Alter EWL-Stromverteiler

Dieser hässliche Klotz versteckt ein wahres Schmuckstück

Das ehemalige Stromverteilungscenter am Steghof ist ein Lehrstück für den Denkmalschutz Luzern. (Bild: Jan Rucki)

In Luzern sind viele Gebäude von historischer Bedeutung rücksichtslos renoviert worden. So auch das alte Stromverteilungscenter der EWL. Aus heutiger Sicht gehört der Klotz in der Stadt Luzern unter Denkmalschutz gestellt. Denn: Er verbirgt wohl ein echtes Bijou.

Die meisten Luzernerinnen kennen den grünen Klotz am Steghof, der bestimmt nicht zu den ästhetischen Highlights der Leuchtenstadt gehört. Ziemlich funktionell sieht er nämlich aus. Drin war das alte Stromverteilungscenter des Energieversorgers Energie Wasser Luzern (EWL). Welchem Zweck das Gebäude heute dient, ist den allermeisten ein Rätsel, wo doch bereits seit einigen Jahren daneben ein Neubau steht. Selbst der EWL selbst scheint es so zu gehen.

Verschiedene Zwischennutzungen

Nachgefragt beim Energieversorger stossen wir erst einmal auf ein paar Fragezeichen. Neben besagtem Gebäude stehen nämlich zwei weitere an Ort und Stelle. Drei verschiedene Nutzungen befinden sich derzeit in den Gebäuden an der Sternmattstrasse 1 bis 3, erklärt EWL-Mediensprecherin Esther Schmid: «Zum einen befinden sich in den Gebäuden derzeit zwei vermietete Wohnungen. Eine weitere Nutzung ist derzeit durch das Laboratorium aktiv. Dabei handelt es sich um eine Art Co-Working-Space. Und schlussendlich nutzen wir einen Teil der Flächen auch im Eigenbedarf.»

«Für das Bauprojekt benötigen wir viel Platz für Grossfahrzeuge. Der Ort, an dem jetzt noch die Gebäude stehen, könnte als ein solcher Platz dienen.»

Esther Schmid, Mediensprecherin EWL

Die Gebäude sollen nicht mehr so lange stehen bleiben: «Die Verträge mit unseren Mietern sind derzeit als Zwischennutzung aufgesetzt. Bis Mitte 2023 dürfen die Parteien mindestens in den Räumlichkeiten bleiben», schreibt Schmid. Eine Verlängerung sei aber nicht ausgeschlossen.

Wer kennt es nicht? Der grüne Block am Steghof. Rechts daneben befindet sich der Neubau der EWL. (Bild: Screenshot Google Maps)

Ehemaliges Stromverteilungscenter hat historische Bedeutung

2024 soll der Bau auf dem benachbarten EWL-Areal starten. Ein ganz neuer Stadtteil wird entstehen (zentralplus berichtete). Dafür weichen wohl die Bauten am Steghof – und zwar einem Abstellplatz für schwere Baugeräte. «Für das Bauprojekt benötigen wir viel Platz für Grossfahrzeuge. Der Ort, an dem jetzt noch die Gebäude stehen, könnte als ein solcher Platz dienen. Ein Abriss der Gebäude ist aber noch nicht in Stein gemeisselt», ergänzt Schmid.

«Das alte Unterwerk Steghof weist als wichtiger Bauzeuge der Stromversorgung der Stadt Luzern zweifellos eine hohe historische Bedeutung auf.»

Mathias Steinmann, Leiter Bauinventar, Denkmalschutz Kanton Luzern

Etwas schmerzhaft dürfte jenem ein Abriss des eingangs erwähnten grünen Blocks vorkommen, der im Inventar der neueren Schweizer Architektur (Insa) recherchiert. Dort zeigt sich das Gebäude nämlich ganz anders.

