Allgemeine Baugenossenschaft Luzern

Bau- und Kauflust der ABL wie nach dem Zweiten Weltkrieg

Das Jubiläumsfest der Baugenossenschaft vergangenen Samstag. (Bild: ABL)

Zum 100-Jahr-Jubiläum der ABL, Luzerns grösster Baugenossenschaft, blickt zentralplus zurück zu ihren Anfängen – als der Wohnungsbestand noch rasant stieg.

Die Spitze der Luzerner SP liess sich diesen Anlass nicht entgehen. Als die Allgemeine Baugenossenschaft Luzern (ABL) vergangenen Samstag ihre 100. ordentliche Generalversammlung feierte, hielten Regierungsrätin Ylfete Fanaj und Stadtpräsident Beat Züsli im Innenhof der Siedlung Himmelrich 3 in der Luzerner Neustadt ihre Festreden.

Nicht ohne Grund: Mit knapp 15'000 Genossenschaftern und 4500 Bewohnerinnen ist die ABL die grösste gemeinnützige Wohnbaugenossenschaft der Zentralschweiz. Und knapper Wohnraum – neben Krankenkassenprämien – für viele das Thema der Zeit (zentralplus berichtete). Man könnte meinen, in den vergangenen 100 Jahren hat sich daran nichts verändert.

SBB-Mitarbeiter will eine Baugenossenschaft für alle

Denn es war akute Wohnungsnot, die 1924 zur Gründung der ABL führte. Während des Ersten Weltkrieges waren die Baukosten gestiegen und der Wohnungsbau zum Stillstand gekommen. Arme Familien fanden keine bezahlbaren Wohnungen und teilten sich mit anderen Familien eine Wohnung. So zeigen es Dokumente aus dem Archiv der ABL, die zentralplus eingesehen hat, auf.

Als Gegenbewegung bildeten sich bereits Ende des 19. Jahrhunderts die ersten Baugenossenschaften. Sie wollten die Monopolstellung der Vermieter brechen und eigene Wohnungen bauen. Meist waren sie aber nur für eine einzelne Berufsgruppe. So gab es Anfang der 1920er-Jahre vier Baugenossenschaften in Luzern, drei davon für Bahnangestellte.

SBB-Mitarbeiter Hans Stingelin wollte eine «allgemeine» Genossenschaft. Im Mai 1924 versammelte er daher Menschen und klagte über die «Wohnungsmisère». Am 23. Mai fand die erste Generalversammlung statt, man entschied über Statuten und Vorstand. Keine zwei Jahre später waren die ersten Wohnungen in der Siedlung Himmelrich 1 fertig. Die ABL war entstanden.

Bautätigkeit und Kauf in den Anfangsjahren ist ungeschlagen

Weltwirtschaftskrise, Rohstoffknappheit, Zweiter Weltkrieg; die Anfangsjahre der Baugenossenschaft waren turbulent. Bis 1948 hatte die ABL trotzdem 13 Häuser fertiggestellt, in der Neustadt, im Untergrund, Obermaihof und an weiteren Ecken der Stadt. Rund 2700 Mitglieder zählte die Baugenossenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Siedlung Himmelrich 1 und das Bleichergärtli in den Anfangsjahren der ABL. (Bild: zvg)

In den folgenden Jahrzehnten schwankte die Bautätigkeit. Die Gastarbeiterbewegung in den 1960er-Jahren setzte den Wohnungsmarkt unter Druck, und in den 1990er-Jahren war der Bauplatz in der Stadt quasi aufgebraucht. Zum Negativrekord wurde das Jahrzehnt 1975 bis 1985: Keine 100 neuen Wohnungen kamen zum ABL-Bestand dazu.

Danach ging es wieder aufwärts – bis heute. In den vergangenen zehn Jahren hat die ABL neue Wohnungen gebaut und zugekauft, wie zuletzt in den 1950er-Jahren. Und der Trend zeigt weiter nach oben.

