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«Zug würden noch zehn bis zwölf weitere Hochhäuser gut tun»
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Bauforum-Präsident Thomas Baggenstos findet, dass Hochhäuser das ehrliche Gesicht von Zug zeigen. (Bild: woz)

Interview mit Bauforum-Präsident Thomas Baggenstos «Zug würden noch zehn bis zwölf weitere Hochhäuser gut tun»

7 min Lesezeit 1 Kommentar 04.09.2017, 05:48 Uhr

Hochhäuser sorgen für Emotionen. Fast fünf Stunden lang haben Politiker jüngst im Stadtzuger Parlament um das Hochhausreglement gestritten, das jetzt an die Urne kommt. Bauforum-Präsident Thomas Baggenstos erklärt in einem Interview, warum er den jetzigen Entwurf fragwürdig findet. Aber auch, warum Hochhäuser eigentlich typisch für Zug sind.

zentralplus: Herr Baggenstos, hat es in Zug inzwischen nicht zu viele Hochhäuser?

Thomas Baggenstos: Nein, es gibt nicht zu viele Hochhäuser in Zug. Hochhäuser haben in der Stadt ja auch eine lange Tradition. Das erste Zuger Hochhaus, das gegenüber der V-Zug 1956 von Walter Flueler an der Baarerstrasse 122 gebaut wurde, ist etwa zehn Jahre nach den ersten Hochhäusern in der Innenstadt von Zürich errichtet worden und war bereits elf Stockwerke hoch. 1965 folgte dann der «Glashof» von Fritz Stucky an der Baarerstrasse 43.

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zentralplus: Aber Zug ist doch nicht New York, sondern immer noch eine Kleinstadt mit rund 30’000 Einwohnern. Wie kommts, dass nun plötzlich Hochhäuser wie Pilze aus dem Boden schiessen?

Das charakteristische Uptown-Hochhaus neben der Bossard-Arena.

Sehr klobig: Das Uptown-Hochhaus bei der Bossard Arena.

(Bild: mbe.)

Baggenstos: Zug war lange eine in ihren Stadtmauern eingeschlossene Stadt. Blockrandbebauungen, wie sie im 19. Jahrhundert für wachsende Städte typisch waren, fehlen in Zug weitgehend. Als die Stadt Zug dann im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs in den 50er-Jahren schnell zu wachsen begann, geschah das mit den modernen Typologien Scheibenhaus und Hochhaus. Die Hochhäuser, die heute gebaut werden, sind quasi die Erben dieser Zeit.

zentralplus: Und wie war das etwa zum Vergleich in Luzern?

Baggenstos: In Luzern ist das ganz anders gewesen. Da lebte man lange in der Altstadt, dann folgte ab dem 19. Jahrhundert die Ausdehnung in die Neustadt mit grossen Blockrandbebauungen wie sie etwa für Barcelona typisch sind. In Luzern hat die Hochhaustypologie nicht die gleiche Tradition wie in Zug.

zentralplus: Historische Stadtentwicklung in allen Ehren. Man könnte doch aber auch ganz ketzerisch sagen, Zug hat einfach so viele Hochhäuser, weil die Stadt als Steueroase viel Kapital generiert hat, und andererseits die Bodenpreise so teuer geworden sind, dass Hochhäuser die einzige Möglichkeit für die Stadt sind, weiter zu wachsen und zu verdichten…

Bauforum Zug fördert gute Architektur

Das Bauforum Zug versteht gutes Bauen als Beitrag zur Lebensqualität im Kanton Zug. Es hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, gutes Bauen aktiv zu fördern. Das Bauforum Zug pflegt dazu den erfoderlichen kritischen Dialog, ist offen für interdisziplinäre Zusammenarbeit und sucht den Kontakt zur Öffentlichkeit. Dem Verein gehören Fachpersonen aus der Bauwirtschaft an. Im Regelfall wird als Mitgliedschaft eine Tätigkeit als Architekt, Ingenieur, Fachplaner, Raumplaner oder Landschaftsarchitekt mit Wohn- oder Geschäftssitz in Zug verlangt.

