Wohin mit dem Luzerner Strassenstrich?
  • Politik
September: Eine junge Frau, die sich in Luzern prostituierte, wird tot im See bei Hergiswil gefunden. Die Bulgarin wurde vermisst, man geht von einem Verbrechen aus. (Bild: istockphoto)

Ein Blick über die Stadtgrenze hinaus Wohin mit dem Luzerner Strassenstrich?

5 min Lesezeit 30.10.2014, 17:27 Uhr

Das Areal im Ibach war nie optimal für den Strassenstrich, darin sind sich alle Beteiligten einig. In der Stadt fehlt es jedoch an Alternativen. Das Reglement über den Strassenstrich lässt keinen anderen Standort mehr zu. Wie sieht es aber in den Agglo-Gemeinden aus? Zumindest eine Gemeinde bekundet Bereitschaft an einem überregionalen Modell.

Seit am 21. September eine Prostituierte tot im Vierwaldstättersee gefunden wurde, geht im Gebiet Ibach die Angst um. Hier auf dem Strassenstrich hat die 36-jährige Bulgarin gearbeitet. Nicht nur bei den rund 20 Prostituierten, auch bei den Betreuerinnen des Vereins Lisa ist die Unsicherheit gross. Sie haben deshalb die Beratung vorerst eingestellt, um eine Standortbestimmung zu machen (zentral+ berichtete). Der Verein betonte vor einer Woche, es sei nun an der Politik, Massnahmen für die Sicherheit umzusetzen. Die Stadt indes ist bereits daran: Auf dem Areal des städtischen Werkhofs ist ein neuer Strichplatz entstanden – in unmittelbarer Nähe zum Beratungscontainer und damit auch besser beleuchtet. Trotzdem: Am liebsten sähe sie jedoch eine erneute Standortdiskussion – auch über die Stadtgrenzen hinaus. Denn auf städtischem Boden gibt es seit 2012 keine Alternative.

Ikea statt Strassenstrich

Verdrängung nach Ibach

Die Strassenprostitution in Luzern entstand in den 90er-Jahren und etablierte sich hauptsächlich im hinteren Bahnhofgebiet im ehemaligen Industriegebiet Rösslimatte an der Werkhofstrasse. Auf Druck der Öffentlichkeit wurde 2013 ein Nachtfahrverbot von 22 bis 5 Uhr erlassen. In der Folge verlagerte sich die Szene Richtung Unterlachen an die Tribschenstrasse und den Grimselweg. Diese Verlagerung entstand deshalb, weil sich viele Prostituierte in die dortigen Liegenschaften eingemietet haben.

Das Areal im Ibach war zwar noch nie der ideale Standort für den Strassenstrich – nicht zuletzt ist er aber der einzige Ort auf Stadtgebiet, wo ein Strassenstrich erlaubt ist. Andere Areale wurden als Sperrzonen definiert. Das entsprechende Reglement über die Strassenprostitution wurde im März 2011 mit 36 zu 4 Stimmen beschlossen. Seit 2012 ist dieses in Kraft.

Die aktuelle Standortdebatte ist nicht neu. Aufgrund der Verdrängung des Strassenstrichs aus dem Tribschen ins Gebiet Ibach (siehe Box) setzten sich die umliegenden Gemeinden (Horw, Kriens, Emmen, Ebikon, Buchrain, Rothenburg sowie Luzern) unter Federführung des Gemeindeverbandes LuzernPlus gemeinsam an einen Tisch. Dabei prüfte die Arbeitsgruppe mögliche Standorte in den Agglo-Gemeinden. Im Schlussbericht heisst es: «Eine Grobanalyse der Luzerner Polizei hat ergeben, dass es in den erwähnten Gemeinden durchaus prädestinierte Standorte für die Strassenprostitution gibt.» 

Als mögliche Areale galten damals der alte Pilatusmarkt in Kriens sowie der Mattenhof oder das Nidfeldareal. Ebenfalls geprüft wurde der Platz, wo heute das Möbelhaus Ikea in Rothenburg steht und auch die Strasse entlang des Flugplatzes in Emmen. Die Arbeitsgruppe kam jedoch zum Schluss: «Der Standort Ibach ist zwar keine optimale Lösung für Sexarbeitende, doch zurzeit der bestmögliche Ort für die Strassenprostitution.»

Wäre es jetzt nicht an der Zeit, die alternativen Standorte wieder aus der Schublade zu holen und die Gemeinden an einen Tisch zu bringen?

«Die Gespräche sind abgeschlossen. Aktuell ist es kein Thema, diese wieder aufzunehmen», sagt Kurt Sidler, Geschäftsführer von LuzernPlus. In der Arbeitsgruppe habe man versucht die verschiedenen Standorte eines möglichen Strassenstrichs in den Gemeinden anzuschauen und zu analysieren.

Am Ergenis habe sich nichts geändert. «Es bringt nichts, die gleiche Frage einfach ein Jahr später wieder zu stellen. Dann sind wir wieder gleich weit», betont Sidler. Die Analyse aus der Arbeitsgruppe zeige das Problem: «Sobald ein möglicher Standort mehr Sicherheit bot, lag er in einem Wohngebiet.» Ausserdem sei das Thema Sicherheit eine Krux, da die Freier auch Anonymität wünschen. Zu viel Überwachung führe dazu, dass bei einem Strassenstrich die Freier ausblieben.

