Zug bleibt «Prinzessin der Pendlerströme»
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Pendler am Bahnhof Rotkreuz. (Bild: Kanton Zug)

Viel mehr kommen als gehen Zug bleibt «Prinzessin der Pendlerströme»

4 min Lesezeit 2 Kommentare 28.01.2021, 05:00 Uhr

In kaum einem anderen Kanton ist die Differenz zwischen Zupendlern aus anderen Kantonen und Wegpendlern grösser als in Zug. Der Umwelt zuliebe soll das Homeoffice gefördert werden, verlangen zwei Kantonsräte. Die Zuger Regierung will davon aber nichts wissen und gibt den Ball an den Bund weiter.

Sie kommen von überallher nach Zug – vor allem aber aus Zürich und Luzern: die Pendler. Gemäss den aktuellsten Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BFS) sind es täglich rund 38’000 Zupendler aus anderen Kantonen. Demgegenüber pendeln nur rund 17’000 Zugerinnen in andere Kantone.

Bei den insgesamt rund 55’000 Pendlern kommt man so auf einen Pendlersaldo von rund 39 Prozent. Nur Basel-Stadt kann Zug mit einem Pendlersaldo von 42,8 Prozent noch die Krone stehlen. Die aktuellen Zahlen des BFS sind zwar mit Vorsicht zu geniessen: Stichtag war der 31. Dezember 2019 – also noch vor der Covid-Pandemie. Dennoch zeigt der Blick über die letzten Jahre, dass die Pendlerströme in Richtung Zug in den letzten 20 Jahren massiv zugenommen haben.

Flexible Arbeitsmodelle gegen die Klimakrise

Die zunehmende «Pendlerflut» blieb in Zug nicht unbemerkt. So fordern die beiden Zuger Kantonsräte Luzian Franzini und Andreas Lustenberger (beide ALG) die Regierung aktuell dazu auf, sich bei den in Zug angesiedelten Unternehmen für das Arbeiten von zu Hause aus einzusetzen (zentralplus berichtete).

Das entsprechende Postulat wurde lange vor dem bundesrätlich verordneten Homeoffice eingereicht. Die Argumente der Postulanten beziehen sich denn auch eher auf Bedenken bezüglich Umwelt in Zusammenhang mit dem Pendelverkehr als auf die Auswirkungen der Pandemie.

Vielmehr dränge sich angesichts der Klimakrise und der zunehmenden Digitalisierung die Frage nach der Notwendigkeit von fixen Büropräsenzzeiten unweigerlich auf. Deshalb solle der Kanton «Massnahmen zur Unterstützung von Unternehmen und Angestellten bei der Förderung und Optimierung des Homeoffice und flexibler Arbeitsmodelle» ausarbeiten, wie es im Postulat heisst. Dieses ist für die Kantonsratssitzung von heute Donnerstag traktandiert.

Regierung sieht Bund in der Pflicht

In Ihrer Stellungnahme zum Postulat entzückt die Zuger Regierung zunächst mit einer wahren Trouvaille für Connaisseure des gepflegten Beamtendeutschs: Statt von «Homeoffice» spricht sie von der «Telearbeit».

Was das Anliegen als solches angeht, spielt sie den Ball dem Bund zu. Konkret biete nämlich das Bundesgesetz über die Arbeit in Industrie, Gewerbe und Handel die gesetzliche Grundlage für die Regelung von Arbeitsmodellen, Arbeits- und Ruhezeiten, Gesundheitsprävention und weiteren Anliegen, welche die Postulanten in diesem Zusammenhang ansprechen.

«Der Regierungsrat ist sich bewusst, dass dem bestehenden Arbeitsgesetz noch stark der Hauch der industriellen Zeit mit den vielen Fabriken anhaftet», heisst es in der Stellungnahme. Eine Erneuerung müsse aber auf nationaler Ebene stattfinden und sei politisch wohl ein langer und zäher Weg.

Nicht Aufgabe des Staates

Die Postulanten schlagen unter anderem auch öffentliche Co-Working-Spaces in Quartieren und Gemeinden vor. Solche Angebote würden bereits zur Genüge von Privaten abgedeckt, hält die Regierung dagegen. Es wäre falsch, wenn nun die öffentliche Hand diese Angebote mit Steuermitteln konkurrenzieren würde. «Es ist keine staatliche Aufgabe, Büroräumlichkeiten für die Privatwirtschaft bereitzustellen. Die Wirtschaft hat die Innovations- und die Finanzkraft, geeignete und nachgefragte Arbeitsplätze bereitzustellen», hält die Regierung fest.

Die Erfahrungen der kantonalen Verwaltung mit Homeoffice während des Lockdowns im Frühling 2020 hätten zudem gezeigt, dass die psychische Belastung der Arbeitnehmer durch die «Isolation» wie auch
durch die fehlende räumliche Trennung von «Arbeit» und «Privat» eine erhebliche Herausforderung sei. «Die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie ist zwar zu begrüssen, aber genau diese Vermischung wird von vielen auch als Belastung angesehen», ist der Stellungnahme zu entnehmen.

Die Regierung verfolge die Entwicklungen in Sachen Homeoffice – Pardon – Telearbeit mit «wachem Auge», empfiehlt das Postulat jedoch zur Ablehnung. Ebenfalls augenfällig: Mit keiner einzigen Silbe geht die Regierung in ihren Ausführungen auf den eigentlichen Kern des Postulats ein: die Belastung der Umwelt durch die massiven Pendlerströme aus – und vor allem nach – Zug.

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2 Kommentare
  1. Windlin René, 28.01.2021, 13:51 Uhr

    Es ist bemerkenswert, dass die Regierung auf das Arbeitsgesetz (ArG und VArg) verweist, welches zum Glück (noch) einige Schutzbestimmungen für die Arbeitnehmenden enthält. Bekanntlich wollen aber die gleichen Kreise und die Wirtschaftsverbände eben diese Schutzbestimmungen massiv aufweichen, was im Zusammenhang mit Covid19 z.B. beim Pflegepersonal auch geschehen ist.

    Bemerkenswert ist auch, dass die Regierung einige negative Folgen der Telearbeit erwähnt. Allerdings fehlt hier der Hinweis auf die gefährliche Vermischung von Freizeit und Arbeitszeit bzw. die 24h-Präsenz. Hier wäre eine klare Schutzbestimmung im Arbeitsgesetz dringend notwendig. Dies wird wohl in der Tat ein langer Weg…

    Und schade, dass sich die Regierung nicht zur Umweltbelastung durch die Pendlerströme äussert. Immerhin haben wir einige neue Strassen gebaut, weitere folgen und wir werden noch mehr Individualverkehr „ernten“. Ich hoffe, dass die Postulanten hier am Ball bleiben.

  2. Ben Egli, 28.01.2021, 13:30 Uhr

    Man sollte zusätzlich die Zuger Unternehmen auch dazu motivieren, bei der Rekrutierung neuer Mitarbeiter Zuger gegenüber ausserkantonalen Kandidaten zu bevorzugen. Am besten für’s Klima (auch das persönliche) ist doch, wenn man dort arbeiten kann, wo man wohnt.

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