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Zug rezykliert sie, in Luzern landen sie im Ofen
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Wie es mit dem Ökihof Horw/Kriens weitergehen soll, ist zurzeit offen. (Bild: Symbolbild Alfons Gut/ZEBA)

Kunststoffabfälle aus Haushalten Zug rezykliert sie, in Luzern landen sie im Ofen

8 min Lesezeit 1 Kommentar 23.12.2013, 06:00 Uhr

CVP, SP/Juso und Grünliberale fordern den Luzerner Stadtrat mit einem Postulat auf, sich für die Einführung einer Kunststoffsammlung in der Agglomeration Luzern einzusetzen. Sie verweisen dabei auf das Beispiel der Stadt Zug als Pionier. Dort ist man jedoch mittlerweile laut Recherchen von zentral+ gar nicht mehr so begeistert und empfiehlt den Luzernern, zuerst die Resultate laufender Pilotprojekte abzuwarten.

428 Kilo Abfall produzierte jeder Luzerner Einwohner 2012. Die Mehrheit des Hauskehrichts – 52 Prozent, zwei Prozent mehr als im Vorjahr – wurde gesammelt und wiederverwertet. Luzern ist damit vorbildlich: Seit der Einführung des Verursacherprinzips trennt die Bevölkerung fleissig immer grössere Mengen an Glas, Alu, Weissblech bis hin zu Altöl und Batterien.

Die einzige Lücke beim Recycling bilden Plastikgebinde. PET-Flaschen nimmt der Detailhandel zwar schon länger zurück, die Migros Luzern hat dieses Jahr auch mit der Annahme von Gebinden aus Polyethylen (PE) angefangen und ab 2014 wird in der ganzen Schweiz in 800 Filialen gesammelt. Alle anderen Plastikabfälle wandern aber immer noch in den Kehrichtsack und damit in die Verbrennung.

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Mengenmässig ist das eine ganze Menge: Kunststoffe machten rund 15 Prozent des Abfalls in den Haushalten aus oder rund 30 Kilogramm pro Person und Jahr, heisst es im Vorstoss. «Was in Luzern fehlt, ist eine systematische Sammlung», sagt CVP-Grossstadtrat Roger Sonderegger, einer der Unterzeichner des Postulats.

Aus Plastik wird Brenn- und Treibstoff

Im Vorstoss verweisen Sonderegger und seine Mitunterzeichner Jules Gut und Judith Dörflinger Muff auf das Beispiel der Stadt Zug, wo man Plastikabfälle schon lange in die Abfallsammelstelle Ökihof zurück bringen kann. Diese werden anschliessend von der Firma Plastoil in Sihlbrugg in einem speziellen Pyrolyse-Verfahren «verölt.» Der ursprünglich aus Erdöl gewonnene Kunststoff wird rezykliert und wieder in Brenn- oder Treibstoff verwandelt. «Wenn man Treibstoff aus Plastikabfällen gewinnen kann, ist das doch eine gute Sache», sagt Sonderegger.

Schweizer Kunststoffmesse in Luzern

Eine gute Möglichkeit, sich über die Kunststoffbranche zu informieren, bietet eine Fachmesse: Vom 20. bis 23. Januar findet in der Messe Luzern die «Swiss Plastics 2014» statt. «Recycling wird dort ein grosses Thema sein», sagt Postulant Roger Sonderegger. Dem Thema wird am 21. Januar eine ganze Fachtagung gewidmet, ihr Thema lautet «Eco-Design und Recycling – eine wilde Ehe?». Vertreter des Bundesamts für Umwelt in Bern (BAFU), der kantonalen Dienststelle für Umwelt und Energie Luzern sowie verschiedener spezialisierter Unternehmen werden das aktuelle Thema von allen Seiten beleuchten; offenbar wollen die Spezialisten aber unter sich sein, die Teilnahme an der Recycling-Tagung kostet stolze 485 Franken.

