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In Luzern versuchen Betrüger, verzweifelten Wohnungssuchenden Geld abzuknöpfen. (Bild: Fotolia)

Immobilien-Tricks in Luzern «Zu günstig, um wahr zu sein»

6 min Lesezeit 30.03.2015, 10:07 Uhr

Wohnungsnot macht erfinderisch: Mit verschiedenen Tricks wird in Luzern versucht, verzweifelten Wohnungssuchenden Geld abzuknöpfen. Insbesondere eine Masche ist momentan weit verbreitet, wie Beispiele von Betroffenen zeigen.

In der Stadt Luzern herrscht Wohnungsnot. Es mangelt an preisgünstigen Wohnungen für Familien, Rentner, Alleinerziehende oder Studenten. Diese Not nützen dreiste Betrüger schamlos aus. «Mit der Wohnungsnot nehmen auch betrügerische Fälle zu», sagt Beat Wicki, Geschäftsführer des Mieterinnen- und Mieterverbandes Luzern (MMV).

Wie schwierig es für Familien oder Paare ist, eine Wohnung zu finden, ist auch auf Facebook bemerkbar. Immer wieder suchen junge Paare oder Familien jahrelang verzweifelt nach Hinweisen für eine bezahlbare Wohnung in oder um die Stadt Luzern. Unsere Suche nach Personen, die bereits in einen Betrugsfall verwickelt waren, verlief hingegen deutlich erfolgreicher. Innert kürzester Zeit haben sich zahlreiche Luzernerinnen und Luzerner gemeldet, die ihre Erfahrungen teilen möchten. Es zeigt, wie verbreitet die Betrugsmasche ist und dass es jeden treffen kann.

«Das Angebot klang sehr attraktiv»

«Dieser Fall ereignete sich erst vor einer Woche», sagt Jessie Krüger, die gemeinsam mit ihrem Freund auf der Suche nach einer Wohnung in der Stadt Luzern ist. Es handelt sich um eine 1,5-Zimmer-Wohnung an der Hofstrasse 9 in 6006 Luzern. «Wir haben diese möblierte Wohnung auf ‹Comparis› gefunden. Mit einem Mietzins von monatlich 1’120 Franken inklusive Nebenkosten klang das Angebot sehr attraktiv», so Krüger.

«Wir hatten mit dem Vermieter, Alexander Reuser, via Mail kontakt», sagt Jessie Krüger. «Ich lebe zurzeit in London. Ich kaufte die Wohnung 2009 für meine Eltern, welche jetzt wegen des warmen Wetters nach Korsika gezogen sind», schreibt der angebliche Vermieter im Mail, dessen Verlauf zentral+ vorliegt. Schliesslich fragt Reuser höflich nach weiteren Informationen der Mietinteressenten, die sie ihm auch zukommen liessen.

Dann wird es skurril: «Die Reservation wird über ‹Airbnb› gemacht», schreibt ihnen Reuser dann auf Englisch zurück. Mit diesem Mail verlangt der angebliche Vermieter gleich 1’120 Franken als Garantie und nochmals eine Monatsmiete als Mietzinsdepot. Sobald diese Zahlungen erbracht worden seien, würden sie von Airbnb kontaktiert werden, um die Wohnung besichtigen zu können. Ab diesem Zeitpunkt ging Krüger davon aus, dass etwas nicht stimmt.

«Wenn nicht Airbnb, wem sonst sollten Sie trauen?»

