Zug hat in Sachen Contact Tracing die Nase vorn
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Eine bundesweite App soll künftig helfen, Contact Tracing zu betreiben. (Bild: Adobe Stock)

Zu aufwendig für die grösseren Kantone? Zug hat in Sachen Contact Tracing die Nase vorn

7 min Lesezeit 1 Kommentar 27.04.2020, 05:00 Uhr

Contact Tracing hat sich im Kanton Zug bewährt. Man bleibt dabei. Auch der Bund will wieder konsequent nachvollziehen, wo sich Corona-Infizierte angesteckt haben. Nicht alle Kantone konnten dieses Mittel jedoch nutzen. Viel zu aufwendig, findet es der Luzerner Kantonsarzt. Er rügt den Bund.

Seit der erste Fall im Kanton Zug am 3. März bestätigt wurde, ist das so genannte Contact Tracing ein grundlegender Teil der Bekämpfungsmassnahmen des Kantons. «Es ist absolut in unserem Sinn, dass dieses Vorgehen jetzt wieder in der ganzen Schweiz durchgeführt wird», kommentiert Gesundheitsdirektor Martin Pfister den Beschluss des Bundes.

Dieser ist der Meinung, dass Contact Tracing möglich sein wird, wenn die tägliche Fallzahl unter 100 liegt. Aktuell sind es gemäss Bund 181 neue Fälle pro Tag.

Tatsächlich will der Bund mit einer offiziellen Corona-App mithelfen, die Infektionsketten zu unterbrechen. Diese Contact-Tracing-App, die auf freiwilliger Basis genutzt werden könne, soll gemäss Bund am 11. Mai fertiggestellt werden.

Durch das «Contact Tracing» konnten im Kanton Zug bisher alle Personen, die engen Kontakt zu infizierten Personen hatten, identifiziert werden, so der Kanton. Solche Kontaktpersonen werden aufgefordert, sich unverzüglich in ihren Wohnungen unter Quarantäne zu stellen und keinen physischen Kontakt zu Personen ausserhalb ihres Haushalts aufzunehmen.

Zusammen mit der Isolation der infizierten Personen könne eine Weiterverbreitung des Coronavirus verhindert werden, indem die Infektionsketten effektiv unterbrochen würden. «Die vergleichsweise tiefe und stabile Zahl an Fällen im Kanton Zug bestätigt uns darin, diese Massnahme weiterhin zu intensivieren», so der Zuger Gesundheitsdirektor.

Ausweitung der Kontaktaufnahmen aufgegleist

Bisher werden alle bestätigten Fälle sowie die engen Kontaktpersonen auf diese Art kontaktiert. In der Folge der Strategieanpassung des Bundes werde dieser Personenkreis nun ausgebaut: Ab sofort werden auch Personen ohne positiven SARS-CoV-2-Test, die aber aufgrund der klinischen Befunde eines Arztes als Verdachtsfälle gelten, in Zusammenarbeit mit der Ärzteschaft entsprechend kontaktiert.

«Bei nur fünf neuen Fällen pro Tag mit je zehn Kontaktpersonen entsteht ein Aufwand von 90 bis 100 Stunden pro Tag.»

Roger Harstall, Luzerner Kantonsarzt

Was der Kanton Zug macht, ist andernorts überhaupt nicht gang und gäbe. Beim Thema Contact Tracing sind allein in der Zentralschweiz grosse Unterschiede sichtbar.

Riesiger Aufwand für den Kanton Luzern

Im Kanton Luzern etwa wurde nur in der Anfangsphase der Pandemie ein Contact Tracing gemacht. «Ein solches ist äusserst aufwendig», erklärt Kantonsarzt Roger Harstall. «Allein beim ersten Coronafall im Kanton Luzern, der an der Kantonsschule Alpenquai aufgetreten ist, gab es rund 30 Kontaktpersonen.» Diese hätten innerhalb weniger Stunden kontaktiert und instruiert werden müssen.