Das Pyrolyse-Verfahren habe einen hohen energetischen Wirkungsgrad und brauche wenig Fremdenergie. Aus einer Tonne rezykliertem Kunststoff könne so 850 Liter Öl produziert werden, das sich vielfältig einsetzen lasse. Als weitere Möglichkeit, wie man Plastikabfälle wieder verwenden kann, nennen Sonderegger und seine Mitpostulanten die Verwendung im Strassenbau. Die Firma Innorecyling in Eschlikon TG stellt Plastikrohre aus Kunststoff-Granulat her.

Zug hat langjährige Erfahrungen

Zug nimmt eine Pionierrolle im Kunststoff-Recycling ein. Die Stadtbevölkerung hat schon seit 1996 die Möglichkeit, im Ökihof beim Güterschuppen des Bahnhofs Zug Kunststoffe separat zu entsorgen. Angenommen werden alle Kunststoffe ausser Polyvinylchlorid (PVC), das zum Beispiel für Fussbodenbeläge, Rohre oder Kabelisolierungen verwendet wird.

«Am Anfang haben wir die Kunststoffe fünf Jahre lang in ein Zementwerk geliefert», sagt Hansulrich Schwarzenbach, Geschäftsführer des kantonalen Kehrichtzweckverbands ZEBA. Die Zementfabrik Untervaz wollte nach dem Pilotversuch jedoch keinen Kunststoff aus Haushalten mehr annehmen.

Später kamen weitere Abnehmer, welche Interesse am Kunststoff-Abfall zeigten. Gemäss Schwarzenbach sind die Verwertungsfirmen interessiert an möglichst reinem sauberen Kunststoff. «Bei den Firmen, wo Kunststoff als Verpackungsabfall anfällt wie Coiffeurgeschäften, chemischen Reinigungen oder Elektrofachgeschäften, ist das weniger ein Problem als bei der gemischten Plastiksammlung aus den Haushalten.»

Kunststoff nur ein Sammelbegriff

Das Problem sei die heterogene Zusammensetzung und die so genannten Zuschlagstoffe in einzelnen Kunststoffen. Anders als beim Glas oder Blech handelt es sich um ganz unterschiedliche Stoffe. «Kunststoff ist ein Sammelbegriff für hunderte von Stoffen. Am Schluss resultieren ganz kleine Mengen von jedem einzelnen Stoff und der Sortieraufwand ist enorm», erklärt der ZEBA-Chef. Zudem brauche der Plastikabfall viel Platz und bringe doch wenig Kilos auf die Waage wegen seiner Leichtigkeit. «Der Plastikabfall, mit dem man eine 38 Kubikmeter-Mulde füllen kann, wiegt nur eine Tonne».

Die Firma Risi AG sammelt Kunststoffabfälle bei Zuger Gewerbe- und Industriebetrieben ein und nimmt auch den Haushaltabfall an. Die Risi-Mitarbeiter trennen den Abfall im Sortierbetrieb im Tännlimoos bei Sihlbrugg in die verschiedenen Sorten und liefert die Kunststoffe dann an Recycling-Betriebe weiter.

Sammlung nicht kostendeckend

Wie das System in Zug funktioniert und wie es sich bewährt, lässt sich im ZEBA-Jahresbericht 2012 detailliert nachlesen. Der gemischte Kunststoffabfall aus den Haushalten beträgt in Zug jährlich rund 250 bis 300 Tonnen respektive zirka 12 Kilo pro Einwohner und Jahr. Die Abgabe ist kostenlos, die Kosten für die Sammlung trägt die Stadt Zug. Sie legt dabei drauf. «Der Erlös des gewonnenen Öls oder des recyclierten Kunststoffs deckt die Kosten für die Annahme und Sammlung, Mieten von Presscontainern, Transport zum Schredder und die Aufbereitung bei weitem nicht», heisst es im Jahresbericht.