Das Haus wurde zwischen 1904 und 1905 vom Architekten Carl Griot für die 1903 gegründete Elektrizitätswerk Luzern-Engelberg AG gebaut. Ein schmucker Backsteinbau, den man heute nicht mehr wiedererkennt. Mathias Steinmann, Leiter Bauinventar von der Luzerner Denkmalpflege erklärt: «Mit der Anlage sollte in erster Linie die Stadt Luzern mit Strom versorgt werden, da das Kraftwerk Thorenberg in Littau nicht mehr genügend Leistung lieferte. Das alte Unterwerk Steghof weist als wichtiger Bauzeuge der Stromversorgung der Stadt Luzern zweifellos eine hohe historische Bedeutung auf.»

Wo heute ein unschöner 70-Jahre-Bau steht, stand einst ein vermutlich von Carl Griot gebautes Backsteinhaus. (Bild: INSA Luzern) (Bild: Denkmalschutz Luzern)

Zerstörung vor 50 Jahren: Was war los mit dem Denkmalschutz Luzern?

Gemäss Insa musste das historische Gebäude zwischen 1958 und 1964 einem Neubau weichen. Steinmann widerspricht: «Dies ist falsch. Der Bau von 1905 wurde ab den späten 1950er-Jahren in mehreren Etappen umgebaut, verändert und stark überformt», sagt er. Unter anderem wurde das Gebäude auf drei Geschosse aufgestockt und ein Zwischengeschoss zwischen zwei Stockwerke eingezogen.

«1969 bis 1970 erhielt der Bau die heutige Verkleidung mit angehängten Platten. Dabei wurden auch die ursprünglichen Zierelemente mehrheitlich zerstört. Teile des historischen Baus haben sich aber unter dieser Verkleidung erhalten.» Letzteres bestätigt die EWL auf Anfrage.

«Das Gebäude steht nicht unter Denkmalschutz.»

Mathias Steinmann, Leiter Bauinventar, Denkmalschutz Kanton Luzern

Grundsätzlich würde ein solches Gebäude unter Denkmalschutz gestellt gehören. Dies lässt auch der Luzerner Denkmalschutz in seinen Antworten durchblicken. Jedoch wurde in den späten Sechzigerjahren das Gebäude umfangreich demoliert, sodass dies nun nicht mehr möglich sei.

«Der heutige architektonische Stellenwert des ehemaligen Kraftwerkpalastes wird durch die zahlreichen Eingriffe und Veränderungen erheblich geschmälert. Zudem sind die ursprünglichen technischen Einrichtungen nicht erhalten», sagt Steinmann dazu. Aufgrund der starken Eingriffe hat die Denkmalpflege auf eine Einstufung im kantonalen Bauinventar der Stadt Luzern verzichtet. Das Gebäude steht nicht unter Denkmalschutz.

Was steckt unter der «wüsten Verpackung»?

Etwas anders klingt es auf Anfrage beim Quartierverein Hirschmatt-Neustadt. Co-Präsident Markus Schulthess positioniert sich klar: «Wir vermuten, dass sich das wunderschöne alte Backsteingebäude noch unter der Verkleidung versteckt. Häufig sind die Gebäude unter solchen Verkleidungen nämlich noch gut erhalten und nicht gänzlich zerstört.»

Im Gespräch macht Schulthess klar, dass aus seiner Sicht eine Abklärung vor einem allfälligen Abriss unbedingt nötig sei: «Wir würden es als sehr wichtig erachten, dass vor einem allfälligen Abriss einige Platten entfernt werden und der Erhalt des ursprünglichen Baus überprüft wird.» Je nach Zustand des Gebäudes müsse dann entschieden werden, was mit dem historischen Gebäude geschehen soll.

Was sich unter der wüsten «Verpackung» versteckt, ist Stand heute also nicht bekannt. Klar ist: Beim Gebäude der alten Stromverteilungszentrale handelt es sich um ein Haus in Luzern, dessen historischen Wert durch aus heutiger Sicht wenig verständliche Baumassnahmen stark geschmälert worden sein könnte.

Verwendete Quellen
  • Telefongespräch mit Esther Schmid, EWL
  • Mailverkehr mit Mathias Steinmann, Denkmalschutz Luzern
  • Recherche vor Ort
  • Recherche INSA Luzern
  • Mailverkehr und Telefongespräch Quartierverein Hirschmatt-Neustadt
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