«Bei nur fünf neuen Fällen pro Tag mit je rund zehn Kontaktpersonen entsteht ein Aufwand von 90 bis 100 Stunden pro Tag.» Dies unter der Annahme, dass jede der Personen einmal täglich telefonisch kontaktiert werden muss. «Dies bindet erhebliche personelle Ressourcen, welche die Dienststelle auf die Dauer nicht alleine stemmen kann», so Harstall.

«Wir hatten nach der pandemischen Schweinegrippe unsere Lehren gezogen.»

Rudolf Hauri, Zuger Kantonsarzt

Insbesondere wenn man für jede Person, die isoliert oder unter Quarantäne gestellt wird, eine amtliche Verfügung ausstellt, wie dies noch zu Beginn der Pandemie der Fall war. «Mit dieser wird unter Strafandrohung amtlich angeordnet, dass sich eine Person beispielsweise nicht ausserhalb ihrer Wohnung aufhalten darf», so der Luzerner Kantonsarzt.

Den Zugern greift die Lungenliga unter die Arme

Im Kanton Zug hat man zum Zweck des Contact Tracings auf die Hilfe Dritter zurückgegriffen. Wie der Zuger Kantonsarzt Rudolf Hauri auf Anfrage von zentralplus erklärt, habe man auf eine seit 2009 bestehende Zusammenarbeit mit der Lungenliga Zentralschweiz gebaut. «Wir haben aus der pandemischen Schweinegrippe unsere Lehren gezogen», sagt der Zuger Kantonsarzt.

«Damals haben wir gemerkt, dass das Tracing eine wichtige Rolle spielt.» Aus diesem Grund habe man mit der Lungenliga eine vertragliche Regelung getroffen. 14 Mitarbeitende der Lungenliga Zentralschweiz übernehmen die Tracing-Arbeit. Bei einem positiven Fall wird der Kantonsarzt vom Labor informiert. Die Lungenliga ruft die erkrankte Person sowie deren Kontaktpersonen an.

Amtliche Verfügungen wie im Kanton Luzern habe man im Kanton Zug nie verschickt. «Wir haben das immer mündlich vereinbart und mit dieser Methode beste Erfahrungen gemacht», so der Zuger Arzt.

«Grundsätzlich könnte jeder Kanton Contact Tracing machen.»

Rudolf Hauri, Zuger Kantonsarzt

Hat man in Zug mit dem Contact Tracing einfach das Glück, dass der Kanton derart übersichtlich ist, dass eine Rückverfolgung viel einfacher ist als in grösseren Kantonen? «Grundsätzlich könnte das jeder Kanton machen. Es ist eine Frage der Organisation. Wahrscheinlich könnten jedoch die grösseren Kantone das Contact Tracing nicht im gleichen Umfang umsetzen wie wir», sagt Hauri dazu. In Zug werden Erkrankte täglich telefonisch kontaktiert.

Kaum ein Kanton in der Schweiz macht Contact Tracing derart konsequent wie Zug. Hat der kleine Kanton damit eine Vorreiterrolle inne?

Hauri verneint: «Von der Methodik her sind wir keine Vorreiter, diese ist keine Neuerfindung. Doch wir haben vielleicht den Vorteil, dass wir nicht aufgegeben haben mit dem Contact Tracing, als sich die Fälle mehrten. Ausserdem sind wir organisatorisch anders aufgestellt», so der Zuger Kantonsarzt diplomatisch.

Contact Tracing Light bald in Luzern?

Langsam lichtet sich der Coronawald, die Fälle werden schweizweit weniger. So auch im Kanton Luzern. «Wir prüfen derzeit, wie und mit welchen Partnern ein künftiges Contact Tracing im Kanton Luzern gestaltet werden könnte», sagt Harstall. Dazu würden auch technische Hilfsmittel in die Betrachtungen miteinbezogen. Er kann sich vorstellen, dass ein «Contact Tracing Light» bereits diese Woche im Kanton Luzern starten könnte.

