Wo die Löterin gleich viel Bonus verdient wie der Chef
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Thomas Christen in der Kantine im obersten Stock des Neubaus seiner Firma Reed. (Bild: jwy)

Mit Hightech von Schachen auf den Weltmarkt Wo die Löterin gleich viel Bonus verdient wie der Chef

9 min Lesezeit 04.03.2017, 13:34 Uhr

Im beschaulichen Schachen produziert eine Firma Hightech für Labors weltweit. Angefangen hatte die erstaunliche Geschichte in einer «saukalten Garage». Noch erstaunlicher ist aber, mit welchem Grundsatz Thomas Christen seine Firma führt: Beim Bonus sind alle gleich.

Wäre das Wetter besser, böte sich ein wunderbarer Ausblick auf die Pilatuskette und den Schwarzenberg. An diesem Morgen aber schaut man lediglich auf den Bahnhof Schachen, der etwas trostlos im Nebel gefangen steht. «Sonst sieht es hier aus wie auf einem Gemälde», sagt Thomas Christen, Gründer und Inhaber der Elektronikfirma Reed.

Wir stehen in der Werkhalle eines modernen, mehrstöckigen Industriegebäudes. Grosszügig, hell, aufgeräumt. Hier, mitten im ländlichen Luzern, wird Hightech für den Weltmarkt entwickelt und produziert. Vor uns liegt ein Apparat, der «Biowelder TC».

Fertig zur Auslieferung: Der Biowelder ist der Stolz der Firma Reed.

Fertig zur Auslieferung: Der «Biowelder» ist der Stolz der Firma Reed.

(Bild: jwy)

Ein schuhschachtelgrosses Ding mit Deckel und Digitalanzeige. Man käme nicht auf die Idee, was man damit anstellen könnte. Doch es ist der ganze Stolz der Firma Reed von Thomas Christen. Die Maschine kann im Prinzip nur eines: Schläuche, mit oder ohne Flüssigkeit, steril verbinden. Das aber mit einer unschlagbaren Präzision und Sauberkeit – dazu später.

Keinen Hochschulabschluss

Der 52-jährige Thomas Christen hat die Firma Reed vor 30 Jahren gegründet. Es ist in vielen Belangen eine erstaunliche Geschichte. Christen ist weder Ingenieur noch hat er einen Hochschulabschluss, sondern ist gelernter Koch. Und heute beliefert er namhafte Biotechfirmen und Medizinlabors mit Präzisionsmaschinen.

Er ist Unternehmer, aber führt seine Firma mit einer fast schon antikapitalistisch anmutenden Idee: Alle in der Firma bekommen die gleiche Lohnerhöhung und den gleichen Bonus – nicht in Prozent, sondern in Franken.

«Ein Luftpartikel oder ein schlechtes Bakterium reicht schon, um die Flüssigkeit zu zerstören.»

Thomas Christen, Gründer von Reed

Thomas Christen ist ein Selfmademan par excellence, der in einer Garage angefangen hat und heute ein erfolgreiches, hochspezialisiertes Unternehmen führt. «Ich habe mich halt immer mehr für das Technische interessiert, habe Wecker aufgeschraubt, und wollte wissen, was drin ist», sagt Christen.

Flüssigkeit von A nach B

Wie erklären Sie jemandem, was Sie hier tun, Thomas Christen? «Es hat mit Flüssigkeits-Handling zu tun: Wir stellen Maschinen her, die sterile Verbindungen schaffen, damit Flüssigkeiten sicher von A nach B transportiert werden können», sagt er. Es lohnt sich, etwas auszuholen, wenn man verstehen will, was Reed hier tut – und wieso sie erfolgreich sind.

