Jetzt Community-Mitglied werden und profitieren!
«Zug ist tot»
  • Gesellschaft
  • Essen und Trinken
  • Gastgewerbe
Menschenleere so weit das Auge reicht. Das neue Altstadtreglement soll Leben in die Gassen bringen. Wenn es nach dem Gewerbe geht, ist dies auch dringend nötig. (Bild: pbu )

Auf Stimmenfang in der Zuger Altstadt «Zug ist tot»

6 min Lesezeit 5 Kommentare 04.12.2015, 05:50 Uhr

Alte Stadtkerne gelten als traditionsreiche Publikumsmagnete. Romantische Fleckchen und verwinkelte Gassen laden zum Verweilen ein. Und sind begehrte Plätze für Geschäftsbetreiber. Ausnahme: Zug. Hier herrscht meist tote Hose – denn in der Zuger Altstadt ticken die Uhren etwas anders.

Die Ober und Unter Altstadt in Zug sind in erster Linie Wohnquartiere. Und wo gewohnt wird, soll nachts Ruhe herrschen. Im historischen Teil der Stadt beschränkt sich diese Ruhe allerdings nicht auf die nächtlichen Stunden. Wenn es nach den Geschäftsbetreibern geht, dürfte der komatöse Zustand, der in den Gassen der Altstadt auch tagsüber herrscht, durch kauffreudige Kundschaft gerne vertrieben werden. «Die Zuger Altstadt ist nicht unbelebt, sondern tot», so beschreibt es Caroline Flueler, die dort bis vor Kurzem einen Stoffladen betrieb.

Ein hartes Verdikt. Doch Flueler muss wissen, wovon sie spricht, schliesslich war die Zugerin während 18 Jahren mit dem Laden 3Pol in der Unter Altstadt 6 so etwas wie eine Konstante im alten Stadtteil. Im Sommer 2015 war dann allerdings Schluss: «Wir haben den Standort zwar nicht primär wegen der wirtschaftlichen Situation aufgegeben», sagt sie. «Diese regte aber auch nicht unbedingt zum Bleiben an.» Dabei wäre ihr Standort direkt beim Eingang zur Unter Altstadt noch relativ gut gelegen, sagt die Mitinhaberin von 3Pol, Patricia Rogenmoser.

Unterstütze Zentralplus

Die Zuger Altstadt aus der Vogelperspektive.

Die Zuger Altstadt aus der Vogelperspektive.

(Bild: Google Maps)

Anwohner vs. Gewerbe

Rogenmoser war zwar nur eineinhalb Jahre bei 3Pol dabei, doch für sie ist klar: «Alleine hätte ich nicht überlebt. Die Kundenfrequenz war einfach zu niedrig.» Sie stösst damit mitten ins Herz einer Debatte, die bereits eine gefühlte Ewigkeit währt – und kein Ende zu nehmen scheint. Die eine Seite will vorderhand ihre Ruhe, die andere möchte mehr Leben in den historischen Stadtkern von Zug bringen. Es ist ein Interessenskonflikt zwischen Anwohnern und Gewerbetreibenden, bei dem die Altstadtbewohner in der Regel die besseren Karten in den Händen halten (zentral+ berichtete).

«In keiner anderen Schweizer Altstadt ist so wenig los wie in Zug.»

Patricia Rogenmoser, ehemalige Inhaberin von 3Pol

Dem Gewerbe in den Gassen der Ober und Unter Altstadt geht es nicht sonderlich gut. Der Grund: Es ist einfach zu wenig los auf den alten Pflastersteinen. «Zug ist tot», sagt Patricia Rogenmoser. «In keiner anderen Schweizer Altstadt ist so wenig los wie in Zug.» Das hat auch die Politik erkannt, die mit dem neuen Altstadtreglement unter anderem beabsichtigt, Leben zwischen die alten Gemäuer zu bringen (siehe Box). «Die Kundenfrequenz hat über die Jahre sehr stark abgenommen», moniert Rogenmoser. Es werde ruhiger und ruhiger, weil es einfach zu wenig Läden in der Altstadt gäbe. «Die Altstadt ist sehr museal. Die Gewerbler gehen; was bleibt, sind Galerien», sagt sie.

