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Wolfgang Beltracchi «fälscht» weiterhin Bilder, und das ganz legal
  • Kultur
Wolfgang Beltracchi sprach an der Universität Luzern über seine Karriere als Fälscher. (Bild: pze )

Der Meisterfälscher zu Besuch an der Uni Luzern Wolfgang Beltracchi «fälscht» weiterhin Bilder, und das ganz legal

6 Min 28.02.2018, 04:34 Uhr

Am Dienstagabend besuchte der Meisterfälscher Wolfgang Beltracchi die Universität Luzern. Der Künstler, der seit einem Jahr nahe Luzern wohnt, räumte mit alten Mythen auf. Und präsentierte stolz seine neusten Streiche aus seinem Megger Atelier.

Er täuschte sie alle. Der deutsche Maler Wolfgang Beltracchi (67) verkaufte Gemälde von Künstlern wie Heinrich Campendonk, Max Ernst oder Max Pechstein im Wert von Millionen. Doch die Kunstwerke der grossen Meister waren nicht nur teuer – sie waren vor allem nicht echt. Gemalt hat sie Beltracchi selber und wurde so zum grössten Kunstfälscher des 20. und des jungen 21. Jahrhunderts.

Beltracchi erlangte 2011 zweifelhaften Ruhm, als er wegen Betrugs zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Vor rund drei Jahren wurde er wegen guter Führung entlassen. Seit rund einem Jahr wohnt «der Meisterfälscher» am Vierwaldstättersee, in Meggen.

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Über 20 Millionen Franken hat er auf dem Kunstmarkt für seine Gemälde bekommen. Ist er Krimineller – oder ist er Künstler, der den Reichsten einen Streich spielte? Am Dienstagabend war Beltracchi an der Universität Luzern zu Besuch.

Publikum ist fasziniert

Der Hörsaal war gut besucht. Das Publikum bestand vor allem aus älteren Gästen – kein Wunder, der Event wurde von der Senioren-Universität angeboten. Viele der Anwesenden sind fasziniert von Beltracchi. «Es ist sehr interessant, er hat die ganze Kunstelite an der Nase herumgeführt», sagt Rudolf Grünenfelder. Er glaubt nicht, dass Beltracchi heute seine Geheimnisse lüften wird. «Aber es ist spannend, ihn zu sehen.»

«Kunstfälschung gibt es seit der Antike, das ist nichts Besonderes.»

Kristina Piwecki, Dozentin für Kunstgeschichte

Die Meinung wird bei den Zuschauern breit geteilt. Es kommen Voten wie «Er hat nunmal diese Begabung» bis hin zu «Er ist einfach sehr sympathisch». Wirklich übel nimmt ihm den Millionenbetrug niemand. Beltracchi ist ein Künstler, auch in der Selbstvermarktung.

Fehler des Systems aufgezeigt 

Wolfgang Beltracchi ist eine Kunstfigur. Das Kriminelle ist nur ein Teil von ihm. Er und seine Frau, die beim Verkauf der gefälschten Kunstwerke mithalf, wurden von Kristina Piwecki, Dozentin für Kunstgeschichte, als «Bonny und Clyde» vorgestellt. Und mit einem der berühmtesten Gangsterpaar verglichen, das stets die Bewunderung der Massen genoss.

Dozentin Piwecki hegte offensichtliche Sympathien für den Meisterfälscher – und war damit nicht alleine. Sie sagte: «Kunstfälschung gibt es seit der Antike, das ist nichts Besonderes.» Doch der Fehler liege nicht bei Beltracchi alleine. «Wer provoziert solche Fälschungen? Es ist das System», erklärte sie.

Kristina Piwecki führte durch den Abend.

Kristina Piwecki führte durch den Abend.

(Bild: pze)

Und der 67-Jährige habe nicht nur Leute getäuscht – er hat die Fehler des Systems aufgezeigt. Kunstwerke sind schon lange oft nur noch Spekulationsobjekte. Die Preise, die für Bilder gezahlt werden, steigen ins Horrende – nur, um die Werke kurze Zeit später für einen noch höheren Betrag wieder verkauft zu werden. Diesen Systemfehler habe sich der Fälscher zunutze gemacht.

«Der schönste Campendonk überhaupt»

Ausserdem, sagte Dozentin Piwecki beinahe entschuldigend für Beltracchi: «Er hat die Künstler nicht gefälscht, er hat sie ergänzt.» Beltracchi malte in die Lücke: Er malte Werke, die noch undokumentiert waren. Zum Verhängnis wurde ihm schliesslich ein Campendonk-Imitat: «Rotes Bild mit Pferden» aus dem Jahre 1914 – versteigert für 2,8 Millionen Euro. Vertraute des Künstlers und Experten seien sich einig gewesen: Der schönste Campendonk überhaupt. Bis der Schwindel aufflog, und man sich eingestehen musste: Das Kunstwerk ist ein Beltracchi.

 «Der Gedanke, ich hätte Sekundenkleber benutzt, ist absolut lächerlich»

Wolfgang Beltracchi, Kunstfälscher

Dabei habe dieser dem Künstler Campendonk eigentlich einen Gefallen getan: Dass Campendonk – «ein Künstler der zweiten Garde» – heute bewusst wahrgenommen werde, sei Beltracchis Verdienst, so Piwecki.

Beltracchi wehrt sich für seine Fälscher-Ehre

Beltracchi selbst zeigte sich während des Abends bei guter Laune. Ihm gefiel die Laudatio, wobei ihm die Geschichte ab und zu zu ungenau war. Er unterbrach die Referentin immer wieder mit Zwischenrufen: «Das stimmt so nicht!», und er ergänzte Fehlerhaftes durch seine eigene Sichtweise.

