Wo Schindler für den Krieg produzierte
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Sie erzählen eine Geschichte: Schriftzüge an Gebäuden in der Stadt Luzern. (Bild: cha)

Schriftzüge an Luzerner Gebäuden Wo Schindler für den Krieg produzierte

7 min Lesezeit 26.02.2015, 18:03 Uhr

In schnörkeliger Schrift, in Latein oder beides auf einmal: Wer durch die Stadt Luzern läuft und den Blick nach oben richtet, sieht alte Schriftzüge an Hausfassaden. Sie zeugen von dem, was keiner mehr weiss: Zum Beispiel, wo die erste Uhr angebracht war, die stündlich schlagen konnte. Oder wo Schindler für den ersten Weltkrieg Munition herstellte.

Sie zieren zahlreiche Häuserfassaden in der Stadt Luzern. Und trotzdem fallen sie vielen – insbesondere den Ortsansässigen – gar nicht mehr auf. Die Rede ist von Schriftzügen an Stadtluzerner Gebäuden. Sie sind ein Spiegel der Geschichte der Stadt Luzern.

Doch so präsent die Schriftzüge im Alltag der Stadtluzerner Bevölkerung sind, so unbekannt ist oftmals der geschichtliche Hintergrund, der dem Haus den Namen gibt. Und hinter vielen verbirgt sich eine lange, spannende und nicht selten makabere Geschichte. Der Historiker und Journalist Stefan Ragaz erklärt, welche Geschichte hinter den jahrhundertealten Buchstaben steckt. Eine Reise ins Luzern zu Zeiten der Patrizier und Kriege.

Die älteste ihrer Art

Die älteste Apotheke Luzerns, die Suidtersche Apotheke, liegt an der Bahnhofstrasse in der Luzerner Kleinstadt. Die alte Aufschrift zeugt von ihrer fast 200-jährigen Geschichte. Ursprünglich wurde das sogenannte «Cloos-Haus» am Burgerturm im Jahre 1536 erbaut. Cloos war ein Patriziergeschlecht in Luzern. Die neugotische Fassade stammt aus dem Jahr 1906, die Otto Suidter Junior umbauen liess. An der Aussenseite des Haberturmes (Hauptturm des Baslertores) ist der Wappenstein von 1480 mit einer jungen Frau als Wappenhalterin erkennbar. Dieser hat den Abbruch des Baslertors überstanden und befindet sich heute an der Suidterschen Apotheke.

Die Suidtersche Apotheke selbst wurde 1833 eröffnet. Ein Jahr zuvor kam der 28-jährige Doktor Medicus Leopold Suidter in Besitz des «Cloos-Hauses». Bis 1937 blieb die Apotheke im Besitz der Suidter, ehe mehrere Wechsel folgten und 2011 dann Matteo Schaffhauser das Geschäft übernahm.

Die «Spendmühle»

(Bild: cha)

«Zur Spendmühle», ein Schriftzug, der an der Bäckerei Moos an der Ecke Sälistrasse/Taubenhausstrasse zu finden ist. Während sie vorerst für die Ärmsten der Armen eine zentrale Rolle spielte, wurde sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Werkstätte für den Krieg genutzt.

Seit dem 14. Jahrhundert wurden Mühlen lehensweise von der Stadt betrieben und gingen 1479 vollständig in städtisches Eigentum über. In diesem Generalausverkauf waren auch Rechte über das Spital enthalten, das eine Mühle im Obergrund besass. Die Spendmühle ist seit mindestens 1431 indirekt als «obere Mühle» bezeugt.

Brot statt Geld

In der Armenfürsorge spielte die sogenannte «Spend» eine zentrale Rolle, die in Luzern erst 1590 mit der «Almosenordnung» einigermassen systematisiert wurde. Die Spend war eine kirchliche Stiftung, die mit Jahrzeitstiftungen und Kircheneinnahmen finanziell getragen wurde. In der Regel wurde nicht Geld, sondern Brot abgegeben – deshalb die Bedeutung der Spendmühle.

Schindler als Munitionsproduzent

1917 übernahm die Maschinenfabrik Schindler, damals in der Sentimatt beheimatet, die Spendmühle als Drehereiwerkstätte. Damals rückte Schindler zum bedeutendsten Luzerner Hersteller von Granathülsen und Munition für die Schweizer Armee auf. 200 Arbeiter stellten dort unter anderem auch Munition her, bis sie schliesslich 1918, als der erste Weltkrieg vorbei war, entlassen wurden.

