Der Stadttunnel soll unter anderem an der Neugasse in Zug für Entlastung sorgen. Wie reagiert das Gewerbe?
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Der Stadttunnel soll unter anderem an der Neugasse in Zug für Entlastung sorgen. Wie reagiert das Gewerbe? (Bild: pbu)

Vor der Abstimmung zum Stadttunnel «Zug wird für Gewerbetreibende unattraktiv»

5 min Lesezeit 3 Kommentare 16.04.2015, 10:50 Uhr

In zwei Monaten wird in Zug über den Bau des Stadttunnels abgestimmt. Der Abstimmungskampf ist längst lanciert und schwappt jetzt auch aufs Gewerbe über. Dort sorgen indes nicht nur die immensen Baukosten für Diskussionen.

Nachdem der Zuger Kantonsrat Ende Februar beschlossen hat, das Schicksal des Stadttunnels dem Volk in die Hände zu legen, ist nun Wahlkampf angesagt (zentral+ berichtete). Die Parteien haben ihre Parolen gefasst, Verbände und Quartiervereine haben sich positioniert. Wie aber sieht die Stimmung in den Geschäften aus? Welche Ängste und Hoffnungen werden von Geschäftsinhabern mit dem Bauvorhaben in Verbindung gebracht?

Ein erster Beleg dafür, dass der Wahlkampf auch im Gewerbe Einzug gehalten hat, findet sich – in Form einer Broschüre – schon nach kurzer Suche. «Genau hinschauen beim Stadttunnel-Projekt», mahnt ein entsprechendes Schriftstück, für dessen Existenz das parteiunabhängige Komitee «Stadttunnel – Nein Danke» verantwortlich zeichnet.

«Mit Kanonen auf Spatzen schiessen»

Eines der Geschäfte, in welchem jene Broschüre prominent aufliegt, ist die Buchhandlung Schmidgasse an namensgleicher Strasse im Vorstadtquartier. Deren Inhaberin, Susanne Giger, nutzt die Broschüre, um Ihren persönlichen Standpunkt unmissverständlich klar zu machen.

«Der Standort Zug wird für Gewerbetreibende unattraktiv.»

Susanne Giger, Inhaberin Buchhandlung Schmidgasse

Zu hohe Kosten, zu geringer Nutzen, Problemverschiebung und bauliche Fragen seien hinreichende Gründe, um sich gegen das Projekt auszusprechen.

«Das Bauvorhaben ist ein überdimensionierter Lösungsvorschlag für ein Problem, welches, wenn überhaupt, nur in geringem Masse besteht. Man will mit Kanonen auf Spatzen schiessen», echauffiert sich Susanne Giger. Mobilitätsbelange müssten grundsätzlich anders angegangen werden, eine innovative und zukunftsträchtige Verkehrsplanung sei gefragt.

Nachteil für das Gewerbe

Umgestaltung der Zuger Innenstadt

Bahnhof, Postplatz, Casino – geht es nach den Befürwortern des Stadttunnels, steht die gesamte Zuger Innenstadt vor einer umfassenden Umgestaltung. Der geplante Tunnel soll nicht bloss den städtischen Verkehrsfluss optimieren, sondern zugleich die Gebiete Bahnhof/Vorstadt, Neu- und Altstadt aufwerten und diese gezielt erschliessen. ZentrumPlus nennt sich das Projekt. Ein Plus an Attraktivität? Plus im Sinne einer Standortoptimierung? Oder ein Plus im Sinne einer Kostensteigerung für städtische Gewerbetreibende?

Ausserdem stelle der Stadttunnel für das Gewerbe im betroffenen Gebiet mitnichten einen Mehrwert dar, meint die Buchhändlerin weiter. «Es würde Schaden davontragen, nicht in erster Linie durch das Ausbleiben auswärtiger Kundschaft, sondern vor allem durch die Aufwertung des entsprechenden Stadtteils.»

Das ZentrumPlus würde zu einem Anstieg der Mieten führen, ist Susanne Giger überzeugt. «Der Standort Zug wird für Gewerbetreibende unattraktiv, darunter leidet die Vielfalt, weil sich insbesondere junge Gewerbewillige die hohen Mietpreise nicht mehr leisten können.» Ein Plus an Attraktivität, ein Minus für den Gewerbestandort.

Nach mathematischer Regel resultiert daraus ein Minus – auch für Einwohner und Besucher der Stadt Zug, welche, so Giger, infolge der negativen Auswirkungen auf das Gewerbe ebenfalls Attraktivitätseinbussen in Kauf nehmen müssten. Ein ZentrumPlus ohne Gewerbevielfalt sei keine attraktive Vorstellung, sagt die Buchhändlerin.

Problemverschiebung

Abgesehen davon, dass die kurzen Staus zu Stosszeiten für die Stadt Zug grundsätzlich ein eher marginales Problem darstellten, würde der Verkehr durch den Stadttunnel nicht reduziert. Er würde vielmehr bloss in die Aussenquartiere umgewälzt werden, sagt Giger. Das sei eine Problemverschiebung in den Umkreis des Stadtzentrums.