Der Grund ist offensichtlich: Der Preis für Kunststoff beträgt momentan rund 110 Franken pro Tonne, vorher lag er bei 200 Franken. Gemäss Hansulrich Schwarzenbach ist das Problem auch, dass es keine vorgezogenen Entsorgungsgebühren auf Kunststoffprodukten gibt. Anders als zum Beispiel bei Elektronikgeräten, wo man als Käufer bereits für die Entsorgung zahlt oder bei den PET-Flaschen, wo zirka zwei Rappen an die Entsorgung gehen, sind die Produzenten von Plastikgebinden bisher nicht bereit, sich freiwillig an den Entsorgungskosten zu beteiligen.

Was sagen Stadtrat und Zweckverband REAL?

Zurück nach Luzern: Die Parlamentarier ersuchen den Stadtrat, sich beim Abfallzweckverband REAL für die Kunststoffsammlung einzusetzen. Wie das Sammelsystem organisiert werden könnte, soll REAL prüfen. Damit überlassen die Politiker die konkrete Ausgestaltung den Fachleuten. Sie wiederholen damit nicht den Fehler der SP, welche in einem ähnlichen Vorstoss bereits eine konkrete Lösung vorgeschlagen hatte und der Komplexität des Themas damit nicht gerecht wurde. Die Partei hat ihren Vorstoss inzwischen zurück gezogen. Der Luzerner Stadtrat hat jetzt ein halbes Jahr Zeit, das am 6. Dezember eingereichte Postulat zu beantworten und will sich zum hängigen Vorstoss momentan nicht äussern.

«Die Thematik des Kunststoffabfalls ist uns sehr wohl bekannt», sagt REAL-Geschäftsführer Martin Zumstein auf Anfrage. «Die Renergia Zentralschweiz AG hat eine Multikriterienanalyse zum Thema in Auftrag gegeben. Erste Resultate liegen gegen Mitte nächsten Jahres vor.» Vorher könne er keine fundierte Auskunft geben, insbesondere nicht zum Kunststoffmarkt, fügt Zumstein hinzu. Die Analyse werde durch ein Team von Spezialisten erstellt.

Verbrennung besser?

Martin Zumstein: «Die Studie wird im Sommer 2014 den Abfallverbänden in der Zentralschweiz vorgestellt. Sie dient ihnen als Entscheidungsgrundlage, welche und ob überhaupt Kunststoffe separat gesammelt werden oder die Verbrennung in einer modernen KVA wie in Perlen die bessere energetische Gesamtbilanz aufweist.» Die Studie werde unter anderem auch deshalb erstellt, weil immer neue Ideen für Kunststoffverwertungen aufgetaucht seien. «Leider halten sie häufig einer genaueren Betrachtung nicht stand. Wir wollen wissenschaftlich seriös erarbeitete Entscheidungsgrundlagen.»

Was empfiehlt Zug?

Der Zuger ZEBA-Chef sagt bezüglich der Frage, ob Luzern eine Kunststoffsammlung einführen soll: «Dieser Entscheid ist nicht so einfach zu fällen.» Luzern müsse eine zusätzliche Logistik für die Sammlung aufbauen. Schwarzenbach bezweifelt ausserdem, ob die Separatsammlung und die Verölung bei der Firma Plastoil energetisch wirklich etwas bringt. «Das viele Kunststoffzeug brennt hervorragend», sagt er.

Die neue Kehrichtverbrennung Renergia, an der Zug ebenfalls beteiligt ist, liefere das ganze Jahr Wärme an die Papierfabrik Perlen, welche damit das Papier trocknet. «Wir erhalten in Perlen eine der energetisch leistungsfähigsten Anlagen der Welt mit einem enorm hohen Wirkungsgrad», schwärmt Schwarzenbach. Die Papierfabrik Perlen spare dadurch rund 40 Millionen Liter Heizöl jährlich durch die Abwärme der Kehrichtverbrennung. Zum Vergleich: Ein Einfamilienhaus braucht jährlich 2000 bis 3000 Liter Heizöl.

