Zuger Afghane bangt um Frau und Kind
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Mohammad Emamzai plagen derzeit viele Sorgen. (Bild: wia)

Ehevertrag ist in der Schweiz nicht gültig Zuger Afghane bangt um Frau und Kind

7 min Lesezeit 5 Kommentare 27.08.2021, 05:00 Uhr

Die dramatische Situation in Afghanistan betrifft einige Zuger sehr direkt – zum Beispiel Mohammad Emamzai. Der 27-Jährige macht sich grosse Sorgen. Seine Ehefrau und sein Kleinkind stecken derzeit in Kabul fest. Der Familiennachzug stellt sich als ziemlich kompliziert heraus.

Mohammad Emamzai schläft nur noch schlecht. Zu viel Kummer überschattet das Leben des gebürtigen Afghanen derzeit. «Mir fällt es derzeit schwer, mich bei der Arbeit zu konzentrieren», erklärt er bei einem Gespräch mit zentralplus. Der Grund: «Meine Frau und mein Kind leben derzeit in Kabul. Ich möchte sie in die Schweiz holen, denn ich habe Angst um ihr Leben. Doch bisher waren meine Bemühungen umsonst.»

Emamzai ist ein Vorzeigebeispiel einer gelungenen Integration. 2012 kam der damals 18-jährige Analphabet allein in der Schweiz. Noch im Asylzentrum realisierte er, wie wichtig es für seine Zukunft ist, gut Deutsch zu lernen, worauf er die Sprache täglich für sich übte. Zudem motivierte er mit einer eigenen Facebook-Seite tausende andere Menschen, Deutschübungen zu machen (zentralplus berichtete). Wenig später erhielt er eine Lehrstelle und schloss die Ausbildung als Bäcker erfolgreich ab. Heute arbeitet er in der Migros Unterägeri als stellvertretender Abteilungsleiter Food.

Als erwerbstätiger Mensch mit einer Aufenthaltsbewilligung B sollte der Familiennachzug theoretisch möglich sein. «Das Problem ist, dass ich keinen in der Schweiz gültigen Ehevertrag vorweisen kann.» Er führt aus: «Ich habe 2019 in Afghanistan geheiratet, als ich dort in den Ferien war.» Gemäss Staatssekretariat für Migration sind Reisen ins Ausland für Personen mit einer ständigen Aufenthaltsbewilligung (Permis B oder C) ohne Einschränkungen möglich.

Das Pièce de Résistance: Ein fehlender Eheschein

Es handelte sich um eine arrangierte Ehe im selben Dorf, in dem Emamzai aufgewachsen war, in der Provinz Parwan nördlich von Kabul. «Für Schweizer klingt das seltsam, doch in Afghanistan ist es durchaus üblich, dass Eltern über die Ehepartner ihrer Kinder entscheiden.» Er erzählt weiter: «In ländlichen Gebieten ist es hingegen nicht Usus, dass die Ehe schriftlich bestätigt wird.»

Bereits nach der Hochzeit hätte Emamzai seine Frau gerne in die Schweiz gebracht. «Doch damals, so kurz nach meiner Ausbildung, hatte ich noch nicht genug Geld, um uns beide durchzubringen. Darum wollte ich erst Geld sparen, um meiner Frau ein Leben in der Schweiz zu ermöglichen. Ich will schliesslich nicht vom Sozialamt abhängig sein», betont der 27-Jährige. Und er arbeitete hart, teilweise sieben Tage in der Woche, stand fünf Tage in der Migros und darauf zwei Nächte in der Backstube.

Trotzdem bemühte sich Emamzai, den Eheschein nachträglich ausstellen zu lassen. Weil er während seinen Ferien jeweils nur einige Wochen in Afghanistan bleiben konnte, reichte die Zeit jedoch nicht aus. «Der ganze Ablauf mit den afghanischen Behörden dauert etwas, ausserdem muss der Eheschein ins Englische übersetzt werden, was wiederum länger braucht», sagt Emamzai.

Eine von fünf Zeugen unterschriebene und vom afghanischen Staat anerkannte Ehebescheinigung wurde daraufhin in Emamzais Abwesenheit erstellt. «Diese wurde vom Amt für Migration in Zug jedoch nicht akzeptiert.»

