Wirtschaft

Home Office Day
«Wer Home Office macht, steht unter Verdacht, blau zu machen»

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Home Office wird von vielen Chefs trotz der Vorteile immer noch skeptisch betrachtet. (Bild: ©iStockphotos.com/Eau Claire Photographics)

Am Donnerstag ist vierter nationaler Home Office Day: Ein Aufruf, an diesem Tag zu Hause zu arbeiten. Die Hochschule Luzern ist Forschungspartner der Initiative und untersuchte die Entwicklungen in der Arbeitswelt. Weshalb der Trend zum Home Office unumkehrbar ist, erklären Jens Meissner und Martin Sprenger von der HSLU im Interview mit zentral+.

Viele Schweizer Unternehmen stehen dem Home Office nach wie vor skeptisch gegenüber. Das von zu Hause aus gilt in einigen Köpfen als unproduktiv und wird nicht selten mit «Blaumachen» gleichgesetzt. Das sollte nicht sein, sagen Prof. Dr. Jens Meissner, Dozent am Institut für Betriebs- und Regionalökonomie (IBR) und Projektleiter im Bereich Zukunft der Arbeit an der Hochschule Luzern (HSLU) und Dr. des. Martin Sprenger Wissenschaftlicher Mitarbeiter am IBR. Die beiden Wirtschaftswissenschafter erklären, welche Chancen sich hinter diesem Arbeitsmodell verbergen und wie man den Chef vom Home Office überzeugen kann.

zentral+: Für das «Luzerner Arbeitstrendbarometer» wurden rund 75 Experten der HSLU über aktuelle Entwicklungen in der Arbeitswelt befragt. Welche Megatrends zeichnen sich ab?

Meissner: Kurz auf den Punkt gebracht lauten die Hauptbotschaften: Noch mehr Individualisierung und Konnektivität. Zusammen mit der zunehmenden Flexibilisierung der Arbeitswelt führt das dazu, dass das mobile Arbeiten weiterhin ein grosser Trend bleibt. Und dazu passt auch die Home Office Thematik ganz gut.

zentral+: Wie viele Leute arbeiten tatsächlich regelmässig von zu Hause aus? Und was erwarten Sie für die Zukunft?

Meissner: Letztes Jahr nahmen am Home Office Day 67’500 Unternehmen und Mitarbeitende teil. Wir gehen davon aus, dass ein Vielfaches an Beschäftigten regelmässig im Home Office arbeitet. Das Potenzial ist aber nicht ausgeschöpft. Wir schätzen, dass in der Schweiz rund 450’000 Leute einen Home Office Tag pro Woche einlegen könnten. Und der Trend zum Home Office ist unumkehrbar. Niemand wird sagen: «Das ist überhaupt nichts für mich!» Es wird eher zu einer Nivellierung kommen: Jemand merkt vielleicht, dass zwei Tage pro Woche zu viel sind, und macht nur einen. Es geht dabei nicht um die Anzahl Tage, sondern darum, dass die Leute selbst entscheiden können, wo sie arbeiten.

Sprenger: Die Leute wollen übrigens gar nicht permanent im Home Office sein. Nach zwei Tagen zieht es sie oft wieder ins Büro, weil sie ihre Kollegen sehen möchten.

zentral+: Auf den ersten Blick bietet Home Office nur Vorteile: Viele Pendlerwege fallen weg, womit sich der CO2-Ausstoss verringert. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird verbessert. Unternehmen brauchen weniger Raum. Warum gibt es dennoch Vorbehalte bei Unternehmen und Mitarbeitenden?

Sprenger: Viele Chefs stehen der Sache skeptisch gegenüber. Sie wollen ihre Leute vor Ort haben. Es müssen neue Führungsinstrumente her, um gegen diese Präsenzkultur ansteuern zu können. Zudem ist auch ein Umdenken der Kolleginnen und Kollegen gefordert. Wer heute Home Office macht, steht gleich unter Generalverdacht blau zu machen. Home Office geht also auch mit einem kulturellen Wandel einher. Es sind diese weichen Dinge, die noch zu denken geben.

zentral+: Das war offenbar auch bei Yahoo-Chefin Marissa Meyer ähnlich. Anfang Jahr hat sie alle Mitarbeitenden aus dem Home Office zurück ins Büro bestellt.

Meissner: Vielleicht ist man bei Yahoo übers Ziel hinausgeschossen. Ich kann mir vorstellen, dass es da Leute gab, die tatsächlich nicht mehr oft vor Ort waren. Da verstehe ich diesen strikten Regulierungsversuch. Beim Aufkommen des Internets war das nicht anders: Die Unternehmen haben es zuerst zugelassen und dann gemerkt, dass die Mitarbeitenden es rege benutzen. «Ok, machen wir’s also zu», dachten sie. Und erst als man merkte, dass die Leute nicht weniger produktiv sind, wurde es wieder geöffnet. Dasselbe passierte jüngst mit Facebook. Aber irgendwann pendelt es sich ein. Beim Home Office geht es ja auch nicht darum, nie mehr im Büro aufzutauchen. Das traditionelle Arbeitsmodell soll nicht weg. Es soll bloss ergänzt werden.

zentral+: Für wen eignet sich Home Office?

