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Wo ab 17 Uhr Stress und Angst regieren
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Zwischen dem Schilderwald am Bundesplatz hat Markus Schulthess den Durchblick: «Wir müssen mit Verkehrschaos am Feierabend leben.» (Bild: hae)

Unternehmer will mehr Platz für Bundesplatz Wo ab 17 Uhr Stress und Angst regieren

4 min Lesezeit 07.06.2017, 18:45 Uhr

Das Verkehrschaos am Luzerner Bundesplatz stört Neustadt-Bewohner Markus Schulthess. Mit seinem Quartierverein brütet er an der Vision einer einfacheren Verkehrsführung. Er will die «Rückeroberung des Raumes wie am New Yorker Times Square». Utopie oder zu schön, um wahr zu sein?

«Kantonalen Verkehrsgarten» nennt Markus Schulthess den Bundesplatz, der wohl nur bei Fahrlehrern beliebt sei. Der 52-jährige IT-Unternehmer beobachtet den Verkehrsknoten immer wieder mit Argusaugen, denn er ist seit acht Jahren Co-Präsident des Quartiervereins Hirschmatt-Neustadt.

Zur Mittagszeit präsentiert sich der verästelte Verkehrskreisel zwischen Kleintheater, Kino Capitol und Café Meyer angenehm ruhig, ein paar Tagediebe sitzen beim x-ten Bier auf der Bank des Toilettenhäuschens, und die Bananenpalmen auf dem Kreisel biegen sich fast fröhlich im Frühlingslüftchen. Beinahe ein städtisches Idyll.

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«Horror» ab 17 Uhr werktags

Doch werktags ab 17 Uhr ist hier jeweils die Hölle los – «Horror» nennt es Schulthess. Dann präsentiert sich der vielarmige Strassenpolyp zwischen Bundesstrasse, Moosstrasse, Zentralstrasse, Hirschmattstrasse und Langensandbrücke als Stressinsel. Velofahrer haben Angst, die Spur zu verlieren, Autofahrer bekommen Schweissausbrüche, weil sie im Stau stehen, und Fussgänger meiden den Übergang: Alle sind angespannt, wer will da schon freiwillig die acht Fussgängerstreifen queren, die es rund um den stark befahrenen Platz gibt.

«Der Bundesplatz ist ein Unding, das Angst einflösst.»

Markus Schulthess, Unternehmer

Markus Schulthess weiss: «Hier bekommen nicht nur die Verkehrsteilnehmer Blockaden – der Platz ist ein Unding, das Angst einflösst.» Klar, gleich zweimal wurde der Platz in den letzten Jahren umgebaut. Und selbst Stadtpräsident Beat Züsli, ein passionierter Velofahrer, habe im privaten Kreis schon verlauten lassen, dass er sich auf dem Bundesplatzes unwohl fühle.

Markus Schulthess, Co-Präsident des Quartiervereins Hirschmatt-Neustadt.

Markus Schulthess, Co-Präsident des Quartiervereins Hirschmatt-Neustadt.

(Bild: hae)

«Wir wollen nicht die Faust im Sack machen, sondern zur Rückeroberung des Raumes aufrufen», erklärt Schulthess. Der Unternehmer ist keineswegs ein Autohasser, er denkt einfach vermehrt städtebaulich anstatt verkehrsplanerisch.

Fürs Foto stellt er sich gerne ins Schilf und zwischen den Schilderwald am Bundesplatz, verliert dabei aber nie den Durchblick. Deshalb machte er sich mit Markus Schmid, seinem Co-Präsidenten des Quartiervereins Hirschmatt-Neustadt, den Spass, die stringente Strassenführung des Kreuzstutzes über die aktuell «verfahrene» des Bundesplatzes zu legen. Plötzlich macht ein Kreisel mit vier Armen in Kreuzform Sinn. Der Vergleich eignet sich bestens, weil das Verkehrsaufkommen an der Nordwestausfahrt der Stadt ähnlich gross ist wie am Bundesplatz. Schulthess: «Einfacher ist bekanntlich angstfreier.»