Das neue Altstadtreglement

Soll die Zuger Altstadt belebt werden? Dies war die Leitfrage im Zuge der Revision des Zuger Altstadtreglements. Die Erstausgabe stammt von 1983. Jetzt ist die neue da. Für Anwohner und Gewerbetreibende ist dabei insbesondere der Paragraf 13 von Wichtigkeit. Darin geht es um die Nutzung der Erdgeschosse. In Absatz 1 heisst es: «Für Erdgeschosse werden Nutzungsänderungen in der Regel nur bewilligt, wenn damit publikumsattraktive Nutzungen ermöglicht werden.» Die Rede ist dabei von Verkaufsgeschäften, Gastwirtschaftsbetrieben und Kleingewerbe (zentral+ berichtete).

Das hat insbesondere aufseiten der Altstadtbewohner zu Einsprachen geführt. Erst in der zweiten Lesung im September 2015 fand das Feilschen um Paragrafen ein Ende – die Geschichte des neuen Reglements dauerte ganze vier Jahre. Seit gut einem Monat ist das neue Altstadtreglement in Kraft.

«Gehen Sie mal durch die Gassen, da sieht man höchstens einen Anwohner, der seinen Müll rausbringt», konstatiert Rogenmoser. Das komme nicht von ungefähr: «Es gibt hier diverse Geschäfte, die nur an zwei oder drei Tagen in der Woche offen haben», erklärt Brunhilde Loos von der Goldschmiede am Fischmarkt. Dies sei darauf zurückzuführen, dass die Betreiber anderen Tätigkeiten nachgehen müssten, um über die Runden zu kommen. Seit bald 30 Jahren stellt Loos zusammen mit Max Iten Unikatschmuck in der hauseigenen Werkstatt her. Nischenprodukte also, die im alten Stadtkern eine zunehmend wichtige Rolle spielen.

Punkten mit Exklusivität

Denn diese seien die letzte Möglichkeit, um auf dem harten Pflaster doch noch Fuss zu fassen. «Spezielle Produkte sind für den Standort vorteilhaft», sagt Loos. Je exklusiver ein Produkt, desto höher seien die Erfolgschancen. Ein Grossverteiler, der seinen Umsatz mit der Masse generiert, sei hier fehl am Platz. Qualität statt Quantität. Davon ist auch Caroline Flueler überzeugt: «Überleben kann man hier nur, wenn man einen Kundenstamm hat. Wenn man auf Laufkundschaft angewiesen ist, hat man keine Chance.» Was funktionieren könne, sei ein spezialisiertes Angebot, welches die Leute derart überzeugt, dass sie wieder kommen.

«Man kann hier nichts machen, was irgendwelche Emissionen erzeugt.»

Caroline Flueler, ehemals 3Pol

So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass man vor Ort fast nur Spezialgeschäfte antrifft. Massage-, Coiffeur- und Kosmetiksalons, ein Buchantiquariat, Ateliers und ein Geschäft für die Hochzeitsplanung. Sogar die Lebensmittel werden nicht in einer Migros- oder Coop-Filiale gekauft, sondern im Ecem Market, einem Laden mit türkischem Essenssortiment.

Ob Ober oder Unter: In der Zuger Altstadt findet sich kaum Laufkundschaft.

Ob Ober oder Unter: In der Zuger Altstadt findet sich kaum Laufkundschaft.

(Bild: pbu)

Vielfältige Gründe – keine Lösung?

«Viele führen ihre Geschäfte mit viel Idealismus, was letztlich fast das Einzige ist, was sie noch hier hält», sagt Caroline Flueler. Eine Mitschuld an der «Misere» würden ihr zufolge die Bewohner tragen. «Ich finde es tragisch, dass man als Privatperson so viel Druck machen kann», sagt sie – und meint damit auch die verhinderte Tapas-Bar. Ein Café oder eine Bäckerei würde die Gassen ihrer Meinung nach beleben. «Doch dann riecht es den Anwohnern zu streng. Man kann hier nichts machen, was irgendwelche Emissionen erzeugt.»

Es habe aber auch mit dem veränderten Kaufverhalten der Menschen zu tun, fügt Flueler an. «Die Leute haben die Tendenz, mit dem Auto in ein Parkhaus zu fahren, um von dort aus ihre Einkäufe zu erledigen. Das geht hier nicht.» Auch deshalb können die Gewerbler in der Altstadt dem Umstand, dass die Ludothek in die Ankenwaage einziehen wird (zentral+ berichtete), nicht sonderlich viel abgewinnen. «Die Ludothek wird die Altstadt nicht wirklich beleben», sagt Patricia Rogenmoser. Es brauche etwas, das die Leute zum Verweilen einlade.