Koch, Firmengründer, Leadgitarrist

Thomas Christen, 52, ist Gründer und Inhaber der Elektronikfirma Reed in Schachen. Der ausgebildete Koch hat die Firma als Quereinsteiger vor 30 Jahren gegründet. Auch sein Hobby ist ungewöhnlich: Er spielt Leadgitarre in der ambitionierten Bob-Dylan-Coverband The Golden Chords. Christen wohnt mit seiner Familie in Schwarzenberg, auch sein Sohn ist bereits im Unternehmen tätig.

Das Erfolgsrezept lautet: Eine Nische besetzen und dort besser sein. «Die Nische ist eine typische Schweizer Eigenschaft. Wir hatten das Glück, dass wir ganz von Anfang an dabei gewesen waren», sagt Thomas Christen.

1999 ist Reed in die Biotechbranche «gerutscht», wie Christen es ausdrückt. Zur Herstellung von Medikamenten oder Impfstoffen braucht es Behälter. Als sich anstelle von statischen Tanks sterile Einweg-Beutel in der Medizin und Biotechbranche durchsetzten, «hatten wir den Fuss drin», sagt er.

Und in dieser Nische für Schweissgeräte, die gefüllte Schläuche steril verbinden können, ist Reed Weltmarktführer. Ein grosser Biotech-Konzern vertreibt die Apparate weltweit. Zu den Endkunden gehören Grössen wie Novartis, Roche, Merck, Pfizer, Bayer oder Fuji-Film.

Maschinen wie Roboterköpfe

Auf langen Tischen liegen aufgereiht 30 Geräte, die bald ausgeliefert werden. Sie sehen aus wie futuristische Köpfe von Robotern. Thomas Christen demonstriert den «Biowelder TC» mit zwei verschiedenfarbigen Flüssigkeitsbeuteln an je einem zugeschweissten Schlauch. Der Apparat verbindet und verschweisst diese Schläuche miteinander – vollautomatisch, komplett steril und ohne Flüssigkeitsverlust. Das tönt simpler als es ist, denn es könnte viel schiefgehen dabei. Theoretisch.

Der Biowelder TC im Einsatz: Die beiden Flüssigkeitsbeutel werden steril miteinander verbunden.

Der Biowelder TC im Einsatz: Die beiden Flüssigkeitsbeutel werden steril miteinander verbunden.

(Bild: jwy)

Der Biowelder kommt in medizinischen Labors zum Einsatz. «Da darf keine Verschmutzung reinkommen, ein Luftpartikel oder ein schlechtes Bakterium reicht schon, um die Flüssigkeit zu zerstören», so Christen. Es muss also todsicher funktionieren – wenn nicht, sind schnell einmal 100’000 Franken futsch.

Der Vorteil dieser Maschine mit fünf eingebauten Motoren: Man kann die Schläuche einfach reinlegen, den Deckel schliessen und der Apparat erkennt selber, was zu tun ist. Das «Rezept», wie Christen es nennt, also die Höhe der Temperatur und alle weiteren Informationen, holt er aus einem Chip. Die Maschine setzt mit einem erhitzten Messer einen sauberen Schnitt, führt die Enden zusammen und verschweisst sie.

Dieses Video zeigt den Vorgang:

 

«Wir haben alles ausprobiert, die Schläuche sogar mit Babykot eingerieben, und es funktionierte trotzdem einwandfrei», sagt Christen. Reed hat diese In-House-Erfindung patentieren lassen – von der Idee über die Entwicklung bis zur Produktion geschieht alles unter diesem Dach. Ein Drittel der Belegschaft arbeitet in der Entwicklung. «Das ist ein hoher Anteil. Aber es zahlt sich aus, denn ich will letztlich ein Produkt, von dem ich das Patent habe», so Christen.

Innovation ist wichtiger als der Preis

Eine Frage drängt sich auf: Wie kann er hier im Hochpreisland erfolgreich produzieren? «Weil wir so spezifiziert sind, ist der Preis in diesem Bereich nicht so entscheidend. Die Lösung ist wichtig», sagt Christen. «Würden wir in den Preiskampf einsteigen, hätten wir keine Chance.»

