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Zuger Bäuerin: «Wir spüren viel mehr Wertschätzung»
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Die Familie Steiner hat das Glück, ziemlich weit im «Schilf» zu wohnen. (Bild: wia)

So geht es den Landwirten in der Region Zuger Bäuerin: «Wir spüren viel mehr Wertschätzung»

5 min Lesezeit 04.04.2020, 12:00 Uhr

Bauern sind in der letzten Zeit in ein besonderes Licht gerückt, sorgen sie doch letztlich für die Landesversorgung. Doch auch sie müssen teils umdisponieren. Besuch bei einem überraschten Fleischproduzenten, einem Bauern, der aus Schnaps Desinfektionsmittel macht und glücklichen Landkindern.

Der Hof der Familie Steiner liegt idyllisch, im hintersten Zipfel Baars, nur wenige hundert Meter von der Zürcher Kantonsgrenze entfernt. Ins Dorf hinunter ist es deutlich weiter. Für die drei Kinder, die älteren zwei sind im Schulalter, ist das ein weiter Weg. Dass sie derzeit nicht zur Schule können, findet Alex, der mittlere der drei Söhne, deshalb gar nicht schlimm.

Tatsächlich ist es für die Bauernfamilie, die im Deibüel wohnt, aktuell ein gewaltiger Vorteil, so weit im «Schilf» zu leben. In Kontakt mit Auswärtigen kommen sie kaum, ausser mit den Fussgängern, die am Hof vorbeispazieren. Vorbei an den Geissen, den zurückhaltenden Katzen und den glücklichen Hühnern, die sich unter Bäumen und Büschen gütlich tun. Die Kinder haben hier viel Platz, um sich auszutoben – und natürlich um auf dem Hof mitzuhelfen. Denn obwohl Alex morgens nicht zur Schule muss, steht er um sechs Uhr auf, um dem Vater im Stall zu helfen. Gegen neun Uhr setzt er sich an seine Schulaufgaben.

«Ich habe noch nie von meinen Kindern gehört, dass ihnen langweilig ist.»

Chantal Steiner, Bauersfrau

«Die Schulkinder müssen ein Tagebuch verfassen, seit sie zuhause unterrichtet werden», sagt die Bauersfrau. «Einige Kinder schreiben darin, dass ihnen langweilig sei und dass sie deshalb viel Netflix gucken. Ich habe noch nie von meinen Kindern gehört, dass ihnen langweilig ist», sagt sie.

Von den Problemen, mit denen viele andere Landwirtschaftsbetriebe zu kämpfen haben, spürt man hier kaum etwas (zentralplus berichtete). Weil die Familie einen Milchbetrieb führt, hat man nichts zu befürchten. «Der Bedarf an Milch ist gleich gross wie vorher», erklärt die Bauersfrau. Die Eier, welche die Mutter des Landwirts bei Baarer Haushalten vorbeibringt, legt sie nun einfach in den Briefkasten.

Der Hof der Familie Steiner in Deibüel.

Nicht überall kann spontan umdisponiert werden

Die Kälber werden an den Mastbetrieb gleich nebenan verkauft. Ein Problem für Schweizer Landwirte in der aktuellen Situation ist die Schliessung der Restaurants. Dadurch ist der Absatz von Fleisch generell gesunken. Noch spüren Steiners jedoch noch nichts davon. «Bis jetzt konnten wir die Tiere verkaufen. Die Problematik dabei ist, dass man nicht kurzfristig umplanen kann. Eine Kuh ist ja neun Monate trächtig», so der Landwirt Adrian Steiner.

Eines fällt der Familie in der letzten Zeit ganz besonders auf: «Die Wertschätzung uns gegenüber ist aktuell viel stärker spürbar. Viele Spaziergänger sprechen uns an. Die Leute haben sich zu überlegen begonnen, woher ihre Nahrungsmittel kommen.» Chantal Steiner hofft, dass dieses Bewusstsein auch nach der Krise in den Köpfen bleibt.

