«Wo wäre ich wohl, wäre ich da nicht reingestürchelt»
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Das Jugendradio 3FACH wird seit Jahren als «Talentschmiede» wahrgenommen. Doch stimmt das? (Bild: Montage jav)

Luzerner Talentschmiede Radio «3FACH» «Wo wäre ich wohl, wäre ich da nicht reingestürchelt»

5 min Lesezeit 04.04.2015, 17:00 Uhr

Das Luzerner Jugendradio «3FACH» hat einen Leistungsauftrag: Dieser beinhaltet neben einem Programm mit Qualität auch die Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter. Davon profitiert nicht nur die Radioszene, sondern auch das Luzerner Kulturnetzwerk.

«Talentschmiede 3FACH» ist kein neuer Begriff für das Jugendradio – und die Vergangenheit zeigt: «Wenn man das Knowhow erweitert, welches Radio 3FACH einem bietet und das Netzwerk nutzt, welches man dadurch erhält, ist es vermutlich eines der besten Sprungbretter überhaupt», ist Marketingleiterin Angela Meier überzeugt.

Ab ins kalte Wasser

Denn Radio 3FACH bietet die Möglichkeit, ohne Berufserfahrung oder Ausbildung im Bereich Radio Fuss zu fassen. Bei 3FACH wird nicht lange gefackelt. «Man steht ins Studio und geht live auf Sendung, ohne vorher jemals hinter einem Mikrofon gestanden zu haben», erklärt Meier.

Das bestätigen auch ehemalige Mitarbeiter. «Als Musikchef bei Radio 3FACH war ich von einem Tag auf den anderen voll im Berufsleben. Dieses im ‹kalten Wasser schwimmen› hilft mir bis heute, schwierige Situationen zu antizipieren», sagt Marco Liembd, nun für die Öffentlichkeitsarbeit im Südpol verantwortlich.

Viele 3Fächler finden sich heute beim Radio SRF Virus wieder. Doch auch andere Radios dürfen von menschlichen Ressourcen des Ausbildungsradios profitieren. Radio Pilatus, SRF 3 und sogar ein Berliner Radiosender namens Flux FM Berlin hat sie im Programm.

«Die enge Zusammenarbeit mit der Zentralschweizer Kulturszene ist ein wichtiges Merkmal des Luzerner Senders.»
Christoph Aebersold, publizistischer Leiter Radio SRF Virus

Christoph Aebersold, publizistischer Leiter Radio SRF Virus, fasst aus einer Sicht zusammen: «Bei Radio 3FACH starten immer wieder sehr talentierte Radio-Leute in ihre Medienlaufbahn. Wir erhalten vor allem bei SRF Virus immer wieder interessante Bewerbungen von Radio-3FACH-Mitarbeitenden. Sie sind sehr motiviert, sich professionell journalistisch weiterzuentwickeln.»

Vernetzt in den Szenen

«Bei Radio 3FACH eignet man sich selbständig das Grundwissen des Journalismus an und kann sich gleichzeitig ein grosses Netzwerk in der Musik-, Radio- und Journalismusszene aufbauen», erklärt Meier.

Die Liste der Ehemaligen

Musikredaktoren (7 von 7):

Kilian Mutter – Bookingagentur Just Because*
Marco Liembd – Radio Pilatus / zentral+ / Kommunikation Südpol*
Remo Helfenstein – Musiker, Booking Südpol*
Marcel Bieri – B-Sides Geschäftsleiter
Tobi Gmür – Musiker
Ueli Häfliger – Flux FM Berlin
Stefan Zihlmann – 041 Kulturmagazin

Programmleitung (6 von 6):

Benji Gross – SolidarMed, Präsident FUKA Fonds
Dominik Born – mx3 / tpc AG, HyperWerk*
Andrea Fehr – SRF Virus / SRF 3*
Julia Stirnimann – Radio Pilatus / SRF Regionaljournal Luzern
Dani Glur – zuletzt zentral+*
Barbara Weber – SRF 3

Marketingleitung (4 von 4):

Richard Blatter – Publica Data AG
Gerald Marolf – Microsoft
Marta Nawrocka – Fumetto Comix-Festival / International Cocoa Initiative
Marc Rambold – klipp+klang Radioschule, Stanser Musiktage*

Geschäftsleitung (4 von 4):

Sandro Matt – Arcade
Esther Unternährer – Stanser Musiktage
Mike Walker – Musiker, Metzgerhalle*
Lukas Graf – Studium ETH Architektur

Ehemalige Moderatorinnen und Moderatoren:

Anic Lautenschlager – SRF Virus / SRF 3
Ivo Amarilli – SRF Virus, Virus TV
Martina Gassner – SRF Virus*
Friederike Brune – (freischaffend) SRF Virus*
Lea Schüpbach – SRF Regionaljournal Luzern*
Conradin Knabenhans – Zürisee Zeitung*
Alexandra Aregger – Radio Sunshine*
Vera Bergen – Radio Sunshine / SRF 3*
Remo Gödl – SRF (Praktikum)*
Philippe Weizenegger – (freischaffend) SRF Regionaljournal Luzern
Beni Widmer – Produzent/CVD bei SRF News

*diese Wechsel fanden seit 2014 statt

Und diese Vernetzung in der Luzerner Kultur- und Musikszene zeigt sich auf den ersten Blick. Ehemalige 3FACH-Mitarbeiter sind im Südpol, beim B-Sides, den Stanser Musiktagen, oder waren auch beim Comix-Festival Fumetto angestellt. «Die enge Zusammenarbeit mit der Zentralschweizer Kulturszene ist ein wichtiges Merkmal des Luzerner Senders», weiss auch Aebersold vom SRF Virus.

