Wo sich Familien in Luzern von ihren Sternenkindern verabschieden
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Seit 1985 gibt es auf dem Friedhof im Friedental in Luzern das Kinderfeld, ein Ort, an dem sich betroffene Familien von ihren Sternen verabschieden können.

CVP-Politikerin macht sich für Kleinkindgrabstätte stark Wo sich Familien in Luzern von ihren Sternenkindern verabschieden

5 min Lesezeit 3 Kommentare 14.03.2021, 10:20 Uhr

Sternen- oder Engelskinder gibt es in der Schweiz nach wie vor viele – würdige Orte der Abdankung hingegen weniger. In Kriens möchte CVP-Politikerin Anita Burkhardt-Künzler das ändern. Denn auch diese Kinder sind Teil der Familien und hätten einen Bestattungsort verdient.

Der Schmerz überkommt Nadine* ganz plötzlich. Sie realisiert vorerst nicht, was mit ihr in diesem Moment passiert. Erst als sie das Blut sieht, weiss sie instinktiv: Mit ihr stimmt etwas nicht. Nadine ist in der achten Woche schwanger. Es wäre ihr zweites Kind gewesen. Die Familienplanung damit abgeschlossen. Von nun an wird sich die Welt der kleinen Familie um 180 Grad drehen. Zivilrechtlich wird das ungeborene Kind von Nadine zwar nicht als Lebewesen eingestuft – und doch fühlt sie sich bereits wie dessen Mutter. Die junge Mutter hat aufreibende Monate hinter sich. Diesen Monat wäre die 27-Jährige erneut Mami geworden.

Nachdem Nadine ihr ungeborenes Kind verloren hat, beginnt die eigentliche Herausforderung. Sie muss lernen, mit dem Tod des ungeborenen Kindes richtig umzugehen. Doch damit nicht genug. Als ihr Körper nicht aufhört zu bluten muss sie eine «Abrasio uteri» vornehmen lassen. Im Fachjargon von Medizinern wird damit eine Ausschabung des Gebärmutterschleimgewebes bezeichnet. Einfach ausgedrückt: Der tote Fötus und/oder die übrigen Teile davon werden entfernt. Bis heute fällt es der 27-Jährigen schwer, über das Schicksal ihrer Familie zu sprechen. Sie hat die Kraft bisher noch nicht gefunden, sich von ihrem Sternenkind zu verabschieden. Alleine ist sie mit dieser Erfahrung nicht.

Kirschbaum auf dem Friedhof Friedental

Auf dem Friedhof im Friedental Luzern erinnert ein grosser Kirschbaum an ähnliche Schicksale. Am Baum hängen kleine Plüschtiere und Mobiles an den Ästen. Wünsche an ein Leben, das so nie stattfinden wird. So schön der Anblick des Baumes, so tragisch sind doch die Schicksale dahinter. Jährlich gibt es in der gesamten Schweiz gegen 22‘000 registrierte Fehlgeburten. 600 bis 700 Kinder sterben nach der 22. Schwangerschaftswoche oder bis einen Monat nach der Geburt. Inzwischen haben sich in der Gesellschaft die beiden Namen Sternen- oder Engelskinder etabliert.

«Ein Kind zu verlieren, bewegt und wühlt auf. Unter Umständen wirft es sogar die ganze Familie aus der Bahn.»

Anita Burkhardt-Künzler, CVP Kriens

Seit 1985 gibt es auf dem Friedhof im Friedental in der Nähe des Luzerner Kantonsspitals  das Kinderfeld, ein Ort, an dem sich betroffene Familien von ihren Sternen verabschieden können. «Seit 2003 organisieren wir jeden ersten Dienstag im Monat eine Abschiedsfeier für betroffene Familien», erzählt die Seelsorgerin Bettina Tunger-Zanetti, eine der beiden Seelsorgerinnen in der Frauenklinik. Zwischen vier bis zehn Kinder werden hier monatlich von ihren Familien verabschiedet.

Der grosse Kirschbaum auf dem Friedhof Friedental.

Vor dem Gesetz sind sie organischer Abfall

Gemeinden wie Nottwil, Rothenburg oder Aesch haben inzwischen auch auf das Bedürfnis nach einer Abschiedszeremonie reagiert und Platz für spezielle Kleinkindgräber eingerichtet. «Ein Kind zu verlieren, bewegt und wühlt auf», so die Krienser CVP-Politikerin Anita Burkhardt-Künzler. «Unter Umständen wirft es sogar die ganze Familie aus der Bahn. Bis heute fehlt aber der nötige Rahmen und Raum, solche Kinder würdevoll zu verabschieden. Vor dem Gesetz werden diese Kinder immer noch als ‹organischer Abfall› betrachtet.»  

«Früher hat man solchen Familien die Kinder einfach weggenommen und weggeworfen. Heute weiss man: Ein Abschied ist vor allem psychisch enorm wichtig.»

