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«Zug ist das ‹katholische Zürich› der Zentralschweiz»
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Franz Steinegger in seinem Büro in Altdorf. (Bild: dog)

Interview mit Franz Steinegger «Zug ist das ‹katholische Zürich› der Zentralschweiz»

6 min Lesezeit 01.08.2013, 06:00 Uhr

Der Nationalfeiertag ist mehr als Feuerwerk und Bratwürste. Er bietet vor allem auch Gelegenheit, kritisch über die Lage der Schweiz und ihre Regionen nachzudenken. zentral+ traf Franz Steinegger (70), ehemaliger FDP-Präsident, Urner Nationalrat und «Vater» der Expo 02, zum Interview. Ein Gespräch über tiefe Steuerquoten, Milliardär Samih Sawiris und künstliche Probleme in Luzern.

zentral+: Herr Steinegger, wie geht es der Zentralschweiz?

Franz Steinegger: Im Vergleich zu unseren europäischen Nachbarn geht es der ganzen Schweiz wirtschaftlich gesehen sehr gut. Und die Zentralschweiz ist ein Teil davon. Eigentlich können wir uns also nicht beklagen.

zentral+: Als ehemaliger VR-Präsident der Neuen Zürcher Zeitung kennen Sie sich gut in der Schweizer Medienlandschaft aus. Wie beurteilen Sie die Medienlandschaft in der Zentralschweiz?

Steinegger: In der Zentralschweiz haben wir das Beispiel des klassischen lokalen Platzhirschen, die Neue Luzerner Zeitung. Im gesamtschweizerischen Vergleich geht es diesen regionalen Platzhirschen eigentlich noch am besten. Allerdings ist die Medienbranche generell eine sehr schwierige Branche, die sich in einem gewaltigen Umbruch befindet, ohne das Ziel wirklich zu kennen. Printmedien stehen in extremer Konkurrenz zu elektronischen Medien. Diese haben jedoch noch kein funktionierendes Finanzierungsmodell. Mit der Zeit muss möglichst schnell eine Lösung gefunden werden, dass auch die elektronischen Mediennutzer ihren Gebrauch selber bezahlen.

«Die Zentralschweiz war nie eine verschworene Einheit.»

zentral+: Wie konsumieren Sie persönlich News?

Steinegger: Ich bin nicht verrückt nach News. Dafür bin ich einfach schon zu alt. Ob ich nun eine Information eine halbe Stunde früher oder später erfahre, spielt für mich keine Rolle mehr. Ich konsumiere Informationen auf die traditionelle Weise, über die Zeitung, ab und zu höre ich Radio.  

zentral+: Lassen Sie uns über Politik sprechen. Was halten Sie von der Steuerpolitik von Zug und Luzern?

Steinegger: Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass der Steuerwettbewerb für die Schweiz ein Vorteil ist. Die Steuerquoten bleiben dadurch tief. Dennoch gibt es Grenzen. Zum Beispiel wenn sich die Kantone mit aktiven Massnahmen gegenseitig die potenten Steuerpflichtigen abjagen. Das führt schlussendlich zu einem Nullsummenspiel, das ausser dem bürokratischen Aufwand nichts bringt. Ich kann aber beispielsweise den Luzerner Finanzdirektor Marcel Schwerzmann verstehen, dass er in der Steuerpolitik Gas gegeben hat. Schliesslich hätte Luzern ja nicht damit angefangen, meinte er und hat damit Recht. Er musste ja reagieren.

zentral+: Die Zentralschweizer Kantone scheinen auseinander zu driften. Was würde den Zusammenhalt fördern?

Steinegger: Die Zentralschweiz war nie eine verschworene Einheit. Zug beispielsweise ist für mich das «katholische Zürich» der Zentralschweiz. Der Kanton Uri ist sehr von der Verkehrssituation abhängig. Bevor der Seelisbergtunnel da war, hat man sich auch eher an Zug und Zürich orientiert. Luzern andererseits versuchte stets eine Führungsrolle unter den Zentralschweizer Kantonen einzunehmen, ohne aber die Verantwortung dafür zu übernehmen. Das macht Luzern bei seinen Nachbarkantonen auch nicht unbedingt beliebt.

«Die Idee der Metro erachte ich für gar nicht so dumm.»

zentral+: Weshalb wehrt man sich im Kanton Luzern so vehement gegen liberale Ladenöffnungszeiten?

Steinegger: Meiner Meinung nach, hängt das von drei Faktoren ab: Erstens sind im Kanton Luzern die katholischen Überzeugungen zum Sonntag nach wie vor tief verwurzelt. Zweitens sind die Gewerkschaften der Meinung, sie müssen ihre Leute schützen. Und drittens folgte die erneute Abstimmung einfach in einem zu kurzen Zeitabstand zur letzten Abstimmung. Das wird als Zwängerei aufgefasst. In der Regel kann man das nicht in einer solch kurzen Kadenz erzwingen.

zentral+: Sind Sie ein Befürworter der liberalen Öffnungszeiten?

Steinegger: Ich habe kein Problem damit. Aber ich erachte es teilweise auch als ein künstliches Problem. Zum Einkaufen kommt heute doch jeder. Zum Überleben braucht es in Luzern keine neuen Ladenöffnungszeiten.

zentral+: Was halten Sie von der zweiten Gotthardröhre?

Steinegger: Das ist eine Notwendigkeit. Ich nenne sie aber nicht zweite Gotthardröhre, sondern Ersatzröhre. Was nämlich oft vergessen wird, ist, dass der Gotthardtunnel alle 30 Jahre saniert werden muss. Für die Sanierungsdauer von drei bis vier Jahren wäre es untragbar, wenn wir gar keinen Tunnel hätten.