In der Spendmühle wurde 1926/27 eine Wärmestube für Arbeitslose eingerichtet. Mindestens seit 1942 befindet sich in den Räumlichkeiten eine Bäckerei. Seit 1974 ist sie im Besitz der Familie Moos.

Die erste Stadtuhr, die stündlich schlug

(Bild: cha)

Beseitigung von über einem Dutzend Wehrbauten

Heute sind nur zwei Bauten des inneren Befestigungsringes noch vorhanden: Das Mühlentor und der Zurgilgenturm (ausser Wasserturm, Kapell- und Spreuerbrücke). Die ersten Stadttürme verschwanden schon 1738 (Ketzerturm) und 1771 (Judenturm). Sie waren baufällige Vorboten der Entfestigungswellen des 19. Jahrhunderts:

  • 1833 bis 1850 wurde das Sentitor mit der Sentimauer, die Hofbrücke mit Hoftor und der Lederturm abgetragen. In dieser Zeit wurde auch die Kapellbrücke um fast 50 Meter gekürzt. Der Grund war unter anderem der Bau des neuen Stadttheaters.
  • 1851 bis 1867 wurden 18 Wehrbauten beseitigt. Unter anderem die beiden Weggistore, Basler-, Bruch- und Graggentor, Kesselturm, Obertor und Rosengartenturm. Eine wichtige Voraussetzung für die zweite Welle war der Bau des neuen Löwengraben-Gefängnisses im Jahr 1862. Die meisten Türme – mit Ausnahme der Museggtürme – hatten zuvor als Untersuchungskerker gedient. Einerseits waren sie jedoch in erbärmlichem Zustand. Andererseits war damals die Zahl der Gefangenen in Luzern sehr hoch: 1854 wurden 2620 Häftlinge gezählt. Dies bei einer Einwohnerzahl von rund 10'000 Bürgerinnen und Bürger.

Das Graggentor hat eine lange währende Geschichte, in der dessen Turm eine zentrale Rolle spielt. An diesem wurde die erste städtische Uhr angebracht, die zu jeder Stunde schlug und der Bevölkerung zu Zeiten, als eine eigene Uhr ums Handgelenk keine Selbstverständlichkeit war, als Orientierung im Tagesablauf diente. Um 1240 erbaut, war das Graggentor zusammen mit dem Burger- und Bruchtor das letzte Stadttor, das wich. Dies war in den Jahren 1851 bis 1867 der Fall, in denen insgesamt 18 Wehrbauten, so auch das Graggentor, beseitigt wurden (siehe Box).

Ursprünglich zierte die erste Stadtuhr den Graggentorturm – erst später der Zeitturm. Sie war Luzerns erste Stadtuhr mit automatischem Stundenschlag. Hierzu ist die erste belegte Übergabe einer Stadtuhr für den 25. November 1385 datiert, geschaffen von Meister Heinrich Halder von Basel. Durch das Tor führte der bis heute bestehende, steile Weg hinauf zur Musegg.

Ältester Text überhaupt, der Mechanismus beschreibt

Zur Uhr ist ein einmaliges Dokument erhalten: Der Luzerner Rat liess eine ausführliche Gebrauchsanweisung ins Erste Bürgerbuch eintragen. Bei diesem Dokument soll es sich um den ältesten erhaltenen Text überhaupt handeln, der diesen Mechanismus beschreibt. Dieser Anleitung ist zu entnehmen, dass es sich um ein damals gebräuchliches Uhrwerk mit einer sogenannten Waagbalkenhemmung und einem Schlagwerk gehandelt haben muss, welches die Stunden über einen Glockenschlag verkündet hat.

1442 schliesslich, als der Zeitturm fertig gestellt wurde, ist die erste Stadtuhr vom Graggen- zum Zeitturm disloziert worden. 1927 bis 1928 wurde daraus ein Geschäfts- und Lagerhaus mit spezieller Stahlkonstruktion gebaut.

