Zuger Afghane: «Für Frauen ist es eine Katastrophe»
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Der in Baar wohnhafte Hamidullah Ali ist in Afghanistan aufgewachsen. (Bild: Daniela Kienzler, Facebook/@milenio)

Enttäuschung und Wut über die Taliban-Übernahme Zuger Afghane: «Für Frauen ist es eine Katastrophe»

5 min Lesezeit 17.08.2021, 20:00 Uhr

Die Szenen in Afghanistan sind schockierend. Die Taliban haben innerhalb von wenigen Tagen die Macht an sich gerissen. Und werfen das Land um 20 Jahre zurück. Der Afghane Hamidullah Ali (27) lebt seit fünf Jahren im Kanton Zug und ist vor allem eines: bitter enttäuscht.

Vor fünf Jahren ist Hamidullah Ali mit seiner Frau aus Afghanistan in die Schweiz geflüchtet. Und er hat eine besondere Integrationskarriere hingelegt (zentralplus berichtete). Heute wohnt der 27-Jährige mit Frau und Kind in Baar, studiert an der Hochschule Luzern und hat einen afghanischen Kulturverein gegründet.

zentralplus: Was geht in Ihnen vor, wenn Sie die Nachrichten über Afghanistan sehen?

Hamidullah Ali: Für mich und wohl die ganze Welt ist es ein Schock. Alles, was in Afghanistan passiert, geht so unglaublich schnell. Es ist auch sehr enttäuschend. Was wir in den letzten 20 Jahren erlebt und erreicht haben punkto Demokratie, Frauenrechte, Menschenrechte, Kinderrechte – das fällt jetzt alles wieder um 20 Jahre zurück. Wir stehen nun wieder da, wo wir vor 20 Jahren waren.

zentralplus: Sie sind seit Dezember 2015 in der Schweiz. Seither haben sie eine aussergewöhnliche Integrationskarriere hingelegt (zentralplus berichtete). Vor 20 Jahren waren Sie in Afghanistan und noch ein Kind. Woran erinnern Sie sich?

Ali: Meine Erinnerungen an die Taliban sind gar nicht gut. Ein Beispiel: Jungs und Mädchen durften nicht gemeinsam spielen. Wir hatten ständig Angst vor den Taliban. Wenn sie auf unseren Spielplatz kamen, sind wir sofort nach Hause gerannt. Wir durften nicht einmal Fussball spielen, es hiess, das sei nicht islamisch genug.

Die Menschen hatten Angst. Sie waren in der Nacht auf dem Dach und beobachteten, ob die Taliban zu einem Haus gehen. Wir durften keine Musik hören oder machen. Nicht mal an den Hochzeiten. Das kommt nun alles zurück. Viele Menschen-, Kinder- und insbesondere Frauenrechte werden dem afghanischen Volk nun wieder weggenommen.

«Unter den Taliban müssen Frauen das machen, was Männer sagen»

zentralplus: Das wird sich im Alltag wohl überall zeigen.

Ali: Ja, nur schon, wenn man sich innerhalb des Landes bewegen will. Ich erinnere mich, dass wir immer eine Unterschrift der Taliban benötigt haben, um mit dem Auto von A nach B zu fahren. Es gab so viele Checkpoints innerhalb von Afghanistan, innerhalb einer Provinz. Man wurde überall kontrolliert. Es gab keine Reisefreiheit.

Besonders schlimm wird es nun für die Frauen. Vor 20 Jahren durfte eine Frau nur in Begleitung eines Mannes das Haus verlassen. Sie durften weder arbeiten noch studieren. In den letzten 20 Jahren haben sie sich so viele Rechte erkämpft, nun werden sie von niemandem mehr unterstützt. Besonders für Frauen ist es eine Katastrophe. Unter den Taliban müssen sie das machen, was Männer sagen. Womöglich kontrollieren sie jedes Haus und schauen, ob es noch Mädchen gibt, die noch nicht verheiratet sind.

zentralplus: Stehen Sie mit Ihrer Familie/Bekannten in Afghanistan in Kontakt? Wie geht es ihnen?

Ali: Alle meine Verwandten sind nach wie vor in Afghanistan, aber ich habe mit einigen seit Jahren keinen Kontakt mehr. Sie haben die Taliban bereits einmal erlebt, nun werden sie sie nochmals erleben. Viele meiner Verwandten leben draussen in kleinen Provinzen ohne Zeitung und Internet, sie wissen gar nicht, was genau geschieht.

Mit anderen, auch Freunden, kann ich momentan telefonieren. Sie sind alle sehr verunsichert und ängstlich, was die Zukunft bringt. Im Moment getrauen sich viele gar nicht aus dem Haus. Sie warten ab, was nun passiert. Oder haben die Hoffnung, dass andere Nationen zu Hilfe eilen.

zentralplus: Können sie sich ein Leben unter den Taliban überhaupt vorstellen?

Ali: Ich kenne niemanden, der unbedingt weg will. Einige hoffen, dass zum Beispiel die kanadische Regierung hilft und vielleicht sogar mit dem Hubschrauber die Menschen aus dem Land holt. Weil, im Moment können sie gar nicht weg. Viele Grenzen und Flughäfen wurden von den Taliban übernommen, darum wissen meine Verwandten nicht, ob sie überhaupt rauskommen würden. Im Moment warten sie vor allem ab.

zentralplus: US-Präsident Joe Biden, der für den Rückzug der Truppen stark kritisiert wird, schiebt die Schuld an Afghanistan ab. Die politische Führung und die Armee hätten das Land im Stich gelassen.

Ali: Es ist eine Sache der Politik. Amerika hatte die Macht, etwas zu verändern. Aber sie haben einfach einen Vertrag unterschrieben, die Armee wieder aus Afghanistan abzuziehen. In den letzten 20 Jahren hätten sie überprüfen können, ob die afghanische Armee genügend ausgerüstet und ausgebildet ist, um sich gegen die Taliban zu wehren. Aber sie wurde nicht wirklich überprüft.

«Die afghanische Regierung und die Verbündeten haben den Taliban praktisch den roten Teppich ausgerollt.»

zentralplus: Die USA sind also schuld?

Ali: Würde ich so nicht sagen. Nicht nur für die Amerikaner, auch für andere Armeen aus anderen Kontinenten mag es nach einer guten Entscheidung ausgesehen haben, die Truppen abzuziehen. Aber ich kann es nicht verstehen. Es gab schon genug Regeln, die die Taliban in der Vergangenheit nicht eingehalten haben.

Die afghanische Regierung und die verbündeten Nationen haben schliesslich gemeinsam das Land verkauft. Schon in den letzten Monaten mussten Provinzen aufgegeben und den Taliban überlassen werden. Es gab viele Beispiele, wie die Regierung gegen diejenigen kämpft, die sich gegen die Übernahme der Taliban zur Wehr gesetzt hatten. Die afghanische Regierung und die Verbündeten haben den Taliban praktisch den roten Teppich ausgerollt.

zentralplus: Was kann die Schweiz tun, um zu helfen?

Ali: Es gibt hier viele Organisationen, die sich für Frauen- und Menschenrechte einsetzen. Die Schweiz kann diese Organisationen fragen: Wie sicher seid ihr, dass Afghanistan nicht wieder ein Haus von Terror wird? Dass nicht Tausende in den Kämpfen ihr Leben verlieren? Und Frauen ihre Rechte?

Gemeinsam mit diesen Organisationen kann die Schweiz helfen. Wie auch andere Nationen kann die Schweiz den Menschen Asyl geben, die gerade am Flughafen Kabul sind oder aus dem Land fliehen.

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