Luzerner Geschäfte kämpfen mit dem Pleitegeier

Mehr Autos als Kundschaft: So geschäftet man am Hirschengraben

Der Hirschengraben.

(Bild: giw)

Leere Ladenlokale, Billig-Discounter und Strassenlärm prägen das Image des Hirschengraben zwischen Pilatus- und Kasernenplatz. Doch wie schlecht steht es wirklich um das Geschäft einer der meistbefahrenen Strassen der Stadt Luzern? Während einige Besitzer flüchten, sind andere ganz zufrieden mit dem Standort.

Der Kasernenplatz und mit ihr die breite Strasse sei der «hässlichste Ort der Stadt», sagte SP-Kantonsrat David Roth am vergangenen Dienstag im Rahmen der Spange-Nord-Debatte. Und warnte damit vor dem Autozubringer am Schlossberg. Der Hirschengraben zwischen Kasernen- und Pilatusplatz ist eine meistbefahrenen Strassen der Stadt. Auf vier Spuren strömen Autos von und zur Autobahn durch das Quartier, gegen 30’000 bis 40’000 Durchfahrten sind es pro Tag.

Offene Fenster sind da auch im Sommer keine gute Idee und zum Flanieren wählen Touristen und Stadtbewohner selten die Trottoirs entlang der Hauptverkehrsachse. Das hat Folgen – derzeit stehen unzählige Ladenlokale leer respektive zur Vermietung frei. Liquidationspreise säumen die zahlreichen Schaufenster. Doch wie schlecht steht es tatsächlich um den Geschäftsgang an der vielbefahrenenen Strasse?

Der Hirschengraben wird dominiert von der Durchfahrtsstrasse.

Der Hirschengraben wird dominiert von der Durchfahrtsstrasse.

(Bild: giw)

 

Dekogeschäft schliesst nach 18 Jahren

Direkt am Anschluss an den Kasernenplatz schliesst beispielsweise ein Dekorationsgeschäft nach 18 Jahren. Und auch verschiedene Modegeschäfte suchen Nachmieter. Zudem stehen mindestens zwei Ladenflächen bereits leer und suchen neue Mieter. Die Vermietung läuft offensichtlich harzig. Schuld sind laut Betreibern unter anderem fehlende Laufkundschaft. 

Besser läuft es Serge Neben, Store Manager von Felix W. Seit sechs Jahren ist die deutsche Ladenkette mit dem Schwerpunkt auf Business Outfits in Luzern präsent. «Unser Ladenkonzept mit den hohen Fenstern und den grossen Preisanschriften passt am Hirschengraben sehr gut.» Gerade während den Staustunden am Abend würden die stehenden Autofahrer auf den Laden aufmerksam. Ein Vorteil sei auch die Bushaltestelle direkt vor dem Geschäftseingang.

Die Kleiderkette Felix W. setzt am Hirschengraben auf grosse Fenster und grosse Beschriftung.

Die Kleiderkette Felix W. setzt am Hirschengraben auf grosse Fenster und grosse Beschriftung.

(Bild: giw)

 

Die ersten zwei Jahre seien schwierig gewesen, inzwischen seien die Umsatzzahlen gut. Neben vermutet, dass es der Konkurrenz in der Nachbarschaft an Kundschaft fehle, weil deren Auftritt nicht zu überzeugen mag. Er wäre nicht überrascht, wenn in nächster Zeit noch weitere Detailhändler aufgeben müssten. Eine Herausforderung seien auch Läden im Umkreis, die auf günstige Produkte setzten und eher Menschen mit Migrationshintergrund anzögen. Das wirke sich laut Neben negativ auf die Attraktivität der Strasse insgesamt aus.