Bettina Tunger-Zanetti, Seelsorgerin LUKS

Der Krienser Einwohnerrat hatte bereits im neuen Reglement über das Friedhofs- und Bestattungswesen von 2016 eine dahingehende Anpassung erreicht. Nun können diese Kinder in Kriens zwar beerdigt werden, doch eine spezielle, würdige Grabstätte fehlt weiterhin. Grund genug für die Politikerin, zu handeln. Deshalb reichte Burkhardt-Künzler kürzlich ein Postulat im Krienser Einwohnerrat ein. «Dieses Anliegen soll auf keinen Fall vergessen werden», sagt Burkhardt. In naher Zukunft soll auch in Kriens eine Grabstätte ähnlich wie jene im Friedental geschaffen werden.

CVP-Einwohnerrätin Anita Burkhardt-Künzler. (Bild: CVP Luzern)

Es ist wichtig, einen Ort zum Trauern zu haben

Wie wichtig es ist, dass sich Familien wie jene von Nadine würdevoll von ihren verstorbenen Kindern verabschieden können, zeigt auch ein Beispiel von Seelsorgerin Tunger-Zanetti: «Kürzlich habe ich eine 80-jährige Frau auf ihrer letzten Reise begleitet. Kurz vor ihrem Tod erzählte sie mir von ihrer traumatisierenden Erfahrung, vor Jahren ein Kind verloren und keinen Ort für die Trauer gehabt zu haben», erinnert sich Tunger-Zanetti.  

Das Thema Fehlgeburt oder Totgeburt wurde in den letzten Jahren zwar offener angesprochen – auch aufgrund der Arbeit von Seelsorgerinnen und Hebammen in den Spitälern –, trotzdem bleiben solche Erfahrungen teilweise zutiefst traumatisierend, wenn sie nicht verarbeitet werden. «Früher hat man betroffenen Familien diese Kinder einfach weggenommen. Heute weiss man, wie wichtig ein richtiger Abschied vor allem psychisch sein kann.» Deshalb versuchen die beiden Seelsorgerinnen in der Frauenklinik Familien mit Engelskindern möglichst früh zu begleiten und auf ihre individuellen Trauerverarbeitungen einzugehen.

Ein Zeichen der Solidarität

Schuldgefühle und Gefühle der Ohnmacht sind nicht zuletzt die schwierigsten Emotionen, die Mütter und Väter gleichermassen von Innen auffressen können. «Mit diesen Gedenkstätten möchten wir auch ein ‹Zeichen der Solidarität› setzen», erklärt CVP-Politikerin Burkhardt ihre Beweggründe für das Postulat. Denn: An diesen Orten könnten sich Familien mit ähnlichen Schicksalen begegnen, sich austauschen und ihre Trauer teilen. Burkhardt weiss aus ihrem eignen Umfeld, wie wichtig es ist, einen Ort der Trauer, der Solidarität und des Abschieds zu haben.

«Bis heute plagen mich Schuldgefühle: Habe ich mich zu wenig geschont? Möchte Gott nicht, dass ich ein zweites Mal Mutter werde?»

Nadine, Mami eines Sternenkindes

Auch Nadine plagen bis heute Gewissensbisse: «Habe ich mich zu wenig geschont? Möchte Gott nicht, dass ich ein zweites Mal Mutter werde? Hält meine Familie eine dritte Schwangerschaft aus?»

Burkhardt will auch in Kriens ein Gemeinschaftsgrab

Zeit und Raum zu lassen, sich liebevoll vom verstorbenen Familienmitglied zu verabschieden sei essenziell, damit die Familie nicht traumatisiert in die nächste Schwangerschaft gehe, so Tunger-Zanetti. Deshalb betrachtet Tunger-Zanetti die Arbeit von Seelsorgerinnen, Hebammen und Ärzten auch als «Dienst am ganzen System». Geholfen wird auch Familien, die ihre Kinder noch vor der 12. Schwangerschaftswoche verloren haben. Zweimal jährlich finden dafür Abdankungszeremonien statt.

Am 29. April soll der Krienser Einwohnrrat über das eingereichte Postulat der Politikerin abstimmen. Burkhardts Wunsch wäre es, dass auch in Kriens ein Gemeinschaftsgrab geschaffen wird. Als zweitgrösste Gemeinde des Kantons wäre dieser Schritt längst überfällig.

* Name geändert.

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3 Kommentare
  1. Rudolf 1, 15.03.2021, 04:35 Uhr

    «Nachdem Nadine ihr ungeborenes Kind verloren hat, beginnt die eigentliche Herausforderung. Sie muss lernen, mit dem Tod des ungeborenen Kindes richtig umzugehen.» – Das Leben beginnt mit dem ersten Atemzug und endet mit dem letzten. Ein Fötus gehört zum Leben der Mutter, da ist noch kein eigenes neues Leben. Deshalb erleiden Föten auch keinen «Tod».

    1. lucifer, 15.03.2021, 08:10 Uhr

      mag sein…dennoch bitte ein bisschen mehr mitgefuehl herr rudolf

    2. CScherrer, 15.03.2021, 10:00 Uhr

      Philosophisch sehr schwer zu beantwortende Frage, wann Leben tatsächlich beginnt und wann Leben endet. Beginnt Leben nicht schon früher? Das ewige Leben wird uns versprochen. Also endet Leben doch eigentlich nie. Aber eigentlich ist hier nur Empathie und Mitgefühl gegenüber den betroffenen Menschen gefragt.

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