Das sieht Roberto Lopez, Inhaber von Bob’s Food Store, ähnlich: «Ich finde die Ludothek okay. Aber ob das die ideale Nutzung ist, sei dahingestellt.» Er bemängelt, dass die Ludothek nicht standortbindend sei. «Wie soll denn die Ludothek zur Belebung beitragen? Die Leute fahren mit ihren Autos vor, springen rein, holen die Spielsachen und dann ab damit nach Hause.»

Eine selbsterfüllende Prophezeiung

Roberto Lopez ist indessen ein gutes Beispiel dafür, wie man es trotz aller Widrigkeiten doch schafft, erfolgreich in der Altstadt zu geschäften. «Bei uns läuft es gut», sagt er, «ich kann mich nicht beklagen.» Der Erfolg, so Lopez, stehe und falle mit dem Konzept. Jenes von Bob’s Food Store sei von Anfang an nicht auf Laufkundschaft ausgerichtet gewesen. Bei Lopez kann man nicht nur Kaffee und Tee kaufen, sondern auch trinken. «Das fördert die Kundenbindung. Und die ist wichtig. Das Persönliche steht im Vordergrund. Man muss eine Vertrauensbeziehung zum Kunden aufbauen, das ist die Zukunft von kleinen Geschäften», erklärt er.

«Da beisst sich die Katze in den Schwanz.»

Brunhilde Loos, Goldschmiede am Fischmarkt

Dazu gehörten allerdings auch konstante Ladenöffnungszeiten. «Bei schönem Wetter kommen durchaus viele Leute in die Altstadt. Wenn die Geschäfte nur sporadisch geöffnet haben, nützt das aber wenig», sagt Lopez. Das sei im Übrigen kein reines Altstadtproblem. Und eine Wunderlösung kann auch er nicht bieten. Eine generelle Belebung des historischen Stadtkerns von Zug wäre aber klar zu begrüssen.

«Ich glaube, eines der grössten Probleme ist die ständige negative Berichterstattung über die Ober und Unter Altstadt», merkt Brunhilde Loos an. Es sei ein Teufelskreis. «Da beisst sich die Katze in den Schwanz», so beschreibt sie es. Dabei stimme es aus ihrer Sicht nicht, dass die Altstadt unattraktiv sei. Für sie ist klar: «Das ständige Klagen darüber, dass die Altstadt unattraktiv sei, bringt rein gar nichts. Wenn den Leuten eingetrichtert wird, dass hier nichts läuft, dann werden sie erst recht nicht kommen.»

Wo ist die Kundschaft? Die Zuger Altstadt ist ein hartes Pflaster fürs Gewerbe.

Wo ist die Kundschaft? Die Zuger Altstadt ist ein hartes Pflaster fürs Gewerbe.

(Bild: pbu)

Muss die Zuger Altstadt reanimiert werden? Nutzen Sie die Kommentarfunktion und diskutieren Sie mit!

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

5 Kommentare
  1. Philipp Koch, 16.12.2015, 07:17 Uhr

    Lieber Herr Brunner
    auch ich nehme die unter- & Oberaltstadt so war, wie sie es in Ihrem Artikel beschreiben. Hingegen freu ich mich über das Leben im Quartier Münz. Die neue Zeughausgasse hat das Quartier merklich belebt und das Restaurant Platzhirsch wird tüchtig besucht. Mit dem Strassenfest im September sowie der letztes Wochenende stattgefundene Weihnachtsmarkt sind tausende von Menschen durch dieses Quartier geschlendert und haben dieses Quartier stark belebt. Der Vorstand der Nachbarschaft Münz strebt aber auch genau dieses Ziel an: In diesen Gassen soll gelebt werden. Dabei nehmen die Anwohner auch die dazu gehörenden Emissionen in Kauf; nein: es ist mehr als nur in-Kauf-nehmen: Sie lieben es! Ich kann ihnen auch sagen wieso das Leben und vor allem das Zusammenleben dort so viel besser funktioniert: Die Anwohner und die Ladenbesitzer haben den selben Anspruch an diesen Lebensraum: In der Altstadt soll gelebt, gearbeitet und gefeiert werden. Zudem sprechen sie miteinander in freundlicher und konstruktiver Weise
    Mit besten Grüssen, Philipp Koch

  2. Markus Mathis, 05.12.2015, 12:51 Uhr

    Eine Bekannte musste ihren Spezialitätengeschäft in der Altstadt aufgeben, weil der Nachbar im 1. Stock sich über zu viel Lärm beklagte. Er hatte ein Baby, das mehrmals täglich ruhig schlafen sollte. Der Hausbesitzer stufte sein Interesse als höher ein. Womit wir zum Kern des Problem vorstossen: Es sind die Hausbesitzer der Zuger Altstadt, denen es durchaus recht ist, wenn die Gegend unter der Grabenstrasse eine reine Wohnzone bleibt.

