High-Tech, Recyclingbeton und Kunst

Tech Cluster: Wie in Zug ein neuer Stadtteil entsteht

Christoph Graf vor dem Tech Cluster. Links im Bild zu sehen ist der Fuss des Kunstwerks Semiramis. (Bild: wia)

Im Norden Zugs entsteht ein neuer Stadtteil. Einer, der auf den ersten Blick nicht sonderlich auffällt, da es sich beim Tech Cluster um ein Industriegelände handelt. Doch die Bauten dort haben es in sich. Innovation ist hier Trumpf. zentralplus hat sich das Areal genauer angeschaut.

Über das grosse Hochregallager mit seiner bläulichen, ziemlich schicken Glasfassade. Über die kürzlich erstellte, auffällig hohe Shedhalle aus Holz. Auf die tiefe Schneise, die quer durchs Areal führt und in der gerade ein unterirdischer Logistiktunnel entsteht.

Auf dem 80'000 Quadratmeter grossen Gelände im Norden der Stadt Zug passiert viel aufs Mal. Es ist nicht einmal vermessen zu behaupten, dass hier ein neuer Stadtteil entsteht. Neben V-ZUG und Metall Zug, welche die Trägerschaft des Areals bilden, werden hier künftig weitere Industrieunternehmen beheimatet, daneben Start-ups, Gewerbetreibende, bald soll ein Kunstdepot des Kunsthaus Zug und das Atelier63 in eine ehemaligen Produktionshalle einziehen (zentralplus berichtete).

«Was wir machen, ist nicht ohne Risiko.»

Christoph Graf, GL-Mitglied Tech Cluster

Was hier passiert, ist in mehrerlei Hinsicht bemerkenswert. Die V-ZUG beschloss nämlich vor rund einem Jahrzehnt, etwas Mutiges zu tun. Sie folgte nicht dem Ruf der günstigen, fernen Produktionsländer, sondern beschloss, hier, mitten im teuren Kanton Zug, ihre Produktionsstätte zu erneuern und auszubauen. «Das ist nicht ohne Risiko», erklärt Christoph Graf knapp. «Doch wäre es für eine Firma mit dem Namen V-ZUG auch etwas seltsam, nicht mehr in Zug zu produzieren. Ausserdem ist ein Grossteil der Mitarbeitenden und das Know-how hier in Zug.»

Industrie in der Stadt Zug statt im Ausland

Die Firma nutzte die Gelegenheit, um die Dinge etwas anders zu machen als üblich. Etwa, indem sie den begrenzten Raum sehr bewusst nutzt, und, eher unüblich für heutige Industriebauten, in die Höhe statt in die Breite baut. Oder aber, indem sie versucht, nachhaltiger zu bauen als andere.

Auch strebt die Trägerschaft eine nachhaltige Energieversorgung an. Dies etwa durch die Wärme- und Kälteerzeugung aus Grund- und Seewasser. Gerade werden auf dem Gelände Leitungen des Fernwärmenetz des Multi Energy Hubs Zug verlegt, einem gemeinschaftlichen Projekt der Tech Cluster Zug AG und der WWZ.

Zephyr Ost besteht aus recyceltem Beton, in dem CO2 gebunden ist. (Bild: wia)

4200 Kubikmeter recycelter Beton stecken in Zephyr Ost

Im Osten des Geländes wird zurzeit ein neues Produktions- und Montagegebäude errichtet. Zephyr Ost heisst der Bau der V-ZUG Infra AG, für den ein neuartiger Recyclingbeton eingesetzt wird. Konkret sind es ganze 4200 Kubikmeter. Der Vorteil: Auf diesem Weg werden voraussichtlich 71 Tonnen CO2 eingespart – verglichen mit der üblichen Bauweise. Nicht zuletzt dadurch, dass der verwendete Beton mit CO2 angereichert wurde und damit CO2 langfristig gebunden werden kann. Das CO2 stamme gemäss der verantwortlichen Firma Holcim aus der Schweiz. Es ist ausserdem das bislang grösste Bauprojekt, bei dem CO2-angereicherter Beton zum Einsatz komme, liest man auf deren Webseite.