Angeblicher Vermieter

«Angefangen zu zweifeln habe ich bereits beim ersten Mail.» Schliesslich fragte sie zur Sicherheit ihre Mutter um Rat, ob eine Bezahlung im Voraus – also bevor die Wohnung besichtigt werden konnte – üblich sei. Sie verneinte und so schrieb Krüger dem angeblichen Vermieter nochmals zurück, um eine mögliche Einigung zu finden. «Nach einer Besichtigung der Wohnung werden wir Ihnen gerne das Geld überweisen. Bis dahin werden wir jedoch jegliche Zahlung verweigern.» Beleidigt aufgrund seines gescheiterten Betrugsversuches schrieb er zurück: «Airbnb ist eine der grössten Firmen der Welt. Sie bezahlen das Geld nur als Garantie, erhalten dieses jedoch zurück, falls Sie nach der Besichtigung der Wohnung diese nicht möchten. Wenn nicht Airbnb, wem sonst sollten Sie trauen?»

Inserat nach drei Tagen wieder weg

Für Jessie Krüger war der Fall klar: Es muss sich um einen Betrug handeln. «Ich konfrontierte anschliessend Comparis mit dem Betrugsversuch. Das Inserat wurde drei Tage später entfernt.» Krüger rät jedem, der eine Wohnung suche, im Zweifelsfall sofort eine Vertrauensperson hinzuzuziehen. Aber am wichtigsten: «Überweise niemals Geld an eine Person, die man zuvor noch nie gesehen hat.»

Vor rund einem Jahr machte Linda Tophinke eine ähnliche Erfahrung: «Ich hatte eine 4-Zimmer-Wohnung in der Voltastrasse ins Auge gefasst.» 1’500 Franken Mietzins inklusive Nebenkosten – für eine möblierte Wohnung. «Es war zu günstig, um wahr zu sein.» Mit einer ähnlichen Masche wie im ersten Beispiel kontaktierte sie die angebliche Vermieterin Monika Bilate. «Es tut mir leid, dass ich Ihnen auf Englisch schreibe, aber mein Deutsch ist nicht so gut», antwortete diese.

Erhalt des Schlüssels nach Geldüberweisung

Wiederum dasselbe Spiel: «So läuft das ganze ab: Sie schicken mir Angaben zu Ihnen, inklusive einer Kopie des Passes. Dann leite ich Ihnen die Informationen der Verwaltungs-Firma weiter, die Sie dann kontaktieren wird», so Bilate. Sie müsse 3’000 Franken – also die erste Monatsmiete sowie ein Mietzinsdepot – an diese Firma überweisen. Der Schlüssel werde dann innert zwei bis drei Tagen zugeschickt. Und die angebliche Vermieterin gibt sich noch gütiger: «Weil Sie die Wohnung noch nicht gesehen haben, gewähren wir Ihnen ein Geldzurück-Garantie von zehn Tagen.» Falls sie ihr nicht gefalle, würden sie selbstverständlich das Geld zurück überweisen.

«Abacus Real Estate», so heisse die Immobilien-Firma in London. «Der Vertrag ist vorbereitet und bereit zur Zusendung», schreibt die «Vermieterin» in einem letzten Mail. «Ich habe anschliessend den Kontakt abgebrochen, weil ich gemerkt habe, dass es sich um einen Betrug handelt», so Tophinke. «Ich googlete die Firma und habe realisiert, dass ich das Geld nie wieder sehen würde, falls ich es eingezahlt hätte.» Man müsse bei der Wohnungssuche aufmerksam sein: Niemals jemandem Geld überweisen, den man nicht getroffen habe oder mal die angegebene Adresse aufsuchen, rät Linda Tophinke.

«Das war so seltsam, dass ich dann nicht mehr geantwortet habe.»

Nadije Korajilic, Wohnungssuchende

Darauf sollten Sie achten

Zu den genannten Betrugsmaschen empfiehlt Beat Wicki, Geschäftsleiter des Mieterinnen- und Mieterverbandes Luzern (MMV), folgendes:

  • Keine Vorauszahlung leisten, ohne dass ein persönlicher Kontakt und eine Besichtigung der Wohnung stattgefunden hat. Mietzinskaution ist erst fällig, wenn der Mietvertrag unterzeichnet ist.
  • Eine Mietvertragsänderung wird nie von einem Anwalt oder einer andern Person zugestellt. Eine Vertragsänderung ist nur gültig, wenn Sie auf dem amtlichen Formular erfolgt und vom Eigentümer oder dessen Vertreter (Immobilienverwaltung) persönlich unterzeichnet ist. Im Zweifelsfall immer zuerst die Verwaltung kontaktieren und nachfragen.
  • Ist ein gutgläubiger Mietinteressent betrogen worden, soll er Strafanzeige einreichen. Im Falle der fiktiven Wohnbaugenossenschaft konnte der MMV über die Staatsanwaltschaft erwirken, dass die Webseite gelöscht wurde.