Baggenstos: Hochhäuser sind nicht die wirtschaftlichste Form der Bebauung. Und Hochhaus bedeutet auch nicht per se Verdichtung. Vielleicht ist aber das Bild der Stadt mit einer Ansammlung von hohen Volumen, welche entlang der Nord-Süd-Achse gesetzt sind, ein sehr ehrliches, wenn es darum geht, nach aussen hin den internationalen Rohstoffhandelsplatz zu zeigen. Das Bauforum Zug kann sich diese authentische Stadtentwicklung mit weiteren, präzis gesetzten Hochhäusern sehr gut vorstellen.

zentralplus: Nach dem Motto: das einstige arme Fischerdorf hat seine Hütten verlassen und residiert nun in noblen Skyscrapern. Und trotzdem gefallen nicht allen die Hochhauskulissen in Zug – was schon allein die fast fünfstündige Streiterei im Grossen Gemeinderat ums Hochhausreglement bewiesen hat, das nun auch noch vors Volk muss. Warum also sorgen Hochhäuser für so viele Emotionen in Zug?

«Hochhäuser sind weitum sichtbare Landmarks.»

Thomas Baggenstos, Architekt und Präsident von Bauforum Zug

Baggenstos: Vielleicht, weil Hochhäuser stets weitreichende räumliche Konsequenzen haben. Denn Hochhäuser prägen ja nicht nur unmittelbar den Ort, an dem sie gebaut werden. Auch die Thematik des Schattenwurfs auf die Nachbarschaft ist wichtig. Vor allem wirkt sich die Silhouette von Hochhäusern viel raumgreifender aufs Stadtbild aus – und zwar in dreidimensionaler Weise. Hochhäuser sind weitum sichtbare «Landmarks». 

zentralplus: Wie meinen Sie das?

Baggenstos: Das merkt man etwa, wenn man von Allenwinden aufs Tal in Zug runterschaut. Da gibt es Hochhäuser, die stehen dimensionslos und städtebaulich unmotiviert in der Landschaft – wie etwa das Uptown. Andererseits gibt es wohlproportionierte Hochhäuser wie das an der Baarerstrasse 125 oder das vom Obstverband, die sich harmonisch in die Stadtlandschaft integriert haben.

So schlimm wird's wohl nie kommen: Die ironisch inspirierte Hochhaus-Vision von Zug, wie sie der Baarer Architekt Franz Hirt unter dem Titel «Zug Vision B 2070» entworfen hat.

So schlimm wird’s wohl nie kommen: Die ironisch inspirierte Hochhaus-Vision von Zug, wie sie der Baarer Architekt Franz Hirt unter dem Titel «Zug Vision B 2070» entworfen hat.

(Bild: zvg)

zentralplus: Das heisst, viele Leute regen sich nicht zuletzt über Hochhäuser auf, weil es eben gute und weniger gute, beziehungsweise störende und prägende Hochhäuser in Zug gibt?

Baggenstos: Das ist sicher ein Stück weit so. Wobei wir als gute und eishockeybegeisterte Zuger für das Uptown auch dankbar sein müssen, weil sein Bau immerhin die neue EVZ-Bossard Arena ermöglichte. Natürlich sind auch der Ort, an dem ein Hochhaus in Zug steht und künftig stehen können soll, sowie dessen Höhe und Grundfläche zentral für die Wirkung eines solchen Gebäudes.

zentralplus: Womit Sie indirekt das neue Hochhausreglement ansprechen, das nun vor die Urne kommt. Was kann dies tatsächlich bewirken, um den Zuger Wildwuchs in Sachen Hochhäuser einzudämmen?

«Eine Reihe von 80-Meter-Gebäuden entlang der Baarerstrasse würde der Stadt nicht gut tun.»

Baggenstos:  Das Hochhausreglement in seiner ursprünglichen Form ist von der Verwaltung und dem Stadtrat mithilfe von Fachleuten professionell konzipiert worden und war in sich sehr schlüssig. Dem Reglement, das nun nach der Lesung im GGR als Vorlage für die Abstimmung an der Urne kommt, wurden leider einige Zähne gezogen (zentralplus berichtete).

zentralplus: Will heissen?

