Wirtschaft
Klimaschutz in der Zementproduktion

Schwere Vorwürfe: Holcim wehrt sich gegen Kritik

Die in Zug domizilierte Zementherstellerin Holcim wehrt sich und verweist auf ihr Engagement für mehr Klimaschutz. (Bild: Holcim)

Die klimafreundlich positionierte Zementproduzentin Holcim mit Sitz in Zug wehrt sich gegen den Vorwurf, dass ihr Branchenverband Cemsuisse für gegenteilige Interessen lobbyiert. Die Kritik des Konsumentenmagazin «Saldo» weist sie zu Teilen zurück. Zu einigen Vorwürfen schweigt sie sich aus.

Dicke Post vom aktuellen Konsumentenmagazin «Saldo» an die Adresse der Schweizer Zementindustrie. Vorab hält es fest, dass die Branche mit 2,5 Millionen Tonnen CO₂-Emissionen pro Jahr zu den grössten Klimasündern des Landes zählt. Oftmals würden die Zementwerke mehr Schadstoffe ausstossen als erlaubt.

So sind im Holcim-Werk in Untervaz (GR) 2015, 2018 und 2019 offensichtlich zu viele krebserregende Dioxine ausgetreten. Auch jenes in Siggenthal verzeichnete laut Messungen 2014, 2015 und 2016 Ammoniakwerte über dem zulässigen Grenzwert. «Saldo» unterstellt der Branche Scheinheiligkeit. Gegen aussen trete sie als besonders umweltfreundlich und nachhaltig auf. Im Hintergrund handle sie gegenteilig. Auch, was Verschärfungen der Luftreinhaltevorschriften (LVR) betreffe.

BAFU- und Cemsuisse-Chef duzen sich jovial

2020 habe der Branchenverband Cemsuisse hinter den Kulissen gegen das Vorhaben des Bundes lobbyiert, strengere Bestimmungen zum Schadstoffausstoss der Zementindustrie zu erlassen. «Saldo» beruft sich dabei auf einen E-Mail-Verkehr zwischen Beat Müller, Sektionschef beim Bundesamt für Umwelt (BAFU) und Cemsuisse-Direktor Stefan Vannoni.

Dessen Herausgabe hat «Saldo» per Öffentlichkeitsgesetz erwirkt. Das joviale Duzen zwischen den beiden Exponenten erregt Misstrauen. Konnte Cemsuisse dem BAFU den Tarif durchgeben? Vanessa Arber, Sprecherin der Holcim, einer der weltweit grössten Zementproduzentinnen und damit das Schwergewicht hinter dem Branchenverband Cemsuisse, stellt dies in Abrede. Doch zuerst zur Kritik.

Cemsuisse verlangte schwammigere Bestimmungen

Cemsuisse habe dem BAFU versprochen, die Emissionen von Staub, Schwefeldioxid, Stickoxiden, Ammoniak und organischen Gasen bis 2026 zu senken. Doch wollte man das BAFU lediglich mit Versprechungen abspeisen und ersuchte dieses darum, keine verbindlichen Vorgaben zu machen. Vor allem bat Cemsuisse, von Sanktionen abzusehen. Weit ging Cemsuisse mit der Behauptung, die Schweiz sei mit der von ihr favorisierten neuen Branchenvereinbarung progressiver als Europa. Das stimmt laut «Saldo» ganz klar nicht. Holcim geht in ihrer Stellungnahme denn auch gar nicht darauf ein.

Tatsache ist: Allein in Deutschland waren die Grenzwerte für Staub und Stickoxide 2021 deutlich tiefer angesetzt. In der Schweiz seien die Grenzwerte für Schwefeldioxid zehnmal höher und die für organische Verbindungen achtmal höher als in der EU. Das verschweigt Cemsuisse laut «Saldo».

Sollten höhere Emissionen vertuscht werden?

