<p>An der Määs gibt’s einiges zu Schreien. (Bild: jav)</p>
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An der Määs gibt’s einiges zu Schreien. (Bild: jav)

Reportage: «S esch Määs z’Lozärn!» Wo Klischees leben und harte Kerle Maschinen hauen

5 min Lesezeit 02.10.2016, 12:19 Uhr

Auf dem Europaplatz und dem Inseli geht es gerade richtig ab. Aber nicht nur die Bahnen bieten an der Määs schräge Unterhaltung. zentralplus hat sich ins Getümmel gestürzt und wurde am Schluss ganz verwirrt wieder in die Realität gespült.

Es regnet überhaupt nicht an diesem Samstagmorgen in Luzern, doch die Leute, die sich vor dem Eingang der Määs beim Inseli positioniert haben, sind durchs Band mit Schirmen ausgerüstet.

Die Luzerner sind nämlich ganz gefitzte Cheiben: Denn beim traditionellen Eröffnungschlapf fliegen 500 Fahrchips für die Määs-Bahnen in die Menge. Und wie man uns Schweizer kennt, will jeder so viele wie möglich davon ergattern. «Man hat ja sonst nichts!»

Mit Schirmen ausgerüstet für den Fahrchips-Regen. (Bild: jav)

Mit Schirmen ausgerüstet für den Fahrchips-Regen. (Bild: jav)

Die Tricks der geübten Määs-Gänger

Also stehen sie da mit ihren umgedrehten Schirmen, strecken sie als Auffangbecken in die Höhe und warten auf den Chlapf, welcher ihnen die Bescherung bringen soll. Doch dann kommt er natürlich: Der Spielverderber. Der Mann am Mikrofon, der gerade noch alle Mannen und Frauen, Buebe und Meitli begrüsst und Wunderwelt auf wenig Geld gereimt hat, fordert die Menge dazu auf, alle Schirme zu schliessen. «Aus Sicherheitsgründen».

Entrüstetes Gemurmel bei den Schirmhaltern, hämisches Grinsen bei Anwesenden ohne Schirm – und unter Murren schliessen sich die Schirme.

Jetzt darf’s losgehen: Es chlöpft, die Chips fliegen im Konfettiregen durch die Luft, Frauen und Mannen, Buebe und Meitli kriechen auf dem Asphalt herum und in nur wenigen Sekunden ist der Spuk auch schon wieder vorbei.

Einige Kinder kommen heulend aus der Menge gerannt. Andere strecken den Eltern stolz ein farbiges Plastikbillett entgegen. Erwachsene Männer sortieren mit ernsten Gesichtern ihre Jagdtrophäen.

Der Eröffnungschlapf. (Bild: jav)

Der Eröffnungschlapf. (Bild: jav)

Und rein ins Vergnügen

Kaum eröffnet, ist die Määs schon gut gefüllt. Die Leute strömen an die Essensstände und auf die Bahnen. Doch wir nehmen uns diese Vergnügen für den Abend vor. Erstmal schlendern wir gemütlich durch den Markt. Hier findet sich alles, was das Herz begehrt. Oder auch nicht.

Es gibt Gewürze zu kaufen, Schmuck, Lebkuchenherzen, Ochsengallenseife als Paste oder flüssig, Bouillon und noch mehr Gewürze, Kassettli und CDs von Pumuckl und Hansi Hinterseer, nochmals Lebkuchenherzen, Engelfigürchen, Tierfigürchen, Heiligenfigürchen, Elfenfigürchen, Monsterfigürchen, Raffeln und Schuhwichse. Nochmals Schmuck und Handyhüllen, Accessoires aus Naturkork oder Würste aus Pferdefleisch. Und daneben endlich das Schild: Ponyreiten!

Rabiate Eltern, mä(ä)ssig begeisterte Kinder

Eigentlich würden wir uns auch gern auf ein Pony setzen, doch die rabiaten Eltern machen wenig Hoffnung. Kaum geht eine Runde dem Ende zu, stehen schon doppelt so viele Eltern wie bereitbare Tiere an der Seite und halten ihr Kind mit seitlich abgespreizten Ellbogen auf Ponyrückenhöhe bereit. Kaum ist der Sattel frei, wird schnell das nächste Kind raufgesetzt.