Vom Eritreer für Eritreer

Dazu gehören beispielsweise die Otto’s Tochter Radikal mit Produkten aus Überproduktionen sowie Versteigerungen oder auch der Gemischtwarenladen Hidmona auf der anderen Strassenseite. Seit vier Jahren arbeitet John Ioyob aus Eritrea hier. Von Zigaretten über Beauty-Produkte bis hin zu Nahrungsmitteln gibt es hier allerlei im sauber aufgeräumten Sortiment. «Ein Grossteil unserer Kundschaft machen Eritreer aus», sagt Ioyob. Laufkundschaft würde eher weniger den Weg in das Lokal finden. Insgesamt ist er aber zufrieden mit dem Standort, auch weil noch ein Coiffeuresalon im Nebenraum das Angebot ergänzt. «Es ist hier jedenfalls besser als an der Baselstrasse», sagt Ioyob.

John Ioyob führt am Hirschengraben ein Gemischtwarenladen inklusive Coiffeure-Salon.

John Ioyob führt am Hirschengraben ein Gemischtwarenladen inklusive Coiffeure-Salon.

(Bild: giw)

Traditionsbetriebe finden sich am Hirschengraben immer seltener – mit Optiker René Unternährer hat vergangenen Herbst einer der wenigen Konstanten der Strasse den Rücken gekehrt. Mit dem neuen Standort in der Mall of Switzerland ist er sehr zufrieden. «Wir konnten unseren Umsatz steigern und haben doppelt so viel Laufkundschaft wie in Luzern», berichtet Unternährer erfreut.

Unter den Ladenbesitzern in der Mall bestehe ein guter Zusammenhalt, wie er aber auch in Luzern anzutreffen war. Im Gegensatz zum Hirschengraben habe er in Ebikon Tageslicht, saubere Luft, kein Lärm vor dem Geschäft und vor allem genügend Parkplätze für seine Kunden. Weiter haben die zahlreichen Lokale im unteren Preissegment laut Unternährer zur Folge, dass die Strasse für Luzerner auch immer weniger attraktiv werde zum Shoppen. Ein Teufelskreis.

Noch immer steht der alte Standort leer – zwar meldeten sich immer wieder Interessenten. Darunter Coiffeure, Tattoo-Spezialisten aber auch ein Kebab-Betreiber haben sich das ehemalige Optikergeschäft angeschaut. Bisher hat es aber noch nicht geklappt – es läuft «harzig». «Vermietungen sind hier generell schwierig.» Unternährer sieht vorallem Chancen für die Gastronomie oder Büroräumlichkeiten. Ein gutes Beispiel sei das Restaurant Jam Jam auf der anderen Strassenseite: Das würde auch Kunden anziehen am Standort.

Velohändler ist zufrieden

Nicht klagen über fehlende Laufkundschaft kann hingegen Daniel Keller, Geschäftsführer von Stromvelo in Luzern. Der Händler ist Teil einer Kette, die insgesamt 13 Stores betreibt. Der Elektro-Velohändler steht gleich neben dem Fussgängerstreifen, der das Bruch- und Kleinstadtquartier miteinander verbindet. Hier queren viele Fussgänger und Drahteselfahrer die Strasse. Gleichzeitig sei man schnell am Bahnhof und dennoch weg von den Touristenströmen, sagt Keller. «Weil ich sowohl an der Theke stehen, als auch Velos repariere, ist es mir da gerade recht, wenn nicht zu viele Personen den Laden betreten.»

Velohändler Daniel Keller im Geschäft Stromvelo.

Velohändler Daniel Keller im Geschäft Stromvelo.

(Bild: giw)

Touristen könnten die Fahrräder ohnehin nicht nach Hause nehmen mit dem Flugzeug – sie sind also keine primäre Zielgruppe. Der stationäre Handel sei auch nur ein Standbein – der Verkauf übers Netz werde für Stromvelo zunehmend wichtiger. Im Gegensatz zu vielen anderen Betrieben am Hirschengraben kann der Velohändler auch auf einen Innenhof mit Parkplatz zählen, wo auch die E-Bikes ausprobiert werden können. Von aussen sieht es am Hirschengraben zwar düster aus – doch es gibt offensichtlich auch Geschäfte, die an der vielbefahrenenen Strasse funktionieren.

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