Wohnen & Bauen
Forderungen bleiben bestehen

Besetzung Kellerstrasse: Aktivistinnen verlassen das Haus

Die Besetzer haben ihren Auszug aus dem besetzten Haus an der Kellerstrasse 28a angekündigt. (Bild: mik)

Die Ultimatumsfrist bei der Besetzung an der Kellerstrasse 28a läuft aus. An einer Medienkonferenz teilen die Aktivisten mit, das Haus zu verlassen. Der politische Aktivismus gehe jedoch weiter.

Bis heute haben die Besetzerinnen der Kellerstrasse 28a Zeit, das Haus zu räumen. Dann werde der Willensvollstrecker des verstorbenen Eigentümers keine rechtlichen Schritte einleiten (zentralplus berichtete). Wie sich an einer Medienkonferenz vom Donnerstag zeigt, haben die Aktivistinnen wenig Lust auf Scherereien mit der Polizei. «Das Kollektiv Kellerhaus hat sich entschieden, das Haus zu verlassen», meint ein mit Hygienemaske vermummtes Mitglied des Kollektivs.

Lieber stecke das Kollektiv seine Energie in politischen Aktivismus als in Gerichtstermine. «Wenn wir das Haus heute nicht verlassen, werden unsere Hände wirklich gebunden. Nicht nur metaphorisch.» Damit spielen die Aktivisten auf Willensvollstrecker Benno Studer an, der gegenüber zentralplus sagte, wegen des laufenden Erbschaftsstreit seien ihm «die Hände gebunden» (zentralplus berichtete).

Taubenkot und längst abgelaufene Lebensmittel

Was jedoch nur zum Teil stimmt: Rechtlich gesehen wäre eine Vermietung des Hauses möglich. Sofern der Zustand in Ordnung ist. Grossreparaturen oder Totalsanierungen bedürfen der Zustimmung der Erben (zentralplus berichtete). Und gemäss Studer hat ihm die Hausverwaltung mitgeteilt, dass nur eine Totalsanierung infrage käme.

An der Medienkonferenz schildern die Aktivistinnen den desolaten Zustand: «Beim Betreten des Hauses waren jegliche Zimmer mit Holzbrettern verbarrikadiert.» Diese wurden nach Auszug der Caritas angebracht, da Drogensüchtige in das Haus eingedrungen waren (zentralplus berichtete).

An der Medienkonferenz waren nebst den Aktivistinnen auch Vertreter der Jungparteien und des Mieterverbands zugegen. (Bild: mik)

Doch das Entfernen der Bretter habe ein unschönes Bild offenbart: «In den Zimmern lagen noch persönliche Gegenstände. Die Betten waren noch bezogen. Es sah aus, als ob jemand von einem Moment auf den anderen den Raum verlassen musste.» Davon zeugten beispielsweise volle Kühlschränke, in denen Lebensmittel aus dem Jahr 2018 standen. In einigen Zimmer gäbe es Schimmel. Ein Badezimmer und der obere Korridor seien voller Taubenkot.

Kollektiv möchte aus Kellerhaus eine WG machen

Trotzdem ist das Kollektiv überzeugt, dass das Haus mit geringem Aufwand wieder bewohnbar gemacht werden kann. «So weit wir das beurteilen können, ist die Bausubstanz noch gut. Ein Grossteil der Arbeit ist vor allem Putzen und Aufräumen.» Nur wenn es das Ziel sei, die Wohnungen künftig teuer zu vermieten, sei ein grösserer Aufwand bei der Renovation vonnöten.

Das möchte das Kollektiv jedoch unbedingt verhindern. Nach wie vor möchte es das Haus kaufen. Ihnen schwebe eine Wohngemeinschaft vor, das gemeinsame Zusammenleben konnten sie jetzt während der Besetzung bereits ausprobieren. Mit welchen finanziellen Mitteln sie den Kauf berappen wollen, blieb unbeantwortet.

Es will jedoch den Kontakt zu Willensvollstrecker Studer aufrechterhalten. Obwohl sie auf Nachfrage einräumen, dass seit Erhalt des Ultimatums von seiner Seite Funkstille herrsche. Auch von der zweiten Streitpartei, der Witwe des verstorbenen Eigentümers, habe das Kollektiv nichts gehört.

Besetzung schmälert Kaufchancen, erhält aber Aufmerksamkeit

Wie hoch die Kaufchancen stehen, ist fraglich. Der Hausfrieden zwischen den Kaufparteien dürfte mit der Besetzung bereits vorher schiefhängen. Das räumen auch die Aktivisten ein. «Vor uns haben jedoch bereits unzählige andere Genossenschaften versucht, das Haus zu kaufen. Die Kommunikation wurde jeweils abgewürgt oder kam gar nicht erst zustande.» Mit der Besetzung erlange das Anliegen Aufmerksamkeit und das Haus könne bereits heute genutzt werden – und nicht erst in ein paar Jahren.