(Bild: zvg)

Das Drama des Frischhans Theiling

(Bild: cha)

Das «Theilinghus» liegt an der gleichnamigen Theilinggasse, unmittelbar vor dem Falkenplatz. Folgender Schriftzug ziert das Gebäude: «Einstmals: Vor 500 Jahren kaufte man hier Ellenwaren. Jetzt: Kauft man im Theilinghus gute Brillen von Optikus.» Es ist der Werbespruch der «Koch Optiker AG», die in dem Gebäude seit 75 Jahren ihr Geschäft führt. Das Fassadengemälde stammt vom bekannten Luzerner Kunstmaler und Freskenrestaurator Hans Zürcher. Doch die Geschichte dahinter ist eine viel längere – und auch eine düstere:

Mit Eis zum Sieg

Den Namen erhielt das Gebäude dank Frischhans Theiling, der die Schweizer in die Schlacht bei Giornico im Jahr 1478 anführte und den Sieg davon trug. Carl Spitteler sagte 1897 über Theiling und die Schlacht: «Das Eis hat einmal in Giornico historische Bedeutung erlangt. Eines Dezembertages im Jahr 1478, als eben Frostwetter eintrat, liess in der Nähe von Giornico der Anführer der Schweizer, Frischhans Theiling, den Tessin stauen, so dass er Gefild und Wege überschwemmte und bald eine glatte Eisfläche herstellte. Auf dem Eise vermochten die mailändischen Reiter und Geschütze nicht Stand zu fassen, während die Schweizer mit ihren famosen, in so mancher Schlacht bewährten Steigeisen sich unbehindert fortbewegten. Die Schlacht endete mit der völligen Niederlage der Mailänder.»

Noch als Held gefeiert, änderte sich Theilings Leben wegen einer Auseinandersetzung dramatisch: 1487 legte er sich mit dem grossen Bürgermeister von Zürich, Hans Waldmann, an. Theiling sollte dafür schliesslich mit dem Leben bezahlen. Hintergrund des Streits waren die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen dem Wallis und dem Eschental (zwischen Domodossola und dem Simplon). Söldner aus Luzern unterstützten das Wallis, das Eschental gehörte zu Mailand. Waldmann seinerseits war ein mailändischer Pensionsherr.

Intrigen und Bestechung

Die eidgenössische Tagsatzung stellte sich mit einem Schiedsspruch gegen das Wallis, weshalb der Verdacht laut wurde, Waldmann sei von Mailand bestochen und habe die Tagsatzung beeinflusst. Die Walliser hielten sich nicht daran und erneuerten den Kampf, wurden jedoch in der Nähe von Domodossola geschlagen. Nun wurde Hans Waldmann verdächtigt, er habe den Herzog von Mailand benachrichtigt, also das Wallis verraten.

Frischhans Theiling äusserte diesen Verdacht öffentlich und sagte, Waldmann sei «ein rechter wissentlicher böswicht, ein ghyder (verdammter) morder und eyn verräter». Theiling wurde an der Herbstmesse in Zürich festgenommen. Luzern protestierte darauf heftig und mahnte, Zürich habe den Marktfrieden und die Gerichtsbarkeit der Stadt Luzern verletzt. Erfolglos, er wurde hingerichtet. So auch Waldmann, dessen Leben nach einem Aufstand der Landbevölkerung 1489 ein jähes Ende fand.

Der «Chlotz» und seine Geschichte

(Bild: cha)

Die Inschrift «Werchlaube» ziert ein Gebäude an der Weggisgasse in der Altstadt. Ein Haus mit ehemals grosser gesellschaftlicher Relevanz, dessen damals aussergewöhnliches Aussehen auch für Spott und Hohn sorgte. «Chlotz», so wurde die Werchlaube auch betitelt, weil das Dach des Gebäudes nicht der damaligen Norm entsprach.

Ab dem Jahr 1842 war das als Werchlaube bekannte Handelszentrum an der Weggisgasse 29. Es diente stets als Gebäude, in dem lebensnotwendige Dinge entweder gehandelt oder gelagert wurden. Bis ins Ende des 19. Jahrhunderts waren es hauptsächlich Textilien und deren Rohmaterialien. Zudem soll sich von 1666 bis 1800 auch eine Beiz mit dem originellen Namen «Sieben Todsünden» in der Werchlaube befunden haben.

Erstes Gebäude mit Flachdach

An der Jahrtausendwende – genauer im Jahr 1901 – zog die Einwohnerkontrolle vom alten Stadthaus an der Grabenstrasse in den «Chlotz», wie böse Zungen damals den Bau nannten. Später haben darin sogar der Friedensrichter und der Gewerberichter gewaltet. Das Gebäude ist laut des ehemaligen Stadtarchivars Edgar Rüesch das erste in der Stadt Luzern mit einem Flachdach. Der Bau brachte den Vorteil einer geraden Verbindung zwischen der Weggisgasse und dem Kornmarkt – besser bekannt als Werchlaubengässli.

Ab den 1930er-Jahren mauserte sich die Werchlaube zum Geschäftshaus. Ständig wechselnde Mieter und damit vielseitige Angebote zeichnen die Werchlaube heute aus.

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