«Ob das Projekt in Andermatt so funktionieren wird, wie sich Sawiris das vorstellt, kann ich nicht abschätzen.»

zentral+: Wie stehen Sie zum geplanten Tiefbahnhof in Luzern?

Steinegger: Das ist ein vernünftiges Projekt. Nur hätte man das bereits 1971 machen sollen, als der Bahnhof abgebrannt ist. Aber die Luzernerinnen und Luzerner wollten das damals nicht.

zentral+: Zudem steht auch der Bau einer Metro in Luzern zur Debatte.

Steinegger: Ich erachte diese Idee für gar nicht so dumm. In Lausanne oder Neuenburg beispielsweise sind die Metros nicht mehr wegzudenken. Man darf das in Luzern ruhig auch in Betracht ziehen.

zentral+: Die Zentralschweiz befindet sich offensichtlich in einer Phase des Umbruchs. Das lockt auch ausländische Investoren an, wie beispielsweise Samih Sawiris in Andermatt. Was halten Sie davon?

Steinegger: Sawiris ist ein klassischer Investor und Mitglied einer sehr erfolgreichen ägyptischen Kopten-Familie. Er wollte seine Investitionsgebiete erweitern und nicht nur am Meer Immobiliengeschäfte realisieren sondern auch am Berg. Er ist auf Andermatt gestossen, weil es hier eine Million Quadratmeter Land auf einmal zu kaufen gab. Das gibt es sonst wohl nirgendwo. Ich stehe dem Projekt positiv gegenüber, ob es aber so funktionieren wird, wie sich Sawiris das vorstellt, kann ich nicht abschätzen.

zentral+: Tauschen Sie sich mit Sawiris aus?

Steinegger: Wenn er hier ist, gehen wir schon mal zusammen essen und tauschen uns aus. Für ihn sind beispielsweise die Skianlagen lediglich Voraussetzung dafür, dass er sein Immobiliengeschäft machen kann. Mich, andererseits, interessiert vor allem, dass das gesamte Geschäft rentabel ist und funktioniert. Aber viel zu sagen habe ich nicht, es ist ja sein Geld und somit sein Risiko.

zentral+: Viele Schweizer reisen bereits nach Österreich oder Italien in die Skiferien, weil ihnen die Schweiz zu teuer geworden ist. Wie wird das in Andermatt-Sedrun sein?

Steinegger: Wenn ich die Business-Pläne für Andermatt-Sedrun betrachte, werden auch die Ferien dort zu einer sehr teuren Angelegenheit. Das Problem liegt aber nicht nur im Preis. Es gibt allgemein immer weniger Skifahrer. Gepaart mit den hohen Preisen birgt das ein grosses Problem. Die Skigebiete in Österreich oder im Südtirol werden auch immer attraktiver, weshalb sogar Schweizer dort ihre Winterferien verbringen. Aber ganz mithalten mit den grossen Schweizer Skigebieten, wie zum Beispiel Zermatt, können sie noch nicht. So soll das wohl auch mit Andermatt-Sedrun funktionieren.

zentral+: Wie Sawiris sind auch Sie ein Macher, einer, der stets in verschiedene Projekte involviert ist. Welches war Ihr schwierigstes Projekt?

Steinegger: Das war das Expo-Mandat. Damit habe ich Kopf und Kragen riskiert. Wenn es nicht funktioniert hätte, wäre mein Ruf wohl dahin gewesen. Das hat mich anfangs schon sehr belastet. Zum Glück wurde die Expo 2002 zu einem grossen Erfolg.

zentral+: War das Ihr grösster Erfolg?

Steinegger: Ja, das kann man so sagen.

zentral+:  Und was würden Sie als Ihre grösste Niederlage bezeichnen?

Steinegger: Ich denke nicht in Niederlagen. Und falls Sie damit die verpassten Wahlen zum Bundesrat in den Jahren 1989 und 2003 ansprechen, muss ich Sie enttäuschen. Das gehört nicht in die Kategorie meiner grössten Niederlagen.

zentral+: Aber Sie wären schon gerne Bundesrat geworden?

Steinegger: Ja klar, sonst hätte ich mich nicht beworben. Wobei bei meiner zweiten Kandidatur, 2003, wäre es ein sehr schwieriges Unterfangen geworden, wenn ich gewählt worden wäre. Damals herrschten völlig andere Machtverhältnisse, die für mich sehr ungewohnt waren. Deshalb bin ich heute nicht unglücklich darüber, dass ich damals nicht Bundesrat geworden bin.

zentral+: Haben es Politiker heute einfacher als vor zehn Jahren?

Steinegger: Nein, im Gegenteil. Das Geschäft ist viel hektischer und oberflächlicher geworden. Die Politiker springen von Nebensächlichkeit zu Nebensächlichkeit. Das Polit-Pendel schlägt heute wesentlich schneller als früher.

ZUR PERSON:
Franz Steinegger (70) ist wohnhaft in Altdorf (Uri) und arbeitet noch heute als Anwalt und Notar. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne. Von 1980 bis 2003 war Steinegger Urner Nationalrat und zwischen 1989 und 2001 präsidierte er die FDP Schweiz. Zu Franz Steineggers grössten Verdiensten zählen die erfolgreiche Durchführung der Expo 2002 sowie sein souveränes Handeln als Leiter des Krisenstabes bei den Urner Unwetterkatastrophen von 1977 und 1987. Letzteres brachte ihm den Übernamen «Katastrophen-Franz». Seit 2004 ist er zudem Präsident des Verkehrshaus der Schweiz in Luzern. Steinegger zählt auch heute noch zu den beliebtesten Politikern, die die Schweiz je hatte.

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