Die Kinder scheinen dann jedoch wenig begeistert zu sein. Kritische Blicke, Hände, dich sich nach den Eltern ausstrecken, doch schon geht’s los im Kreis herum. Und für uns geht’s raus aus dem Trubel. Erst abends wenn alle Lichter blinken und das Volk sich zwischen den Bahnen drängt, kehren wir zurück.

Spass auf dem Karussell. (Bild: jav)

Spass auf dem Karussell statt auf dem Pony. (Bild: jav)

Selbstbeherrschung ist gefragt

Erstmal wagen wir uns auf den Condor: 80 Meter hoch geht es mit dem Kettenflieger, während unten der deutsche «Schnörri» im Häuschen alles gibt. Es wird hoch, richtig hoch. Und am liebsten würde man jetzt laut schreien – wenn da nicht ein völlig entspannter Zwölfjähriger neben einem sitzen würde. Wir begnügen uns daher mit Augenaufreissen und innerem Gekreische – und wirken bestimmt grad extrem cool.

Nach ein paar Runden auf dem Nostalgie-Riesenrad, dem kleinen fallenden Tower, dem Octopus und weiteren Adrenalin-Attraktionen haben wir noch Zeit für eine kleine Sozialstudie.

Viel Spass!

Die Määs dauert noch bis am 16. Oktober. Erwartet werden rund 350’000 Besucherinnen und Besucher.

Der Luna-Park ist von Sonntag bis Donnerstag von 10 bis 22 Uhr und am Freitag und Samstag bis 23 Uhr geöffnet. Der Markt mit seinen über 100 Marktständen ist täglich von 10 bis 19 Uhr offen.

Die Klischees leben

Modisch scheinen sich viele Besucher der Määs der «Kunst» an den Bahnen angepasst zu haben. Die Kunst beziehungsweise die Bemalung der Bahn-Fassaden ist wahrscheinlich aus den frühen 80er-Jahren und besteht hauptsächlich aus heulenden Huskys und unerkennbaren Stars in verschwimmendem Graffitistyle (siehe Slideshow).

Zudem scheint die Määs «the place to be» zu sein, wenn man jung ist und zerrissene Hosen trägt. Junge, krasse Typen mit grossen Löchern in den Hosen und aufgetakelte Mädels mit noch grösseren Löchern in den Hosen gehen in Gruppen aneinander vorbei und rufen sich unverständliche Dinge zu – entweder Jugendslang oder Migrationshintergrund.  

Ein Familienpack Jogginghosen läuft vorbei, dann einige junge, süsse Pärchen mit überdimensionierten Kuscheltieren und Herzchen in den Augen. Junge Schausteller mit «feurigen Augen» flirten mit den hübschen Mädchen, die kichernd und kreischend nach der Fahrt ihre Handtaschen einsammeln. Und irgendwie scheinen alle die ganze Zeit an irgendwas zu kauen – an Würsten, Churros, an der Schoggibanane oder gebrannten Mandeln.

Im Glashäuschen sitzt rauchend die dauergewellte Bondine, welche Stimmung in die Bude bringen soll. Bei den Essensständen stehen Gruppen älterer Herren mit Bierdosen, um die Box-, Hammer- und die Kickmaschine die ganz krassen Jungs mit Red Bull. Ihre Kumpels sind noch beim Putschiauto. Wobei sich mir hier seit Jahren die Frage stellt, was an diesen klitzekleinen Autos mit Gummirand so extrem krass sein soll.

Duft- und gefühlsdusselig

Die Stimmung ist ausgelassen, laut und aufgeladen. Alles blinkt und einmal durchs ganze Getümmel gelaufen, hat man bestimmt zwei Klassiker und drei aktuelle Charthits als Option für den nächsten Ohrwurm zur Auswahl. Doch nicht nur Auge und Ohr werden ganz schön gefordert: Die Düfte wechseln innerhalb von Sekunden zwischen Knoblibrot, Magenbrot, Zuckerwatte, vollen Windeln und Parfümwolken.

Kinder quengeln und schreien. Sie wollen nochmals auf die Bahn, doch Papi hat keine Fahrchips mehr und scheint auch nicht gewillt, noch weitere käuflich zu erwerben. Jetzt sind die Schreienden schon zu dritt. Wir machen den Abflug.

Und als wir auf dem Heimweg am historischen Kettenkarussell vorbeigehen, steht dort ein älteres Ehepaar mit Rose und Magenbrot und knutscht – wie wahrscheinlich schon vor 50 Jahren  – am Rande des Geschehens im Torbogen.

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