Für die stark umweltbelastende Zementproduktion gelten in der Schweiz ganz eigene Luftreinhaltevorschriften (LRV). Dabei geht es nicht nur um die Einhaltung von Grenzwerten, sondern auch um griffige Messintervalle. So erlaubt ein Jahresmittelwert zeitweise Überschreitungen, solange Perioden mit Unterschreitungen diese wieder kompensieren.

Cemsuisse wollte vom BAFU, dass sich die LRV neu auf ebensolche Jahresmittelwerte anstatt auf Tages- und Stundenmittelwerte abstützt. Dem von «Saldo» konsultierte Zementexperten Josef Waltisberg aus Holderbank stösst das empfindlich auf. Damit sei der Möglichkeit Tür und Tor geöffnet, zu einzelnen Tagen unbemerkt massiv zu hohe Emissionen in die Luft hinaus zu pusten.

Zementproduzentin stellt sich hinter Cemsuisse

«zentralplus» hat Holcim mit Steuersitz in Zug mit den Ergebnissen der «Saldo»-Recherche konfrontiert. Die Sprecherin Vanessa Arber hält fest: «Den Vorwurf, dass der Branchenverband hinter den Kulissen teils gegenteilige Interessen vertritt, respektieren wir nicht.» Obwohl sie durchblicken lässt, dass Holcim inhaltlich nicht im Widerspruch zu Cemsuisse steht, dementiert sie das klimatechnisch fragwürdige LRV-Lobbyingvorgehen des Branchenverbandes nicht.

Sie weicht stattdessen aus: Das BAFU habe schliesslich extern eine volkswirtschaftliche Studie in Auftrag gegeben, die sorgfältig zwischen der Weiterführung der bestehenden LRV und der Neudefinition gemäss Branchenvorschlag abgewogen habe. Wie es in einem Rechtsstaat zu erwarten ist, ist das BAFU seiner Sorgfaltspflicht nachgekommen. Und kam zum Schluss, die bisherigen Bestimmungen beizubehalten. Das respektiere die Holcim selbstverständlich. Der zwiespältige Eindruck bleibt trotzdem haften. Denn das Verfehlen des Lobbyingziels entkräftet dessen Fragwürdigkeit nicht.

Holcim investiert Millionen in ihre Schweizer Zementwerke

Den Vergleich mit dem Ausland bezüglich der Einhaltung von Grenzwerten hält Holcim für begrenzt stichhaltig. Die im Gegensatz zur Schweiz werksspezifisch definierten Werte im Ausland wie auch die unterschiedlich berücksichtigten Messunsicherheiten fallen allerdings kaum ins Gewicht. Immerhin bringt Vanessa Arber an, dass Holcim mit ihren drei Zementwerken in Eclépens (VD), Siggenthal (AG) und Untervaz (GR) die aktuellen, in der Schweiz gültigen Grenzwerte unterschreitet. Und zwar teils um ein Mehrfaches.

Weitere externe, unabhängige Messungen zeigen auf, dass in Untervaz 2020 und 2021 keine Überschreitungen von Grenzwerten mehr vorgekommen sind. Und diejenigen im Jahr 2019 seien auf Störungen im Betriebsablauf zurückzuführen.

Eines zeigt sich deutlich: Die Zementproduzentin ist sich der verursachten Umweltbelastung bewusst. Symptomatisch dafür steht ihr neues Corporate Design in betont frischen Grüntönen. Man könnte diesen neuen Holcim-Auftritt direkt mit demjenigen einer Umweltorganisation verwechseln. Doch Holcim tut auch etwas: In ihre drei Schweizer Werke will die hierzulande grösste Zementproduzentin über die nächsten Jahre klimafreundliche Investitionen in zweistelliger Millionenhöhe tätigen.

Verwendete Quellen
  • Artikel im Magazin «Saldo»
  • Schriftlicher Austausch mit Vanessa Arber, Sprecherin Holcim

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