Der Maler wehrte sich mehrfach gegen die damalige Unterstellung durch die Behörden, dass er zum Bekleben der nachgestalteten Galerieaufkleber Sekundenleim verwendet hätte – ein Hinweis, der beispielsweise aktuell noch auf der Wikipediaseite über Beltracchi zu finden ist. Fünf verschiedene Kleber habe er verwendet, um nicht in Verdacht zu geraten, dass die Meisterwerke bei einer allfälligen chemischen Untersuchung denselben Klebstoff aufwiesen. «Der Gedanke, ich hätte Sekundenkleber benutzt, ist absolut lächerlich», so Beltracchi.

Helene Beltracchi und ihr Mann Wolfgang.

Helene Beltracchi und ihr Mann Wolfgang.

(Bild: pze)

Der penible Fälscher gesteht seine Taten heute restlos ein, es kümmert ihn kaum. Doch er wehrt sich dafür umso energischer gegen den Vorwurf der Schlamperei. Seien es moderne Farben, die er benutzte oder der Kleber – Beltracchi tut die Vorwürfe mit einem Lächeln ab: «Die chemischen Analysen ergaben den Nachweis erst, nachdem ich bereits gestanden hatte, alle Bilder, die zur Anklage standen, gemalt zu haben.»

Beltracchi fälscht noch immer

Aus dem Publikum tauchte die Frage auf, zwar könne er jeden imitieren – was denn aber ein typischer Beltracchi sei. Darauf sagt der Künstler: «Wenn jemand sagt, er malt seinen eigenen Stil – das lehne ich grundsätzlich ab.» Er fände es langweilig, Kunst wie ein Label zu betreiben – das immer gleich aussehe. Mache er eine Ausstellung, so könnten die von ihm gemalten Bilder von zehn verschiedenen Künstlern stammen. «Das ist mein genetischer Defekt.»

«Kunst muss aus einem geistigen Vermögen kommen. Kreativität hat mit Wissen zu tun», sagt er. Und man muss zweifelsohne zugeben: Beltracchis Wissen über Kunst ist beeindruckend umfassend.

«Der schönste Campendonk»: Wegen diesem Bild wurde Beltracchi überführt.

«Der schönste Campendonk»: Wegen diesem Bild wurde Beltracchi überführt.

(Bild: pze)

Heute fälscht der Künstler noch immer – jetzt aber unter seinem eigenen Namen. Momentan verwende er die meiste seiner Zeit auf sein neues Projekt «Kairos». 23 Gemälde im Stile von 23 Künstlern malt der Wahl-Meggener in seinem Atelier. Er und seine Frau suchten nach grossen und noch undokumentierten Momenten in den letzten 2000 Jahren, die noch nicht gemalt worden seien. So beispielsweise der letzte Moment im Leben Gustav Klimts, ein Maler, der nie Selbstporträts malte.

Ein Hansdampf in allen Gassen 

Die Bilder entstehen alle im Jugendstil-Saal des Gasthauses «Kreuz» in Meggen. Das Leben am Vierwaldstättersee sage ihm zu. Er verstehe inzwischen Schweizer Dialekt und fühle sich wohl in seiner neuen Heimat.

Meist jedoch arbeitet Wolfgang Beltracchi. Gerade hat der Markenbotschafter von Ford Schweiz einen Fiesta bemalt. Dieser wird bald für einen guten Zweck versteigert – die Verantwortlichen rechenen mit rund 200’000 Franken Erlös. Und die Dekoration für den Eiskunstlauf-Event «Art On Ice» stammt ebenfalls von Beltracchi.

«Die drei wichtigsten Dinge für einen Künstler sind: être présent, être présent, être présent.»

Wolfgang Beltracchi, Kunstfälscher

Bald will er auch wieder Fernsehserien machen. In früheren Sendungen hat der Deutsche grosse Persönlichkeiten wie Fussballer Mario Gomez, Entertainer Harald Schmidt oder auch Kabarettist Emil Steinberger im Stile von berühmten Malern dargestellt.

Bei so viel medialer Aufmerksamkeit muss man sich fragen: Ist er nun lieber Künstler oder Medienfigur? Darauf antwortete er mit einer französischen Weisheit: «Die drei wichtigsten Dinge für einen Künstler sind: être présent, être présent, être présent.»

Der Fall Beltracchi

Wolfgang Beltracchi fälschte während rund 40 Jahren Kunstwerke bekannter Künstler wie Max Ernst oder Claude Monet und verkaufte diese auf dem Kunstmarkt. Er verfügt über ein erstaunliches Können, seine detaillierten Nachahmungen täuschten die renommiertesten Kunstexperten der Welt.

2010 wurde durch eine chemische Analyse in der von Beltracchi gemalten Campendonk-Fälschung «Rotes Bild mit Pferden» Spuren eines Weiss entdeckt, welches zur damaligen Zeit in der Malerei nicht verwendet wurde.

Rund 300 Bilder noch im Umlauf

Beltracchi wurde wegen gewerbsmässigen Betrugs mit 14 Gemälden zu sechs Jahren Haft verurteilt, davon sass er 14 Monate in Untersuchungshaft und rund drei Jahre im offenen Vollzug ab. 2015 wurde er wegen guter Führung auf Bewährung entlassen. Der Fall verhalf dem Paar zu grosser Berühmtheit.

Insgesamt hat Beltracchi rund 300 Zeichnungen und Malereien im Stile bekannter Künstler hergestellt Wo diese sich befinden, darüber hüllt er den Mantel des Schweigens. Offiziell weiss er selber nicht, wo sich diese Bilder befinden. Dies, weil die Werke mehrfach weiterverkauft wurden. 

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