Mit der Geburt seines Sohnes wird das Thema aktueller

Grund, warum der Familiennachzug für Emamzai 2020 dringlicher wurde: Die Geburt seines Sohnes im Januar vor eineinhalb Jahren. «Mein Sohn soll in einem sicheren Land aufwachsen und eine Ausbildung machen können. Nicht so wie damals in meinem Dorf, wo die meisten nur zwei Jahre zur Schule gehen konnten.»

Kurz vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie reiste Imamzai ein weiteres Mal nach Afghanistan. Und blieb dort aufgrund der Situation mehrere Monate stecken. «Ich hatte Glück, dass mein Arbeitgeber sehr verständnisvoll ist», sagt er. «Doch finanziell war das natürlich schwierig.» Wäre es denn nicht möglich gewesen, sich den Eheschein in dieser Zeit in Kabul zu besorgen? «Theoretisch ja. Bloss befand sich auch Afghanistan damals in einem strengen Lockdown. Alles war geschlossen und man durfte kaum raus.»

«Natürlich mache ich mir Sorgen um alle, doch weiss ich, dass es illusorisch ist, meine ganze Familie in die Schweiz zu bringen.»

Im Juni dieses Jahres reiste Emamzai erneut nach Kabul, um seine Familie zu besuchen. «Da konnte ich zwar die Erstellung des Ehescheins in die Wege leiten, doch fehlt mir auf dem Dokument noch ein Stempel. Jener des Aussenministers. Das Problem ist, dass es kein Aussenministerium mehr gibt, seit die Taliban an der Macht ist.»

Nicht nur Emamzais Frau und Kind sind in Kabul. Auch seine schwerkranke Mutter und sein Bruder leben dort. «Natürlich mache ich mir Sorgen um alle, doch weiss ich, dass es illusorisch ist, meine ganze Familie in die Schweiz zu bringen», sagt er.

Emamzai fürchtet um die Sicherheit seiner Familie

Zwar finden seine Familienmitglieder derzeit in einem Haus Schutz, doch bezweifelt Emamzai, dass sie dort sicher sind. «Die Taliban machen, was sie wollen. Wenn sie glauben, dass irgendwo Geld zu holen ist, brechen sie dort einfach ein. Auch töten sie willkürlich Menschen. Sie sagen zwar, sie wollen nun gemässigter sein, doch glaube ich nicht daran.»

Mohammad Emamzai fürchtet sich davor, dass die Taliban von seinem Wohnort in der Schweiz erfahren. «Ich habe Angst, dass sie meinen Sohn oder meinen Bruder entführen, um dann Lösegeld zu fordern. In ihren Augen sind alle reich, die in einem westlichen Land leben.»

«Die Menschen werden hungern müssen.»

Zudem ist der 27-Jährige überzeugt, dass die Kommunikation mit seiner Familie bald schwierig wird, da Stromversorgung und Internetzugang instabil werden könnten. Ausserdem sei allein in den letzten Wochen alles viel teurer geworden, von Prepaid-Handykarten bis hin zu Lebensmitteln. «Die Menschen werden hungern müssen», so seine finstere Prognose.

Ungleiche Spiesse beim Familiennachzug?

Der gebürtige Afghane fühlt sich ungerecht behandelt: «Ein afghanischer Kollege von mir konnte anfangs Woche seine Frau und sein Kind mittels Evakuationsflug in die Schweiz und damit in Sicherheit bringen. Weil er selber mitgereist ist, hat das ohne Visum funktioniert. Und ich versuche es bereits seit über einem Jahr und komme nicht weiter.»

Eigentlich hatte Emamzai geplant, Ende August erneut nach Afghanistan zu fliegen. «Ich müsste mich um meine Mutter kümmern und ihr Medikamente bringen. Das ist jetzt natürlich ausgeschlossen.» Er gibt zu bedenken: «Was, wenn die Taliban meiner Familie etwas antut? Wenn meine Familie nicht mehr lebt, ist mein Leben auch nichts mehr wert.» Aufzugeben ist keine Option. Emamzai plant darum, so oft bei den betreffenden Ämtern vorstellig zu werden, bis sich eine Lösung abzeichnet.

