Wirtschaft
Stadt-Land-Graben bei Zertifikatspflicht

Luzerner Wirte: «Rechnen mit 50 Prozent weniger Kunden»

Luzerner Gastronomen wie Fredy Wagner (l., Tavolago AG Luzern) und Andrea Lipp (r., Restaurant Bären, Marbach) bewerten die Zertifikatspflicht unterschiedlich. (Bild: zvg)

Wer im Restaurant essen will, muss ab Montag ein Zertifikat zeigen. Die Reaktionen der Gastrobesitzer sind durchzogen. Während die Restaurantbesitzerinnen in der Stadt die neue Massnahme als notwendiges Übel hinnehmen, macht die Massnahme den ländlichen Wirten schwer zu schaffen.

«Das Ende der Beizen ist eingeläutet», verkündet zentralplus-Leser Jörg. Damit kommentiert er die vom Bundesrat verabschiedete Ausweitung der Zertifikatspflicht (zentralplus berichtete). Wie kommt die Pflicht bei den Restaurantbesitzerinnen und -besitzern selber an? zentralplus hat nachgefragt. Und stellt fest: Auf dem Land sind die Sorgen weitaus grösser als in der Stadt.

Weniger Arbeiter am Mittagstisch

«Im Land draussen sind die Leute weniger geimpft», da sind sich sowohl Franz Aregger vom Gasthof Krone in Wolhusen als auch Andrea Lipp vom Restaurant Bären im Marbach einig. Ersterer ist Präsident von GastroRegionEntlebuch. Bisher konnten beide ihren Betrieb mit Schutzmassnahmen einigermassen normal weiterführen. Doch mit den neuen Auflagen sehen beide eine schwarze Zukunft für ländliche Betriebe.

Wie auch GastroSuisse-Präsident Casimir Platzer (zentralplus berichtete), teilt auch Aregger die Enttäuschung um den Entscheid des Bundes. «Der Bundesrat meinte einmal, die Zertifikatspflicht werde nur eingeführt, würde sich die Situation noch weiter verschärfen. Also verstehe ich nicht, wieso das jetzt gemacht wurde.» So habe er sich auch nicht speziell auf die erweiterten Massnahmen vorbereitet.

«Wir müssen nun Zertifikate kontrollieren und Polizist spielen. Darf ich das überhaupt?»

Franz Aregger, Präsident GastroRegionEntlebuch

Aregger sieht vor allem ein Problem für die Arbeiterinnen, welche schnell für ein Mittagessen vorbeikommen: «Ich habe mittags innerhalb von 15 Minuten jeweils 40 Arbeiter, von denen die meisten nicht geimpft sind. Wie lange kommen die noch, wenn die jedes Mal ein Zertifikat zeigen müssen? Ich weiss nicht wie gross da das Verständnis ist. An die wurde beim Entscheid nicht gedacht.» So erwarte er auch einen herben Rückgang an Gästen: «Wie beispielsweise umliegende Länder zeigen, müssten Restaurantbesitzer mit 40 Prozent weniger Umsatz rechnen.»

Auch die Zertifikatskontrolle wirft Fragen auf. «Wir müssen nun Zertifikate kontrollieren und Polizist spielen. Darf ich das überhaupt? Was mache ich, wenn jemand mir das Zertifikat nicht zeigen will?», fragt sich Aregger.

Die Besitzerin des Restaurants Bären in Marbach, Andrea Lipp, sieht die Situation sogar noch kritischer: «Wir rechnen mit bis zu 50 Prozent weniger Kunden», schätzt sie auf Anfrage. Sehr viele ihrer Kundinnen seien Stammgäste, die zwei- bis dreimal pro Tag im Bären erscheinen.

Impfen sei für viele der Stammgäste kein Thema. Auch Vereine, die früher oft nach der Probe noch vorbeikamen, würden schon jetzt ausfallen, da viele nun keine Proben mehr haben.

«Dieses ganze Auf und Ab macht uns müde. Wir haben bald keine Lust mehr.»

Andrea Lipp, Besitzerin Restaurant Bären

«Wir haben wirklich aufgepasst und uns mit Schutzkonzepten an die Massnahmen gehalten. Nun werden uns die Hände gebunden.» Für Lipp, die seit bald 35 Jahren mit ihrem Mann wirtet, schlägt sich die Corona-Pandemie stark auf die Motivation nieder: «Dieses ganze Auf und Ab macht uns müde. Wir haben bald keine Lust mehr.»

In der Stadt als Vorteil für Betriebe gesehen

Anders als die Gastronomen auf dem Land sehen es diejenigen, die in der Stadt Luzern wirten und dementsprechend ein vorwiegend urbanes Publikum ansprechen. So beispielsweise das Restaurant Mill’Feuille am Mühlenplatz in Luzern.

Dort begrüsse man die Zertifikatspflicht grundsätzlich, wie Gastgeberin Alexandra Wüst auf Anfrage von zentralplus klarstellt: «Die Hauptsache ist, dass wir nicht wieder zu machen müssen. Wenn die Zertifikatspflicht der Weg dorthin ist, dann ist es so.» Es bringe darum auch nichts, sich über den Entscheid des Bundesrats zu ärgern. Das sei jetzt die Situation, auf die man sich im Mill’Feuille auch entsprechend vorbereitet habe.

Ähnlich sieht es Fredy Wagner, Geschäftsleiter der Tavolago AG. Die Tavolago betreibt nebst dem Gastronomie-Angebot auf den Schiffen der Schifffahrtsgesellschaft Vierwaldstättersee (SGV) auch verschiedene Restaurants in der Stadt Luzern und organisiert Events wie das «Lozärner Oktoberfest».

Fredy Wagner (links), Geschäftsleiter der Tavolago AG, unterstützt die Zertifikatspflicht. (Bild: zVg)

Wagner sagt auf Anfrage von zentralplus: «Im Grundsatz unterstützt Tavolago die nun eingeführte Zertifikatspflicht. In einigen Bereichen, zum Beispiel an Veranstaltungen wie dem Lozärner Oktoberfest, war eine Zertifikatspflicht sowieso vorgesehen.»

Wüst wie auch Wagner sehen zudem auch Vorteile für ihre Betriebe: «Die Zertifikatspflicht kann auch eine Chance sein, weil die Schutzmassnahmen im Innern des Restaurants aufgehoben werden. Das Gasterlebnis wird dadurch wieder besser», so Wüst vom Restaurant Mill’Feuille.

«Wir hoffen natürlich, dass die Leute trotzdem noch kommen werden und differenzieren können, dass nicht wir diese Regeln aufgestellt haben.»

Alexandra Wüst, Gastgeberin des Restaurants Mill'Feuille

Und wie wird sich die neue Massnahme des Bundesrats auf die Umsatzzahlen auswirken? Auf diese Frage können die beiden Gastronomen keine konkrete Antwort geben. Wüst sagt: «Wir befürchten schon, dass der eine oder andere Gast nun nicht mehr zu uns kommen kann. Aber wir hoffen natürlich, dass die Leute trotzdem noch kommen werden und differenzieren können, dass nicht wir diese Regeln aufgestellt haben.»

Auch Fredy Wagner von der Tavolago AG sieht den finanziellen Auswirkungen der Zertifikatspflicht relativ gelassen entgegen: «Ob wegen des Zertifikats mehr oder weniger Gäste kommen, können wir derzeit nicht abschätzen und ist wohl von Betrieb zu Betrieb unterschiedlich.» Man werde die Auswirkungen wie bei allen anderen Covid-Massnahmen erst im Nachhinein wirklich abschätzen können.

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