Zuger Berufsschüler fordern Corona-Sonderregel bei Abschlussprüfungen
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Schüler des KBZ sammeln Unterschriften für die Anpassung des Notenreglements. (Bild: bho)

Lehrer und Schulleitung halten dagegen Zuger Berufsschüler fordern Corona-Sonderregel bei Abschlussprüfungen

6 min Lesezeit 15.02.2021, 05:02 Uhr

Am Kaufmännischen Bildungszentrum in Zug kursiert derzeit eine Petition: Die Schülerinnen fordern, dass der Notenschlüssel aufgrund der erschwerten Bedingungen rund um Corona angepasst wird. Bei der Schulleitung stösst der Wunsch auf wenig Verständnis.

Die Zuger KV-Schüler, die im kommenden Frühsommer ihre Lehre abschliessen, tun dies unter merkwürdigen Umständen. Während des vierten Semesters mussten sie nullkommaplötzlich auf Homeschooling wechseln. Nach den Sommerferien ging es zurück in den Unterricht vor Ort, dies jedoch mit Maske. Immer wieder landen Schüler in der Quarantäne und verpassen damit Schulstoff.

Die Bedingungen seien erschwert und diese Ausgangslage, um die bevorstehenden Abschlussprüfungen zu bestehen, sei unfair. Am Kaufmännischen Bildungszentrum Zug (KBZ) kursiert aus diesem Grund eine Petition unter den Abschlussklassen. Diese fordert, dass das Bewertungsraster für die Abschlussprüfungen den Umständen entsprechend angepasst werde.

«Viele Schüler haben während des Homeschoolings den Faden verloren.»

KV-Schülerin

Mehrere Abschlussschülerinnen bestätigen gegenüber zentralplus, dass ein solcher Vorstoss im Umlauf ist. «Es war sehr schwer, sich nach dem ersten Lockdown wieder zurechtzufinden. Viele Schüler haben während des Homeschoolings den Faden verloren», erklärt eine Schülerin. Dass nun wieder vor Ort unterrichtet werde, schätze sie sehr. Nur die Maske, welche sie den ganzen Tag tragen müsse, führe zu regelmässigen Kopfschmerzen.

Ihre Kollegin führt aus: «Seit dem Lockdown letzten März ist mein Notenschnitt etwas gesunken. Und das geht bei weitem nicht nur mir so. Praktisch alle in unserer Klasse schreiben jetzt schlechtere Noten als vor Corona.»

Schlechtere Noten, Nachteile wegen der Quarantäne

Eine solche Tendenz bestätigen auch weitere befragte Schüler. «Leider ist mein Schnitt etwas gesunken im fünften Semester. Um 0,1 Punkte hat es mir deshalb nicht für den prüfungsfreien Übertritt in die Berufsmaturitätsschule gereicht», sagt ein junger Mann, sein Kollege bestätigt, dass es auch ihm so ergangen sei.

Als problematisch sehen zwei weitere Schülerinnen die Quarantäne. Eine der beiden habe erst kürzlich zehn Tage isoliert zuhause absitzen müssen – zum zweiten Mal. «Zwar gibt es einige Lehrer, die ihren Unterricht online übertragen. Aber das sind leider nicht alle.»

Von den rund zehn Befragten haben alle die Petition unterschrieben. Sie finden: Die Bewertung der Abschlussprüfungen soll unter Berücksichtigung all dieser Umstände stattfinden.

Schüler profitierten notentechnisch vom Lockdown

Die Lehrer, die am KBZ unterrichten, sehen die Sache mit etwas anderen Augen. Insbesondere, wenn sie zurückblicken auf die Situation im Lockdown im Frühling 2020. Während dieser Zeit fand der Unterricht auf digitalen Lernplattformen statt.

Sprachenlehrerin Priska Fuchs betont: «Wir haben am KBZ seit 2013 Notebook-Klassen und waren auf die Herausforderungen gut vorbereitet. Innerhalb einer Woche wurden die notwendigen noch fehlenden Tools zur Verfügung gestellt und wir darauf geschult, sodass ein zuverlässiger Online-Unterricht stattfinden konnte.»

Ihr Kollege Stefan Riedler ergänzt: «Da kein Präsenzunterricht stattfand, war es nicht möglich, Prüfungen in ‹klassischer› Form stattfinden zu lassen.» Die Lehrpersonen hätten daher auf alternativen Wegen versucht, aussagekräftige Noten zu generieren. Der Vorstand der Schweizerischen Berufsbildungsämter-Konferenz (SBBK) vom April 2020 habe eine entsprechende, faire Lösung zu finden versucht.

«Ich möchte festhalten, dass die Mehrheit der Lernenden die neue Situation positiv gestaltet hat.»

