Wirtschaft
Grosse Solaranlagen rechnen sich nicht

Kritik an CKW: Bremst Tarifpolitik die Energiewende?

Solar-Unternehmer Adrian Kottmann kritisiert die Tarifpolitik der CKW und anderer Energieversorger. (Bild: Unsplash / zvg)

Bis ins Jahr 2050 soll die Schweiz klimaneutral sein. Dazu braucht es einen massiven Ausbau der erneuerbaren Energien, zum Beispiel der Solarenergie. Doch die Entwicklung grosser Anlagen stockt – und niemand fühlt sich dafür verantwortlich.

Bund, Kantone und Gemeinden haben sich ambitionierte Ziele gesetzt, damit die Schweiz bis 2050 klimaneutral wird. Entscheidender Faktor dafür ist die Energiewende, mit der das Land von fossilen Brennstoffen wie Öl und Gas abkommen und in Zukunft verstärkt auf erneuerbare Energien wie Wasserkraft oder Solarenergie setzen soll.

Im Kanton Luzern ist man gewillt, zu diesem Ziel beizutragen. So ist im kantonalen Energiegesetz festgehalten, dass bis 2030 ein Drittel des gesamten Energiebedarfs aus erneuerbaren Energien stammt, die im Kanton Luzern produziert werden. Und auch die Stadt Luzern hat in ihrer kürzlich veröffentlichten Klimastrategie festgehalten, dass bis 2050 ein Viertel des Energiebedarfs der Stadt mit Solarenergie gedeckt wird – 2020 betrug dieser Anteil erst zwei Prozent.

Werden nun also im ganzen Land Solaranlagen auf Dächern montiert? Ja, wie Zahlen des Bundes zeigen. Die Anzahl gebauter Solaranlagen steigt seit 2017 stark an und hat 2020 einen Rekordwert erreicht. Die Gesamtleistung der Solarproduktion in der Schweiz war 2020 rund doppelt so hoch wie noch 2016. Trotzdem wird die Wirtschaftlichkeit grosser Solaranlagen aus Kreisen der Solarwirtschaft kritisiert. Das hat einerseits mit der Corona-Pandemie zu tun, aber andererseits auch mit der Tarifpolitik der Energieversorger, beispielsweise der Centralschweizerischen Kraftwerke AG (CKW).

Viel zu produzieren, lohnt sich nicht

Aufgrund der Corona-Pandemie fielen die Strompreise für Solarenergie in der Schweiz in ein tiefes Loch. Das ist grundsätzlich kein Problem, solange die Solaranlage auf dem Dach eines Gebäudes nicht mehr Strom produziert als im Gebäude selbst benötigt wird. Produziert eine Anlage hingegen mehr als diesen Eigenverbrauch, wird die überschüssige Energie an den regionalen Energieversorger verkauft und in dessen Netz eingespiesen. Der Besitzer der Solaranlage erhält dafür eine Rückvergütung. Bei der CKW, welche 73 der 82 Gemeinden im Kanton Luzern mit Energie versorgt, beträgt diese Rückvergütung bei kleinen Solaranlagen acht Rappen pro Kilowattstunde.

Der Vergleich zu anderen grossen Energieversorgern in der Schweiz zeigt: Die CKW ist knausrig. Im Vergleich zu den 30 grössten Energieversorgern in der Schweiz zahlen nur vier andere Anbieter tiefere Preise als das Zentralschweizer Unternehmen. Dies zeigt eine Zusammenstellung des Verbands Unabhängiger Energieerzeuger. Gemäss Fachkreisen benötigt es zirka zehn Rappen pro Kilowattstunde, damit die Installationskosten einer Solaranlage langfristig amortisiert werden können.

«Das Hauptproblem ist, dass die Tarife nicht prognostizierbar sind. Dies führt dazu, dass grosse Produktionsanlagen praktisch nicht gebaut werden.»

Walter Sachs, Schweizerische Vereinigung für Sonnenenergie

Kommt hinzu, dass die CKW bei grösseren Solaranlagen eine spezielle Preispolitik verfolgt. So orientiert sich die Rückvergütung der CKW für Solaranlagen mit grosser Leistung am Marktpreis. Und dieser befindet sich seit Monaten auf Achterbahnfahrt. Den Tiefpunkt erreichte er zu Beginn der Corona-Pandemie, als eine Kilowattstunde Solarstrom gerade noch knapp zwei Rappen kostete.

Fehlende Planungssicherheit

Seither hat sich der Preis zwar nach oben entwickelt. Doch die Schwankungen des Kurses bleiben und verunmöglichen eine langfristige Planung. «Das Hauptproblem ist, dass die Tarife nicht abschätzbar, prognostizierbar oder sonst etwas sind», bestätigt Walter Sachs von der Schweizerischen Vereinigung für Sonnenenergie (SSES). «Dies führt dazu, dass grosse Produktionsanlagen praktisch nicht gebaut werden.»

