Zuger Gemeinderat kämpft gegen  «dümmste Erfindung»
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Bodenschwellen wie die beim Brüggli-Camping sollen aus Sicht von Mitte-Politiker Benny Elsner verschwinden.

Gefährliche Verkehrsberuhigung Zuger Gemeinderat kämpft gegen «dümmste Erfindung»

5 min Lesezeit 4 Kommentare 13.09.2021, 05:00 Uhr

Bodenschwellen sind seit Jahren ein Mittel, um Verkehrsflüsse zu verlangsamen. Doch vielleicht ist ihre Zeit vorbei. Der Zuger Stadtparlamentarier Benny Elsener findet, sie seien eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit.

«Wer einmal im Behintertentaxi mit einer Person im Rollstuhl gefahren ist, oder wer einmal im Krankwagen auf einer Notfallliege lag, weiss, wovon ich rede», sagt Benny Elsener, Gemeinderat der Mitte Stadt Zug. «Von der dümmsten Erfindung der jüngeren Geschichte.»

Die «dümmste Erfindung» sind für Elsener Bodenwellen oder Bodenschwellen. Die sollen Verkehrsteilnehmer dazu bringen, ihr Tempo zu drosseln. Sie sorgen aber in unschöner Regelmässigkeit auch dafür, dass in Handwerkerautos Kleinteile umherfliegen oder Mitfahrer umhergeschleudert werden. Was im Fall von gehbehinderten Personen oder frisch aus dem Spital entlassenen Patienten ausserordentlich schmerzhaft sein kann.

Ball liegt beim Stadtrat

Daher will Elsener erreichen, dass in Langsamfahrzonen der Stadt Zug ab sofort keine neuen Bodenschwellen realisiert werden. Die seien eine Gefahr für die Sicherheit, findet er. Ein entsprechendes Postulat von ihm wurde vom Stadtparlament überwiesen und liegt nun beim Stadtrat zur Beantwortung.

Elsener hatte Kontakt mit Chauffeuren des Fahrdienst Tixi, die über entsprechende Erfahrungen berichteten. «Während meiner Feuerwehrzeit habe ich mich auch zum Fahrer des Rettungsdienstes ausbilden lassen», erzählt er. Teil des Lehrgangs war es, sich auf die Rettungsliege zu legen, während die Kollegen sachte über Bodenwellen fuhren. So konnte jeder angehende Fahrer nachvollziehen, wie es sich anfühlt – qualvoll.

Einsatzkräfte ausgebremst

Elsener ist passionierter Feuerwehrmann und Ehrenmitglied in der freiwilligen Feuerwehr der Stadt Zug (FFZ). Er war stellvertretender Kommandant der Stützpunktfeuerwehr, der wohl angesehensten Organisation in der Stadt. Als solcher ist er allergisch auf Verkehrshindernisse, die den einrückenden Feuerwehrleuten oder den ausrückenden Einsatzwagen den Weg versperren und wertvolle Zeit kosten.

«Es ist höchste Zeit, die Nachteile von Bodenwellen offen zu legen.»

Benny Elsener, Kantonsrat und Gemeinderat, Die Mitte Stadt Zug

Zeit könne Leben retten. «Temporeduktionen bremsen die Feuerwehr und andere Rettungskräfte aus», sagt Elsener. Der FFZ-Stützpunkt befindet sich an der Industriestrasse, für die im Gefolge der Eröffnung der Tangente Zug/Baar verkehrsberuhigende Massnahmen diskutiert werden. «Es wird aber auch sonst vermehrt über die Einführung von Tempo 30 und Langsamfahrzonen in Zug nachgedacht», sagt Elsener. Daher sei es nun höchste Zeit, präventiv einzugreifen und «die Nachteile offen zu legen».

Bündel von Massnahmen

Bodenschwellen gehören in Zug – wie andernorts – seit Jahrzehnten zum Repertoire der Verkehrsberuhigungsmassnahmen. Ebenso wie künstliche Verengungen der Fahrbahn, Rückbau von Bushaltebuchten, versetzt angelegte Parkplätze oder eine veränderte Verkehrsführung über Einbahnstrassen.

Auch andere Massnahmen sorgen periodisch für Diskussionen. So sind etwa in Luzern oder Bern die Bushaltestellen auf der Strasse, die den Verkehrsfluss bremsen, jüngst wieder zum Thema geworden. Aber im Fall der Bodenschwellen gibt es definitiv Anzeichen, dass ihre Zeit langsam abgelaufen ist.

Elsener hat viele Argumente

Nicht alle Gemeinden setzen in gleichem Masse auf Bodenschwellen. In Zug, wo etwa mit der Löberenstrasse ein besonders langes Strassenstück kostspielig mit Schwellen aufasphaltiert wurde, setzt man auf das Instrument sehr viel stärker als etwa in der Nachbargemeinde Baar. Hier erfüllen anstatt Schwellen Fahrbahnverengungen dieselbe Funktion.

