mehr als zwei bis vier Stunden Schlaf pro Nacht reicht es da nicht mehr.

Rudolf Hauri hört die Musik nicht mehr. Das Radio in der Ecke spielt das «Beste aus den 80ern, 90ern und die Hits von heute». Und keineswegs zu leise. «Meine Ohren schalten sich nur dann ein, wenn gesprochen wird», sagt der 59-jährige Zuger Kantonsarzt. Das Stichwort für seine Ohren lautet «Coronavirus». Als oberste fachliche Instanz muss der Kantonsarzt zwingend auf dem Laufenden sein. Und so informiert sich Hauri auf allen ihm verfügbaren Kanälen.

Entscheidungen im Minutentakt

Genau für Tage wie diese, die von der rasanten Ausbreitung des Coronavirus dominiert sind, hat man Kantonsärzte wie Rudolf Hauri. Er muss Entscheidungen treffen. Wer muss getestet werden? Wer soll unter Quarantäne gesetzt werden? Wer wieder zur Arbeit gehen? Wer kann beim Kampf gegen die Verbreitung des Virus helfen? Und wer nicht?

Rudolf Hauris Smartphone blinkt praktisch konstant, um ihn auf neue Anfragen hinzuweisen. Das tut es momentan zu jeder Tages- und Nachtzeit. Zwei bis vier Stunden Schlaf pro Nacht. So sieht sein Alltag derzeit aus.

Auf Rudolf Hauris Tisch stapeln sich die Unterlagen zum Corona-Virus. (Bild: ios)

Selbst gestandene Ärzte sind verunsichert

Auf Hauris Bürotisch türmen sich Unterlagen, Briefings, Fachartikel, Ordner und diverse vertrauliche Dokumente zur Causa Corona. Auf dem Pult sieht es so aus, wie sich die Lage anfühlt: nach Hektik und Ausnahmesituation. Rudolf Hauri scheint aber die Ruhe selbst zu sein. Das Telefon klingelt. Schon wieder. Hauri schaut sich die Nummer an, wägt die Dringlichkeit ab. Dann legt er das Telefon zurück aufs Pult. «In meiner Position die Ruhe zu bewahren ist zwingend. Die Lage verunsichert selbst gestandene Ärzte. Es ist ein Schutz für das System und auch ein Schutzmechanismus für mich selbst.»

Dieses System wird derzeit auf die Probe gestellt. Als wir Rudolf Hauri an diesem Donnerstagmorgen treffen, haben er und sein Stellvertreter Hanspeter Kläy eine kurze Nacht hinter sich. Zwei weitere Personen wurden positiv auf das Coronavirus getestet (zentralplus berichtete). Soeben ist die Medienmitteilung rausgegangen. Nun jagt ein Termin den nächsten. Kläy und Hauri besprechen die Lage.

Erfahrung und Instinkte zählen

Während Hauri die Repräsentation gegenüber dem Bund und der Zuger Gesundheitsdirektion innehat, steht Kläy mit der «Front» in Kontakt: den behandelnden Ärzten, dem Zivilschutz und allen möglichen weiteren Beteiligten. Ein extra für solche Fälle eingerichtetes Epidemien-Telefon, das Kläy bewirtschaftet, klingelt im Halbminutentakt. Lebt eine möglicherweise infizierte Person wirklich im Kanton Zug oder hat sie nur aus steuerlichen Zwecken einen Wohnsitz hier? Wie kommt der Zuger Reisende aus dem Gefahrengebiet vom Flughafen sicher in die Quarantäne nach Zug? Fragen über Fragen. Hauri und Kläy sollen Antworten liefern.

Kläy kann längst nicht jedes eingehende Telefon sofort entgegennehmen. Wenn er es tut, muss es schnell gehen. In der Zwischenzeit häufen sich die verpassten Anrufe in der Mailbox. «Wir haben keine Zeit, lange über Fälle zu diskutieren. Wir müssen uns auf unsere Erfahrung und die dadurch erworbenen Instinkte verlassen», erklärt Kläy.