Im Zephyr Ost produziert und montiert V-ZUG künftig auf fünf Etagen unter anderem Backöfen und Steamer. «Wir setzen im Tech Cluster auf die sogenannte vertikale Fabrik – aus dem einfachen Grund, dass wir uns in der Stadt befinden und keinen Platz haben, um ausgedehnte Produktionshallen zu bauen», sagt Graf. Nicht nur die Bauweise, die aufgrund der Nutzung besonders stabil sein muss, wird dadurch anspruchsvoll.

«Auch ist die Medienversorgung, also die Versorgung mit Wasser, Strom und Druckluft sowie Zu- und Abluft ist komplexer, da sie über mehrere Etagen passieren muss.» In einem mehrgeschossigen Gebäude schwere Grossanlagen wie Servotransferpressen zu installieren, welche die V-Zug für die Produktion benötigt, seine Schlüsselherausforderung für eine urbane Industrie, so Graf.

Wie ein Kuchen wurde die alte Shedhalle zerteilt

Auf der Westseite des Areals, angrenzend an die Industriestrasse, steht seit rund 15 Jahren ein Hochregallager. Graf deutet auf eine längliche Baugrube, die sich vom Zephyr Ost Gebäude bis zum gläsernen Hochregallager zieht. «Zwischen den beiden Gebäuden wird gerade ein Tunnel erstellt, der die Logistik deutlich vereinfachen wird», erklärt Graf.

Links zu sehen: Die alte Shedhalle, welche gerade in Betrieb ist, während nebenan ein Baustellenloch klafft. (Bild: wia)

Die lange Shedhalle, die zwischen den beiden Gebäuden liegt, wurde zu diesem Zweck zweigeteilt. Der Mittelteil, dort, wo der Tunnel durchführt, wurde zum Zweck der Bauarbeiten wie ein Kuchenstück herausgeschnitten. «Die Sicherung und der Teilrückbau des Gebäudes, die links und rechts des Tunnels erhalten bleiben, ist bautechnisch sehr anspruchsvoll. Insbesondere, weil währenddessen der Industriebetrieb weiterläuft», sagt der Verantwortliche. Im Herbst dieses Jahres soll der Tunnel fertiggestellt werden. Im Januar 2024 wird das Gebäude Zephyr Ost in Betrieb genommen.

Ein Sheddach, ausschliesslich aus Holz

Neben dem Zephyr Ost steht das bis dato wohl auffälligste Gebäude des Areals, das «Zephyr Hangar». Hierbei handelt es sich um einen markanten Bau mit einem hölzernen Sheddach. «Ein solches Dach ist nicht nur gestalterisch interessant, sondern überzeugt primär durch seine ideale Form, die dafür sorgt, dass die Halle genug natürliches Licht bekommt», sagt Graf, während er das Gebäude betritt und über mehrere Etagen in eine riesige Produktionshalle führt.

Das Obergeschoss der neuen Shedhalle «Zephyr Hangar» ist aus Holz konstruiert. (Bild: wia)

Selbst an diesem grau verhangenen Tag ist es auffallend hell im Innern. Dass man sich im Bauch eines Industriegebäudes befindet, lässt sich nicht verleugnen. Allein schon wegen der riesigen Produktionsmaschinen, die hier gerade ihren Dienst tun. Doch sorgen die hölzernen Wände und Decken für eine angenehme Atmosphäre. Besonders: Nicht nur die Verkleidung, sondern die ganze Tragstruktur des Dachs ist aus Tannenholz. «Wie bei Sheddächern üblich, sind die Fenster auch in diesem Fall gegen Norden gerichtet, damit es im Innern nie blendet. Die südlichen Dachseiten wurden mit Fotovoltaikanlagen versehen», sagt Graf.