 

Der heutige Bundesplatz und hellblau eingezeichnet die vereinfachte Verkehrsführung.

Der heutige Bundesplatz und hellblau eingezeichnet die vereinfachte Verkehrsführung.

(Bild: Luftbild geoportal.lu.ch)

Wieso wird ein Unternehmer Hobby-Verkehrsplaner? Weil er in der Stadt wohnt, hier arbeitet und sich um die Zukunft kümmert. Markus Schulthess sagt nicht, dass er mit seinem Vorschlag die Verkehrsprobleme lösen könne. «Wir müssen mit Verkehrschaos am Feierabend leben – wie andere Städte auch. Ich bin kein Verkehrsplaner.» Aber wieso nicht etwas Bestehendes anders angehen? Ist er ein Visionär? Da winkt Schulthess ab. Aber er denkt als IT-Unternehmer schon gerne in die Zukunft, befasst sich mit allerhand Technologien. «Ich verfolge gerne verrückte Ideen. Und möchte meinem 18-jährigen Sohn eine lebenswerte Welt bieten.»

Traum vom Treffpunkt im Toilettenhäuschen

Schulthess, der einst in der Luzerner Postpunk-Band Mittageisen lauten Krach machte, geht heute leise und sanft vor: Sein Anliegen ist es, mit dem aktiven Quartierverein zu sensibilisieren. Er vernetzt sich mit Architekten und Leuten aus der Lokalpolitik. Und jetzt mit dem Gang zu den Medien. Er ist sich bewusst: «Wir werden mit einem allfälligen Vorstoss wohl keine Chance haben – aber vielleicht bewegt sich ja in zehn Jahren etwas.»

Andernorts ging es auch lange mit Veränderungen. Gerne verweist er auf den New Yorker Times Square. Der einstige Rummelplatz von Gesindel und Gewerbe während der 80er-Jahre wurde 2009 saniert und ist heute beliebter Tummelplatz nicht nur für Touristen. «Dort wird viel Platz sinnvoller genutzt als nur für den Strassenverkehr. Und die Menschen haben Freude – sind weniger gestresst.» Beim Erzählen lächelt Markus Schulthess. Er träumt von einem gemütlichen Treffpunkt im Toilettenhäuschen, grossen Terrassen vor dem Capitol. Einem wahren städtischen Idyll.

Verkehrsexperte: «Ich begrüsse die Initiative»

zentralplus: Roland Koch, Sie sind Verkehrsexperte beim Tiefbauamt der Stadt Luzern: Haben die letzten Umgestaltungen des Bundesplatzes den Verkehrsfluss erleichtert?

Roland Koch: Ja, die letzten Anpassungen am Verkehrsregime des Bundesplatzes haben den Verkehrsfluss verbessert. Das zeigen auch die gesunkenen Verlustzeiten der Busse, welche über den Bundesplatz verkehren.

zentralplus: Könnte ein allfälliger erneuter Umbau tatsächlich einen positiven Effekt haben?

Koch: Der durch den Quartierverein vorgeschlagene Umbau des Bundesplatzes geht in eine ganz andere Richtung als die Massnahmen der letzten Jahre. Bei den kürzlichen Umbauten ging es darum, mit einfachsten Mitteln die Fussgängersicherheit zu erhöhen. Beim Vorschlag des Quartiervereins geht es darum, den Platz so umzugestalten, dass ein urbaner städtischer Raum entsteht, der sowohl durch die Quartierbewohnerinnen und -besucher als auch durch den Verkehr genutzt werden kann.

zentralplus: Ist es Sache eines Quartiervereins, sich in die Verkehrsplanung einzumischen?

Koch: Verkehr ist nie Selbstzweck. Deshalb ist es richtig, Verkehrsplanung auch nicht losgelöst von Quartierinteressen zu betreiben. In diesem Sinne begrüsse ich die Initiative des Quartiers.

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