Baggenstos: Vor allem die vom GGR vorgenommene Änderung, dass der Baarerstrasse entlang mit Ausnahme von drei präzis gewählten Kreuzungspunkten nun nicht nur 60 Meter hohe Gebäude, sondern durchgehend Hochhäuser mit einer Höhe von bis zu 80 Metern gebaut werden können, tut der Stadt nicht gut. Die Höhenbegrenzung von 60 Metern, wie sie notabene die Hochhäuser Glashof, Obstverband und Baarestrasse 125 aufweisen, zeigt sich als gut austariert und für die angrenzenden Wohnquartiere östlich der Industriestrasse als gut verträglich. Eine Reihe von 80-Meter-Gebäuden entlang der Baarerstrasse würde diesen Rahmen sprengen.

Eine verrückte Vision des Bauforums Zug in Sachen Hochhäusern in Zug: Die Copacabana am Zugersee.

Eine verrückte Vision des Bauforums Zug in Sachen Hochhäusern in Zug: Die Copacabana am Zugersee.

(Bild: zvg)

zentralplus: Und was ist noch nicht gut am vorliegenden Hochhausreglement?

Baggenstos: Zusätzlich sehr fragwürdig ist die Aufhebung der Beschränkung für die Grundflächen-Quadratmeterzahl. Im ursprünglichen Entwurf wollte man diese auf 600 Quadratmeter pro Hausgrundfläche begrenzen. Nun sollen auch grössere «Fussabdrücke» für Hochhäuser erlaubt sein. Damit ist es möglich, dass in Zukunft weitere unproportionale Volumen wie das Uptown gebaut werden können. Damit bei einer maximalen Höhe von 60 Metern aber gut proportionierte Volumen entstehen, wäre eben diese Begrenzung der Grundfläche sehr wichtig.

zentralplus: Sollen die Zugerinnen und Zuger also das Hochhausreglement an der Urne ablehnen?

Baggenstos (lacht): Ich dachte mir, dass Sie mich das fragen würden und habe mir heute Nacht deshalb überlegt, was ich darauf antworten soll.

zentralplus: Ich hoffe, Sie haben trotzdem gut geschlafen…

Baggenstos: Für mich steht inzwischen fest: Besser ein verwässertes Hochhausreglement annehmen als es komplett ablehnen. Denn dafür ist das Reglement einfach zu wichtig. Im Gegensatz zum heute gültigen Hochhausleitbild erhalten die Behörden ein für Eigentümer und Bauherren verpflichtendes Instrument, welches es ihnen ermöglicht, die gebotene Qualität einzufordern. Die Hürden, um ein Hochhaus zu planen und zu bauen sind nach wie vor sehr hoch. Unterm Strich geht es ja nicht nur um einzelne Hochhäuser, die gebaut werden dürfen oder nicht, sondern um die Zukunft der Zuger Städteplanung.

«Zug würden durchaus noch zehn bis zwölf weitere Hochhäuser gut tun.»

zentralplus: Der Baarer Architekt Franz Hirt hat vor Jahren eine ironisch-satirische Fotomontage angefertigt, auf der er Zug im Jahr 2070 so darstellt, dass sich hinter der historischen Häuserzeile am See eine gigantische Skyline wie in Chicago oder in Hongkong auftut. Quasi als verbildlichter Exzess der Steueroase. Wird es jemals so weit kommen in Zug?

Baggenstos: Nein, das ist nicht realistisch. Wobei auch das Bauforum Zug vor vier Jahren ähnliche Visionen von Zug entwickelt und in vier Ausstellungen im Kanton Zug gezeigt hat. Trotzdem bin ich der Überzeugung, dass der Stadt Zug durchaus noch zehn bis zwölf weitere Hochhäuser gut tun würden. Am besten entlang der Baarerstrasse – die in Zug jetzt schon beispielhaft und gelungen das moderne Zug atmet. Dieser breite Strip, welcher schnurgerade die beiden Zentren von Zug und Baar verbindet, würde durch weitere präzis gesetzte Hochhausvolumen noch mehr an städtebaulicher Qualität gewinnen und hätte das Potential als Symbol für das neue, weltoffene Zug zu stehen.

Die «Downtown»-Frankfurt-Vision am Zugersee.

Die «Downtown»-Frankfurt-Vision am Zugersee.

(Bild: zvg)

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1 Kommentare
  1. Michel Ebinger, 04.09.2017, 18:58 Uhr

    Und wo bleibt die Lebensqualität? immer dichter, immer grösser, immer schneller, das Gegenteil wäre der bessere Weg!