«Aus wirtschaftlicher Sicht versucht man möglichst wenig vom eigenen Solarstrom ins Netz einzuspeisen und möglichst viel selber zu brauchen. Das ist doch verrückt.»

Adrian Kottmann, Geschäftsinhaber BE Netz AG

Doch genau hier liegt die Krux: Denn um das von der Politik viel beschworene Potenzial für Sonnenenergie in der Schweiz voll auszuschöpfen, braucht es grosse Anlagen, die über den Eigenverbrauch hinaus Strom produzieren und diesen über das Netz verteilen. Sachs erklärt: «Diese Fokussierung auf den Eigenverbrauch bremst die Energiewende am meisten. Wir sehen dies in der Praxis an teilbelegten Dächern oder nicht gebauten Anlagen.»

Eine paradoxe Situation

Diese Sichtweise vertritt auch Adrian Kottmann, Geschäftsinhaber der BE Netz AG aus Luzern, einem Bauunternehmen für Solaranlagen. Auch er kritisiert die gegenwärtige Fokussierung auf den Eigenverbrauch: «Aus wirtschaftlicher Sicht versucht man möglichst wenig vom eigenen Solarstrom ins Netz einzuspeisen und möglichst viel selber zu brauchen. Das ist doch verrückt: Zur Förderung von Solarenergie müsste man möglichst viel produzieren und einspeisen.» So ist auch für Kottmann klar, dass Energieversorger wie die CKW mit einer attraktiven Tarifpolitik den Ausbau der Solarenergie weiter fördern könnten.

«Es ist nicht unsere Aufgabe, Solarstrom zu fördern.»

Simon Schärer, Mediensprecher CKW

Anders sieht das die CKW. Dort schiebt man die Verantwortung an den Bund ab. So sagt Mediensprecher Simon Schärer auf Anfrage: «Der Bund ist für die Förderung der Solarenergie zuständig. Wir haben eine Abnahmepflicht für Solarstrom. Aber es ist nicht unsere Aufgabe, diesen zu fördern.»

Diese Argumentation lässt Solar-Unternehmer Kottmann nicht durchgehen. «Die Energieversorger verstecken sich vielfach hinter Politik, Gesetz und Konsumenten und sagen, ihnen seien die Hände gebunden. Aber als Energieversorger hätten sie einen grösseren Handlungsspielraum, um Solarenergie zu fördern.»

Nachfrage nach Solaranlagen besteht

Simon Schärer wiederum verweist darauf, dass die CKW in den eigenen Anlagen bereits genügend Strom produziert, um ihre Kundinnen zu versorgen. Deshalb setzt das Unternehmen den Solarstrom von Dritten auf dem normalen Strommarkt ab – und will entsprechend nicht mehr als den aktuellen Marktpreis an die Privaten zurückvergüten.

Dies sei eine wirtschaftliche Logik, erklärt Schärer: «Ab einer gewissen Grösse ist es auch ein unternehmerischer Entscheid, eine Anlage zu bauen. Dieser ist mit Chancen und Risiken verbunden. Aus unserer Sicht ist es der falsche Ansatz, dass die CKW diese Risiken übernehmen soll.»

Zuletzt relativiert der CKW-Sprecher die angeblich fehlende Wirtschaftlichkeit grösserer Solaranlagen: «Es besteht eine riesige Nachfrage nach Solaranlagen. Die Zuwachsraten pro Jahr sind gross. Das ist doch ein deutliches Zeichen, dass sich der Bau einer Solaranlage lohnt.»

Stadt Luzern sucht Gespräch mit Energieversorgern

Unternehmer Adrian Kottmann bestätigt, dass sein Geschäft genügend Aufträge habe. Doch er kritisiert: «Die Tarifpolitik bremst die Energiewende.» Dem pflichtet Walter Sachs von der SSES bei. Für ihn ist klar, dass die Tarife nicht deutlich höher sein müssen – aber konstant: «Es braucht nicht mehr viel – ausser: der Zusicherung, dass diese Tarife für 20 Jahre stabil bleiben. Dann würde der Zubau von alleine im grossen Stil losgehen.»

Die Stadt Luzern hat in ihrer kürzlich veröffentlichten Klimastrategie ebenfalls auf das Problem der schwankenden Tarife für Solarstrom hingewiesen. So betont die Stadt, dass ein langfristig garantierter Rückliefertarif die Wirtschaftlichkeit und Investitionssicherheit von Solarenergie erhöhen würde. Sie will darum das Gespräch mit der CKW und der EWL suchen, um attraktive Rückliefertarife zu schaffen und so den Ausbau der Solarenergie in der Stadt zu fördern.

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