Wegen Lockdown: Bier brauen kommt als Hobby in Mode Zuger Craft-Brauer: «Anlagen werden uns aus den Händen gerissen»

5 min Lesezeit 31.01.2021, 15:57 Uhr

Was tun, wenn alle Beizen coronabedingt geschlossen haben? Viele kochen zuhause. Andere beschränken sich nicht auf die Herstellung von Essen, sondern versuchen sich an Getränken. Davon profitieren zwei Zuger Kleinbrauer, denen der Bierabsatz wegen der Pandemie weggebrochen ist.

Mit Adrian Woerz und Roman Zwicky lässt sich stundenlang über Genuss und über die richtige Kombination von Essen und Getränken diskutieren. Doch seit einigen Monaten steht bei den beiden Zuger Biersommeliers, die seit 2017 mit der Brauerei Eisbock Craftbier herstellen, die Technik im Vordergrund.

Coronabedingt hat das Geschäft mit dem Gerstensaft gelitten. Der Absatz, den Brauereien über die Gastronomie erzielen, ist weggefallen. Braukurse, Führungen und Events, mit denen viele Mikrobrauereien einen Teil ihrer Unkosten decken, finden keine statt.

Stahlbauer sucht passenden Partner

Doch die Eisbock-Brauer haben einen anderes Geschäftsfeld entdeckt: Sie vertreiben Heimbrauanlagen und haben damit grossen Erfolg. «Die Anlagen werden uns fast aus den Händen gerissen», sagt Adrian Woerz.

Das Ganze ist aus einem glücklichen Zufall entstanden. Woerz und Zwicky nehmen mit ihren Spezialbieren gerne an internationalen Bierprämierungen teil. So auch vergangenes Jahr an den World Beer Awards, wo sie für ihr Flaschendesign und ihre Getränke mit mehreren Medaillen ausgezeichnet wurden. Dabei kamen die Zuger mit einem norwegischen Stahlbauer in Kontakt, der angefangen hatte, Heimbrauutensilien anzufertigen und der einen exklusiven Vertriebspartner in der Schweiz suchte, der zu ihm passt.

Europäische Wertarbeit

«Er ist ein Enthusiast wie wir», sagt Woerz. «Er hat irgendwann mit dem Brauen angefangen und kommt nun fortwährend mit neuem Zubehör auf den Markt.» Geplant sei die Auslieferung von Gärtanks. «Dafür haben wir schon über zehn Reservationen», sagt Woerz.

«Ich habe mich sehr lange nach etwas Passendem umgesehen.»

Yves Biland, Heimbrauer, Luzern

Was es den beiden Zugern angetan hat, ist die Qualität der Heimbrauanlagen. «Wir haben unsere eigenen Kreationen auf den Anlagen nachgebraut – und damit die selben Ergebnisse wie mit unserer eigenen Einrichtung erzielt.» Es gebe zahlreiches Zubehör, damit sich die Anlagen mit Geräten und Teilen von andern Herstellern kombinieren lässt, sagt Zwicky. «Und nichts davon kommt aus China – alles ist beste europäische Wertarbeit» beteuert er und reicht uns ein verchromtes Schauglas aus der Anlage, das schwer in der Hand liegt.

Investition lohnt sich

Nun muss man wissen, dass sich gutes Bier schon mit günstigen Anlagen ab ein paar hundert Franken herstellen lässt. Diese erlauben allerdings nur kleine Produktionsmengen und sind mit allerlei nervtötenden Arbeiten verbunden. Wer also öfter sein eigenes Bier herstellen will, ist gut beraten, sich zu überlegen ob sie oder er nicht den Wert eines neuen E-Bikes in eine Anlage wie jene von Eisbock investieren will.

Das hat sich auch Yves Biland gesagt. Der Luzerner, der im Detailhandel arbeitet, experimentierte einst als Teenager mit Brew-Kits. Also mit Fertigmischungen, mit denen sich einfach Partybiere in Pfannen herstellen lassen. Doch Biland wollte etwas Richtiges. «Ich habe mich sehr lange nach etwas wirklich Passendem umgesehen», erzählt er. Die Brewtools-Anlage, die er über Eisbock bezogen hat, «ist etwas vom Besten, das momentan auf dem Markt ist».