«Das ist keine zeitgemässe Lösung für das Mobilitätsproblem. Die Befürworter wählen den falschen Ansatz. Auch die Verkehrsteilnehmer stehen in der Pflicht und müssen umdenken», propagiert Giger. Zudem dürfe der ÖV nicht durch Sparmassnahmen beeinträchtigt, sondern müsse gestärkt und ausgebaut werden.

Ein Projekt für die Zukunft

Eine solch geballte Ladung Kritik gegenüber dem Tunnelprojekt verlangt nach einer Gegenstimme. Eine davon ist Walter Speck, Mitinhaber der Confiserie Café Speck und Co-Präsident des überparteilichen Komitees ZentrumPlus. Er setzt sich für ein Ja zum Stadttunnel ein. Die Argumente der Gegner lässt er nicht gelten: «Der Stadttunnel ist ein zukunftsorientiertes Projekt, da es ihn auch in Zukunft brauchen wird.»

«Der Detailhandel funktioniert dort, wo Menschen sich wohlfühlen.»

Walter Speck, Mitinhaber Confiserie Café Speck

Angestrebt werde ein möglichst verkehrsarmes Stadtzentrum mit Platz für den Langsamverkehr. Es spiele keine Rolle, wie die Fahrzeuge in Zukunft angetrieben werden oder ob die Fahrzeugauslastung mittels begrüssenswerten Carsharings verbessert würde – um das Stadtzentrum vom Durchgangsverkehr, der auch zukünftig bestehen würde, zu entlasten, sei der Bau des Tunnels unumgänglich, ist Speck überzeugt.

Vorteil für das Gewerbe

Der Cafetier sieht Vorteile und Chancen für das städtische Gewerbe, denn nur an Orten, an denen sich die Menschen wohlfühlten, könne der Detailhandel funktionieren. Das beziehe sich auch auf Geschäfte, die ums Überleben kämpfen. «Es wäre toll, wenn die Stadt mit dem ZentrumPlus so attraktiv würde, dass wieder neue Verkaufsflächen geschaffen werden und die bestehenden Läden ihre Umsätze steigern könnten.»

Speck prophezeit einen markanten Anstieg der Aufenthaltsqualität in der Stadt, was mit einer längeren Verweildauer der Besucher in Zug einherginge. «Sollten bestehende Geschäfte verdrängt werden, ist dies für die Betroffenen sicher unschön, es ist aber auch ein gewisser Qualitätsnachweis für die Stadt.»

Walter Speck koppelt ein Ja zum Stadttunnel an folgende Ergebnisse: verbesserte Erreichbarkeit durch ein zielgerichtetes Verkehrssystem, erhöhte Standortattraktivität durch gesteigerte Sicherheit und Sauberkeit sowie eine damit einhergehende Qualitätssteigerung für Kultur und Tourismus.

Der Nutzen rechtfertigt die Kosten

Denjenigen Gegnern des Projekts, die befürchten, dass die Zuger Innenstadt zu einer Hochpreisinsel wird, hält Speck ein anderes Szenario entgegen. Man könne davon ausgehen, dass die Nachfrage nach Ladenlokalitäten künftig infolge einer Zunahme des Onlinehandels sinken werde.

«Wenn man die Steigerungsraten im Onlinehandel anschaut, kann es auch sein, dass eine gegenteilige Entwicklung in den nächsten Jahren stattfinden wird und die Vermieter froh sein werden, wenn sie Mieter finden.» Das Ergebnis wären günstige Ladenlokale an einem attraktiven Standort.

Angesprochen auf die Kosten des Bauvorhabens, meint Speck: «Günstig ist das Projekt sicher nicht. Der vorgesehene Kostenverteiler ist aber fair und überzeugt.» Dies vor allem deshalb, wie er betont, weil zwei Drittel der Kosten mit der temporären Erhöhung der Motorfahrzeugsteuer und der Entnahme aus dem Strassenfonds gedeckt würden.

Abstimmung im Juni

Noch haben beide Seiten etwas Zeit, die Bevölkerung von ihren Ansichten zu überzeugen. Die Argumente stehen, doch Unklarheiten bleiben. Insbesondere die Auswirkungen vom geplanten ZentrumPlus auf das städtische Geschäftsleben scheinen schwer kalkulierbar zu sein, was die ambivalente Stimmung im Gewerbe widerspiegelt. Bliebe das Plus ein Plus in jeder Hinsicht, oder würde dessen Vertikale bröckeln und in bestimmten Belangen ein Minus zurücklassen? Das letzte Wort haben die Zuger.