Der Fleischproduzent ist positiv überrascht

Wie sieht es bei den Fleischproduzenten aus? Beim Hof nebenan wird in grossen Lettern für «Steiners Fleisch» geworben. Der Landwirt Stefan Steiner erklärt: «In der ersten Woche nach dem Lockdown haben wir eine Woche gar nicht gemetzget, weil wir davon ausgingen, dass unser Absatz ohne die Restaurants einbricht.» Eine unbegründete Angst. «Wir haben jetzt viel mehr Leute, die bei uns direkt Fleisch einkaufen.» Das Defizit aufgrund der geschlossenen Restaurants hebe sich somit wieder auf. «Wir sind selber überrascht», sagt Stefan Steiner schmunzelnd.

Stefan Steiner produziert auf seinem Hof in Baar Fleisch.

Coronakrise meets Frost

Nicht bei allen Landwirtschaftsbetrieben ist die Lage derart entspannt. So etwa beim «Buuregarte» in Hünenberg, der Obst, Beeren und Gemüse anbaut. «Zum einen merken wir den Rückgang der Gastronomie-Bestellungen, zum anderen aber auch, dass viele Firmen vermehrt auf Home Office setzen. Etliche Betriebe beliefern wir mit frischen Früchten», sagt Obstbauer Jonas Boog. Der Hünenberger gibt zu bedenken: «Diese Einbussen treffen uns insofern schwer, da viele kreative Köche und Unternehmer davon betroffen sind. Durch die enorme Flexibilität unserer Mitarbeiter und auch unserer Partner wie etwa die Migros Luzern konnten wir jedoch bis jetzt all unsere Produkte ernten und verkaufen.»

Und abgesehen von Corona? In den letzten Wochen hatten wir kalte Nächte. Wie geht’s den Erdbeeren? Boog sagt: «Die Erdbeeren bei uns sind gut geschützt, daher können sie einiges ertragen. Und die anderen Früchte, welchen die Kälte zu schaffen macht, blühen dagegen noch nicht.» Kollegen, welche Steinobst anbauen, hätten jedoch bereits erhebliche Schäden erlitten.

Der Hotzenhof leidet massiv

Ein Hof, der die Krise deutlich zu spüren bekommt, ist der Hotzenhof in Baar. Neben dem Anbau von Obst und Beeren hat sich dieser insbesondere auf Events fokussiert. Und diese können bekanntlich nicht mehr stattfinden.

Viele Menschen, insbesondere ältere, halten sich in der aktuellen Krise fern von den Lebensmittelgrossverteilern, besuchen jedoch rege die Hofläden. Dass dort der Verkauf sehr gut läuft, bestätigt Hotz: «Doch es ist ein ‹defür und dewider›. Zwar verzeichnen wir deutlich mehr Kunden im Hofladen, doch werden fast nur Grundnahrungsmittel gekauft.» Das sei bedauerlich, da sich der Hof insbesondere auf Schnäpse und Wein spezialisiert habe. «Diese bleiben momentan im Regal stehen.»

Oder sie werden zu Desinfektionsmittel umgewandelt. Hotz sagt: «Der Schweizer Brennerverband hat vor einiger Zeit alle Produzenten angeschrieben und angefragt, ob man Desinfektionsmittel herstellen wolle. Seither machen wir das. – Auch wenn wir dafür guten Alkohol abwerten müssen.»

Der Hofmärcht der Familie Hotz läuft gut. Doch werden primär Grundnahrungsmittel gekauft.

Gute Brände wurden zu Desinfektionsmittel

Konkret müssen dafür fertige Brände «von bester Qualität» herhalten. «Das tut zwar etwas weh, doch weil es den Menschen ein Anliegen ist, ist das der richtige Entscheid.»

Saisoniers hat man auch im Hotzenhof angestellt. Weil diese jedoch just in dem Moment eintrafen, bevor die Grenzen geschlossen wurden, hat man aktuell keinen Personalmangel. «Im Gegenteil. Ich hatte heute schon fünf Anfragen von Leuten, die gerne auf dem Hof helfen würden. Ich spüre da eine sehr grosse Solidarität», sagt Philipp Hotz.

Erst im Juni brauche es wieder mehr Erntehelfer. «Dort greifen wir jedoch eher auf Leute aus der Region zurück.» 

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