Zaghafte Annäherung von Kirche und Wirtschaft
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Kloster Kappel am Albis im Oktober 2012: Forum «Wirtschaft und Werte». (Bild: PD)

Zug Zaghafte Annäherung von Kirche und Wirtschaft

6 min Lesezeit 20.02.2013, 06:16 Uhr

Die Fachstelle «Forum für Kirche und Wirtschaft» des Kantons Zug bemüht sich um ein besseres Verständnis zwischen Kirche und Wirtschaft. Trotz regem Dialog scheinen die Wurzeln dieser Anstrengungen nicht wirklich in fruchtbarem Boden zu wachsen.

 

Christoph Balmer spinnt Netze. Er ist Bindeglied und vermittelt zwischen Menschen aus den Bereichen Kirche und Wirtschaft. Dies tut der gelernte Buchhändler als Leiter der Zuger Fachstelle «Forum für Kirche und Wirtschaft» mühelos. 

Seit die Institution vor dreieinhalb Jahren ins Leben gerufen wurde, befinden sich Kirche und Wirtschaft im Dialog. Allerdings nur im Dialog. Balmer: «Die Bilanz ist positiv. Das Ziel einen Dialog zu führen, ist nicht nur erreicht, sondern er findet auch regelmässig statt.»

Doch der Weltenkuppler ist nicht blauäugig. Auf konkrete Auswirkungen im täglichen Schaffen der Wirtschaft hofft er nicht. «Kurzfristig wird sich bestimmt nichts ändern. Das vertiefte Verständnis, welches wir anstreben, ist ein langwieriger Prozess. Die Tatsache, dass ein Dialog besteht, ist für uns Gewinn genug», bekräftigt Balmer. 

Eine Plattform zu diesem noch zaghaften Dialog bieten diverse Veranstaltungen. Zweimal im Jahr findet im Kloster Kappel (Kappel am Albis) der Event «Wirtschaft und Werte» statt. Dabei reichen die Themen dieses Forums von wirtschafts- und sozialethischen bis hin zu unternehmerischen Fragen. Hinzu kommen Anlässe von «Wirtschaft live», wo kirchliche Mitarbeitende und Behördenmitglieder in einem kantonalen Betrieb zusammenkommen. Und in einer Gesprächsgruppe von Führungsleuten schliesslich moderiert Balmer einen Gedankenaustausch zu Themen wie Führung oder Work-Life-Balance. 

«Es geht nicht darum, jemanden an den Pranger zu stellen. Ich mag dieses Schwarz-Weiss-Bild nicht. Bei den Veranstaltungen geht es mir um Information und ausgewogene Gesprächsrunden mit gutem Grundtenor.» Die Begegnungen sollen eindrücklich und nachhaltig sein, so Balmer weiter. 

Hochkarätige Gäste – Grossunternehmen fehlen

Insgesamt neun Veranstaltungen wurden bisher durchgeführt. Knapp 1100 Teilnehmende wurden gezählt. Einige Personen auf der Gästeliste sind VIP‘s: Mit dabei war der Verwaltungsratspräsident von Nestlé, Peter Brabeck, der Herzchirurg Thierry Carrel, Bischof Felix Gmür oder Zisterziensermönch Karl Wallner. «Jede Referentin und jeder Referent begeistert auf eigene Art und Weise. Die Begegnungen mit Brabeck, Carrel, Bischof Felix und Pater Karl haben mich persönlich besonders berührt.» 

Berührungsängste zwischen Kirchenmenschen und Wirtschaftsleuten abbauen, im Idealfall sogar abschaffen. Das ist Balmers erklärtes Ziel. Ein hochgestecktes Ziel, welches schon erste Anpassungen verlangt hat. Während die Fachstelle ursprünglich nur Entscheidungsträger als Zielgruppe definierte, ist das Publikum mittlerweile breit durchmischt. Gewerbler, Kundenberater, Leute aus dem Marketingbereich, Treuhänder, Gemeinde- und Regierungsräte sowie Anwälte besuchen die Veranstaltungen. Nur: Vertreter von Grossunternehmen und Parlamentarier fehlen häufig. «Der Grund dafür sind meistens Terminkollisionen», begründet Balmer diese Tatsache.

zentral+ wollte wissen, ob und wie die Fachstelle Forum für Kirche und Wirtschaft bei grossen Arbeitgebern, Verbänden und der Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Zug wahrgenommen wird. Hier die Aussagen von Pressesprechern, Geschäftsstellenleitern und Verbandspräsidenten:

Glencore: «Wir hatten mit Herrn Balmer von der Fachstelle vor einigen Wochen Kontakt. Weiter möchten wir dazu im Moment nicht öffentlich Stellung nehmen.»

Roche Diagnostics International:  «Roche ist eine internationale Firma, die weltweit in über 180 Ländern aktiv ist. In Rotkreuz haben Mitarbeitende aus über 50 Nationen ihren Arbeitsplatz. Das Unternehmen ist deshalb konfessionell neutral und engagiert sich nicht in religiösen Fragen. Unsere Mitarbeitenden leben ihre Religion so, wie sie das möchten.»

Crypto AG: Angefragt, aber keine Rückmeldung erhalten.