Dabei haben sich in der Zwischenzeit die Erwartungen in der Gesellschaft verändert. In den 1950er-Jahren sorgten Zentralheizungen, Waschmaschinen und Aufzüge für glänzende Augen, heute muss verdichtet werden. In kleineren Wohnungen leben ist zum Thema geworden, denn der Platz in der Stadt ist begrenzt.

Krisen der jüngeren Vergangenheit

In den vergangenen Jahren hat die Kritik an der ABL zugenommen. Bei einer ausserordentlichen Generalversammlung im Oktober 2022 stimmten die Genossenschafter deutlich für einen Lohndeckel in der Führungsetage. Mehr als 180’000 Franken im Jahr sollten es nicht sein (zentralplus berichtete).

Zuvor hatten SP-Mitglieder und Parteilose die «Gruppe für eine soziale, faire und ökologische ABL» gebildet. Sie kritisierten, dass die Genossenschaft zu teuer und intransparent geworden sei. Insbesondere die Verwaltungskosten sorgten für Unmut. Sie zu deckeln, gelang bei der Abstimmung allerdings nicht. Auch die Forderung, Mietzinse zu senken, erlitt Schiffbruch.

David Roth von der «Gruppe für eine soziale, faire und ökologische ABL» an der GV im Oktober 2022. (Bild: zvg)

Denn mit jedem neuen Bauprojekt der ABL steigen die Anfangsmietzinsen. Während in einer Siedlung aus den Anfangsjahren, wie Untergrund 1, eine Vierzimmerwohnung noch heute durchschnittlich 630 Franken Miete pro Monat kostet, sind es in Himmelrich 3 knapp 2300 Franken – für 4,5 Zimmer. So zeigt es ein Mietspiegel, den die Genossenschaft seinen Jahresberichten beilegt.

Detaillierte Daten zur Entwicklung der Mietzinse aller ABL-Wohnungen über die vergangenen Jahrzehnte kann die Genossenschaft auf Anfrage nicht zustellen.

EWL-Areal als nächstes grosses Projekt der ABL

Bei der neuesten Überbauung an der Bernstrasse bietet die ABL ein sehr breites Spektrum an Mietzinsen an. 1500 bis 3300 Franken Miete pro Monat können Bewohner für ihr neues Zuhause ausgeben. Die 80 Wohnungen in den Neubauten werden noch diesen Sommer bezogen (zentralplus berichtete).

Als Nächstes fertig wird die sanierte Siedlung Obermaihof im Sommer 2025. Im Frühling 2027 sollen dann vier Gebäude mit 51 Wohnungen und Gewerbeflächen am Geissensteinring bezogen werden. Sie gehören zum Areal Industriestrasse, einem Gemeinschaftsprojekt von fünf Genossenschaften (zentralplus berichtete).

Das EWL-Areal ist das nächste Grossprojekt der ABL. (Bild: zvg)

Langfristig liegt das nächste Grossprojekt auf dem EWL-Areal. Dort wollen die Stadt Luzern, die EWL und die ABL ein Wohn- und Dienstleistungsquartier errichten, indem auch die städtische Feuerwehr und der Zivilschutz Räumlichkeiten erhalten. Am 9. Juni stimmen die Luzernerinnen über den zweiten Finanzierungsschritt des Projekts ab – und damit über weitere 92 ABL-Wohnungen.

Der Rückblick zeigt: Nie war die Bautätigkeit und Kauflust der ABL so gross wie in den Anfangsjahren. Damals war die Neustadt aber recht leer und der Grund günstig. Heute laufen die Mühlen wieder an: Die ABL baut und kauft wie in den 1950er-Jahren. Gegen die Wohnungskrise ist das ein gutes Zeichen. Auch wenn die Mieten gestiegen sind.

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels stand, die ABL habe 13'000 Mitglieder. Unterdessen sind es rund 14'930.

Verwendete Quellen
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