Das Stichwort heisst Innovation. «Wir haben etwas geschaffen, das für den Kunden einen Mehrwert hat», sagt er. Für etwas, das zuvor kompliziert und unsicher war, braucht man heute noch zwei Minuten.

Kommt hinzu: «Die Margen sind in der Branche nicht schlecht. Kunden haben zum Teil Wachstumsraten von 15 bis 18 Prozent», sagt Christen. Reed ist also ein kleines, aber essentielles Zahnrädchen in einem grossen Labor-Markt. Ein stabiler Absatz ist garantiert.

Das neue Gebäude beim Bahnhof Schachen.

Das neue Gebäude beim Bahnhof Schachen.

(Bild: jwy)

Eine weitere Innovation für die Medizin-Branche hat er schon im Köcher, sie kommt 2018 oder 2019 auf den Markt. Es hat mit Blutkonserven-Beuteln zu tun, die man mit feinen Schläuchlein verbinden muss. Die braucht man im Operationssaal, etwa für eine Herz-OP. «Das wird uns nochmals Schub geben» ist Christen überzeugt. «Es ist wieder etwas komplett Neues, das es so auf dem Markt noch nicht gibt und einen neuen Nutzen bringt.»

Zu zweit und «völlig naiv»

Angefangen hatte Reed noch weitaus bodenständiger: «Völlig naiv» habe er mit 21 mit einem Freund in einer alten Garage eine Firma aufgebaut. Man redete noch nicht von Start-up, obwohl es genau das war. Nach dem Prinzip Learning-by-Doing haben sie sich vieles selbst beigebracht. «Aber wir waren völlig unabhängig. Jung und motiviert und haben gearbeitet wie blöd», sagt er.

«Ich hatte anfangs nicht viel Ahnung, aber relativ schnell gesehen, dass es ein gutes Geschäft ist.»

Thomas Christen

Zu zweit produzierten sie Schwimmerschalter zur Füllstandsüberwachung. Also Teile, die überall dort zum Einsatz kommen, wo der Stand von Flüssigkeiten angezeigt werden muss: Aquarien, Kaffeemaschinen oder Tankanzeigen in Fahrzeugen.

«Ich hatte noch nicht viel Ahnung, aber relativ schnell gesehen, dass das ein gutes Geschäft ist. Und so haben wir 1986 eine AG gegründet und sieben Jahre lang zu zweit gearbeitet», sagt Christen. «Voll einfach in einer alten Garage, und es war saukalt.»

Schnell wuchs die Kleinfirma und gewann grosse Kunden. «Irgendwann entschieden wir, aus dieser kleinen Garage rauszukommen, also machten wir den Schritt nach Schachen», so Christen. Das war 1993, aus anfänglich 5 Mitarbeitern wurden 30.

Interesse und vernetztes Denken

Ein zentrales Bauteil seit dem Anfang ist der Reed-Kontakt, daher der Firmenname. «Dieses Bauteil verarbeiten wir heute zu Hunderttausenden», sagt Christen. Ein kleiner Kontakt in einem Glasröhrchen, der durch ein Magnet betätigt wird – also etwa, wenn der Tank leer ist. Oder das Aquarium Wasser braucht.

Dieses Ding gab der Firma den Namen: ein Reed-Kontakt, den sie zu Hunderttausenden verbauen.

Dieses Ding gab der Firma den Namen: ein Reed-Kontakt, den sie zu Hunderttausenden verbauen.

(Bild: jwy)

Christen ist kein Ingenieur, hat keinen ETH-Abschluss. Und mit dem Interesse für Technik allein ist es auch nicht getan. «Was man können muss, ist, vernetzt zu denken. Man muss den Überblick haben, wenn man so lange in diesem Business ist», sagt er.

Schon an den ersten PCs hat er «rumgedoktert», hat sie auseinadergenommen – das Interesse war entscheidend. «Und ich habe immer gewusst, ich brauche die richtigen Leute um mich herum, dann kommst du weiter.»