Stefan Riedler, KV-Lehrer

Die Neuregelung enthielt folgenden Passus: «Falls die Semesternote des zweiten Semesters schlechter ist als jene des ersten Semesters, wird diejenige des ersten Semesters für das zweite übernommen.» Dies habe auch dort gegolten, wo im zweiten Semester keine oder nicht genügend Noten erhoben werden konnten, erklärt Riedler weiter. Demnach habe man durchaus versucht, die «neue Situation» zugunsten der Lernenden zu gestalten. Hiermit sei nur das Verbessern des Notenschnitts möglich gewesen.

«Dazu wurde seitens der Schule Hand geboten und viele Lernende haben diese Gelegenheit wahrgenommen, mit geringem Aufwand an bessere Noten zu kommen oder mit wenig Lerneinsatz tiefe Noten vermeiden zu können.» Riedler führt aus: «Ich möchte festhalten, dass die Mehrheit der Lernenden die neue Situation positiv gestaltet hat.» So sei der Schnitt der Semesterzeugnisse im Sommer 2020 im Vergleich zu den Vorjahren hoch gewesen.

Nachteile für zwei Schülergruppen

«In dieser Situation mag der Unmut der Lernenden begründet sein, denn ab dem Schuljahr 2020/2021 zählen auch wieder die weniger erfolgreichen Noten.» Hiermit sinke der Schnitt, so Riedler. «Zwei Gruppen von Lernenden dürften diese Tendenz schmerzlich wahrnehmen: Einerseits die Engagierten, welche nicht mehr so einfach einen hohen Schnitt halten können, andererseits jene, die während des Lockdowns zu Hause auf kein optimales Lernumfeld zählen konnten.»

Riedler kann in diesem Zusammenhang den Unmut der Lernenden nachvollziehen, da die Noten im Vergleich zum Sommersemester 2020 sinken würden. «Es muss aber klar gesagt sein, dass der Zeugnisschnitt im Sommersemester 2020 aufgrund der vorteilhaften Regelung zugunsten der Lernenden hoch war.»

Angst der Schüler sei unbegründet

Der Lehrer findet die geltende Regelung bezüglich der Abschlussprüfungen als fair. «Nicht zuletzt auch deshalb, weil die Schule aktiv daran arbeitet, mit Zusatzangeboten Lücken zu schliessen.» Alle Lehrpersonen seien sich ihrer Verantwortung bewusst, ihren Lernenden einen erfolgreichen Abschluss zu ermöglichen. Riedler weiter: «Eine erhöhte Durchfallquote bei der Abschlussprüfung ist meiner Ansicht nach nicht zu erwarten.»

«Sicher wird auch von den Lernenden viel erwartet. Es ist für sie nicht leicht, mit der Pandemie umzugehen.»

Priska Fuchs, KV-Lehrerin

Fuchs ergänzt: «Es gab einige wenige Lernende, die im Lockdown den Faden verloren haben und denen es schwerfiel, danach wieder in einen seriösen Lernmodus umzuschalten. Sicher wird auch von den Lernenden viel erwartet. Es ist für sie nicht leicht, mit der Pandemie umzugehen.» Sie relativiert jedoch: «Im letzten Semester wird praktisch kein neuer Stoff mehr vermittelt. Lücken können also problemlos noch geschlossen werden.»

Beide Lehrpersonen empfinden es als unnötig und ungerechtfertigt, würde der Notenschlüssel aufgrund der Lage angepasst werden.

Hansjörg Truttmann, der Schulleiter des KBZ, sieht das ähnlich. «Ich bin der Meinung, die Notenregelungen waren sehr fair und es gibt ausreichend Zeit, sich seriös auf die Prüfungen vorzubereiten.»

«Doch gibt es kein grundsätzliches Recht auf solchen Fernunterricht.»

Hansjörg Truttmann, Schulleiter des KBZ

Zur geschilderten Problematik, dass Schüler wegen allfälliger Quarantänen ins Hintertreffen geraten, sagt Truttmann: «Ich weiss, dass sich alle Lehrer grosse Mühe geben, auch die abwesenden Schüler gut zu betreuen, zum Teil mittels Videoübertragung. Doch gibt es kein grundsätzliches Recht auf solchen Fernunterricht. Im Grunde sind das Absenzen, wie es sie auch gibt, wenn jemand krankheitshalber fehlt.» Ausserdem betreffe eine Quarantäne nur einzelne Schultage, da die Lernenden ja während des Hauptteils der Woche in ihren Arbeitsbetrieben seien.

Notengebung nicht in der Hand der Schulleitung

Dass die Schüler sich mittels Petition gegen das bestehende Prüfungssystem wehren, empfindet Truttmann nicht als Affront. «Es ist eher ein gutes Zeichen. Die Schüler übernehmen Verantwortung.» Dennoch sei er etwas erstaunt, da der Schulleitung bisher kaum negative Rückmeldungen zu Ohren gekommen seien.

Letztlich betreffe jedoch die Forderung in der Petition keine Sache, über welche die Schule selber befinden könne. «Über das Prüfungssystem entscheiden nicht wir, sondern schweizweite Entscheidungsträger», so Truttmann.

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