«Bei den Firmen auf dem Areal ist uns der richtige Mix zwischen Technologie, Industrie und Dienstleistung wichtig.»

Christoph Graf

Am Südende des Areals entsteht währenddessen ein neuer Produktionsstandort der Firma SHL Medical AG, die sich auf fortschrittliche Arzneimittelabgabesysteme wie Autoinjektoren, Pen-Injektoren und tragbare Injektionssysteme spezialisiert hat. Auch die VZ-Depotbank AG, die sich selbst als Techunternehmen mit Banklizenz bezeichnet, wird künftig auf dem Gelände Einzug halten.

«Die Firmen müssen in den Tech Cluster hineinpassen. Sowohl inhaltlich aber auch terminlich und bezüglich ihrer benötigten Fläche und Bedürfnisse.», sagt Graf. «Ebenfalls ist uns der richtige Mix zwischen Technologie, Industrie und Dienstleistung wichtig.»

Die SHL Medical AG sowie die VZ-Depotbank werden künftig auf dem südlichen Teil des Areals beheimatet sein. (Bild: wia)

Kunst im Industriegebiet

In einem der nicht mehr genutzten Industriehallen soll überdies bald Raum für Kultur entstehen. In der sogenannten Halle 11 will das Kunsthaus Zug ein Kunstdepot umsetzen, das zumindest teilweise der Bevölkerung zugänglich gemacht wird (zentralplus berichtete). Daneben zieht auch das Atelier 63 und voraussichtlich eine weitere kulturelle Nutzung ein. Noch ist das Projekt nicht in trockenen Tüchern. Kanton und Stadt Zug wollen den Kulturraum finanziell unterstützen, die Debatte im Grossen Gemeinderat steht noch aus.

Wo sich heute Waschmaschinen stapeln, wird künstig Kunst entstehen. (Bild: wia)

Apropos Kunst: Mit «Semiramis», einem vertikalen, rund 25 Meter hohen Kunstwerk an der Ahornstrasse, direkt beim Tech Cluster, hat sich das Industriegebiet der Materie bereits angenähert. Die Skulptur besteht aus fünf bepflanzten Holzschalen, die in Zusammenarbeit mit ETH-Forschern mithilfe des Machine-Learning-Algorithmus entworfen wurden.

Etwas nördlich des Tech Clusters, gegenüber vom neuen Ökihof, eröffnete der Tech Cluster im letzten Jahr den Mobility Hub Zug Nord. Das Gebäude liegt direkt an der Autobahntangente und dient auch, aber nicht nur, als Parkhaus. Hier können Interessierte E-Bikes und E-Scooter ausleihen.

Besonders: In Zukunft soll der Mobility Hub über ein automatisiertes Parkingsystem verfügen, bei dem sich die Fahrzeuge selber einparken. Ein Pilotversuch mit einem selbstfahrenden E-Bus, der vor einigen Jahren gemacht wurde, erbrachte hingegen eher ernüchternde Resultate (zentralplus berichtete).

Wohnen im 80-Meter-Hochhaus

In Richtung Stadtzentrum, an der Ecke Baarer- und Göblistrasse, plant die Urban Assets Zug AG respektive die ehemalige V-ZUG Immobilien AG, das Wohnhochhaus «Pi». Mit 80 Metern soll es eines der  höchsten Holzhochhäuser der Schweiz werden (zentralplus berichtete).

Es ist angedacht, dass darin auch Mitarbeitende der V-ZUG und weiterer Firmen im Tech Cluster leben werden. Im Gebäude sind rund 10'000 Quadratmeter für den preisgünstigen Wohnraum reserviert. Das Hochhaus soll gemäss aktueller Planung in rund drei Jahren gebaut werden. Der dafür notwendige Bebauungsplan ist in Bearbeitung.

Verwendete Quellen
  • Website von Holcim zu «Zephyr Ost»
  • Rundgang übers Gelände des Tech Clusters
  • Website Tech Cluster
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