Zugerland Verkehrsbetriebe: «Die Zugerland Verkehrsbetriebe hatten bisher noch keinen Kontakt zur Fachstelle Forum Kirche und Wirtschaft. Aus diesem Grund ist es uns nicht möglich tiefergehende Fragen zu beantworten.»

V-Zug: «Uns war die Fachstelle bis jetzt nicht bekannt. Wir sind jedoch der Meinung, dass ein Zusammengehen und ein Bilden von Synergien auf den ersten Blick Sinn ergibt. Entscheidend ist am Schluss immer, ob und wie die Zielgruppen ihren Nutzen daraus ziehen. Ebenso ist es zentral, dass man die Tätigkeiten überhaupt wahrnimmt.»

Siemens Schweiz AG: «Wir wollen keine Stellung nehmen.»

Gewerbeverband Zug: «Wir wissen, dass die Fachstelle verschiedene Anlässe organisiert. Für uns macht es jedoch den Anschein, dass das Verständnis nur einseitig gesucht wird. Bei wirtschaftlichen Anliegen wie zum Beispiel den Ladenöffnungszeiten fehlt das Verständnis seitens der Kirche.»

Zuger Wirtschaftskammer: «Die Fachstelle Forum für Kirche und Wirtschaft ist seit Ende Oktober 2009 Mitglied der Zuger Wirtschaftskammer. Der Stellenleiter Christoph Balmer nimmt regelmässig an unseren Veranstaltungen teil, um sich mit den anderen Mitgliedern aus Dienstleistungs-, Industrie- und Handelsunternehmen zu vernetzen. Aufgrund der interessanten wirtschaftsethischen Fragestellungen des Forums informieren wir unsere Mitglieder auf elektronischem Weg über dessen Anlässe.»

Zuger Volkswirtschaftsdirektion: «Ja, die Volkswirtschaftsdirektion und verschiedene Ämter kennen die Fachstelle. Mehrere Amtsleitende der Direktion haben schon an einzelnen Veranstaltungen teilgenommen. Grund dafür waren die aktuellen Themen und sehr interessanten Referentinnen und Referenten. Wir werden regelmässig mit Einladungen für die Veranstaltungen bedient. Wir erachten es als sinnvoll, wenn sich Kirche und Wirtschaft aktiv austauschen. Deshalb unterstützen wir die Aktivitäten der Fachstelle, wo immer es für uns möglich ist.»

Balmer ist in einem katholischen Umfeld aufgewachsen und hat laut eigenen Aussagen stets nach christlichen Grundregeln gelebt. Und er bringt 30 Jahre Unternehmenserfahrung mit eigener Buchhandlung und Verlagsauslieferung im Detail- sowie Grosshandel mit. Da sei er nach wie vor als Miteigentümer und Verwaltungsratspräsident in der Wirtschaft verankert, erklärt Balmer. Dies prädestiniere ihn für die Position. «Insgesamt führt das zu einer sehr breiten Erfahrung, viel politischem Feingefühl und einem grossen Beziehungsnetz. Davon profitiere ich bei meiner Arbeit für die Fachstelle sehr.»

Vertieftes Verständnis für 200 000 Franken

Balmer beweist ein gutes Händchen als Vermittler. Und er darf auf einen starken Rücken zählen: Die Vereinigung der Katholischen Kirchgemeinden des Kantons Zug VKKZ trägt die Fachstelle nämlich nicht nur finanziell, sondern auch aus voller Überzeugung mit. «Ich möchte die Fachstelle nicht mehr missen, auch wenn ich ihr anfangs etwas skeptisch gegenüber stand. Ich habe mich bei den Delegierten des VKKZ letztes Jahr vehement für eine ungeschmälerte Erhaltung der Institution eingesetzt. Dies letztlich mit Erfolg», sagt Peter Niederberger, Präsident des VKKZ. 

Knapp 200‘000 Franken kostet die Fachstelle «Forum für Kirche und Wirtschaft» im Jahr. Inwiefern sich dies auszahle, lasse sich nicht sagen und beziffern schon gar nicht, erklärt Niederberger. «Langfristig wird sich die Stelle hoffentlich durch ein vertieftes Verständnis zwischen Kirche und Wirtschaft verdient machen. Im Idealfall gar durch gegenseitige Unterstützung – ideell und materiell», träumt Niederberger von der Zukunft.

Gestützt durch diesen Optimismus in der Trägerorganisation und in der Fachstelle läuft die Planung für das laufende Jahr. 2013 finden zwei Anlässe von «Wirtschaft und Werte» im Kloster Kappel und drei bis vier von «Wirtschaft live» statt. Gesetzt sind brisante Themen wie Rohstoff und Energie 2050, Bioethik oder Wirtschaft und Glaube. Auch für diese Anlässe hofft Christoph Balmer hochkarätige Gäste mit internationaler Ausstrahlung gewinnen zu können, so etwa auch einen Vertreter von Glencore.

Und dabei taucht unweigerlich die Frage auf: Bleibt es bei einer Fortsetzung der bisher wenig verbindlichen Debatten, oder werden da in naher Zukunft auch Nägel mit Köpfen gemacht? Die Hoffnung, so heisst es, stirbt bekanntlich zuletzt.

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