Erfahrungen des Detailhandels abwarten

Schwarzenbach weist auch auf den Pilotversuch der Migros hin, die neu PE-Gebinde zurücknimmt und dem Recycling zuführt. «Ich würde abwarten, was Migros und andere Detailhändler, die nachziehen könnten, für Erfahrungen mit dem Sammeln machen. Danach können sich die Gemeinden wie Luzern, die noch keine Sammlung für Kunststoff haben, sich ja an diesem Vorbild orientieren.» Ein Hinweis, dass Luzern sich Zeit nehmen sollte für seinen Entscheid, ist auch die Tatsache, dass der Kanton Zug seinen Plan zurück gestellt hat, in allen Zuger Gemeinden separate Kunststoffsammelstellen einzurichten.

Ein Grund ist die unklare Situation der Firma Plastoil. Diese wurde im Januar 2013 von der Firma Risi verkauft an Gerold Weser. Gemäss diesem heisst die Firma jetzt Disoil. Die Verölungsanlage in Sihlbrugg ist ausserdem zurzeit ausser Betrieb. Sie werde momentan umgebaut und an neue verschärfte Umweltschutzvorschriften angepasst, sagt Weser gegenüber zentral+. Er sei im übrigen der Erfinder des Pyrolyse-Verfahrens. Im März 2014 nehme die Anlage wieder ihren Betrieb auf. Die Zuger Behörden bezeichneten die Anlage in Sihlbrugg, im Jahresbericht 2012 noch als «Pionierprojekt». Solange diese Pilotphase nicht abgeschlossen sei, fälle man keine Entscheidung, ob die Kunststoffsammlung in den anderen Zuger Gemeinden ebenfalls eingeführt werden soll, heisst es im Bericht.

Abfall-Zweckverbände haben wenig Interesse

Klar ist nach diesen ersten Aussagen gegenüber zentral+, dass sowohl die Abfallzweckverbände REAL wie ZEBA, die beide an Renergia beteiligt sind, wenig Interesse haben, den Plastikmüll an andere abzugeben. Auch wenn dies für die Privatpersonen eine Entlastung bei den Kehrichtsackgebühren bedeuten würde.
Das ist auch den Postulanten aus Luzern bewusst. Im Vorstoss heisst es deshalb: «Für die Firma Plastoil ist eines der grössten Probleme die Besorgung von Plastik. Die Kehrichtverbrennungsanlagen sind hier die grösste Konkurrenz.»

Die Kosten werden sicherlich ein Argument sein für den Entscheid. Dazu muss man wissen: Für den Kunststoff-Abfall muss nicht unbedingt ein neues Sammelstellennetz aufgebaut werden. Eine Option sind spezielle Säcke, in denen Haushalte diesen Abfall lagern könnten und die später abgeholt werden. Für Firmen, die Plastikabfälle haben, existieren bereits solche Säcke. Ein 400-Liter-Sack kostet 15 Franken.

Für den Haushalt könnten solche Spezialsäcke zum Beispiel gratis abgegeben werden. «Die Gemeinden könnten ja eine Gebühr von zwei bis drei Franken auf den Säcken erheben, als Einnahme fürs Einsammeln und den Transport», sagt Plastoil-Chef Gerold Weser. Er sei sehr interessiert an den Kunststoffabfällen aus Luzern.

Plastikabfälle machen rund 15 Prozent des Haushaltkehrichts aus.

Plastikabfälle machen rund 15 Prozent des Haushaltkehrichts aus.

(Bild: ben.)

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1 Kommentare
  1. Anton Saxer, 30.12.2013, 14:13 Uhr

    Ich vermisse im Bericht über Plastikabfälle den Aspekt der Schlacke bei einer Verbrennung. Und den Hinweis, dass wild entsorgte Plastikabfälle in freier Natur praktisch nicht verrotten den Tieren aber erhebliche Probleme bereiten können.

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