Das ärgert Elsener zusätzlich. Er findet Verkehrsschilder und Bodenbeschriftungen mit der Eigenverantwortung jedes Verkehrsteilnehmers müssen ausreichen, um Verkehrsteilnehmer zum Langsamfahren zu bringen. «Ausserdem kann man über Bodenwellen nicht mit der erlaubten Geschwindigkeit von 30 Kilometern fahren», sagt Elsener. Manchmal sei noch Schritttempo zu schnell.

Die Autos stiessen zudem bei Tempo 30 im Verhältnis mehr Feinstaub aus und die Motoren emittierten auch mehr CO2. «Und als Velofahrer möchte ich lieber von einem langen Lastwagen mit 50 Stundenkilometern überholt werden als mit 30, was unendlich lange dauert», sagt Elsener.

Grüne schimpfen über Schwellen

Aus dem Ausland bekannt sind Bodenschwellen aus Kunststoff, die sehr viel günstiger sind als Aufpflästerungen im Tiefbau. Von denen sind in der Region Zug zwei bekannt. Sie werden mit grossem Abstand am meisten gehasst. Jene beim TCS-Camping am Brüggli trieb reihenweise Grünen-Politiker zu lauten Schimpftiraden im Stadtparlament. Zwar bremsen auch Aufpflästerungen Velofahrer ab. Die Kunststoffschwellen heben aber schnelle Velofahrer besonders unsanft aus dem Sattel – und durch den Camping beim Brüggli verläuft ein nationaler Radweg.

Allen Protesten zum Trotz hält der Stadtrat weiter an den Kunststoffschwellen beim Brüggli fest – die Verkehrssicherheit sei derzeit nicht anders zu gewährleisten, findet er.

«Kommen die endlich weg?» – Bodenschwellen beim Pflegezentrum in Baar.

Ärgernis beim Pflegezentrum

Keine lauten Diskussionen gibt’s über die Kunststoffschwellen, welche sich vor dem Pflegezentrum des Kantonsspitals befinden. «Versuchen sie einmal im Schritttempo über die Schwellen zu fahren, ohne dass der Passagier im Rollstuhl dabei abhebt», sagt Monika Rüegg, Leiterin der Einsatzzentrale bei Tixi Zug. Das sei fast unmöglich.

Vor Ort in Baar fotografieren wir die Schwellen und werden sogleich von Passanten angesprochen. «Kommen die jetzt endlich weg?», fragt einer. Auf die Gegenfrage, warum die Schwellen überhaupt montiert wurden, wenn sie für derartigen Ärger sorgen, lautet die Antwort: «Das weiss niemand so genau.» Fahrer, die Patienten zum Pflegezentrum transportieren, behelfen sich zum Teil, indem sie leer über die Schwellen fahren und ihre Mitfahrer schon vorher aussteigen oder erst danach einsteigen lassen.

Alternative gefunden

Aus dem Kanton Schwyz ist ein Fall bekannt, wo jüngst Bodenschwellen zurückgebaut wurden – und zwar ausgerechnet im Zusammenhang mit einer Erweiterung einer Tempo-30-Zone. Beim Theresianum in Ingenbohl – einer Mittelschule in der Gemeinde Brunnen – bremsten bisher vier Bodenschwellen den Verkehr. Als die Gemeinde beschloss, die Langsamfahrzone um die Schule auszuweiten, wurden sie entfernt. Stattdessen erfüllen neu Fahrbahnverengungen und Baumpflanzungen denselben Zweck.

«Schikanen sind vielleicht nicht in jedem Fall zu verhindern», meint dazu Benny Elsener. «Aber Bodenschwellen müssen weg, so kommen wenigstens kranke und behinderte Menschen schmerzfrei durch den Verkehr.»

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4 Kommentare
  1. mvonrotz, 15.09.2021, 11:23 Uhr

    Eine Bodenwelle sollte nur da eingebaut worden sein wo auf Schritttempo reduziert werden muss. Wenn man dies macht, und die Geschwindigkeit auch eingehalten wird, dann gibt es auch all die aufgeführten Probleme nicht. Wer einmal in Mexico über «Topes» fahren musste findet unsere Schwellen nur niedlich!

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  2. igarulo, 13.09.2021, 16:14 Uhr

    Anstatt Bodenschwellen permanente Überwachung mit Geschwindigkeitsmesser. Das müsste im Zeitalter der Digitalisierung doch kein Problem sein. Beim ersten Mal kommt ein automatisches Mail ins Haus, beim zweiten Mal eine saftige Busse abhängig vom Einkommen.

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  3. Bossert Walter, 13.09.2021, 13:33 Uhr

    Wäre es vielleicht nicht besser, aus diesen Schwellen kein Problem zu konstruieren. Was bezwecken sie: Tempo reduzieren, Unfälle vermeiden.

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  4. smokymale, 13.09.2021, 11:43 Uhr

    Danke Beni Elsener! Bitte durchhalten, diese gefährlichen Schwellen MÜSSEN weg!

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