Der Kantonsarzt betont: «Die Kantone benötigen klare, schweizweit einheitliche Vorgaben seitens des Bundes, etwa bezüglich Meldepflichten und Meldefristen, also wie schnell neue Fälle dem Bund und dem Kanton gemeldet werden müssen. Ohne diese ist eine sinnvolle, zeitnahe und effektive Umsetzung eines Contact Tracings nicht möglich.» Die nötigen Leitplanken werden, so hofft Harstall, in den kommenden Tagen durch den Bund festgelegt.

Die App wird nicht die Ultima Ratio sein

Nun soll bald eine App des Bundes lanciert werden. BAG-Mediensprecherin Katrin Holenstein erklärt dazu: «Wir lockern demnächst die Massnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie und gewinnen einen Teil unserer ‹Normalität› zurück. Wir werden uns wieder freier bewegen und mehr Menschen begegnen.» Da brauche es noch einmal einen grossen Effort von allen. «Mit einer Covid-Tracing-App könnten wir uns erstmals digital vernetzen, damit wir uns nicht noch einmal wegen einer zweiten Welle sozial distanzieren müssen», so Holenstein weiter. Dennoch betont sie: «Das Contact Tracing ist Aufgabe der Kantone.»

Der Zuger Kantonsarzt begrüsst die App, die vom Bund geplant ist: «So etwas ist modern. Wir begrüssen alles, was dazu beitragen kann, die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Doch stellt sich die Frage, wie gross der Beitrag zur Eindämmung wirklich sein wird», so Hauri.

Doch sei eine solche App auch nicht als Ersatz des klassischen Contact Tracings gedacht, sondern vielmehr als Ergänzung. «Das klassische Tracing ist für uns ein wichtiges Instrument, um herauszuspüren, wie es der Zuger Bevölkerung geht», so der Zuger Kantonsarzt.

«Eine nationale App würde helfen, Ressourcen einzusparen.»

Roger Harstall, Luzerner Kantonsarzt

Ähnlich sieht man das im Nachbarkanton. Der Einsatz einer App könnte durchaus eine Option darstellen, um das Contact Tracing zu unterstützen, räumt auch der Luzerner Kantonsarzt Roger Harstall ein. Ein Contact Tracing über eine App allein sei jedoch nicht möglich. Hier seien auch noch diverse Fragestellungen offen, zum Beispiel bezüglich Datenschutz, sodass die Verwendung einer App für das Contact Tracing zumindest in einer ersten Phase nicht im Vordergrund stehe.

Luzerner Kantonsarzt fordert einheitliche Software

Viel wichtiger findet Harstall, dass Daten über die Erkrankten in einer möglichst schweizweit einheitlichen Software erfasst werden können. «Das würde den Informationsaustausch zwischen den Gesundheitsbehörden sowohl auf Stufe Bund als auch auf Stufe Kantone erheblich vereinfachen. Insbesondere wenn Personen als Indexpatientinnen oder als Kontaktpersonen betroffen sind, die in anderen Kantonen arbeiten beziehungsweise wohnen.»

Er ergänzt: «Der Einsatz einer App könnte dazu beitragen, dass man nicht jeden Tag telefonisch anfragen müsste, wie es den Menschen geht. Das würde helfen, Ressourcen einzusparen.»

Mit seiner Haltung bezüglich Tracing ist Harstall nicht alleine. Auch der nationale Corona-Krisenmanager Daniel Koch beteuerte an der Medienkonferenz vom Freitagnachmittag, dass es zwingend sei, Contact Tracing kantonsübergreifend zu machen.

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1 Kommentare
  1. Martin von Rotz, 27.04.2020, 11:19 Uhr

    Das Contact Tracing wird in den nächsten mindestens 6 Monaten eine der relevantesten Prozesse sein um weitere Lockerungen zu ermöglichen oder eben nicht. Der Kanton soll wenn nötig den Bund um Untestützung durch die Armee anfragen um genügend Resourcen zu haben. Überall scheint man sich darauf vorzubereiten und Luzern scheint zu schlafen!

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