Flache Hierarchie und gleiche Boni für alle

Trotz Erfolg, Wachstum und Hightech: Der Mensch steht für Thomas Christen im Mittelpunkt. Unter den 30 Mitarbeitern – Ingenieure, Techniker mit höherer Fachschulausbildung, Mechaniker, Elektriker, Bürolisten – herrscht eine flache Hierarchie, das steht so im Firmenleitbild. Das fängt beim Du an. «Es ist wichtig, miteinander auf der gleichen Ebene diskutieren zu können, egal, ob ich Geschäftsinhaber bin oder nicht. Wichtig ist die Lösung und der Mensch, das ist mir das zentrale Anliegen», sagt Christen.

«Wieso soll ich einer Person, die lötet, weniger geben als einer Person, die sonst schon viel verdient?»

Dazu gehört auch die Sache mit der Lohnerhöhung und den Boni: «Wieso soll ich einer Person, die lötet, weniger geben als einer Person, die sonst schon viel verdient?», fragt Christen. Schliesslich würden sie alle für den Erfolg arbeiten. Also zahlt Reed jedem die gleiche Lohnerhöhung. «Ich kommuniziere das offen, und es wird sehr gut aufgenommen», sagt er.

Will er damit ein Zeichen setzen? Christen verneint, er handhabe das so, weil es ihm plausibel erscheint. «Ich finde es einfach mehr als fair. Und die verschiedenen Lohnklassen sind ja trotzdem noch gegeben.»

Kein Papier, dafür Kreativinseln

Die Mitarbeiter sollen sich wohlfühlen, dafür hat Thomas Christen auch mit dem hellen, luftigen und grosszügigen Neubau gesorgt. Es gibt Begegnungszonen ebenso Rückzugsräume und Kreativinseln.

Papier ist keines zu sehen. «Wir verfolgen eine Clean-Desk-Politik. Wenn man am Abend geht, ist auf dem Pult alles leer, das ist überall im ganzen Gebäude so», sagt Christen. Auch um die Gedanken zu reinigen. «Die Leute fanden es am Anfang komisch, jetzt kommt es super an.»

Gross, hell, aufgeräumt: Nicht nur in der Kantine, sondern überall im Gebäude sieht es so aus.

Gross, hell, aufgeräumt: Nicht nur in der Kantine, sondern überall im Gebäude sieht es so aus.

(Bild: jwy)

Im obersten Stock ist eine grosse Kantine mit gut ausgestatteter Küche – Steamer, Mikrowelle, Induktionsherd – und grosszügiger Terrasse. «Die Kantine hat es den Leuten sehr angetan, man merkt es daran, wie sie sie nutzen – am Mittag sind praktisch alle da. Das ist sehr wichtig für die Leute», sagt Christen.

Daneben gibt es einen Ruheraum für einen Powernap zwischendurch. Ein grosser Flachbildschirm hängt an der Wand, wo am Mittag auch mal Tennismatches oder Skirennen laufen. Dazu ein drahtloses Soundsystem, auf das man über Tablets Musik streamen kann. In einem Raum ein Töggelikasten – und daneben steht Christens Gitarre: «Ab und zu übe ich am Mittag ein wenig, ein willkommener Ausgleich zum Abschalten», sagt er.

Die Firma Reed

Ursprünglich baute das 1986 von Thomas Christen gegründete Unternehmen Reed – zu deutsch Schilf – ausschliesslich Schwimmerschalter zur Füllstandsüberwachung. Inzwischen produziert die Elektronikfirma in Schachen hauptsächlich Hightech-Produkte im Bereich Flüssigkeitsregelung und Flüssigkeitstransfer. Reed Electronics ist vor eineinhalb Jahren in ein neues, viermal grösseres Betriebsgebäude beim Bahnhof Schachen gezogen. Sie beschäftigt heute 30 Leute, Tendenz steigend.

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