Zurück zu den Wurzeln

Biland braut damit klassische englische Ales – modern interpretiert. Immer wieder tauscht er sich mit den Eisbock-Leuten aus. «Der Vertrieb von Heimbrauanlagen ist für uns nicht wegen der Marge interessant», sagt Woerz, «sondern weil so neue Leute mit Eisbock in Kontakt kommen.» Bierenthusiasten aus dem Genfersee-Gebiet oder dem Tessin, Heimbrauer, mit denen Rezepte und Erfahrungen ausgetauscht werden. «So wächst unsere Community», sagt Roman Zwicky. «Und nicht zuletzt gelangen wir dorthin zurück, wo wir selber herkommen», sagt Woerz, der sich selber jahrelang als Heimbrauer betätigte, bevor er sein Hobby zum zweiten Beruf machte.

Ebenfalls als Hobbybrauer angefangen hat Ruedi Blattmann, der in Unterägeri die Mikrobrauerei Blattmann Bier betreibt. Und der die Folgen der Pandemie auch zu spüren bekommt. «Mein Bierabsatz ist um beinahe 80 Prozent zurückgegangen», sagt er. Der ganze Gastro- und Eventbereich falle weg weg, und eine Brauplanung sei praktisch unmöglich geworden. Es bleibe nur der Verkauf über die Rampe und den Getränkehandel.

Rettung in der Krise

Blattmann, der vor seiner Brauertätigkeit in der IT-Branche arbeitete, stellt neben Bier neuerdings auch Whiskey her. Dieser reift allerdings noch bis 2022 im Fass. Aber glücklicherweise ist er auch ein begabter Mechaniker und Konstrukteur, der vieles an seiner eigenen Brauanlage selber gebaut hat. Vor Jahren sorgte Ruedi Blattmann für ein zusätzliches wirtschaftliches Standbein, indem er zusammen mit einem Baarer Unternehmen eine Gegendruckabfüllanlage entwickelte.

Ruedi Blattmann erklärt in einem Video, wie seine Abfüllanlage funktioniert.

Bier in Flaschen abzufüllen, ist eine der Tätigkeiten beim Brauen, die sehr zeitraubend sind. «Mit meiner Abfüllanlage schafft man bis zu 280 Flaschen pro Stunde», sagt er. Von dem soliden Schweizer Produkt, das preislich einem E-Bike entspricht und daher konkurrenzfähig ist, hat Blattmann über die Jahre bereits 110 Stück verkauft. Es bleibe auch in Zeiten von Corona gefragt. «Ich habe Anfragen aus Deutschland, der Schweiz, aber auch den USA», sagt er.

Die Abfüllanlagen werden als Set zum Zusammenbauen verschickt. «Ehrlich gesagt, sind es genau diese Anlagen, die mir jetzt durch die Krise helfen», sagt Ruedi Blattmann.

Bier brauen in drei Sätzen

  1. Zerkleinertes Getreide, in der Regel Gerste, wird im Wasser aufgeheizt, um die Stärke in Zucker umzuwandeln – dann filtert man den Zuckersirup aus der Maische.
  2. Der Zuckersirup wird mit Hopfen gewürzt und gekocht, damit er das Aroma und die Bitterkeit annimmt – anschliessend wird das Gewürz wieder herausgefiltert.
  3. Nun gibt man Hefe bei –  ein Pilz, welcher den Zucker «frisst» und in Alkohol umwandelt.

Nun ist das Bier eigentlich fertig, doch es braucht noch «Blöterli». Heimbrauer erreichen dies am einfachsten, indem sie das Bier in Flaschen füllen, ein wenig Zucker beigeben und das Ganze eine Weile nachgären lassen. Alternativ kann man Kohlensäure aus Flaschen ins Bier drücken – das kostet aber mehr. Für einen abgerundeten Geschmack ruht das Jungbier mindestens zwei Monate.

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