Zuger Expats leiden häufig an psychischen Störungen
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Die psychiatrische Klinik Zugersee. (Bild: zvg)

Jetzt werden neue Angebote geschaffen Zuger Expats leiden häufig an psychischen Störungen

3 min Lesezeit 3 Kommentare 05.02.2020, 17:28 Uhr

Psychische Probleme passen nicht ins Weltbild der leistungsorientierten Expats. Doch vor allem Anpassungsstörungen und Depressionen sind gemäss einer neuen Studie verbreitet. Nun reagieren Psychiatrien in Zug und Luzern – und schaffen neue Angebote.

Expats sind Menschen, die wegen der Arbeit von einem Land ins nächste ziehen. Es ist ein strenges Leben, weil sich die ganze Familie jeweils alle zwei bis drei Jahre auf eine neue Situation einstellen und das alte Leben hinter sich lassen muss.

Das geht an vielen nicht spurlos vorbei. Das zeigt eine neue Untersuchung, für die 400 Familien befragt wurden. «Die Anzahl psychologischer Probleme in Expat-Familien ist erschreckend hoch», sagte Oliver Bilke, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienste in Luzern kürzlich gegenüber der «NZZ am Sonntag». Er hat an der Studie mitgewirkt, die von Schweizer Psychiatern und Psychologen durchgeführt wurde.

In über 80 Prozent der Fälle habe der Ehepartner keinen Job. Die Zugezogenen seien einsam und sozial isoliert. Auch die Kinder lebten in einer Subkultur fernab der schweizerischen Realität, weil sie internationale Schulen besuchen, so das Ergebnis.

Klassische Rollenverteilung ist verbreitet

Am häufigsten würden Patienten mit Anpassungsstörungen und Depressionen behandelt. Soziale Phobien, Aufmerksamkeitsdefizite, Persönlichkeitsstörungen und Suchterkrankungen würden häufig festgestellt.

Auch gegenüber dem «Regionaljournal Zentralschweiz» äusserte sich Oliver Bilke ausführlich zu dem Thema. «Wir haben in einer Praxis in Zürich und auch in einer Praxis in Baar seit Jahren zunehmend Patienten aus dieser Bevölkerungsgruppe», sagte er. Meistens seien die Eltern zwischen 30 und 40 Jahre alt, sie seien also in einer Lebensphase, in der sie kleinere oder mittelgrosse Kinder hätten.

In der Regel verbringe der Mann sehr viel Zeit mit der Arbeit und die Frau sei mit den häuslichen Fragen beschäftigt. «Die Familien konzentrieren sich stark auf die Arbeit, meistens die des Mannes. Das ist ja auch der Sinn, weshalb sie in die Schweiz kommen», so Bilke.

Internationale Schulen melden Auffälligkeiten nicht

Die Kinder seien meistens in einer internationalen Privatschule, wo man – im Vergleich zu den «normalen» Schweizer Schulen – nicht unbedingt auf Verhaltensauffälligkeiten achte. Auch weil man wisse: Dieser Schüler geht bald wieder. Daher würden Schwierigkeiten oft erst relativ spät erkannt. Oft seien Expats Menschen, die ein hohes Leistungsideal hätten und in deren Weltbild psychisches Versagen, Depression und Konzentrationsschwierigkeiten nicht passe.

«Der typische Ablauf ist der, dass ein Kind auffällig wird durch Schlaf- und Essstörungen, die dem Kinderarzt auffallen», so Bilke. Im klassischen Fall stelle man fest, dass die Mutter sich sehr kümmere, dabei aber auch aufreibe und ihrerseits Depressionen und Erschöpfungssymptome entwickle – und sich der abwesende Vater zu den Besprechungsterminen per Skype zuschalten lasse.

Es braucht flexible Therapeuten

Um die betroffenen Familien besser unterstützen zu können, organisiert die Triaplus AG – die Integrierte Psychiatrie Uri, Schwyz und Zug – in Zusammenarbeit mit der Luzerner Psychiatrie demnächst neue Angebote. Wichtig sind für diese Klientel zügige Termine, flexible Beratungszeiten und Beratungen in unterschiedlichen Sprachen. «Entscheidend ist, dass man einen längerfristigen Therapieplan macht, der auch in einem anderen Land fortgesetzt werden kann», so Bilke.

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3 Kommentare
  1. R. Schweizer, 07.02.2020, 09:43 Uhr

    ‚Zügige Termine, flexible Beratungszeiten’… Ich hoffe, es entsteht keine Vorzugsbehandlung gegenüber der restlichen Bevölkerung; Wartelisten gibt es ja schon in der Psychiatrie. Sonst macht das neue Angebot sicher Sinn. Ich habe selber in verschiedenen Ländern gelebt. Für eine Integration benötigt man immer beide Seiten. Sich den kulturellen und sprachlichen Herausforderungen anzupassen ist einerseits der Kick und die Würze (deshalb gehen/kommen ja viele) andererseits auch einfach eine grosse Herausforderung. Unternehmen sollten sich verpflichtet fühlen, Zielpersonen und ihre Familien vor einer allfälligen Umsiedelung zu beraten, welche Chancen und Herausforderung auf sie zukommen können.

  2. Frank Thiel, 06.02.2020, 18:16 Uhr

    Und wer soll die Expats behandeln, etwa die Expats die aus der gleichen Motivation hier sind? Oder all die billigen Teilzeit-Psychologen welche in den genannten Institutionen vorzugsweise beschäftigt werden? Offensichtlich scheint es für die Ansprüche dieses Klientel keine geeigneten Fachleute zu haben oder man saugt sich ein paar erfahrene, sozialkompetente, mehrsprachige Schweizer Psychiater aus den Fingern.

  3. Alain Freitag, 06.02.2020, 08:03 Uhr

    Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Es klingt danach, dass die Expats selber schuld wären. Die Expats stossen auf Ablehnung bis Fremdenfeindlichkeit. Die Einsamkeit kann ist für viele ein Thema hier. Das ist auch ein Grund für Depressionen.

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