Offen für anderen Standort

Trotzdem: Könnte der Strichplatz nicht auch in der Agglo seinen Platz finden? «Das wäre zwar durchaus möglich und wurde auch bereits geprüft. Es kann aber nicht die Lösung sein, dass nun aufgrund eines öffentlichen Drucks der Standort Ibach mit einem schlechteren Standort ausgetauscht wird», sagt Maurice Illi, Sicherheitsmanager der Stadt. Auch er hält fest: «Der Standort Ibach ist zwar nicht optimal aber der Bestmögliche.» Einer Standortdebatte stehe er offen gegenüber, wie Illi sagt. Er gibt aber zu bedenken: «Letztlich gilt das Reglement für Strassenprostitution.»

Kriens für überregionale Modelle offen

Also zurück zur Politik. In Kriens waren mehrere Standorte im Gespräch. Wie sieht Gemeinderat Cyrill Wiget die heutige Situation? Das Problem in Ibach ist ihm bekannt, wie er auf Anfrage sagt: «Es lässt sich nicht wegdiskutieren: Ein Strassenstrich ist gefährlich.» Trotzdem: «Die Gemeinde Kriens wäre bereit, sich für eine gemeindeübergreifende, solidarische Lösung einzusetzen», so Wiget. 

«Kriens ist grundsätzlich offen für konstruktive, überregionale Modelle»,
Cyrill Wiget, Gemeinderat Kriens

Wie eine solche aussehen könnte, wisse er zum heutigen Zeitpunkt noch nicht. «Kriens ist grundsätzlich offen für konstruktive, überregionale Modelle», betont Wiget. Ein Problem – neben der Sicherheit – sieht er bei der Finanzierung. «Bis jetzt hat man es nicht geschafft, die Finanzierung zu regeln.» Würden Gemeinden für einen Strichplatz entgolten, so sähe die Bereitschaft der Gemeinden vielleicht anders aus. Mit dem Mattenhof, dem ehemaligen Pilatusmarkt und dem Nidfeld liegen gleich mehrere freie Grundstücke auf dem Gemeindegebiet brach. Wäre ein Strassenstrich in Kriens die Lösung? Wiget verneint: «Die Entwicklung in den Gebieten ist in Planung und läuft», was jedoch Zeit brauche. Zudem sei das Areal im hinteren Nidfeld im Besitz der Stadt.

«Verschiebung in andere Gemeinden keine Lösung»

«Bei uns ist es sehr ruhig», sagt Christoph Odermatt, Leiter Departement Sicherheit der Gemeinde Emmen. Dass Emmen als Verrichtungsort genutzt werde, davon spüre die Gemeinde nichts. Fast nichts. Zwei oder drei Meldungen von Privatpersonen seien bisher bei ihm eingegangen. Sie beschwerten sich, weil Taschentücher und Kondome auf ihrem Privatgrundstück lagen. «Das war vor zirka einem halben Jahr. Seither gingen keine Meldungen mehr ein», sagt Odermatt. Aktuell erschwert die Baustelle Seetalplatz den Autoverkehr vom Ibach nach Emmen. «Ist die Zufahrt wieder offen, muss die Situation wieder verstärkt beobachtet werden», so Odermatt.

Der Leiter des Sicherheitsdepartements verfolgt die aktuelle Sicherheits- und Standortdebatte im Ibach genau. Er mahnt zur Vorsicht und warnt vor übereiligen Schnellschüssen: «Einen idealen Platz gibt es nicht, weder am Standort Ibach noch in anderen Gemeinden», so Odermatt. Ein Verschieben des Strassenstrichs in andere Gemeinden sieht er daher nicht als Lösung. Würde der Standort Ibach ohne Alternative aufgegeben, bestehe die Gefahr einer unkontrollierten Verzettelung der Szene, «was für keine Gemeinde und auch in Bezug auf die Sicherheit der Sexarbeiterinnen sicher nicht von Interesse sein dürfte.»

Horw nicht attraktiv

Ruhig ist es auch in Horw. «Wir sind – zumindest bis jetzt – nicht davon betroffen», sagt Robert Odermatt, der zuständige Gemeinderat von Horw. «Ich glaube auch nicht, dass sich die Problematik mit dem Strassenstrich bei uns ausweiten wird. Dafür sind die Voraussetzungen zu schlecht», so Odermatt. Es würden die nötigen Plätze fehlen und auch die Autobahnausfahrt sei nicht attraktiv gelegen.

Die heutige Situation bezeichnen die Agglo-Gemeinden, wie auch die Betreuerinnen vor Ort, als nicht optimal. Trotzdem sind die Alternativen beschränkt. Die vor zwei Jahren geprüften Alternativen sind heute zu einem grossen Teil verplant. Bleibt die Frage, ob die Verdrängung der Prostitution aus der Stadt der richtige Weg ist oder ob man nicht in der Stadt nach einem Standort suchen müsste. Mögliche Orte sind zwar vorhanden, doch dafür müsste das aktuelle Reglement geändert werden.

Ob es eine Änderung braucht, will der städtische Sicherheitsmanager, Maurice Illi, nicht kommentieren. Dies sei Sache der Politik.

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