Weiteres Vorgehen bleibt vertraulich

«Man muss auch damit leben können, eine falsche Entscheidung getroffen zu haben», fügt Hauri an, während er sich die Jacke überwirft. Von seinem Büro geht es dem See entlang zur Gesundheitsdirektion. Dort trifft sich der «Corona-Stab» des Kantons. Die Leitung hat Regierungsrat Martin Pfister (CVP). Zum Stab gehören neben Rudolf Hauri auch Beatrice Gross, Generalsekretärin Gesundheitsdirektion, Andreas Müller, Leiter Rettungsdienst Zug, Urs Marti, Chef Kantonaler Führungsstab, und Aurel Köpfli, Kommunikationsverantwortlicher Gesundheitsdirektion.

Zugs Kantonsarzt Rudolf Hauri (links) ist ein zentrales Mitglied des kantonalen «Corona-Stabs» von Regierungsrat Martin Pfister (zweiter von rechts). (Bild: ios)

Nun werden die neusten Informationen und Weisungen des Bundes besprochen und die Situation vor Ort analysiert. Es folgt der Moment, in dem der Journalist gebeten wird, das Sitzungszimmer temporär zu verlassen. Das weitere Vorgehen wird besprochen und soll noch nicht an die Öffentlichkeit gelangen.

Rudolf Hauri erklärt es auf dem Weg zurück in sein Büro so: «Es gibt im Moment extrem viele Möglichkeiten, wie sich die Lage weiterentwickeln kann. Wir müssen verschiedenste Szenarien ins Auge fassen und unser Handeln absprechen. Ob irgendeines dieser Szenarien aber auch tatsächlich eintrifft, ist völlig offen. Die Situation kann in einer halben Stunde schon eine komplett andere sein. Alle möglichen Szenarien öffentlichzumachen, schürt nur weiter Angst und bringt absolut niemandem etwas.»

Lungenliga leistet besonderen Einsatz

Zurück im Büro des Kantonsarztes. Hanspeter Kläy ist am Telefon. Der Bildschirm auf Hauris Smartphone leuchtet bereits mit der nächsten Meldung des Bundes auf. «Unsere oberste Priorität liegt bei den Direktbetroffenen. Dass es ihnen gut geht, hat Vorrang vor allem anderen.» Mit allen bisher bekannten Erkrankten telefonierten der Kantonsarzt und sein Stellvertreter persönlich. «Es geht auch darum, ihnen zu zeigen, dass wir sie und ihre Anliegen und Sorgen ernst nehmen.»

Beim Zuger Kantonsarzt findet man noch Exemplare: Medizinale Schutzmasken. (Bild: ios)

Hauri und Kläy betonen, dass die bisher unter Quarantäne stehenden Personen bemerkenswert gut mit der schwierigen Situation umgehen. Dies sei auch der Lungenliga Zentralschweiz zu verdanken. Diese steht in täglichem telefonischem Austausch mit den Betroffenen. Nebst der Aufnahme von medizinischen Daten (Temperatur, Auftreten von Husten usw.) versuchen die Mitarbeiter der Lungenliga die Betroffenen auch mental aufzubauen und zu unterstützen.

Ins Spital statt zum Mittagessen

Zeit für ein Mittagessen bleibt kaum. Der nächste Termin führt Hauri ins Kantonsspital, danach steht eine Besprechung mit der kantonalen Spitexorganisation an. Später am Nachmittag folgt eine Telefonkonferenz mit dem Bundesamt für Gesundheit. Am Abend werden Hauri und Kläy – er ist wieder am Telefon — sich nochmals austauschen.

Die Musik verstummt. Hauri blickt zum Radio hinüber. Die Nachrichtensprecherin verkündet die erste Corona-Tote der Schweiz. Eine 74-jährige Frau ist im Universitätsspital Lausanne verstorben. Rudolf Hauri nimmt es stoisch zur Kenntnis. Der Kantonsarzt muss los, die Arbeit geht weiter.

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