«Eigentum verpflichtet. Bei leerstehenden Häusern wie dem Kellerhaus kommen die Eigentümer dieser Verpflichtung nicht nach.»

Chiara Peyer, Mitglied Junge Grüne Luzern

Nur das Banner aufzuhängen hätte das nicht getan. So können sie sich bereits vorher vom Zustand des Hauses versichern und dessen weiteren Zerfall verhindern. Weiter stecke hinter einer Besetzung viel Arbeit – und diese zu koordinieren sei einfacher, wenn man bereits zusammen wohne.

Zu guter Letzt sei dem Kollektiv auch der Austausch mit den Nachbarn wichtig. «Wir wollen Vorurteile von Besetzern abbauen. Zumal es beängstigend wirken kann, wenn Vollmaskierte in ein Haus eindringen.» Deswegen maskiere das Kollektiv Kellerhaus im Gegensatz zu den Besetzerinnen der Bruchstrasse sich nur so, dass die Besetzerinnen nicht erkennbar seien.

Demonstration und Vorstösse geplant

Doch auch wenn zwischen den Eigentümern und dem Kollektiv Funkstille herrschen sollte: Still wird es um das Haus an der Kellerstrasse 28a nicht. So ist für Donnerstagabend eine Demonstration mit Start beim Kellerhaus geplant. Bei der Stadt Luzern weiss man bisher nichts von vom Vorhaben, wie Mario Lütolf, Leiter Stadtraum und Veranstaltungen, auf Anfrage sagt.

Nebst der Demonstration sind mehrere politische Vorstösse geplant oder bereits eingereicht. So hat die SP Stadt Luzern einen Vorstoss deponiert, der mehrere Massnahmen gegen Leerstände enthält (zentralplus berichtete). Dieser wird auch von deren Jungpartei, der Juso, unterstützt. Deren Co-Präsident Leon Schulthess meint an der Pressekonferenz: «Solche Belebungen von Leerständen sind fundamental wichtig, um die unsichtbaren Machenschaften von Immobilienhaien sichtbar zu machen.»

Schützenhilfe erhält die SP von den Jungen Grünen. Diese doppeln mit einer eigenen Motion nach, wie Chiara Peyer von den Jungen Grünen sagt. Sie fordern den Luzerner Stadtrat auf, Häuser, die seit mindestens 12 Monaten leerstehen, zum Marktpreis zu kaufen (zentralplus berichtete). Sollte ein Kauf nicht möglich sein und das Haus weitere sechs Monate leer stehen, soll die Stadt Luzern die Eigentümer enteignen. «Eigentum verpflichtet. Bei leerstehenden Häusern wie dem Kellerhaus kommen die Eigentümer dieser Verpflichtung nicht nach», sagt sie dazu.

Dieser Meinung ist auch der Mieterinnen- und Mieterverband von Luzern, wie Co-Geschäftsleiter Daniel Gähwiler an der Medienkonferenz bekräftigt. «Das sind qualitativ gute Wohnungen an zentralen Lagen, die den Luzernern nicht zur Verfügung stehen.» Derzeit herrsche in Luzern Wohnungsnot. Zu viele Wohnungen würden zweckentfremdet – wobei Gähwiler auf die hängige Airbnb-Initiative anspielt (zentralplus berichtete). «Häuser sind zum Wohnen da, nicht für Rendite.»

Für Willensvollstrecker ist Sache gegessen

Wie Willensvollstrecker Benno Studer auf Anfrage sagt, sei die Geschichte für ihn mit dem Auszug der Besetzerinnen erledigt. «Ich schaue das ganze gelassen an», meint er am Telefon. Der Wunsch nach günstigem Wohnraum habe durchaus seine Berechtigung – nur sei das Haus an der Kellerstrasse das falsche Objekt für Aktivismus. Und eine Besetzung das falsche Mittel.

Auf die Kaufabsichten des Kollektivs angesprochen, meint Studer, das liege in der Entscheidung der künftigen Eigentümer. Er fügt jedoch an: «Für mich stehen alle Optionen offen.» Also auch das Kollektiv Kellerhaus – trotz der Vorgeschichte. Letztlich sei es jedoch eine finanzielle Frage. «Da das Geld eines allfälligen Verkaufs dem Stiftungszweck zugeführt würde, müsste das Haus zum Höchstpreis verkauft werden.»

Verwendete Quellen
  • Teilnahme an Medienkonferenz des Kollektivs Kellerhaus
  • Persönliches Gespräch mit dem Kollektiv Kellerhaus
  • Telefonat Mario Lütolf, Leiter Stadtraum und Veranstaltungen
  • Telefonat mit Benno Studer, Willensvollstrecker des verstorbenen Eigentümers
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