Sprenger: Klar, der Busfahrer oder die Serviceangestellte können kein Home Office machen. Es geht um Leute mit Bürojobs, so genannte Wissensarbeiter. Und auch bei ihnen zeigt sich, dass sie zu Hause tendenziell andere Arbeiten erledigen als im Büro, z.B. mehr Konzeptarbeiten, die ein ungestörtes Arbeiten am Stück verlangen.

zentral+: Wie stellt ein Unternehmen sicher, dass die Mitarbeitenden zu Hause auch tatsächlich arbeiten?

Meissner: Leute sind zu Hause unterschiedlich produktiv. Arbeitsminimalisten werden sich aber selbst ausselektieren. Diejenigen, die sich engagieren wollen, nutzen das Home Office dazu, um bei einer Arbeit eine besonders gute Qualität zu erreichen. Und alle können sich an dem Tag einer besseren Work-Life-Balance widmen. Sie haben den Arbeitsweg nicht, können vielleicht über Mittag zum Einkaufen fahren, die Kinder abholen oder wohin bringen, oder zwischendrin den Rasen mähen und danach wieder mit doppelter Motivation an die Sache gehen. Und: Nur weil das Gehirn in den Büroräumlichkeiten anwesend ist, heisst es ja auch nicht, dass es produktiv ist.

zentral+: Was, wenn ich daheim tatsächlich besser arbeiten kann? Wie erkläre ich dem Chef, dass ich in fünf Stunden zu Hause gleich viel erledigen konnte, wie in acht Stunden im Büro?

Sprenger: Diese Frage wird erst dann relevant, wenn es um die Bezahlung geht. Derzeit ist alles auf Zeitlohn ausgerichtet. Wir verdienen X Franken und stehen dem Arbeitgeber dafür während 42 Stunden zur Verfügung. Das Gegenteil wäre der Akkordlohn, also Bezahlung pro Stück. Dieses Modell kann zwar für standardisierte Produkte wie etwa Backsteine funktionieren, für die Wissensarbeit scheint es mir aber nicht geeignet. Was passiert, wenn ich einmal einen Tag lang keine gute Idee habe? Und wer bestimmt, was eine gute Idee ist? Nicht ganz einfach. Man darf sich aber auch die Frage stellen, ob der im Arbeitsgesetz definierte Arbeitszeitbegriff noch den heutigen Ansprüchen genügt oder ob es alternative Modelle gibt. Es wird u.a. auch die Aufgabe der Wissenschaft sein, Vorschläge zu unterbreiten.  

Meissner: Wichtig ist auch der Aspekt, womit eigentlich Wertschöpfung erzielt wird. Hinter einem erfolgreichen Sales-Pitch können ja 30 Stunden Arbeit stecken, oder nur eine. Unter Umständen können die zehn Minuten in der Schlange an einer Kasse so produktiv sein wie ein ganzer Arbeitstag: Wenn ich zum Beispiel meine Emails checke und auf eine dringende Anfrage nur «ja» schreiben muss, damit der andere weiterarbeiten kann. Diese Qualität muss man als Unternehmen haben wollen. Das muss man einfach ausprobieren und dazu ist der Home Office Day eine tolle Initiative.

zentral+: Eine Gefahr der zunehmenden Flexibilisierung ist, dass wir nicht mehr zwischen Arbeit und Freizeit unterscheiden. Wie lernen Mitarbeitende im Home Office, auch mal Feierabend zu machen?

Sprenger: Arbeit und Freizeit vermischen sich tatsächlich immer mehr und mit der Möglichkeit des Home Offices werden die Grenzen noch fliessender. Sich da abgrenzen zu können, das wird gemäss den Erkenntnissen aus dem Arbeitstrendbarometer auf die Mitarbeitenden abgewälzt. Sie müssen also selbst kompetent darin sein. Da gibt es kein Patentrezept, man muss aber auf jeden Fall für die Gefahren sensibilisieren. Dennoch hat in der Schweiz der Arbeitgeber auch ganz klar eine Fürsorgepflicht gegenüber den Mitarbeitenden. Unternehmen sind zwar attraktiv, wenn sie Home Office anbieten, die Bedingungen sollten aber so gestaltet sein, dass die Mitarbeitenden nicht ausbluten. Sonst verpuffen die ganzen, zweifellos überwiegend positiven Effekte.

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1 Kommentare
  1. Inna, 14.06.2013, 10:28 Uhr

    … und man sollte sich erst einmal über die Vorteile eines Home Offices bewusst werden, bevor man einfach dagegen ist! Da ist der Home Office Day natürlich ein großer Schritt in die richtige Richtung und eine sehr gute Idee! Andere Länder könnten sich mal ein Beispiel daran nehmen.

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