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3 Kommentare
  1. Martin Stuber, 17.04.2015, 23:35 Uhr

    Liebe Susanne
    Ich schätze Dein langes Engagement als Buchhändlerin und Politikerin sehr. Aber bei der Abstimmung über den Stadttunnel bist Du dabei, Dich zu verrennen.
    Kennst Du die Altstadt von Schaffhausen? Die ist autofrei und lebt – und wie! Dank einem Umfahrungstunnel. In Zug gibt es auch keine andere Möglichkeit, die Autos aus dem Stadtzentrum zu verbannen. Nur mit einer radikalen Massnahme schaffen wir ein für die Menschen lebenswertes und für das Gewerbe attraktives Stadtzentrum. Ich will mir nicht vorstellen, dass Du das nicht auch möchtest und ich kann schlicht nicht nachvollziehen, wie Du zur Aussage kommst, wir hätten eigentlich gar kein Problem mit dem Verkehr im Stadtzentrum???
    Ich nehme an, dass Du weisst, dass die Stadt Zug, in deren Grossem Gemeinderat Du sitzt, vom Kanton alle Strassen im Perimeter von Zentrum Plus übernehmen wird. Gratis. Die Stadt bestimmt dann, was mit dem Zentrum Plus passieren wird. Auch Du.
    Stattdessen legst Du einen Flyer auf, der von ziemlich peinlicher bis zum Teil übler Machart ist. Ich schäme mich als Linksgrüner, dass ein wesentlich von Leuten aus meinem politischen Umfeld mitgetragenes Komitee sowas produziert.
    Gruss
    Stubi
    P.S.: In Schaffhausen wurden soeben vom mehrheitlich bürgerlichen Stadtrat weitere Parkplätze in der Altstadt aufgehoben. Sie sind auf den Geschmack gekommen. Wieso sollte das bei uns anders sein?

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  2. René Schmid-Bill, 17.04.2015, 08:56 Uhr

    Sicher ist der Stadttunnel ein Projekt für die Zukunft und auch für das Gewerbe und den Detailhandel in der Stadt. Das ansteigen der Mieten und die Verknüpfung mit der Pauschalbesteuerung ist für mich nicht ganz schlüssig. Als «Heimweh Berner» habe ich die Diskussion zum Autofrei erklären der Innenstadt bereits erlebt! Damals haben alle in der Innenstadt gelegenen Geschäfte über mangelnde Kundenfrequenz mit dem Auto geklagt. Herausgekommen ist es ganz anders in Bern! Dies ist auch die Generationen Chance für die Stadt Zug. Darum kann ich das Votum von Herrn Speck nur voll unterstützen. Der Detailhandel und das Gewerbe werden zu den Gewinnern gehören. Nur Fantasten haben das Gefühl der Durchgangsverkehr lässt sich durch andere Massnahmen oder den Stau einfach in «Luft auflösen».
    Ein ganz klares JA zum Zentrum + und folglich auch zum Stadttunnel! Auch der Gewerbeverband hat sich für diese Lösung ausgesprochen, der Grund ist klar mit der Aufwertung der wunderschönen Innenstadt kann Zug nur gewinnen. Freue mich auf den ersten Kaffee am See ohne durch die Auto’s beeinträchtigt zu werden…..
    Leider muss ich dafür noch einige Jahre zuwarten. Aber dann werde ich es trotzdem sehr geniessen.
    Ja zu diesem Projekt für die Zukunft und Ja zum Zentrum +. Dort werden sich noch nicht bekannt Chancen für Innovative Unternehmer eröffnen. Allen «Unken Rufern» zum Trotz!

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  3. Werner Frei, 16.04.2015, 12:34 Uhr

    Was soll denn dieses «Argument»? Welches (Bau-)Projekt könnte wohl nicht für die Zukunft sein? Allenfalls Zeitmaschinen um ins Römische Reich zu gelangen? Selbst ein solches Projekt wäre «zukunftsorientiert», da auch dies denn erst zukünftig möglich würde. Das Speck’sche Szenario, dass es schwierig werden könnte Ladenmieter zu finden, welche die horrenden Mieten bezahlen können, könnte allerdings durchaus eintreten. Nur würde das mit Sicherheit nicht mangels Nachfrage zu tieferen Ladenmieten führen, sondern wegen der immensen Nachfrage und dank Steueroptimierungen fast unbeschränkt vorhandenen Mitteln zu Umbauten in Büros für Holdings oder Wohnungen für Superreiche. Welche dann auch entsprechend ihre Ruhe haben wollen, wenn sie überhaupt mal pauschalbesteuert in ihren zu Luxusappartments umgewandelten Gewerberäumen Däumchen drehen. Erwerbstätig dürfen sie ja bekanntlich nicht sein. Und das wird dann von Zuger Sozialinspektoren genau so hart kontrolliert werden wie bei den Sozialhilfeempfängern! Die Altstadt Zug wird so voraussichtlich nicht nur wie jetzt abends sondern ganztägig zur Schlafstadt. Frau Gigers Sorgen sind absolut berechtigt.

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