  3. Tino Romer, 04.12.2015, 19:02 Uhr

    Ich gebe Euch gerne meine persönliche Wahrnehmung dazu weiter:

    Es ist so, wie es die Mehrheit der dort lebenden Menschen möchte! Wären alle Bewohner für eine Belebung, wäre es schon längst so.

    Wir leben in Feldern. Jeder der schon mal an einer Familienaufstellung teilgenommen hat, weiss wie extrem stark uns diese Felder berühren und beeinflussen. So kann Freude und Leichtigkeit aufkommen ohne ersichtlichen Grund. Natürlich geht das auch anders rum.

    Ich hatte selbst mal eine Massagepraxis in der Altstadt und bekam ganz klar und direkt zu hören, dass “Neulinge” nicht erwünscht sind. Vielleicht haben das andere “neue” Ladenbesitzer/Innen auch schon erlebt. Ich möchte mein Geschäft an einem Ort haben, wo ich von der Mehrheit willkommen bin und bin dann kurze Zeit später weggezogen.

    Normalerweise möchte jeder Mensch Anerkennung und Beachtung. Wir meiden ganz automatisch Orte, wo wir auf Ablehnung stossen. Das müssen wir nicht mal bewusst wahrnehmen. Wir haben einfach keine Lust, dort zu verweilen oder überhaupt an einen solchen Ort hinzugehen. Und wenn wir dann dort sind, fällt es schwerer als an anderen Orten, gute Laune zu haben. Ihr müsst mir das nicht glauben, probiert es ganz einfach aus. Geht nach Bern, St. Gallen oder sonst wo in die Altstadt und vergleicht Eure Wahrnehmung mit der Zuger Altstadt.

    Ich behaupte, es bräcuhte nur eines in der Zuger Altstadt: Ein ganz bewusstes und klares Umdenken von Ablehnung auf “Herzlich willkommen” – und zwar mit allen Konsequenzen. (Mehr Menschen bedeutet automatisch ein höherer Tonpegel. Auch später in der Nacht.) Diese Offenheit gilt nicht nur für potentielle Kundschaft sondern ganz allgemein auch neuen Geschäftern gegenüber. Dieses Umdenken betrifft in erster Linie die Menschen, die dort leben und wohnen. Die Ladenbesitzer/innen sind sowieso schon sehr an potentieller Kundschaft interessiert.
    Die Frage ist, wollen das wirklich alle, die dort leben? Mehr Menschen, ein höherer Tonpegel, mehr Kundschaft, mehr Einnahmen?

  4. Sabine Pralat, 04.12.2015, 15:06 Uhr

    Sehr geehrter Herr Bucher, vielen Dank für Ihren Artikel, der sicher weitgehend den Tatsachen entspricht, ich habe selbst seit 15 Monaten ein Geschäft in der Unter Altstadt.
    Einzig weiss ich nicht, wo Sie das Geschäft für Brautmode ansiedeln ?
    Für eine kurze Stellungnahme/Rückmeldung Ihrerseits wäre ich dankbar.
    Sabine Pralat
    La Principessa GmbH

    1. Philipp Bucher, 04.12.2015, 17:28 Uhr

      Sehr geehrte Frau Pralat

      Herzlichen Dank für Ihren Kommentar.
      Zugegeben, der im Artikel verwendete Ausdruck «Geschäft für Hochzeitsmode» ist vielleicht etwas unglücklich gewählt, zumal es dabei nicht nur um modische Angelegenheiten für hochzeitliche Festivitäten geht. Gemeint ist damit nämlich das Geschäft «Liebesding», gelegen in der Ober Altstadt 7. Simone Glarner, die Inhaberin, versteht sich eher als Hochzeitsplanerin (siehe hierzu den Artikel «Wie geheiratet wird, bestimmt meistens die Frau», erschienen am 31.10.2015 auf zentral+). Der Artikel wurde entsprechend angepasst.

      Beste Grüsse