Das Zuger Amt für Migration konnte die Fragen von zentralplus aufgrund des laufenden Verfahrens nicht beantworten. Doch gibt der Amtsleiter zu bedenken, dass die Situation bezüglich Afghanistan zurzeit recht unübersichtlich sei.

Das rät das Schweizerische Rote Kreuz

Das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) gilt derzeit als erste Anlaufstelle für Betroffene wie Mohammad Emamzai. Jeweils Dienstag- und Donnerstagnachmittags werden telefonisch Fragen beantwortet. Die Medienverantwortliche Ursula Luder empfiehlt Emamzai im spezifischen Fall, sich an die kantonale Rechtsberatungsstelle zu wenden.

Immer wieder wird im Zusammenhang mit der prekären Lage in Afghanistan vom sogenannten humanitären Visum gesprochen. Luder erklärt: «Dies ist ein Instrument, das der Bund eingesetzt hat für Personen, die aktuell, individuell, ernsthaft und konkret an Leib und Leben gefährdet sind. Es ist ein Instrument, welches Personen, die gefährdet sind, Zugang zu internationalem Schutz ermöglicht.»

Angesichts der aktuellen Situation in Afghanistan wäre es eine pragmatische Option für besonders gefährdete Personen, da es direkt aus Afghanistan keinen Zugang zu Resettlement, also einer dauerhaften Umsiedlung, gäbe und auch die Möglichkeit, direkt um Asyl zu ersuchen, nicht existiert. «Ein humanitäres Visum muss normalerweise persönlich vor Ort auf einer Schweizer Vertretung beantragt werden. Für Afghanistan ist dies momentan möglich in den Vertretungen in Pakistan und Iran.»

Das Problem: Aktuell ist es äusserst schwierig, überhaupt aus Afghanistan auszureisen. Aus diesem Grund fordert das SRK, dass das Staatssekretariat für Migration auch schriftliche Gesuche für humanitäre Visa entgegennimmt. «Zudem ist bei der Erteilung von humanitären Visa das Kriterium eines engen und aktuellen Bezugs zur Schweiz pragmatisch anzuwenden. Für besonders verletzliche Angehörige von in der Schweiz wohnhaften Personen sind humanitäre Visa zu erteilen.»

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5 Kommentare
  1. Richard Scholl, 28.08.2021, 18:40 Uhr

    » die Menschen werden hungern».. Ja, in Afghanistan werden zu rund einem Drittel die Ackerflächen für Mohnanbau, sprich Kokain, Heroin, für den Export bebaut. Ein schweizerisches Tabu.

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  2. Vincent, 27.08.2021, 14:47 Uhr

    – Er kam in 2012 in der Schweiz und wahrscheinlich später als Flüchtlinge aus Afghanistan anerkannt wurde. Wenn er mehrere Reisen nach Afghanistan genommen hat, in Prinzip sind diese illegal gewesen (als Früchtlinge mit laisser-passer Visum)
    – “Er fühlt sich ungerecht behandelt…”. Ehrlich? Die zwei Fälle Sing unvergleichbar : sein Kollege war in situ und hat alle Ehepapier in Ordnung (und vielleicht hat seine Frau etwas für die Schweiz oder NGO dort gearbeitet)

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  3. Martin, 27.08.2021, 11:44 Uhr

    Was ich nicht verstehe ist, wie es möglich ist nach der Flucht immer wieder an den Ursprungsort zurück zu reisen.
    Ist eine arrangierte Ehe aus dem selben Dorf tatsächlich ein «Vorzeigebeispiel einer gelungenen Integration»?

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  4. Onlyone, 27.08.2021, 10:52 Uhr

    Gelungene Integration? Ernsthaft? Eine arrangierte Ehe, mit einer Frau, die er kaum kennt, ist also in Ordnung bei uns? Solche Bräuche haben in der Schweiz nichts verloren. Der ist überhaupt nicht in der Schweiz integriert, im Kopf ist Er noch im Mittelalter.

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  5. Onlyone, 27.08.2021, 10:47 Uhr

    Nennt man so etwas nicht eine Zwecksehe (Scheinehe), wenn sich Mann und Frau kaum kennen, und der Hauptgrund die Einwanderung ist?

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