Bei Radio 3FACH kann man einerseits Erfahrungen im Bereich Moderation und Redaktion sammeln und als Ergänzung Radiokurse absolvieren, welche 3FACH in Zusammenarbeit mit der Zürcher Radioschule klipp+klang durchführt. Während der gesamten Anstellung sind jährlich eine bestimmte Anzahl Kurstage für alle Moderierenden obligatorisch. «Andererseits kann man sich auch im Organisieren und Veranstalten üben», erklärt Meier und weisst auf den «Kick Ass Award» und das Festival «Funk am See» hin, welche der Radiosender organisiert.

Ausserdem bieten neben den Moderationsstellen vier Geschäftsleitungsstellen grossen Gestaltungsfreiraum. Dabei kann man in relativ jungem Alter viel Verantwortung übernehmen und erhält auch die Möglichkeit die Entwicklung des Senders mit zu prägen.

«Es war mir möglich, meine eigenen Ideen einzubringen und – was sonst nie in einem solchen Rahmen möglich gewesen wäre – Projekte wie Veranstaltungen oder ‹3FACH Records› zu verwirklichen» so der ehemalige Musikchef Kilian Mutter. «Beruflich und persönlich hat mir das 3FACH extrem viele Türen im Musik- und Radiobusiness geöffnet und geholfen mein Netzwerk zu erweitern», schwärmt er, der das 3FACH Team erst vor kurzem verliess.

Altersguillotine bringt neue Köpfe

Das Team von Radio 3FACH wechselt relativ schnell, dies unter anderem aufgrund der «Altersguillotine», welche besagt, dass man nur bis 25 moderieren darf und nur bis 30 in der Geschäftsleitung arbeiten kann. «Aufgrund des Wechsels geht zwar jeweils Know-how verloren, jedoch kommen ständig neue Teammitglieder mit neuen Ideen, neuer Motivation und neuem Tatendrang hinzu», erklärt Meier.

Trotz dieser Altersbeschränkung variiert es stark, wie lange die Mitarbeiter beim Jugendradio bleiben. «Es gibt Moderatoren, die das Radio bereits nach nur einem Jahr verlassen haben und es gibt Moderatoren, welche mit 15 Jahren zu uns kommen und bis 25 bleiben», erklärt Meier. Durchschnittlich seien es vermutlich drei bis vier Jahre.

Weder eine bestimmte Ausbildung noch eine Berufserfahrung werden beim Jugendradio vorausgesetzt. «Bei 3FACH ist wichtig, dass man nicht auf den Mund gefallen ist, dass man jung genug ist, dass man an der Kultur- und Musikszene Luzerns interessiert ist und das man Lust hat, sich in einem Team zu integrieren und mit anzupacken», so Meier.

«Man lernt improvisieren. Das hilft mir noch heute.»
Anic Lautenschlager, Moderatorin SRF 3

Auch SRF-Moderatorin Anic Lautenschlager hat ihre Karriere in Luzern begonnen. «Beim 3FACH habe ich meine Liebe zum Radio entdeckt. Ich frag mich oft, wo ich wohl heute wäre, wenn ich da nicht ‹reingestürchelt› wäre.» Die Möglichkeit, frei von der Leber weg etwas zu lernen, habe unheimlich Spass gemacht. Diese Möglichkeit, auszuprobieren und auch mal Fehler zu machen, gibt es so nicht oft», ist Lautenschlager überzeugt. «Beim 3FACH lernt man, was Herzblut heisst, wie man mit wenig Mitteln viel auf die Beine stellen kann. Und man lernt improvisieren. Das hilft mir noch heute.» Und auch viele liebe Menschen aus dieser Zeit seien ihr geblieben. «Weils eben mehr war als nur ein Nebenjöbli. Viel mehr.»

Marco Liembd sieht das Besondere des Senders in seiner klaren Ausrichtung: «Bei 3FACH lernte ich, wie wichtig eine gemeinsame Unternehmensvision ist. In der ganzen Schweizer Radiolandschaft ist mir noch kein Sender begegnet, der so tief-überzeugt genau weiss, was er will.»

Rückblick auf den Totalabsturz

Das gesamte 3FACH-Team mit 44 Mitarbeitern habe in den Wochen nach dem Absturz angepackt, damit sich der Sender vom Totalabsturz erholen konnte (zentral+ berichtete). Dadurch war es möglich, ein neues Sendungslayout zu produzieren und eine Musikdatenbank neu zu füllen – dies in weniger als zwei Wochen. «Die Geschäftsleitung spürt den Absturz teilweise heute noch, wenn zum Beispiel Verträge oder Ähnliches digital nicht auffindbar sind», erklärt Meier.

Technisch hat 3FACH aufgerüstet und müsse sich jetzt vor einer ähnlichen Situation glücklicherweise nicht mehr fürchten. «Der Kanton Luzern hat uns zudem mit einem finanziellen Unterstützungsbeitrag geholfen, den Mehraufwand stemmen zu können», freut sich Meier. «Alles in allem haben wir uns gut erholt – die Computer wurden ‹ausgemistet› und 3FACH konnte sich wieder neu erfinden, so wie es für einen Jugendlichen typisch ist.»

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