«Ich wäre fast auf diese Masche reingefallen», sagt Nadije Korajilic. Ihre Geschichte sei erst wenige Wochen alt. «Da ich neu in die Schweiz kam, war ich auf der Suche nach einer günstigen Bleibe in Luzern.» Auf «immoscout24» sei sie dann auf eine «wunderschöne, moderne und viel zu günstige Wohnung» gestossen. «Sofort habe ich eine Mail für einen Besichtigungstermin verschickt. Die Antwort kam postwendend und auf Deutsch», so Kroajilic. Eine Dame habe ihr geschrieben, dass die Wohnung ihren Eltern gehöre, diese inzwischen jedoch zu alt seien und die Wohnung zu gross. Sie selber lebe in London, und kommuniziere daher lieber auf Englisch. «Sie schrieb dann, dass ich die Wohnung auch ohne Besichtigungstermin haben könne. Leider habe sie in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht, weshalb der Schlüssel bei ihr in London sei.» Als Nadije Korajilic als nächster Schritt Geld an eine Agentur hätte überweisen müssen, wurde sie skeptisch. «Ich wollte nochmals das Wohnungs-Inserat öffnen. Dieses war dann aber plötzlich nicht mehr verfügbar. Das war so seltsam, dass ich dann nicht mehr geantwortet habe.»

Weitere Maschen der Betrüger

Es gibt noch weitere, ähnliche Maschen, die immer wieder in Luzern auftauchen. Beat Wicki, Geschäftsführer des MMV, erklärt: «Mieter erhalten von einem fiktiven Anwalt eine Vertragsänderung mit der Begründung, dass der Eigentümer gewechselt habe und der Mietzins auf ein anderes Konto zu überweisen sei.» Von diesem Beispiel betroffen sind aktuell die Bewohner der Allmend-Hochhäuser. Oder: «Eine neue gemeinnützige Wohnbaugenossenschaft bietet an attraktiver Lage in Luzern günstige Wohnungen an. Nach Einzahlung des Anteilkapitals erhalten Interessenten genaue Unterlagen über das Mietobjekt, in dem sie dann eine Wohnung auswählen können», erklärt Wicki. Dieser Fall liege jedoch bereits einige Jahre zurück.

Eine der beliebtesten Betrugsmaschen allerdings ist zurzeit das Verweilen des angeblichen Besitzers oder Vermieters im Ausland, wie die Beispiele zeigen. «Es wird an zentraler Lage in Luzern eine günstige Wohnung ausgeschrieben. Die Kontaktaufnahme ist nur per Mail möglich», sagt Beat Wicki. Wenn sich nun Interessenten auf diese Mail melden, erhalten sie als Antwort, dass sich der Vermieter zurzeit im Ausland – in der Regel London – aufhält und somit ein persönlicher Kontakt zur Wohnungsbesichtigung und -übergabe nicht möglich sei. Scheint soweit nicht aussergewöhnlich zu sein, bis dann schliesslich die Geldforderung kommt. «Nach der Überweisung eines Geldbetrages für die Mietzinskaution oder als Sicherheit für den Schlüssel zur Besichtigung versprechen sie, den Mietvertrag zuzustellen, so dass der Interessent dann einfach einziehen könne.» Spätestens dann sollten die Alarmglocken läuten. Finger weg von solchen Inseraten!

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