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«Zu sehen, wie LKW-Fahrer ihren Frust im Alkohol ertränken, tut weh»
  • Kultur
Das Leben eines Lastwagenchauffeurs. «Ganz schön alleine», wie der Luzerner Filmer Fabian Biasio sagt. (Bild: FABIAN BIASIO)

Luzerner Fabian Biasio als Asphalt-Cowboy auf Tour «Zu sehen, wie LKW-Fahrer ihren Frust im Alkohol ertränken, tut weh»

4 min Lesezeit 1 Kommentar 14.11.2018, 10:32 Uhr

Monatelang begleitete Fabian Biasio Lastwagenchauffeure. Der Filmer und Fotograf aus Luzern spricht über Vorurteile, offenbarte Geheimnisse und das Alleinsein eines Fernfahrers. 

Heimatlos. Unbeliebt. Unterbezahlt. Mit diesen Worten beginnt der Trailer der Reportage des Luzerner Fotografen und Filmers Fabian Biasio.

Monatelang begleitete Biasio gemeinsam mit der WOZ-Journalistin Susan Boos Lastwagenchauffeure, die in der Schweiz, in Deutschland und in Bosnien unterwegs waren. «Wohl jeder Autofahrer nervt sich über die Lastwagenfahrer», sagt Biasio. Etwa dann, wenn sich ein «Elefantenrennen» anbahne und ein LKW einen anderen mit geringem Geschwindigkeitsunterschied überhole.

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Mit seiner Reportage, die er im Auftrag der Alpen-Initiative gemacht hat, wolle er diesen Menschen, die in der Gesellschaft oftmals mit Vorurteilen überhäuft werden, ein Gesicht geben. «Aber eigentlich habe ich dadurch nur meinen Job als Fotoreporter erledigt.» Für ihn bedeute guter Journalismus, die Menschen auch mit schweren Themen zu unterhalten.

Im Allgemeinen ist Biasio jemand, der das vor die Linse rückt, was andere abschreckt. So begleitete er mit seiner Kamera die Schwester eines Mörders, der zum Tode verurteilt wurde. Oder er schaute US-Soldaten im Irakkrieg über die Schultern und besuchte ein Kinderhospiz (zentralplus berichtete).

Charakterisiert nach Vorurteilen

Mit der Reportage über das Leben von Lastwagenchauffeuren wollte Biasio auf deren Dumpinglöhne und schwere Lebensbedingungen aufmerksam machen. Besonders die Begegnung mit dem bosnischen Lastwagenchauffeur Petar Stefanovic, der schweizerische Wurzeln hat, habe Fabian Biasio geprägt. Dieser sei denn auch erstaunt gewesen, als er von Biasio und Boos angesprochen wurde. «Sonst sind wir doch immer die Idioten», habe Stefanovic gesagt. Und weiter: «Viele Leute denken sich: Hier kommt jetzt so ein bärtiger, volltätowierter Stinker. Ungebildet – weiss Gott was – ein Rowdy auf der Autobahn.»

Der Luzerner Fotograf gibt zu, dass auch er Berührungsängste gehabt habe, als er das erste Mal an das Fenster eines Lastwagens geklopft habe. «Aber diese Scheu verfliegt, sobald man mit den Menschen spricht», so Biasio. Eine Woche lang begleitete er Stefanovic. Von Nürnberg fuhr er mit ihm bis nach Modrica, einer Stadt in Bosnien. Es habe dem Fahrer gut getan, dass ihm jemand zuhöre, so Biasio.

Hier gibt’s den Trailer des Films zu sehen:

«Truckermomente»: Von Heimweh und Depressionen

«Das Leben eines Lastwagenchauffeurs erinnert mich ein wenig an das eines Matrosen», erzählt Fabian Biasio. «Sie sind monatelang unterwegs, sehen Frau und Kind lange Zeit nicht.» Als Matrose habe man jedoch ein weit geselligeres Leben als die Fahrer. Denn diese fühlten sich oftmals ganz schön alleine. «Lastwagenchauffeure haben extremes Heimweh», sagt Biasio. Fernfahrer litten nicht selten an Depressionen. «Sie kennen diese Truckermomente», sagt Biasio. «Das Gefühl, dass der Himmel über dem eigenen Kopf einstürzt.»

«Zu sehen, wie einige ihren Frust im Alkohol ertränken, tut einem schon weh.»

Fabian Biasio, Luzerner Filmer und Fotograf

Nicht selten sei er Betrunkenen auf Raststätten begegnet. Lastwagenschauffeure, die Bier und Vodka kippen würden, so viel es nur gehe. Der Alkohol werde einigen Chauffeuren zum Verhängnis. «Zu sehen, wie diese ihren Frust im Alkohol ertränken, tut einem schon weh», sagt Biasio.

Klarheit und Freiheit

Doch es gab auch schöne Momente. So sei Biasio von einem kroatischen Fahrer beeindruckt gewesen, der einen Riesenschmöker in seiner Kabine horte. Es war ein Buch über Kunst und Architektur, in das sich der Chauffeur in seiner Freizeit vertiefe.

«Ich wurde in viele Geheimnisse eingeweiht», sagt Biasio. Er habe Einblick in intime Momente eines Menschen erhalten, der einen Grossteil seines Lebens in kompletter Isolation verbringe. Überrascht sei Biasio über die Sauberkeit der Kabinen der Fahrer gewesen. «In keiner einzigen habe ich auch nur ein Staubkorn gesehen», sagt Biasio. Die Fahrer würden die Schuhe jeweils ausziehen und in Socken über die Strassen fahren. Denn in den wenigen Quadratmetern schlafen sie zugleich auch. Nur die wenigsten könnten es sich mit dem geringen Lohn leisten, ein Zimmer in einem Hotel zu buchen.

«Ich wurde in viele Geheimnisse eingeweiht.»

Fabian Biasio

Berührt habe Biasio auch die Aussage des Fahrers Petar Stefanovic. Dieser habe gesagt, dass er jeweils morgens eine Viertelstunde Zeit habe, um sein Leben zu geniessen. Nämlich dann, wenn die Sonne aufgehe und er die Weite vor sich habe. Und er sich genüsslich eine Zigarette anzünde. Dann seien die Fahrer von einer Klarheit geprägt.

Auch die Rückkehr von Stefanovic sei bewegend gewesen. Wie dieser seine Frau herzlich umarmte – und daraufhin seine beiden Katzen. «Einem Lastwagenchauffeur gibt man auf den ersten Blick nicht, dass dieser mit seinen Katzen schmust», sagt Biasio lachend.

Die ganze multimediale Reportage ist hier zu finden.

Weitere Eindrücke erhalten Sie in der Bildergalerie:

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1 Kommentare
  1. Werner Odolon, 14.11.2018, 16:54 Uhr

    Der Mann der in einem der Trailer sagt: Mehr Güter auf die Strasse; Transporte auf der Strasse zu billig, hat ja recht nur wie langsam sind die Bahntransporte durch Europa? Wie lange wäre die Ware per Bahn unterwegs in dem angesagten Beispiel Nürnberg – Modrica? Wie lange wären die Tomaten aus Spanien auf der Bahn bis in die Schweiz? Und die Trauben aus dem Süden wären längst verfault ehe sie bei Migros im Regal landen? Und der Konsument, der heute wegen ein paar Franken nach Konstanz fährt, wäre er bereit höhere Transportkosten zu schlucken? (Schnäppchenjäger!)